Aufgabe I: Körper – Raum – Bewegung
Hinweis: In der Prüfung erhältst du zwei Aufgaben, von denen du dir eine aussuchen und bearbeiten darfst.
I. Gegenstand der Aufgabe
Rebecca Horn (1944–2024)
Inferno, 1993 (2018 in Mannheim aufgebaut)
Abb. 1–3
11 Metallbetten, 4 Geigen, Motoren, Befestigungsstein; Höhe: 13 m
Kunsthalle Mannheim
(„Inferno“ [ital.]: Hölle oder auch allgemeiner: Feuersturm)
Erklärung:
Die 4 Geigen sind ausgestattet mit motorisierten Bögen, die in unregelmäßigen Abständen Töne erzeugen und nach kurzer Zeit wieder pausieren.
Gianlorenzo Bernini (1598–1680)
Pluto entführt Proserpina, 1621/22
Abb. 4–8
Marmor, Höhe 225 cm Galleria Borghese, Rom
Mythologischer Hintergrund:
Proserpina, die Tochter der Fruchtbarkeitsgöttin, wird von Pluto, dem Gott der Unterwelt, in sein von dem Hund Zerberus bewachtes Reich entführt.
II. Arbeitsauftrag
Vergleiche die beiden Werke unter besonderer Berücksichtigung von Körper, Raum und Bewegung.
III. Bewertung
Die Aufgabe stellt eine Gesamtheit dar und wird mit maximal 15 NP bewertet.
IV. Hinweise zur Bearbeitung der Aufgabe
-
Formuliere deine Ausführungen in einem zusammenhängenden Text.
-
Achte auf Gliederung und sprachlich angemessene Form.
-
Belege deine Aussagen anhand der Abbildungen.
-
Für die Beurteilung ist die Reinschrift maßgeblich.
Abb. 1: Rebecca Horn:Inferno, 2018
Abb. 2: Rebecca Horn: Inferno, 2018 (Detail)
Abb. 3: Rebecca Horn: Inferno, 2018 (Detail)
Abb. 4: Gianlorenzo Bernini: Pluto entführt Proserpina, 1621/22
Abb. 5, 6, 7: Gianlorenzo Bernini: Pluto entführt Proserpina, 1621/22 (verschiedene Ansichten)
Abb. 8: Gianlorenzo Bernini: Pluto entführt Proserpina, 1621/22 (Detail)
Abbildungsnachweise
Abb. 1–3, 5–8: Eigene Fotos (IBBW)
Abb. 4: Meisterwerke der Kunst. Sondermappe Körper–Raum–Bewegung. Gianlorenzo Bernini. Oskar Schlemmer. Rebecca Horn.
Villingen: Neckar-Verlag, 2023, Farbtafel 2
Weiter lernen mit SchulLV-PLUS!
monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Grundideen zum Vergleich der beiden Werke
|
Werk |
Inferno (Rebecca Horn) |
Pluto und Proserpina (Gianlorenzo Bernini) |
|
Körper |
|
|
|
Raum |
|
|
|
Bewegung |
|
|
Analyse und Vergleich: Rebecca Horns „Inferno“ und Gianlorenzo Berninis „Pluto und Proserpina“
Konzeptionelle Einführung
Die vorliegende Aufgabe widmet sich einer vergleichenden Betrachtung zweier Kunstwerke von Rebecca Horn und Gianlorenzo Bernini. Während Horns „Inferno“ eine spezifische Iteration ihres wiederkehrenden Themas der gestapelten Betten darstellt, markiert „Pluto entführt Proserpina“ einen entscheidenden Punkt im frühen Schaffen Berninis. Beide Arbeiten üben eine starke Anziehungskraft auf das Publikum aus – sei es durch die rätselhafte und zugleich bedrohliche Aura des Bettturms oder durch das mit barocker Leidenschaft gestaltete Ringen der nackten Körper.
Trotz der offensichtlichen formalen Divergenz offenbaren sich bei tiefergehender Analyse markante Gemeinsamkeiten: Zentrales Vergleichselement ist die Spiralbewegung. Diese verknüpft in beiden Werken die Idee einer vertikalen Durchdringung des Raumes mit dem Motiv eines gefährdeten Gleichgewichts. Auf inhaltlicher Ebene dient zudem das Element der existentiellen Bedrohung als verbindendes Glied.
Formale Beschreibung und räumliche Präsenz
In der Kunsthalle Mannheim begegnet man elf metallenen Bettgestellen, die von der Decke herab hängen. Diese sind zu einer 13 Meter langen Kette verbunden, die sich in einer markanten Helix windet. Ergänzt wird die Installation durch vier Geigen: Zwei davon sind direkt in den Metallwirbel integriert, während zwei weitere an der gegenüberliegenden Wand platziert wurden.
Im starken Kontrast zu dieser unkörperlichen Anordnung stehen in der römischen Galleria Borghese zwei fast lebensgroße, massiv ausgearbeitete Gestalten unter der Bewachung des dreiköpfigen Zerberus. Hier wird das Motiv des entflammten Pluto greifbar, der die schöne Proserpina gewaltsam in das Totenreich verschleppt.
Struktur und Körperlichkeit bei Horn
Betrachtet man Horns Werk unter den Gesichtspunkten von Raum und Dynamik, fällt auf, dass nahezu alle Betten ihre herkömmliche horizontale Ausrichtung verloren haben; lediglich das oberste Gestell bildet hier eine Ausnahme. Die spiralförmige Schichtung besteht aus ineinander verkeilten und verdrehten Elementen, von denen einige sogar kopfüber hängen. Die gesamte monumentale Struktur, die weit in den Raum ausgreift, stützt sich paradoxerweise auf einen einzigen Kontaktpunkt: Ein Fuß des untersten Bettes berührt einen Stein auf dem Boden.
