Aufgabe II
Fasse die Grundgedanken von Material 1 in vier Thesen zusammen!
Das Diakonische Werk, eine kirchliche Bildungs- und Sozialeinrichtung, bereitet eine Wanderausstellung für Schulen zum Thema „Ich – unverbesserlich? Unsere Identität(en) im Netz“ vor. Dein Leistungsfachkurs wird gebeten, die Begleittexte für den Ausstellungskatalog zu verfassen, der an Mittel- und Oberstufenschülerinnen und -schüler gerichtet ist.
Beschreibe und interpretiere für dieses Projekt die Aufnahmenserie (Material 2) unter Berücksichtigung von Informationen aus den Materialien 1 und 3!
„Wo ein Gott ist, weiß sich der Mensch in einem Anderen gegründet als sich selbst.“ (Material 1, Z. 3)
Stelle die religionskritische Position von Ludwig Feuerbach und einen weiteren den Atheismus begründenden Ansatz dar. Nimm aus der Sicht eines dieser beiden religionskritischen Ansätze Stellung zu dem Zitat!
„Wahrheit, auch die religiöse Deutung, ist und bleibt vorläufig, tastend, fehlerhaft.“ (Material 1 Z. 5 f.)
Entfalte ausgehend vom Zitat philosophische Ansätze und theologische Denkfiguren zur Wahrnehmung von Wirklichkeit!
„[D]ass Marginalisierte oder an den Rand Gedrängte Gerechtigkeit fordern, Aufmerksamkeit für ihre Sache, gehört zu einer pluralen Gesellschaft, in der das Vielfältige längst noch nicht gleich behandelt wird.“ (Material 1, Z. 34-36)
Erläutere drei theologische Modelle zur Begründung von Sozialethik!
Arbeite am Beispiel des Zitats sowie des im Unterricht behandelten Längsschnittthemas heraus, welchen Beitrag Kirche zu Meinungsbildungsprozessen in der gegenwärtigen Gesellschaft leisten kann!
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Material 1: Identität ist kein feststehendes Etwas
Die evangelische Theologin Petra Bahr beschäftigt sich aus christlicher Perspektive mit den Herausforderungen der Identitätsfindung für den spätmodernen Menschen.
Quelle: Petra Bahr, Sondierung statt Polarisierung, in: Philosophie Magazin. Sonderausgabe. 20 Impulse für 2022, Berlin 2022, Seite 32-37
Material 2: Drei Portraits
Portrait einer Abiturientin: eine unbearbeitete Aufnahme unter natürlichem Licht (links), ein mit den Standardeinstellungen eines Smartphones aufgenommenes Selfie (Mitte), ein mit einem speziellen optimierenden Filter aufgenommenes Selfie (rechts).
Quelle: privat
Material 3: Forscherinnen warnen vor neuen „Selfie-Krankheiten“
Die ständige Suche nach dem idealen Selfie und Filter, die den Körper noch perfekter machen, beunruhigen Forscherinnen. Vor allem junge Menschen, die diesen Körperbildern im realen Leben nacheifern, entwickeln neue Krankheiten – wie die durch soziale Medien hervorgerufene „Dysmorphie“.
Quelle: Lukas Wieselberg, Forscherinnen warnen vor neuen „Selfie-Krankheiten“, science.ORF.at vom 03.08.2018, für Prüfungszwecke bearbeitet
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Ein Gottesbezug bewahrt Menschen vor der Hybris, zu glauben, die Wahrheit über die Welt erkennen zu können.
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Identität ist nichts Feststehendes, sondern fluktuiert je nach Kontext, Milieu, positiven und negativen biographischen Erfahrungen, wie die Autorin am eigenen Beispiel zeigt.
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Identität verändert sich stets in der lebendigen Kommunikation und Begegnung mit anderen Menschen und ihren Lebensentwürfen.
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Im Gegensatz zum Postulat von Authentizität birgt die Erfahrung von Gemeinschaft mit anderen Menschen das Potenzial in sich, mit der Brüchigkeit und Fluidität menschlicher Existenz umgehen zu können.
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Die Fotoserie Material 2 zeigt die Aufnahme einer jungen Frau in drei verschiedenen Stadien digitaler, am gängigen Schönheitsideal orientierten Optimierung. Links ist die junge Frau in natürlicher Beleuchtung dargestellt, in der Mitte in einer durch die künstliche Intelligenz eines Smartphones veränderten Aufnahme und schließlich rechts als durch einen stärker eingreifenden Filter optimiertes Selfie. Die Veränderungen lassen sich zum Beispiel an der zunehmend als glatt dargestellten Haut, an den idealisierten Lippen und an den vergrößerten Augen erkennen.
