Prüfungsarbeit B
Stelle biblische Grundlagen der Rede vom (Heiligen) Geist dar.
Arbeite die Grundgedanken in M 1 heraus.
„Lebendige Kirche ist dort, nur dort, aber überall dort, wo Menschen sich dem Wirken des Heiligen Geistes öffnen, sich vom Geiste Jesu Christi treiben und bestimmen lassen.“ (Z. 78 ff.)
Entfalte ausgehend vom Zitat Möglichkeiten für den ökumenischen Dialog.
„Kirche ist nur Sakrament des wirkenden Geistes Gottes, sie ist noch nicht das verwirklichte Reich Gottes selbst.“ (Z. 57 f.)
Setze dich mit diesem Gedanken unter Bezugnahme auf aktuelle Entwicklungen in der Kirche auseinander.
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Theodor Schneider: Kirche als Sakrament des Geistes
Aus: Theodor Schneider: Kritische Treue. Ostfildern 20122 S. 202-204.
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Biblische Grundlagen der Rede vom (Heiligen) Geist
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Die Rede vom (Heiligen) Geist hat im biblischen Zeugnis mehrere grundlegende Wurzeln, die von der Schöpfung bis zur Entstehung der Kirche reichen. Bereits im Schöpfungsbericht wird der Geist als Schöpferkraft beschrieben. In Genesis 1,1f erscheint der Geist Gottes als schöpferische Macht, die über den Wassern schwebt und damit am Anfang aller Wirklichkeit präsent ist. Der Geist ist hier nicht bloß eine „Begleiterscheinung“, sondern Ausdruck der lebensstiftenden Gegenwart Gottes, durch die Ordnung und Leben überhaupt erst möglich werden. Auch Genesis 2,7 vertieft diese Perspektive: Gott formt den Menschen aus Erde und haucht ihm den Lebensatem ein. Damit wird deutlich, dass Leben im biblischen Verständnis nicht nur biologisch erklärbar ist, sondern als von Gott geschenktes und durch seinen Geist getragenes Leben verstanden wird.
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Eine weitere zentrale Grundlage ist die Taufe Jesu (Mk 1,9–11 par). In dieser Szene wird der Geist sichtbar als Kraft, die Jesus für seine Sendung ausstattet: Der Geist kommt auf ihn herab, und zugleich wird Jesus als Sohn bestätigt. Damit wird der Geist in enger Verbindung mit der Identität und dem Auftrag Jesu dargestellt. Die Taufe Jesu macht also deutlich, dass das Wirken Gottes im Geist nicht abstrakt bleibt, sondern im Leben und Handeln Jesu konkret Gestalt annimmt.
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Im Johannesevangelium wird diese Geist-Theologie weiter ausgeführt, insbesondere in der Rede von der Sendung des Parakleten (Joh 14,25–31). Der Heilige Geist wird dort als Beistand und Lehrer beschrieben, der den Jüngern nach Jesu Weggang zugesagt ist. Er erinnert an das, was Jesus gesagt hat, und erschließt dessen Sinn für die Gegenwart. Dadurch wird der Geist als fortdauernde göttliche Nähe verstanden, die nicht an die leibliche Anwesenheit Jesu gebunden ist.
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Eng damit verbunden ist die Rede vom Geist als Geist der Wahrheit (Joh 16,12–15). Hier wird betont, dass der Geist die Jünger in die Wahrheit führen wird. Der Geist erschließt also nicht nur Vergangenes, sondern eröffnet einen Erkenntnisprozess: Die Wahrheit Gottes wird als etwas verstanden, in das Menschen hineinwachsen müssen. Zugleich wird deutlich gemacht, dass der Geist nicht „für sich“ spricht, sondern Jesus Christus verherrlicht und dessen Botschaft vertieft. Damit ist der Geist im Johannesevangelium wesentlich christologisch ausgerichtet.
