Aufgabe 2
Chancen auf eine demokratische Zukunft der Weimarer Republik
Allerdings war das Schicksal der Weimarer Republik trotz ihrer unbestreitbaren Traditionsprobleme und Funktionsschwächen keineswegs vorherbestimmt. Vielmehr fehlte es ihr an Zeit, den Deutschen eine längerfristige Schule der Demokratie zu sein und damit ihre eigenen Traditionen auszubilden. [...] Auch mangelte es ihr nicht an demokratischen Potenzialen sowie wegweisenden gesellschaftlichen und kulturellen Perspektiven.
Andreas Wirsching, deutscher Historiker, 2020
Stelle ausgehend vom Zitat Möglichkeiten und Grenzen einer demokratischen Entwicklung der Weimarer Republik dar.
(Zur Bearbeitung der Aufgabe sind alle Materialien einzubeziehen.)
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Material 1 Aus der Rede des Abgeordneten Friedrich Naumann (DDP), 6. Sitzung der Weimarer Nationalversammlung am 13. Februar 1919
Bayrische Staatsbibliothek, MDZ, Verhandlungen des Reichstages. Reichstagsprotokolle, Bd. 326. 1919/20.
Berlin 1920. 6. Sitzung der Nationalversammlung, 13. Februar 1919, S. 55 - 57.
Material 2 Karikatur zu den Reichspräsidentenwahlen, 1925

Bildüberschrift:
Abwandlung der Bibelanweisung für das Gemeindeleben, Paulus im ersten Brief an die Thessalonicher: „Prüft
alles und behaltet das Gute!"
Bildunterschrift:
Nun Michel mach kein Federlesen
Und wähle Dir den besten Besen
Und kehr mit ihm Dein deutsches Haus
In Ehr' und Frieden sauber aus.
Anmerkung: Beschriftung der Besen: Tälman(n) – Ernst Thälmann (KPD-Vorsitzender), Marx – Wilhelm Marx (Zentrum, 1923 - 24 Reichskanzler, 1925 gemeinsamer Kandidat zur Reichspräsidentenwahl von SPD, DDP, Zentrum, 1926 - 28 Reichskanzler); Hindenburg –Paul von Hindenburg (Generalfeldmarschall und Chef der OHL im Ersten Weltkrieg, Politiker) 1925 zum zweiten Reichspräsidenten der Weimarer Republik gewählt
https://www.nzz.ch (09.08.2022)
Material За Die Schriftstellerin und Publizistin Margarete Buber-Neumann (1901 - 1989) blickt in ihrer Autobiografie auf ihre Erfahrungen in der Jugendbewegung „Altwandervogel" zurück, 1957
Buber-Neumann, Margarete: Von Potsdam nach Moskau. Stationen eines Irrweges, Frankfurt a. M./Berlin 1957,
ธ. 24- 27.
Material 3b Erinnerung eines Arbeiters an die Zeit der Weimarer Republik
Winkler, Heinrich August und Cammann, Alexander (Hrsg.): Weimar. Ein Lesebuch zur deutschen Geschichte
1918 - 1933, München 1997, S. 146 f.
Material 4 Die Weimarer Republik - Demokratie ohne Demokraten. Aus einem Artikel der Zeitung „Die Welt", 2008
https://www.welt.de (09.08.2022)
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Der Historiker behauptet, dass das Schicksal der Weimarer Republik trotz
bestehender gesellschaftspolitischer Herausforderungen nicht vorherbestimmt
gewesen wäre. Er vertritt die These, dass es der Weimarer Republik an Zeit
gefehlt hätte, um den Deutschen eine langfristige Schule der Demokratie zu
sein. In diesem Zusammenhang verweist er auf das demokratische Potenzial
und die wegweisenden gesellschaftlichen und kulturellen Perspektiven jener
Epoche.
Resümee, Verknüpfung mit Ausgangsproblematik
Die Weimarer Republik wurde in der Geschichtswissenschaft häufig aus der Perspektive ihres Scheiterns untersucht und beurteilt, wobei ihre positiven und zukunftsweisenden Entwicklungen keine hinreichende Würdigung erfuhren. Das Jahr 1919 wurde nicht nur zur Geburtsstunde der ersten demokratischen Verfassung Deutschlands. Mit diesem politischen Richtungswechsel war auch ein Umdenken in Teilen der Bevölkerung verbunden. Ausdruck dessen waren gesellschaftliche Entwicklungen der 1920er-Jahre, in denen sich beispielsweise auch die tradierten Rollenbilder von Männern und Frauen wandelten. Weitere zukunftsweisende Entwicklungen zeichneten sich auch hinsichtlich des Ausbaus des deutschen Sozialstaates ab.
