Aufgabe 1
Die Revolution von 1848/49 und ihre Folgen
Deutschland will Eins sein, ein Reich, regiert vom Willen des Volkes, unter der Mitwirkung aller seiner Gliederungen [...]. Wenn über Manches Zweifel besteht und Ansichten auseinandergehen, über die Forderung der Einheit ist kein Zweifel, es ist die Forderung der ganzen Nation. Die Einheit will sie, die Einheit wird sie haben, sie befestigen; sie allein wird schützen vor allen Schwierigkeiten, die von außen kommen mögen, die im Innern drohen.
Heinrich von Gagern (1799 - 1880), Burschenschaftler und Präsident der Nationalversammlung, 19. Mai 1848
Erörtere, ausgehend vom Zitat, inwieweit Verlauf und Ergebnisse der Ereignisse der
Jahre 1848/49 dazu geeignet waren, die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in
Deutschland dauerhaft zu verändern.
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Material 1 Adresse einer Volksversammlung an Herzog Joseph von Sachsen-Altenburg, März 1848
John, Jürgen (Hrsg.): Quellen zur Geschichte Thüringens: von der Reformation bis 1918. Erfurt 1997, S. 167 f.
Material 2 „Mittel zur Einigung in der Paulskirche", Darstellung aus den humoristisch-satirischen Fliegenden Blättern, 1848

Text: Vor Beginn der Verhandlung wird unter den Sitzen der äußersten Rechten ein tüchtiges Feuer angemacht, welches eine Stunde brennen muß. – Die Herren der äußersten Linken hingegen werden eben so lange mit Eiswasser begossen, bis sie so viel von ihrer Hitze verlieren, daß sie mit den nun warm gewordenen Herrn der äußersten Rechten auf einem Grad von Wärme stehen.
Fliegende Blätter, 169 (1848), S. 8.
https://digi.ub.uni-heidelberg.de (28.03.2023)
Material За Aus einem Brief Friedrich Wilhelms IV. an den Abgeordneten der Nationalversammlung Joseph von Radowitz, 23. Dezember 1848
Material 3b Ansprache des Präsidenten der Nationalversammlung und Leiters der Kaiserdeputation, Eduard Simson, beim Empfang durch den König in Berlin, 3. April 1849
Зa und 3b: Wolfgang Lautemann/Manfred Schlenke (Hrsg.), Geschichte in Quellen. Das bürgerliche Zeitalter 1815 - 1914, München 1980, S. 221 f.
Material 4 Rede des ehemaligen Bundespräsidenten Roman Herzog anlässlich des 150. Revolutionsjubiläums in der Paulskirche zu Frankfurt, 8. Mai 1998
https://www.bundespraesident.de (28.03.2023)
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Der Autor betont den Willen Deutschlands nach Einigkeit, nach einer Regierung
gemäß den Vorstellungen des Volkes. Einheit sei trotz manch bestehender
Unklarheiten unzweifelhaft die Forderung der gesamten Nation. Der Autor
äußert sich zuversichtlich, dass diese nationale Einheit geschaffen und erhalten
werde. Sie allein sei es, die vor drohenden Problemen von innen schützen und
mögliche von außen abhalten könne.
Resümee, Verknüpfung mit der Ausgangsproblematik
Im März des Jahres 1848 entluden sich in zahlreichen europäischen Ländern national-liberale und soziale Forderungen gleichermaßen und entfachten revolutionäre Ereignisse, in deren Nachfolge in Deutschland der Versuch unternommen wurde, die politischen Veränderungen im Sinne eines Nationalstaates festzuschreiben und über die Nationalversammlung zu legitimieren. Bei diesem zähen Ringen um den richtigen Kurs des neu zu schaffenden deutschen Staatswesens verhärteten sich die Positionen zunehmend oder man verlor sich in Detailfragen. Das ließ unter anderem die restaurativen Kräfte wieder erstarken. Letztlich blieb von den anfänglichen Erfolgen, die unter anderem in einem relativ unblutigen Verlauf und der Kooperation mit den alten Eliten bestanden, wenig erhalten. Symbolisch für das Scheitern steht die Ablehnung der ihm angetragenen Kaiserkrone durch den preußischen König Friedrich Wilhelm IV. und damit die Beendigung der Hoffnung auf einen erfolgreichen Abschluss der Revolution. Dabei enthielt der Verfassungsentwurf der Nationalversammlung zahlreiche, auch für spätere Verfassungen bedeutende Passagen, die die Modernität der Bestimmungen erkennen lassen. In der Folge ließ sich die Reformblockade der Herrschenden nicht mehr dauerhaft aufrechterhalten. Insofern waren die Hoffnungen von Gagerns noch verfrüht, aber keineswegs unberechtigt.
sachgerechte inhaltliche Schwerpunktsetzung unter Nutzung des Fachwortschatzes und historischer Daten
mögliche inhaltliche Schwerpunkte:
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Ursachen und Auslöser der Revolutionen von 1848
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Märzforderungen
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Verlauf, Akteure und Ergebnisse der Revolution von 1848/49
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Frankfurter Paulskirchenverfassung
-
politische und gesellschaftliche Veränderungsprozesse in Folge der Revolution
Analysiere und bearbeite die Materialien (formal und inhaltlich).