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Als weitere Grundlage erscheint die Neuschöpfung im Geist (Joh 20,19–23). Der auferstandene Jesus tritt in die Mitte der Jünger, spricht ihnen Frieden zu und haucht sie an mit den Worten, sie sollten den Heiligen Geist empfangen. Diese Szene erinnert bewusst an Genesis 2,7 (Atem, Lebenshauch) und deutet das Osterereignis als Neuschöpfung: Der Geist schafft neue Gemeinschaft, neue Sendung und neues Leben aus der Erfahrung von Angst und Verschlossenheit heraus. Zugleich wird der Geist hier mit dem Auftrag zur Vergebung und Versöhnung verbunden, was seine Wirkung im konkreten Handeln der Jünger sichtbar macht.
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Von herausragender Bedeutung ist außerdem das Pfingstereignis als Gründungsakt der Kirche (Apg 2,1–12). Der Geist kommt in machtvollen Zeichen (Brausen, Feuerzungen), erfüllt die Jünger und befähigt sie zur Verkündigung. Dass Menschen aus unterschiedlichen Nationen die Botschaft verstehen, zeigt den Geist als Kraft der Verständigung und Überwindung von Sprach- und Kulturgrenzen. Pfingsten markiert damit nicht nur ein inneres religiöses Erlebnis, sondern den Beginn einer öffentlich wirksamen Kirche, die aus dem Geist heraus missionarisch handelt.
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Schließlich wird die Rede vom Heiligen Geist in der paulinischen Tradition durch die Spannung von Charisma und Amt (1 Kor 12,1–11) konkretisiert. Paulus beschreibt, dass es verschiedene Geistesgaben gibt, die allen zugutekommen sollen. Der Geist wirkt dabei nicht einförmig, sondern in Vielfalt: Weisheit, Erkenntnis, Heilungen, prophetische Rede und weitere Charismen werden als Ausdruck desselben Geistes verstanden. Dadurch wird deutlich, dass Kirche nicht nur durch äußere Strukturen lebt, sondern wesentlich durch das geistgewirkte Charisma ihrer Glieder. Gleichzeitig wird die Frage von Ordnung und Dienst sichtbar: Charismen sind nicht Privatbesitz, sondern auf Aufbau und Einheit der Gemeinde hin orientiert.
Aufgabe 2
Grundgedanken in M1 herausarbeiten
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In M1 wird die Kirche in einer grundlegenden Spannung beschrieben, die bereits das Zweite Vatikanische Konzil formuliert hat: Die Kirche ist nach Lumen gentium zugleich „heilig und stets der Reinigung bedürftig“ (Z. 11 f.). Das bedeutet, dass die Kirche nicht als Gemeinschaft perfekter Menschen verstanden werden darf. Ihre Heiligkeit ist nicht primär moralische Makellosigkeit, sondern gründet in Gottes Zuwendung und Berufung. Zugleich bleibt sie als menschliche Gemeinschaft schuldhaft und erneuerungsbedürftig.
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Damit verbunden ist der Gedanke, dass die Kirche die Aufgabe hat, „die Heiligkeit Gottes zu vermitteln“ (Z. 15 ff.). Kirche ist demnach nicht Selbstzweck, sondern Dienst: Sie soll Gottes Wirklichkeit in der Welt sichtbar und erfahrbar machen. Diese Aufgabe ist jedoch angesichts menschlicher Begrenztheit nicht selbstverständlich, weshalb der Text betont, dass der Heilige Geist der Bürge dafür ist, dass diese Vermittlung trotz Schuldhaftigkeit gelingen kann (Z. 18 ff.). Der Geist steht also für die Verlässlichkeit göttlichen Handelns, das menschliches Versagen nicht einfach zum Endpunkt werden lässt.