Als problematisch erwies sich hingegen neben dem obrigkeitsstaatlichen Denken weiter Kreise der Bevölkerung die Weimarer Reichsverfassung selbst, die keine dauerhafte Funktionalität des demokratischen Systems sicherstellte. Diese Unzulänglichkeiten machten sich konservative und extremistische Kräfte zunutze, um die Weimarer Republik gezielt zu schwächen. Letztendlich führte ein Ursachengeflecht zu deren Scheitern. Der Aussage Wirschings ist zuzustimmen.
sachgerechte inhaltliche Schwerpunktsetzung unter Nutzung des Fachwortschatzes und historischer Daten
mögliche inhaltliche Schwerpunkte:
-
Entstehung der Weimarer Republik
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Weimarer Reichsverfassung
-
politische Parteien
-
Herausforderungen in den Anfangsjahren der Republik
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politische und wirtschaftliche Stabilisierung
-
„Goldene Zwanziger“
-
Ursachen des Scheiterns der Weimarer Republik
Analysieren und Bearbeiten der Materialien (formal und inhaltlich). Belegführung, sach- und methodenkompetente Verknüpfung zwischen Materialien und eigenen Gedankengängen
Material 1
historischer Kontext:
-
Weimarer Nationalversammlung 1919
Inhalte:
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Vollendung der bürgerlichen Umgestaltung Deutschlands durch Aufhebung politischer Privilegien und Beendigung der Klassengesellschaft
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Schaffung einer nationalen Einheit durch gemeinsame, parteiübergreifende Formung eines neuen Staates
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Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit der Parteien aufgrund ihrer unterschiedlichen historischen Prägung
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Aufruf zur Tolerierung politischer Vielfalt im Sinne der Etablierung einer Republik
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keine Infragestellung der eigenen nationalen Identität
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deutsche Geschichte als Geschichte der Fürsten und Völker
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Etablierung einer funktionierenden deutschen Republik, nicht nur als Ideenwerk wie 1848
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Formung eines republikanischen deutschen Volkes als Aufgabe der Abgeordneten
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künftige Beurteilung der Nationalversammlung resultierend aus Vollendung eines deutschen Volksstaates
Erörterungsmöglichkeiten:
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Weimarer Koalition; republikanischer Konsens
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unterschiedliche politische Vorstellungen und damit verbundene Herausforderungen bei der Gestaltung der Weimarer Republik
Material 2
historischer Kontext:
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Reichspräsidentenwahlen 1925
Inhalte:
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Titel: Variante eines Bibelspruchs mit Aufforderung zur Auswahl des Besten
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Darstellung des deutschen Michels neben drei Besen, an denen jeweils ein Schild mit den Namen Thälmann, Marx und Hindenburg hängt
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Michel mit hochgekrempeltem Ärmel
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Besen von Thälmann und Marx in abgenutztem, von Hindenburg in neuem Zustand
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Untertitel: Appell an den deutschen Michel, einen der drei Besen auszuwählen und damit sein „deutsches Haus“ ehr- und friedvoll auszukehren
Deutung/Erörterungsmöglichkeiten:
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Darstellung Hindenburgs als „neuer Besen“ gemäß der Redensart „Neue Besen kehren gut.“
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Durchsetzung des konservativen Hindenburg in der Reichspräsidentenwahl 1925 als Spiegel der veränderten politischen Gesinnung der Mehrheit der deutschen Bevölkerung
Material 3a
historischer Kontext:
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autobiografische Jugenderinnerungen an die 1920er-Jahre, 1957
Inhalte:
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Protest gegen Diktat der bürgerlichen Gesellschaft als Hauptanliegen der Wandervogelbewegung
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Kritik der Verfasserin an nationalem Wunderglauben der Bewegung
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Vereinheitlichung des Individuums im Sinne einer Rückbesinnung auf die Natürlichkeit der menschlichen Erscheinung
Erörterungsmöglichkeiten:
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Jugendbewegungen und deren Denkansätze in der Weimarer Republik als Gegenpol zur bürgerlichen Gesellschaft
Material 3b
historischer Kontext:
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„Goldene Zwanziger“
Inhalte:
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Theaterzentren, Galerien, feine Restaurants als Schauplätze der „Goldenen Zwanziger“ und Ort der Wohlhabenden
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Befriedigung des Kulturbedarfs der breiten Masse der Bevölkerung durch Radio, Unterhaltungsfilm, Trivialliteratur, Revuen und Tanzlokale
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Wahrnehmung kultureller Angebote zur Flucht aus dem Alltag
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Beurteilung des kulturellen Lebens der 1920er-Jahre als Ausdruck bürgerlicher Verlogenheit
Erörterungsmöglichkeiten:
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Sicht eines Arbeiters auf kulturelles Leben der „Goldenen Zwanziger“
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Situation der Arbeiter in den 1920er-Jahren
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soziale Unterschiede in der Weimarer Republik
Material 4
historischer Kontext:
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publizistischer Rückblick auf die Weimarer Republik, 2008
Inhalte:
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Phase der politischen Stabilisierung, des wirtschaftlichen Aufschwungs und der kulturellen Blüte durch Währungsreform und Lösungsversuche der Reparationsfrage
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zu geringes Engagement für die demokratische Staatsform als grundlegendes Problem der Weimarer Republik
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Weimarer Republik als Demokratie ohne Demokraten
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Scheitern des Versuchs der Demokratisierung des monarchischen Verwaltungs- und Rechtssystems
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Vorbehalte des Bürgertums gegenüber der Weimarer Republik
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antisemitische Hetze als alltägliches Phänomen
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Reichspräsident Hindenburg als Identifikationsfigur konservativer Kräfte
Erörterungsmöglichkeiten:
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Dekonstruktion der Rolle des Reichspräsidenten für die Entwicklung der Weimarer Republik
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Möglichkeiten und Grenzen einer demokratischen Entwicklung der Weimarer Republik