A1 – Drosophila melanogaster
Die Kombination aus kurzer Lebensdauer, einfacher Zucht, gut erforschter Genetik und der Möglichkeit, biologische Prozesse auf verschiedenen Ebenen zu untersuchen, macht die Taufliege Drosophila melanogaster zu einem idealen Modellorganismus für die Forschung.
Fertige eine beschriftete Skizze eines nicht myelinisierten Neurons an.
Ordne die untersuchten Tiere begründet nach steigender Leitungsgeschwindigkeit ihrer Neuronen (Material 1).
Stelle eine Hypothese auf, die die kurze Reaktionszeit der Taufliege erklärt (Material 1).
Vergleiche anhand von vier Aspekten das Aktionspotential des Wildtyps von Drosophila melanogaster mit dem Aktionspotential einer typischen menschlichen Nervenzelle (Material 2).
Erkläre den veränderten Verlauf der Repolarisation der Shaker-Mutante im Vergleich zum Wildtyp unter Berücksichtigung der Ionentheorie (Material 2).
Gib für Männchen sowie für Weibchen je ein Pro- und Contra-Argument zur angegebenen These an (Material 3).
Weiter lernen mit SchulLV Plus!
monatlich kündbarSchulLV Plus-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Material 1: Weltrekordhalter Drosophila melanogaster
Die etwa zwei Millimeter große Schwarzbäuchige Taufliege (Drosophila melanogaster) hält einen Weltrekord im Tierreich. Sie zeigt die bislang kürzeste gemessene Reaktionszeit von fünf Millisekunden, um auf einen Reiz angemessen zu reagieren. Aber auch andere Organismen wie Goldfische haben mit etwa zehn Millisekunden eine sehr kurze Reaktionszeit. Der Mensch ist mit einer minimalen Reaktionszeit von 130 Millisekunden vergleichsweise langsam. In Tabelle 1 sind Informationen zum Aufbau der Neuronen bzw. zur Körpergröße der Organismen einander gegenübergestellt.
|
Axondurchmesser |
Myelinscheiden |
Körpergröße |
|
|---|---|---|---|
|
Mensch |
|
ja |
|
|
Goldfisch |
|
ja |
|
|
Taufliege |
|
nein |
|
Tab. 1: ausgewählte Informationen zu Axonaufbau und Körpergröße verschiedener Tiere
Material 2: Ionenströme bei Drosophila melanogaster
Für ein besseres Verständnis der Bildung der Aktionspotentiale waren Studien an Drosophila melanogaster und deren Mutanten von fundamentaler Bedeutung. Bei den sogenannten Shaker-Mutanten liegen Veränderungen an den spannungsabhängigen Kalium-Ionenkanälen vor, die zu einer verminderten Funktionsfähigkeit dieser Kanäle führen. Das folgende Diagramm zeigt Ergebnisse von Membranpotentialmessungen bei Wildtyp und Mutante (Abb. 1).

Abbildung 1: Verlauf der Aktionspotentiale beim Wildtyp und einer Shaker-Mutante von Drosophila melanogaster
Material 3: Paarungsverhalten bei Drosophila melanogaster
Bei Drosophila melanogaster paaren sich sowohl Weibchen als auch Männchen mehrmals mit verschiedenen Partnern. Dabei wurde beobachtet, dass die Männchen mit weiter fortgeschrittenem Balzverhalten immer weniger auf Bedrohungen aus der Umwelt reagieren. Nach der Paarung sind die Weibchen in der Lage, Spermien von mehreren Partnern zu speichern, um ihre Eizellen zu besamen. Dies sorgt für eine hohe Quote an befruchteten Eiern. Ein Weibchen legt bis zu 150 Eier pro Tag. Brutpflege findet nach der Eiablage nicht statt.
In einer weiteren Studie wurde untersucht, welchen Einfluss die Paarungshäufigkeit der Weibchen auf ihre Sterblichkeit hat. Hierzu wurden die Weibchen in drei Gruppen mit jeweils 60 Individuen eingeteilt:
-
Gruppe A: Die Weibchen wurden alle sechs Tage für einen Tag mit jeweils drei neuen Männchen zusammengesetzt.
-
Gruppe B: Die Weibchen wurden alle drei Tage für einen Tag mit jeweils drei neuen Männchen zusammengesetzt.
-
Gruppe C: Die Weibchen waren durchgängig mit je drei Männchen zusammen, die einmal am Tag gegen neue Männchen ausgetauscht wurden.
In Abbildung 2 ist die Überlebensrate für die verschiedenen Versuchsgruppen dargestellt.