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Ein weiterer Grundgedanke lautet, dass die Kirche analog zum Mysterium der Inkarnation Gottes zu sehen ist (Z. 22 ff.). Wie Gott in Jesus Christus wirklich Mensch geworden ist, ohne aufzuhören Gott zu sein, so wird auch die Kirche als eine Wirklichkeit verstanden, in der Göttliches und Menschliches in einem besonderen Verhältnis zusammenkommen. Diese Analogie schützt vor zwei Einseitigkeiten: vor einer rein idealisierenden Sicht (als wäre Kirche nur göttlich) ebenso wie vor einer rein soziologischen Reduktion (als wäre Kirche nur menschlich).
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Dazu passt die Aussage, dass der Heilige Geist sich des „gesellschaftlichen Gefüges der menschlichen Gemeinschaft Kirche“ bedient (Z. 24 ff.). Der Geist wirkt nicht losgelöst von Menschen, Strukturen und Geschichte, sondern gerade durch sie hindurch. Kirche ist damit keine bloß „geistige Idee“, sondern eine konkrete Gemeinschaft mit sozialen Formen, in denen der Geist wirksam wird.
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Wichtig ist außerdem die Klarstellung, dass die Kirche nicht direkt vom irdischen Jesus ableitbar ist (Z. 28 ff.). Der Text wendet sich damit gegen ein Verständnis, das Kirche einfach als unmittelbare Fortsetzung des historischen Wirkens Jesu ansieht. Stattdessen wird betont, dass Kirche in ihrer Gestalt wesentlich aus dem Gesamtgeschehen Jesu hervorgeht, das über das rein historische Wirken hinausgeht.
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Entsprechend nennt M1 als Fundamente der Kirche nicht nur Jesus als Person, sondern Inkarnation, Karfreitag, Ostern und Pfingsten (Z. 30 f.). Kirche ist demnach ohne Kreuz und Auferstehung nicht zu verstehen, und sie wird durch Pfingsten – also durch das Kommen des Geistes – überhaupt erst in ihrer missionarischen und gemeinschaftsbildenden Dynamik begründet.
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Daraus folgt die zentrale Bestimmung, die Kirche sei ein „Mysterium eigener Struktur“ und habe wesentlich „mit der heilsgeschichtlichen (eschatologischen) Wirksamkeit des Heiligen Geistes“ zu tun (Z. 31 ff.). Kirche ist also keine vollständig aus menschlicher Planung erklärbare Organisation, sondern ein Zeichen und Werkzeug in einem größeren heilsgeschichtlichen Zusammenhang. Besonders wichtig ist hier der eschatologische Horizont: Kirche lebt auf eine Vollendung hin, die sie selbst nicht herstellen kann.
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Im Text wird der Heilige Geist zudem als Verbindung der Kirche zu Jesus Christus beschrieben – und in Christus wiederum als Verbindung zum Vater (Z. 40 ff.). Der Geist ist damit nicht nur eine „Kraft“, sondern die Weise, wie die Beziehung zu Christus und die Einbindung in Gottes Wirklichkeit in der Kirche lebendig bleibt. Kirche ist also christologisch und trinitarisch verankert: Sie steht in Beziehung zu Christus und durch ihn zum Vater – vermittelt im Geist.
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Auf dieser Grundlage erklärt M1 die Formel von der Kirche als „Sakrament des Geistes“. Das bedeutet ausdrücklich: Kirche ist „nur Sakrament des wirkenden Geistes Gottes“, aber noch nicht das verwirklichte Reich Gottes selbst (Z. 54 ff.). Kirche verweist auf Gottes Reich, ist dessen Zeichen und Werkzeug, aber sie darf nicht mit dem Reich Gottes gleichgesetzt werden. Dadurch wird die Kirche zugleich relativiert und beauftragt: Sie ist wichtig, aber nicht endgültig.
