Aufgabe II: Abbild und Idee
Hinweis: In der Prüfung erhältst du zwei Aufgaben, von denen du dir eine aussuchen und bearbeiten darfst.
I. Gegenstand der Aufgabe
Paul Cézanne (1839–1906)
Straße mit Bäumen im Felsgebirge, 1870–1871
Abb. 1
Öl auf Leinwand, 54 x 65,2 cm
Städel Museum, Frankfurt am Main
Paul Cézanne (1839–1906)
Straßenbiegung, 1900–1906
Abb. 2
Öl auf Leinwand, 82,1 x 66 cm
National Gallery of Art, Washington D.C.
II. Arbeitsauftrag
Vergleiche die beiden Werke und zeige auf, wie sich Cézannes Auffassung von Malerei entwickelt.
III. Bewertung
Die Aufgabe stellt eine Gesamtheit dar und wird mit maximal 15 NP bewertet.
IV. Hinweise zur Bearbeitung der Aufgabe
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Formuliere deine Ausführungen in einem zusammenhängenden Text.
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Achte auf Gliederung und sprachlich angemessene Form.
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Belege deine Aussagen anhand der Abbildungen.
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Für die Beurteilung ist die Reinschrift maßgeblich.
Abb. 1: Paul Cézanne, Straße mit Bäumen im Felsgebirge, 1870–1871
Abb. 2: Paul Cézanne, Straßenbiegung, 1900–1906
Abbildungsnachweis
Abb. 1: Adriani, Götz: Cezanne Gemälde, Köln: DuMont Buchverlag, 1993, S. 65
Abb. 2: Zugriff am 01.01.2026
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Betrachtet werden zwei aus unterschiedlichen Lebens- und Schaffensphasen stammende Landschaftsgemälde Paul Cézannes
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Beide Werke zeigen ein ähnliches Motiv (eine von Felsen und Bäumen gesäumte Straßenbiegung)
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Das aus der Anfangszeit stammende Ölbild ist trotz ausdruckstarker Gestik noch eindeutig in der Gegenständlichkeit verhaftet, während im deutlich später entstandenen Gemälde Cézannes das künstlerische Bestreben, seine Wahrnehmung der Wirklichkeit in ein bildliches Äquivalent zu übersetzen, klar zum Ausdruck kommt.
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Die sich verändernde Darstellung von Licht und Schatten, Wirklichkeit und Wahrnehmung, Gegenständlichkeit und Abstraktion, sowie Farbe und Sättigung sind dabei zentrale Aspekte in der sich wandelnden Auffassung Cézannes von Malerei.
Veränderung der Auffassung Cézannes von Malerei im Laufe der Zeit
Einleitung
In Cézannes beiden Landschaftsbildern „Straße mit Bäumen im Felsgebirge“ (1870–1871) und „Straßenbiegung“ (1900–1906) lässt sich exemplarisch nachzeichnen, wie sich seine Auffassung von Malerei von einer noch stark gegenstandsgebundenen, „schweren“ Naturdarstellung hin zu einer zunehmend autonomen Bildkonstruktion aus Farbe und Pinselzug entwickelt. Beide Werke nehmen ein unspektakuläres Motiv zum Ausgangspunkt, doch die Art, wie Cézanne daraus Bildraum, Form und Stimmung erzeugt, verschiebt sich grundlegend: Im frühen Bild dominiert die stoffliche Präsenz von Fels, Boden und Vegetation, im späten Bild wird das Motiv erst aus der Textur der Farbflecken heraus lesbar und die Malerei selbst wird zum eigentlichen Thema.
„Straße mit Bäumen im Felsgebirge“
Das frühe Gemälde „Straße mit Bäumen im Felsgebirge“ ist in einem Querformat angelegt und wirkt wie ein enger, beinahe „abgeschnittener“ Blick in ein felsiges Gelände. Der von Bäumen gesäumte Weg nimmt unten fast die gesamte Breite ein, verjüngt sich nach hinten und verschwindet in einer Rechtskurve etwa auf halber Höhe hinter Vegetation und Felsen. Links scheint das Gelände steil abzufallen, rechts begrenzt eine Böschung den Weg; eine markant überhängende Gesteinsformation ragt von rechts in das Bild hinein und drängt die nahen Bäume zur Seite. Entscheidend für die Wirkung ist der dunkle Hintergrund, der bis in den Felsbereich reicht und nur oben von einem kleinen Stück dunklen Himmels durchbrochen wird – er blockiert den Blick in die Ferne und lässt trotz der Wegführung kaum „Atemraum“ für einen Horizont entstehen. Dadurch entsteht zwar eine perspektivische Anlage, aber nur begrenzt Raumtiefe: Der Bildausschnitt bleibt eng, die Fernsicht ist weitgehend versperrt.