Die räumliche Ausdehnung der Kette beschreibt eine komplexe Kurve: Auf Augenhöhe schwingt sie nach rechts, führt in fünf Metern Höhe nach links und deutet unter der Decke einen erneuten, weiteren Rechtsbogen an, was an eine trichterähnliche Form erinnert. Da das Ende der Kette stark aus der zentralen Achse ausschert und über die Grundfläche ragt, entsteht die Illusion einer instabilen Masse, die jeden Moment umzukippen droht.
Obwohl Horn auf eine direkte figürliche Darstellung verzichtet, bleibt der menschliche Körper präsent. Die Spirale fungiert als abstrakte körperliche Form, und die gebrauchten Betten lassen die Betrachtenden unweigerlich an deren menschliche Nutzer denken. Horn transformiert die Möbelstücke jedoch: Kopf- und Fußteile wirken wie schwebende Gitter, während die Beine als diagonale Achsen in einem grafischen Geflecht erscheinen. Vor dem sterilen Weiß der Wände und im Gegenlicht wirkt die Installation fast wie eine feine Zeichnung im Raum. Die Fragilität steht in Kontrast mit dem schweren Metall der Bettgestelle.
Die Rolle der Akustik und Mechanik
Ein wesentlicher Unterschied zur Alltagswelt liegt in der Verwendung der Geigen. Mechanisierte Bögen erzeugen in regelmäßigen Abständen eine geisterhafte Polyphonie. Hier ersetzt die Apparatur den menschlichen Musiker. Diese Form der technisierten Verfremdung ist ein intellektueller Prozess, der im krassen Gegensatz zur unmittelbaren, sinnlichen Physis von Berninis Skulpturengruppe steht. Der Einbezug der Akustik dient als weitere Wahrnehmungsebene der Installation.
Dynamik und Illusion bei Bernini
Bernini erzeugt Bewegung durch eine extreme Dynamisierung. Diese zeigt sich einerseits in Plutos kraftvollem Vorwärtsschreiten und andererseits in der spiraligen Verzahnung der beiden Körper. Indem Plutos Ferse über die Kante des Sockels ragt, beansprucht die Figur den realen Raum der Betrachtenden für sich.
Die Komposition ist meisterhaft choreografiert: Proserpina ruht auf Plutos Hüfte, wodurch sein Oberkörper und Kopf in eine Krümmung gezwungen werden. Ihre Arme – einer angewinkelt, einer hochgestreckt – sowie ihre angewinkelten Beine verstärken den Eindruck einer Schraubbewegung in die Höhe. Plutos fester Griff bildet dazu einen kompositorischen Gegenpol. Diese Anordnung zwingt das Publikum dazu, die Gruppe zu umschreiten. Dabei öffnen sich die drei Köpfe des Zerberus kaskadenartig in verschiedene Richtungen. In dieser Allansichtigkeit wird die lebensnahe Gestaltung spürbar: Bernini lässt den harten Stein wie lebendiges Fleisch erscheinen. Dies belegen Details wie die tiefen Bohrungen in Plutos Bart, die glänzend polierten Muskelpartien oder der Moment, in dem sich Plutos Finger tief in den Schenkel Proserpinas graben.
Vergleichende Interpretation und Deutungsebenen
Während bei Bernini die Richtung (die Entführung Proserpinas in die Unterwelt) klar ist, lässt Horns „Inferno“ verschiedene Lesarten und Interpretationsansätze zu.
-
Bewegungsrichtung: Stürzen die Betten von einer Klippe herab oder werden sie durch eine gewaltige Energie emporgeschleudert? Man könnte die Installation sogar als filmische Sequenz interpretieren, die ein einzelnes Bett in elf Phasen des Fallens zeigt.
-
Materialität: Beide Kunstschaffenden fordern die Beschaffenheit ihres Materials heraus. Harter Marmor und schweres Metall werden in Zustände von Leichtigkeit und Vitalität überführt. Die Dynamik wird zum großen Spektakel.
-
Die Rolle des Steins: Der Stein am Boden bei Horn könnte eine ironische Anspielung auf den barocken Sockel sein, fungiert aber gleichzeitig als Anker oder Drehpunkt für die artistische Aufschichtung.
-
Verhältnis zum Betrachter: Horn hebt die Barriere zwischen Werk und Publikum auf; man kann sich frei unter und um die Installation bewegen und wird Teil des Albtraums. Berninis Figuren bleiben durch den Sockel distanziert und einer anderen Sphäre zugehörig.
-
Narrativ: Beide Werke spielen direkt bzw. indirekt auf Motive der Mythologie insbesondere der Hölle und der Unterwelt an. Während „Inferno“ auch als Ort eines unheilvollen, entsetzlichen Geschehens verstanden werden kann, von dem mehrere Menschen gleichzeitig und unmittelbar betroffen sind, bezieht „Pluto entführt Proserpina“ seine Dramatik aus dem Prozess der Verschleppung und der bevorstehenden Gefangenschaft. Die leeren, kahlen Bettgestelle erinnern an ein Lazarett, und wecken Assoziationen an Leid und Einsamkeit. Gemeinsam mit den scheinbar zufälligen Geigentönen können sie auf diese Weise als eine Art der Hölle verstanden werden. Die Kühle, Struktur und Härte steht im Kontrast zu der komplexen, vielschichtigen Hölle, wie sie von Bernini verstanden wird.