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Daraus ergibt sich der Gedanke, die Kirche sei eine „Zwischengröße“, also ein Wegzeichen auf dem Weg zur Vollendung (Z. 58 ff.). Kirche befindet sich in einem Zwischenzustand: Sie lebt aus der Verheißung, aber sie ist noch nicht am Ziel. Diese Perspektive erklärt, warum Kirche in der Geschichte immer auch unvollkommen bleibt und dennoch nicht bedeutungslos ist.
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Konkrete Gestalt gewinnt das Wirken des Geistes in den Grundvollzügen der Kirche: Martyria, Liturgia und Diakonia (Z. 66 ff.). Die Verkündigung (Martyria), die Feier des Glaubens (Liturgia) und der Dienst am Nächsten (Diakonia) sind nicht nur Tätigkeiten, sondern Ausdruck dafür, dass der Heilige Geist mitten unter den Menschen präsent ist. Gerade in diesen Vollzügen wird Kirche als geistgewirkte Wirklichkeit erfahrbar: im Wort, im Gottesdienst, in tätiger Liebe.
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Schließlich betont M1, dass Kirche missverstanden wird, wenn man sie nur soziologisch betrachtet (Z. 72 f.). Eine rein äußerliche Analyse (Strukturen, Macht, Mitgliedszahlen) kann wichtige Aspekte beschreiben, trifft aber nicht den Kern ihres Selbstverständnisses. Denn das Spezifikum der Kirche ist nicht in erster Linie Menschenwerk, sondern das Wirken des Heiligen Geistes durch sie und in ihnen (Z. 75 ff.). Kirche ist daher dort lebendig, wo Menschen sich diesem Wirken öffnen und sich vom Geist Jesu Christi bestimmen lassen.
Aufgabe 3
Möglichkeiten für den ökumenischen Dialog ausgehend vom Zitat (Z. 78 ff.)
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Das Zitat betont, dass „lebendige Kirche“ dort ist, wo Menschen sich dem Wirken des Heiligen Geistes öffnen und sich vom Geist Jesu Christi treiben und bestimmen lassen. Von hier aus lassen sich mehrere Möglichkeiten für den ökumenischen Dialog entfalten. Zunächst rückt das Zitat das heilsschaffende und verbindende Wirken des Heiligen Geistes in den Mittelpunkt. Ökumene wird damit nicht zuerst als diplomatische Annäherung von Institutionen verstanden, sondern als geistlicher Prozess, in dem der Geist Einheit stiftet, Glauben erneuert und Versöhnung möglich macht.
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Daraus ergibt sich die besondere Bedeutung der Einheit der Christen als eschatologisches Zeichen für die Welt. Wenn Kirche auf das Reich Gottes hin unterwegs ist, wird gelebte Einheit zu einem Zeichen der Zukunft Gottes. Diese Einheit kann konkret sichtbar werden in gemeinsamer Zeugenschaft, in gemeinsamer Feier des Glaubens und im gemeinsamen Geschwisterdienst in Verantwortung für die Welt. Der ökumenische Dialog gewinnt so einen doppelten Horizont: Er dient nicht nur der innerkirchlichen Verständigung, sondern hat Bedeutung als öffentliches Zeichen christlicher Hoffnung.
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Ein weiterer Ansatz liegt in der praktischen Überwindung der Kirchenspaltung durch Gespräche und ökumenische Projekte. Wenn lebendige Kirche dort ist, wo der Geist wirkt, dann kann Zusammenarbeit in sozialen, diakonischen, bildungsbezogenen oder friedensethischen Projekten als Ort geistgewirkter Einheit verstanden werden – auch dann, wenn theologische Differenzen noch bestehen. Dialog und Kooperation werden so nicht gegeneinander ausgespielt, sondern ergänzen sich: Gespräche schaffen Klärung, gemeinsame Praxis schafft Vertrauen.