Abbildung 2: Überlebensrate der unterschiedlichen Weibchengruppen A, B, C
Ausgehend von den Ergebnissen dieser Studie wurde folgende These aufgestellt:
„Sowohl Weibchen als auch Männchen sollten sich mit möglichst vielen Partnern paaren, um ihre direkte Fitness zu erhöhen.“
Weiter lernen mit SchulLV Plus!
monatlich kündbarSchulLV Plus-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Skizze

Begründet Ordnen
Das Neuron der Taufliege weist im Vergleich zu Mensch und Goldfisch die geringste Leitungsgeschwindigkeit auf. Da es unmyelinisiert ist, erfolgt die Erregungsleitung kontinuierlich, was prinzipbedingt wesentlich langsamer und weniger effizient ist als bei myelinisierten Fasern. Zudem besitzt das Taufliegenneuron einen sehr kleinen Axondurchmesser; dieser geringe Querschnitt erhöht den elektrischen Innenwiderstand und bremst den Ladungsfluss zusätzlich aus.
Das menschliche Neuron liegt bezüglich der Leitungsgeschwindigkeit an zweiter Stelle. Dank der isolierenden Myelinscheiden findet eine saltatorische Erregungsweiterleitung statt, welche die kontinuierliche Weiterleitung der Taufliege an Tempo und Effizienz deutlich übertrifft. Gegenüber dem Goldfisch ist die Geschwindigkeit jedoch geringer, da das menschliche Axon einen kleineren Durchmesser aufweist.
Die höchste Leitungsgeschwindigkeit erreicht das Neuron des Goldfischs. Hier verbindet sich die schnelle, saltatorische Erregungsweiterleitung entlang myelinisierter Abschnitte mit dem größten Axondurchmesser der drei Organismen, was den Innenwiderstand minimiert.
Hypothese:
Die kurze Reaktionszeit der Taufliege lässt sich auf ihre winzigen Körpermaße zurückführen. Die anatomischen Übertragungswege zwischen Sinnesorganen (Rezeptoren), zentralem Nervensystem und Effektor (Erfolgsorgan) sind extrem kurz. Diese minimalen Distanzen kompensieren die physiologisch langsame Reizleitung (bedingt durch fehlende Myelinscheiden und das dünne Axon) vollständig.
-
Gemeinsamkeit:
-
Bei beiden Organismen (Mensch und Taufliege) durchläuft das Neuron im Verlauf des Aktionspotenzials eine Depolarisation.
-
Weitere Antwortmöglichkeit: Sowohl bei der Taufliege als auch beim Menschen kommt es zu einer Potenzialumkehr.
-
-
Unterschiede:
-
Gegenüber dem Ruhepotenzial einer typischen menschlichen Nervenzelle (
) weist das Aktionspotenzial der Taufliege in Abb. 1 ein weniger negatives / höheres Ruhepotenzial (
) auf.
-
Während auf die Repolarisation beim Menschen eine Hyperpolarisation folgt, ist diese beim Aktionspotenzial der Taufliege in Abb. 1 nicht vorhanden.
-
Im Anschluss an die Hyperpolarisation stellt sich beim Menschen wieder das ursprüngliche Ruhepotenzial ein, wohingegen bei der Taufliege nach der Repolarisation eine weitere, kurze und schwache Depolarisation zu beobachten ist.
-
Weitere Antwortmöglichkeit (Unterschiede): Der Spitzenwert der Depolarisation beträgt beim menschlichen Aktionspotenzial ca.
beim Aktionspotenzial der Taufliege hingegen rund
-
Erklären
Am Anfang der Repolarisationsphase weisen sowohl der Wildtyp als auch die Shaker-Mutante im Intrazellulärraum (an der Membraninnenseite) eine hohe Konzentration an Natrium- sowie an Kalium-Ionen auf.
Beim Wildtyp erfolgt im Anschluss an die Depolarisation eine rasche Repolarisation, da sich spannungsgesteuerte Kalium-Ionenkanäle öffnen und Kalium-Ionen getrieben durch das Konzentrationsgefälle aus dem Axoninneren nach außen strömen.
Bei der Shaker-Mutante verläuft die Repolarisation hingegen deutlich verzögert, da die spannungsabhängigen Kalium-Ionenkanäle funktionell eingeschränkt sind und der Kaliumausstrom entlang des Konzentrationsgradienten dadurch stark verlangsamt abläuft.
These: „Sowohl Weibchen als auch Männchen sollten sich mit möglichst vielen Partnern paaren, um ihre direkte Fitness zu erhöhen.“
Weibchen:
-
Pro-Argument: Eine wachsende Anzahl an Geschlechtspartnern steigert die Befruchtungschance der Eizellen, wodurch insgesamt mehr befruchtete Eier abgelegt werden können. Zudem nimmt mit zusätzlichen Partnern die genetische Vielfalt des Nachwuchses zu, was die direkte Fitness erhöht.
-
Contra-Argument: Gemäß dem Diagramm (Abb. 2) sinkt die Überlebensrate der Weibchen mit steigender Partnerzahl kontinuierlich. Ein vorzeitiger Tod verkürzt das Zeitfenster für die Eiablage, was die direkte Fitness letztlich mindert.
Männchen:
-
Pro-Argument: Je mehr verschiedene Weibchen ein Männchen begattet, desto höher fällt die Gesamtzahl seiner Nachkommen aus und desto größer ist deren genetische Variabilität. Auf diese Weise wird die direkte Fitness des Männchens gesteigert.
-
Contra-Argument: Balz und Kopulation erfordern beträchtliche energetische Investitionen, wodurch der Energieaufwand mit jedem weiteren Weibchen wächst. Zudem sinkt während des Balzverhaltens die Aufmerksamkeit gegenüber Fressfeinden und Gefahren, was zu tödlichen Angriffen führen kann; das Ausbleiben künftiger Fortpflanzungsgelegenheiten hat eine verringerte direkte Fitness zur Folge.