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Ausgehend von der Fotoserie lässt sich das Phänomen der Selbstoptimierung und -darstellung im digitalen Raum beschreiben. Dabei werden kritische Aspekte aus Material 3 aufgenommen, wie etwa die Gefahr der inneren Distanzierung zur eigenen, natürlich vorgegeben Körperlichkeit, mit der Folge, dass chirurgische Eingriffe mit dem Ziel der physischen Annäherung an das digitale Ideal angestrebt und in zunehmender Anzahl auch durchgeführt werden. Die Kultur gefilterter Selfies kann so zu Realitätsverlust und zur Entfremdung von der eigenen Körperlichkeit führen.
Ausgehend von Material 1 und unter Bezug auf Kernaussagen christlicher Anthropologie werden die beschriebenen Phänomene und Implikationen digitaler Selbstinszenierung durch das ästhetische Format des Selfies kritisch reflektiert.
Folgende Aspekte werden genannt:
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Die Problematik der Selfie Dysmorphie korreliert mit dem christlichen Verständnis vom Menschen als gebrochenem Wesen und Sünder. Der Mensch entfremdet sich von sich selbst und von seinen Mitmenschen.
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Der Verlust des Gottesbezugs führt zu einer Verabsolutierung menschlicher Erkenntnis und Optimierungsbemühungen unter Verlust des heilsamen Korrektivs der Selbstbegründung in einem anderen Gegenüber.
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Christliche Existenz und das eigene Verständnis von Schönheit und von der ästhetischen Erscheinung des Selbst verstehen sich als vorläufig und wandelbar. Die eschatologische Hoffnung auf die Vollendung des kommenden Reiches Gottes in der Spannung von „Schon“ und „Noch nicht“ ist auch relevant, wenn es um die Annahme des eigenen Körpers in seiner Unvollkommenheit und Vergänglichkeit geht.
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Der Glaube an die Geschöpflichkeit des Menschen beinhaltet wichtige Impulse auf dem Weg zur Selbstannahme des Menschen gerade auch in seiner körperlichen Begrenztheit und Unvollkommenheit.
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Erfülltes Leben und das Gelingen der Selbstannahme vollziehen sich in der lebendigen Begegnung mit Gott und den Mitmenschen und eben nicht in einsamen Bemühungen der Selbstverbesserung.
Die Interpretation der Selfie-Serie und die genannten theologischen Aspekte werden zusammenfassend und weiterführend auf Tätigkeitsbereiche des Diakonischen Werks bezogen interpretiert, wie etwa die Implikationen für den Umgang mit kranken Menschen oder Menschen mit einem Handicap.
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Feuerbach geht davon aus, dass alle Menschen sich aus einer existenziellen Defiziterfahrung nach Unendlichkeit und Vollkommenheit sehnen und ihre Wünsche und Sehnsüchte auf einen transzendenten, vollkommenen Gott projizieren. Gott ist Projektion der quasi vollkommenen Eigenschaften der Menschheit in ihrer Gesamtheit. Nach Feuerbach schafft der Mensch in Umkehrung des biblischen Textes Gott nach seinem (menschlichen) Bilde. Für Feuerbach existiert Gott nicht und er möchte deshalb auch die Projektion der Menschen, die ihre Sehnsüchte eben auf diesen fernen, transzendenten Gott richten, überwinden. Er fordert dazu auf, im Hier und Jetzt die eigenen Möglichkeiten zu erkennen: Der Mensch soll den Menschen zum Gott werden im Eintreten für Humanität und Mitmenschlichkeit.
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Nietzsche setzt den völligen Bedeutungsverlust Gottes für die Menschen, in seiner Diktion den „Tod Gottes“, voraus. Diese Erkenntnis stürzt den Menschen zunächst in die Krise des Nihilismus, ermöglicht ihm aber in einem zweiten Schritt die absolute Freiheit. Denn der Mensch kann angesichts des Todes Gottes seinem Willen zur Macht in Freiheit und ungehemmt nachgehen. Erschrickt der Mensch jedoch angesichts seiner unbegrenzten Freiheit und seines ungehemmten Willens zur Macht, so projiziert er Gott und delegiert seine eigene Macht und Möglichkeiten an diese Projektion, anstatt sie selbst ungezügelt auszuleben. Religiöse Regeln und Moral halten den Menschen klein und gefangen und verhindern dadurch, dass er seiner eigentlichen Bestimmung im Leben nach dem Willen zur Macht folgt.
Ausgehend von einem dieser beiden Ansätze kann zum Zitat Stellung bezogen werden:
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Während der Mensch für Bahr im Glauben an Gott als realem Gegenüber Halt findet, sieht Feuerbach Gott als reine Projektion an. Dies schwächt den Menschen, weil er seine Energie in religiöser Praxis verschwendet und nicht für den Dienst am Mitmenschen einsetzt.