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Gleichzeitig müssen im ökumenischen Dialog die klassischen Streitpunkte ernst genommen werden, insbesondere die Ämterfrage und die Sakramententheologie. Das Zitat kann hier helfen, Prioritäten zu ordnen: Nicht jede kirchliche Form ist automatisch Ausdruck des Geistes, aber umgekehrt kann das Wirken des Geistes auch dort erfahrbar sein, wo Strukturen unterschiedlich sind. Damit entsteht Raum, Ämter nicht nur institutionell, sondern auch geistlich-funktional zu verstehen, ohne die jeweiligen Traditionen zu nivellieren.
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Eng damit verbunden ist die Frage nach den geistgewirkten Charismen und ihrem Stellenwert. Wenn der Geist die Kirche belebt, dann sind Charismen – etwa prophetische Rede, Lehre, Dienst, Heilung, geistliche Begleitung – nicht Randphänomene, sondern Ausdruck kirchlichen Lebens. Ökumenisch könnte das bedeuten, stärker voneinander zu lernen: Manche Traditionen betonen Ordnung und Amt, andere die Spontaneität geistlicher Gaben. Das Zitat lädt dazu ein, Charismen als verbindendes Element zu entdecken, ohne die Notwendigkeit von Ordnung zu leugnen.
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Außerdem legt das Zitat eine Offenheit für die Idee einer „pilgernden Kirche“ nahe. Kirche ist nicht bereits fertig, sondern unterwegs. Ökumene ist dann nicht nur Rückkehr zu einem früheren Idealzustand, sondern gemeinsames Unterwegssein in der Geschichte, in dem Christen lernen, sich gemeinsam vom Geist führen zu lassen. Das kann helfen, verhärtete Fronten zu lösen, weil nicht die perfekte institutionelle Lösung im Vordergrund steht, sondern die gemeinsame Ausrichtung auf Christus.
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Schließlich weist das Zitat auf ein „Denken vom Ende her“ hin, also vom Reich Gottes aus. Ökumene würde dann nicht primär von den Verwerfungen, Spaltungen und Verletzungen her argumentieren, sondern von der Verheißung der Einheit in Gott. Das schafft einen Hoffnungshorizont, der nicht naiv über Probleme hinweggeht, aber verhindert, dass Differenzen das letzte Wort behalten. Gerade so kann der ökumenische Dialog als geistlich motivierter Prozess verstanden werden, in dem Einheit wächst, weil Christen sich vom Geist Jesu Christi bestimmen lassen.
Aufgabe 4
Auseinandersetzung mit dem Gedanken unter Bezug auf aktuelle Entwicklungen in der Kirche
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Die Aussage „Kirche ist nur Sakrament des wirkenden Geistes Gottes, sie ist noch nicht das verwirklichte Reich Gottes selbst“ betont eine grundlegende Unterscheidung: Kirche verweist auf Gottes Reich, aber sie ist nicht identisch mit ihm. Diese Perspektive steht in enger Verbindung mit der Reich-Gottes-Botschaft Jesu, die nicht Kirche als Institution, sondern Gottes Herrschaft der Gerechtigkeit, des Friedens und der Versöhnung ins Zentrum stellt. Zugleich prägt die Evangelien ein eschatologischer Grundduktus: Gottes Reich ist schon angebrochen, aber noch nicht vollendet. Kirche lebt genau in dieser Spannung des „Schon jetzt“ und „Noch nicht“.
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In diesem Horizont gewinnt die Osterbotschaft besondere Bedeutung, weil sie im Christentum die Überwindung von Scheitern und Tod bezeugt. Ostern ist nicht bloß Trost, sondern eine Grundperspektive: Auch dort, wo Kirche versagt, kann neues Leben möglich werden. Daraus ergibt sich der Zusammenhang von Ostererfahrung und Missionsauftrag: Die Erfahrung des Auferstandenen führt nicht in Rückzug, sondern in Sendung. Genau hier lässt sich auch die Verbindung zwischen Pfingstereignis und Missionstätigkeit der frühen Christen sehen: Der Geist befähigt zur Verkündigung, zur Verständigung und zur Gründung neuer Gemeinschaften.