Belegführung, sach- und methodenkompetente Verknüpfung zwischen Materialien und eigenen Gedankengängen
Material 1
historischer Kontext: Märzforderungen
Inhalte:
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Erhebung des deutschen Volkes infolge der Ereignisse in Frankreich
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berechtigte Forderung nach Veränderungen als einheitsbildend nach innen und stärkend nach außen
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Aufzählung der geforderten Rechte: Rede-, Presse- und Vereinigungsrecht, Rechtsstaatlichkeit sowie freie und gleiche Wahlen
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Öffentlichkeit und landständische Beteiligung bei Gesetzesvorschlägen als das entscheidende verfassungsmäßige Prinzip
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Ablösung der Militärverfassung, Forderung nach Bewaffnung des Volkes mit Verweis auf die Geschichte
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Herstellung der deutschen Einheit zur Wiedererlangung von Macht und Größe
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dynamische Erweiterung der Forderung nach einem einheitlichen Vaterland in allen Territorien im Sinne der Freiheit
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Selbstbezeichnung der Unterzeichner als „deutsche Bürger" und Betonung der Heftigkeit der Sehnsucht nach diesen „Reformen"
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gemäß seinen Ansprüchen glorreiche Zukunftsaussichten für Deutschland in Eintracht der Fürsten und des Volkes
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Hinweis auf bereits erfolgte Zugeständnisse anderer Fürsten und Zuversicht im Sinne des Fortschritts und der nationalen Größe
Erörterungsmöglichkeiten:
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Charakter der Märzforderungen
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Selbstverständnis der Revolutionäre und deren Verhältnis zu den Fürsten
Material 2
historischer Kontext: Verhandlungen der Frankfurter Paulskirche 1848
Inhalte:
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Vordergrund: bildhafte Umsetzung der erläuternden Unterschrift; Begießen der „linken", stehenden und in Richtung der Gegenseite aufgebracht gestikulierenden Abgeordneten mit Eiswasser sowie Feuer unter den Sitzreihen der „rechten", zumeist gelassen nach vorn blickenden Abgeordneten
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„Priv.[ilegien] des Adels" sowie „Zehnten" im Feuer
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zentral, aber kleiner und weitgehend ohne die Aufmerksamkeit der übrigen Abgeordneten: ein die Glocke schwingender Versammlungsleiter über dem Redner
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im Hintergrund Zuschauer
Deutung/Erörterungsmöglichkeiten:
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ironische Darstellung der Arbeit des Paulskirchenparlaments
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Lähmung der Verhandlungen in der Paulskirche durch fehlende Kompromissbereitschaft der konservativen und demokratischen Abgeordneten
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Inkompatibilität der politischen Anschauungen als Mitursache für die Dauer und letztlich das Scheitern der Revolution
Material 3a
historischer Kontext: Erarbeitung einer Verfassung durch die Nationalversammlung 1848
Inhalte:
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Ablehnung und Verunglimpfung der Krone als Produkt der treulosen und hochverräterischen Revolution
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Krone des untergegangenen Reiches von 1806 als würdevoll und gottgeweiht und damit annehmbar
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Vergabe der Krone nur durch die Hochadligen des Reiches
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Drohung gegenüber jedem Annahmebereiten dieser Krone
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Anrufung Gottes um Hilfe
Erörterungsmöglichkeiten:
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Argumentationsweise der restaurativen Kräfte
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Rolle Friedrich Wilhelms IV. in der Revolution von 1848/49
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Rolle Preußens bei der Schaffung eines (klein-)deutschen Reiches
Material 3b
historischer Kontext:
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Antragung der deutschen Kaiserkrone an Friedrich Wilhelm IV. von Preußen durch Vertreter der Nationalversammlung 1849
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Endphase der Revolution
Inhalte:
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Übertragung der erblichen Kaiserwürde auf den preußischen König gemäß dem Beschluss der im Auftrag der Deutschen und seiner Fürsten agierenden verfassungsgebenden Nationalversammlung
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Einladung an den König zur Annahme der Kaiserwürde auf Grundlage der Verfassung
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Betonung der Zuversicht der Delegation bezüglich der Annahme der Krone
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erwartete Annahme der Krone als einheits-, freiheits- sowie machtstiftend und -erhaltend
Erörterungsmöglichkeiten:
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Ergebnisse der Revolution
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Diskrepanz zwischen den Forderungen und Erwartungen der Revolutionäre sowie der realpolitischen Ereignisse
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Verhältnis zwischen Konterrevolution und nationalliberaler Bewegung
Material 4
historischer Kontext: 150. Jubiläum der Revolution, 1998
Inhalte:
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1848 trotz Rückschlägen wesentliches Ereignis der deutschen Demokratiegeschichte und der Entwicklung hin zu einem modernen und demokratischen Europa
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Ruf nach Freiheitsrechten und Mitbestimmung als gesamteuropäisches Phänomen
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Veränderungsprozesse in Europa infolge dieser partizipativen Forderungen
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Revolution als Vorbedingung für das Paulskirchenparlament
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zukunftsweisender Charakter der Revolution trotz ihres Scheiterns
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lohnende Rückschau auf das Jahr 1848 aufgrund der traditionsbildenden Formulierung bis heute gültiger staatlicher Prinzipien wie dem Bekenntnis zu Menschenrechten, Demokratie und der Freiheit des Volkes
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fortschrittlicher Charakter der Paulskirchenverfassung und Verwendung von Passagen daraus für das Grundgesetz, etwa beim Grundrechtekatalog
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allgemeines Wahlrecht als Infragestellung absolutistischen Denkens
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Verfassungsentwurf trotz damaliger Modernität nach heutigen Maßstäben nicht ausschließlich vorbildhaft, insbesondere hinsichtlich der Befugnisse des Parlaments gegenüber dem Kaiser
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fehlendes parlamentarisches Prinzip
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trotz bereits bestehender Missstände geringe Relevanz von sozialen Erwägungen innerhalb der Verfassung
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ausdrückliche Würdigung der Bedeutung der Verfassung bis heute
Erörterungsmöglichkeiten:
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Charakter der Reichsverfassung
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Bedeutung der Revolution für die (Verfassungs-)Geschichte Deutschlands