Auch malerisch ist das Werk noch deutlich gegenstandsorientiert. Das Licht fällt dramatisch von links zwischen die Bäume und erzeugt einen starken Hell-Dunkel-Kontrast mit harten, eher horizontal wirkenden Schlagschatten auf dem helleren Boden. Die Farbigkeit ist zurückgenommen und von dunklen Grau-, Braun- und Grüntönen geprägt; Schwarz wird als tiefer Dunkelwert eingesetzt. Gestein, Pflanzenwelt und Boden erscheinen überwiegend in Gegenstandsfarben mit differenziert gemischten Nuancen. Cézanne arbeitet pastos, der Pinselstrich ist klar sichtbar und wirkt gestisch; zugleich folgt der Duktus meist der Logik des Dargestellten und vermittelt Stofflichkeit – etwa im Nebeneinander von hellem Gelbgrün und fast schwarzem Dunkelgrün in der Vegetation oder in den reliefartig aufgebauten Felsen. Formen entstehen vor allem durch die Abgrenzung von Farbbereichen, teils betont durch Konturlinien: Farbe bleibt also klar an die Dinge gebunden. Räumlichkeit ergibt sich durch Staffelung und Überdeckung (Bäume/Felsen) sowie Höhenunterschiede, aber ohne ausgeprägte Farbräumlichkeit. Insgesamt wirkt die Szene dicht, schwer und zugleich dynamisch, weil der Aufbau eher intuitiv aus der Beobachtung entwickelt ist und Schrägen/Diagonalen die Komposition beleben.
„Straßenbiegung“
Demgegenüber markiert die „Straßenbiegung“ aus der späten Phase einen deutlich anderen Zugriff: Das Bild ist von Farbe dominiert, Schwarz fehlt, und das Motiv erschließt sich erst allmählich aus einer flimmernden Textur aus bunten Farbflecken. Erkennbar ist eine gestaffelte Landschaft: eine leicht abschüssige Straße, die nach links biegt und in ein Tal führt; dahinter erhebt sich eine „wandartige“ Fläche aus Blau- und Grüntönen (als Busch- und Baumzone deutbar), die sich nach oben über einen Streifen ockergelber Felder zu einem in Hellblau, Türkis und Rosa modulierten Himmel öffnet. Links begrenzen Hang, Grünflächen, orangerote Felsen und vielleicht ein Dach die Straße; rechts führt der Blick über einen Graben zu einem etwas höheren Baum, dessen Blattwerk Mittelgrund und Himmel verbindet. Anders als im frühen Bild scheint die Szene nicht durch dramatische Lichtführung bestimmt, sondern aus sich selbst heraus zu leuchten – unterstützt durch Stellen, an denen die helle Leinwand durchblitzt. Weil Schatten nur schwach ausgeprägt sind, lässt sich keine eindeutige Tages- oder Jahreszeit festlegen: Der Eindruck ist weniger „Momentlicht“ als eine malerisch verdichtete, zeitenthobene Erscheinung.
Der entscheidende Entwicklungsschritt zeigt sich in der Behandlung von Farbe und Form. Die Palette ist deutlich farbiger und aufgehellt, geprägt von Kalt-Warm-Kontrasten und Komplementärwirkungen sowie vielfältig modulierten Pastelltönen. Cézanne setzt die Farbe in kurzen, locker gesetzten Pinselstrichen („Taches“), die in verschiedene Richtungen weisen und Formen nur noch teilweise definieren. Gegenständlichkeit entsteht nun vor allem aus dem Nebeneinander und Zusammenwirken der Farbfelder; Konturen treten zurück und werden höchstens punktuell durch dunklere Linien unterstützt. Damit verschiebt sich die Logik des Bildes: Nicht mehr der Gegenstand bestimmt die Farbe, sondern Farbe organisiert den Gegenstand. Zugleich wirkt das späte Bild in mancher Hinsicht räumlicher: Von einer Anhöhe fällt der Blick, geführt von den Fluchtlinien der Straße, ins Tal und zur gegenüberliegenden Anhöhe, Horizont und Himmel sind erkennbar, die Sicht in die Ferne ist möglich. Vorder-, Mittel- und Hintergrund sind als überlagerte Ebenen angelegt; die Raumwirkung der Farbe unterstützt dies, auch wenn eine konsequente Farbperspektive durch die generelle „Unschärfe“ und Gleichbehandlung der Zonen relativiert wird. Die Komposition erscheint trotz der vibrierenden Pinseltextur insgesamt ausgleichender: Farbverteilung und dominante Richtungen (etwa die Horizontlinie) wirken stärker auf Harmonie und klassische Ausgewogenheit hin organisiert.
Zusammenfassung
In der Zusammenschau wird so Cézannes Entwicklung sichtbar, die für die Moderne zentral ist: Im frühen Bild ist die Malerei noch stärker an Stofflichkeit, Dunkelwerten und gegenständlicher Formbildung orientiert; die Natur wird zwar nicht akademisch glatt, aber als „schwere“ Realität malerisch übertragen. Das späte Bild dagegen steht für Cézannes reife Idee, Natur nicht zu reproduzieren, sondern den Seheindruck in farbige Äquivalente zu übersetzen – eine Bildordnung, die „parallel zur Natur“ eine eigene Harmonie bildet. Dass beide Werke en plein air in der Provence entstehen können und dennoch so verschieden wirken, unterstreicht den Kern seiner Entwicklung: Der Weg führt von der motivgeleiteten Darstellung zu einer Malerei, in der Bildfläche, Farbe und Pinselzug als autonome Mittel die Wirklichkeit nicht nachbilden, sondern neu hervorbringen – und damit den Übergang zur modernen, bildautonomen Auffassung von Malerei vorbereiten.