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Überträgt man diese Gedanken auf die Gegenwart, lassen sich mehrere aktuelle Entwicklungen unter dem Aspekt der „Kirche als Sakrament des Geistes“ deuten. Die Bestrebungen nach Geschlechtergerechtigkeit können etwa als Ausdruck der Suche nach einer glaubwürdigen Vermittlung von Gottes Heiligkeit verstanden werden: Wenn Kirche Zeichen des Reiches Gottes sein will, muss sie sich an Gerechtigkeit messen lassen und fragen, wo Strukturen Menschen ausschließen oder begrenzen. Dabei bleibt die Kirche zugleich „Zwischengröße“: Sie ringt um richtige Wege und ist noch nicht am Ziel.
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Ähnlich zwingt die Auseinandersetzung mit Missbrauchs- und Gewalterfahrungen die Kirche zu einer schmerzhaften Selbstkritik. Gerade hier zeigt sich, warum die Kirche nicht mit dem Reich Gottes gleichgesetzt werden darf: Sie kann schuldig werden und hat Schuld real aufzuarbeiten. Zugleich kann der Gedanke, Kirche sei Sakrament des wirkenden Geistes, nicht als Ausrede dienen, sondern als Auftrag zur Umkehr: Wenn der Geist Gottes wirkt, muss dies konkret werden in Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit gegenüber Betroffenen und in nachhaltigen Reformen.
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Eng damit verbunden ist das Thema Kirche und Macht. Wenn Kirche nur Wegweiser ist, dann darf sie Macht nicht als Selbstzweck ausüben, sondern muss sie am Dienst ausrichten. Der Sakramentsgedanke kann hier korrigierend wirken: Kirche verfügt nicht über Gottes Reich, sie weist darauf hin. Das relativiert Machtansprüche und fordert eine transparentere, partizipativere und dienende Leitungsform.
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Zugleich wird das Engagement für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung zu einem Prüfstein kirchlicher Glaubwürdigkeit. Wenn Kirche Zeichen des Reiches Gottes ist, dann muss sie in diesen Feldern sichtbar werden – nicht nur in Worten, sondern in diakonischem und gesellschaftlichem Handeln. Der Geist wirkt nach christlichem Verständnis nicht weltfern, sondern mitten in der Geschichte: in Versöhnungsarbeit, Solidarität, Einsatz für Menschenwürde und in Verantwortung für die Schöpfung.
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Auch geistliche Bewegungen können als aktuelle Entwicklung in diesem Licht gesehen werden. Sie zeigen, dass kirchliches Leben nicht nur an Strukturen hängt, sondern dort aufbricht, wo Menschen sich neu vom Geist bestimmen lassen – etwa in neuen Formen des Gebets, der Gemeinschaft oder des missionarischen Engagements. Gleichzeitig muss auch hier gelten: Bewegungen sind nicht automatisch Reich Gottes, sondern können – wie alles Kirchliche – der Prüfung, Reinigung und Ausrichtung auf Christus bedürfen.
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Insgesamt macht die Aussage deutlich, dass Kirche sich selbst weder idealisieren noch abschreiben darf. Sie ist Zeichen, Werkzeug und Weggemeinschaft, aber nicht Vollendung. Daraus folgt eine Haltung der Hoffnung, aber auch der kritischen Demut: Kirche muss sich immer wieder an der Reich-Gottes-Verheißung messen lassen und bereit sein zur Erneuerung.
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Für die Bewertung sind dabei entscheidend, dass die Argumente stichhaltig sind und die Auseinandersetzung schlüssig bleibt. Ebenso wichtig ist eine prägnante und differenzierte eigene Position, die weder pauschal verurteilt noch unkritisch verteidigt. Schließlich muss die Darstellung sprachlich angemessen und klar strukturiert sein, damit die theologischen Bezüge und die aktuellen Beispiele nachvollziehbar miteinander verbunden werden.