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Auch Nietzsche sieht in Gott eine Projektion, die dem Menschen das eigene Handeln nach dem Gesetz des Willens zur Macht aus der Hand nimmt und ihn daher schwächt und infantilisiert.
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Weder der Ansatz von Feuerbach noch der von Nietzsche lässt sich dementsprechend mit dem christlichen Ansatz, wie er in dem Zitat von Petra Bahr zur Sprache kommt, harmonisieren.
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Nach Kant lassen sich keine sicheren Aussagen über metaphysische Sachverhalte, wie etwa die Existenz Gottes, treffen, da Gott und die anderen Bereiche der Metaphysik nicht a posteriori aus dem Bereich der Empirie ableitbar sind: Alle Erkenntnis über die Welt hat zwar ihren Ausgangspunkt in der Erfahrung, kann sie aber nicht „an sich“ abbilden, sondern ordnet sie mithilfe von a priori im Verstand angelegten Kategorien (z. B. Kausalität) innerhalb der Begriffe von Raum und Zeit. Die Dinge aus der Außenwelt können also nicht erkannt werden, „wie sie wirklich sind“; hier lässt sich an das Zitat von der vorläufigen und fehlerhaften Erkenntnis aus der Aufgabenstellung anknüpfen.
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Der Konstruktivismus problematisiert die Erkenntnisfrage durch seine radikale Subjektivierung: Die Dinge als Gegenstand der Erkenntnis existieren nicht per se, sondern nur als Konstrukt des individuellen menschlichen Bewusstseins (Konstrukteur). Bei aller Vielfalt der Strömungen geht es im Kern um die Frage, inwieweit es durch die Pluralität der Wahrnehmungsformen zwischen Individuen eine Verständigung über die Außenwelt geben kann: Es kann keine allgemeine Wahrheit geben, weil man die Wirklichkeit nur „vorläufig tastend, fehlerhaft“ konstruieren kann.
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Die Tendenz, die Erkenntnisfrage dekonstruierend, individualisierend und subjektivierend zu interpretieren, prägt auch den Fortgang der aktuellen philosophischen Diskussion. Damit wird die Möglichkeit einer einheitlichen, konsensfähigen, intersubjektiven Erkenntnisgewinnung immer mehr in Frage gestellt. Die allgemeine Wahrheit schrumpft auf „meine Wahrheit“ zusammen.
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Menschliche Erkenntnis der Wahrheit steht aus biblischer Sicht immer unter dem eschatologischen Vorbehalt (1 Kor 13) und ist von daher „vorläufig“: Die Liebe, die in Jesus Christus gründet, bildet die Klammer zwischen dem Jetzt und der Zukunft und ist ewig. Aus christlicher Sicht ist vollkommene Erkenntnis der Wahrheit eine eschatologische Größe, sie wird erst im Zusammenhang mit der Durchsetzung des Reiches Gottes möglich sein.
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Ähnlich kann mit Blick auf die Bruchstückhaftigkeit menschlicher Erkenntnis im Sinne von 1 Kor 13 argumentiert werden, wonach wir die Wirklichkeit „durch einen Spiegel in einem dunklen Bild“ (V.12a) sehen, eben „tastend [und] fehlerhaft“.
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Mit Blick auf die „religiöse Deutung“ hebt dialektische Theologie im Gefolge von Karl Barth die Gotteserkenntnis als Akt einer von Christus einseitig ausgehenden, unverfügbaren Selbstoffenbarung aus dem Bereich der menschlichen Wirklichkeitserkenntnis heraus. Nach diesem Ansatz ist menschliche Erkenntnis religiöser Wahrheit, wie in dem einleitenden Zitat der Aufgabenstellung, immer fragmentarisch, problematisch und ganz auf den Akt göttlicher Selbstoffenbarung angewiesen.
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Nach Luthers Denkmodell der zwei Regimente gibt es zwei Regierweisen Gottes, die weltliche und die geistliche:
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Das weltliche Regiment sorgt mit den Mitteln der Vernunft, des Rechts und der Macht für Ordnung und Frieden angesichts der Realität des Bösen in der Welt (Erhaltung der äußeren Ordnung).
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Im geistlichen Regiment geht es um das Heil des Menschen, vermittelt durch das Evangelium. Hier herrschen Liebe und Gerechtigkeit. In beiden Regierweisen wirkt Gott auf unterschiedliche Weise; sie sind voneinander zu unterscheiden, aber nicht voneinander zu trennen.
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Für alle Christinnen und Christen gilt, dass sie in beiden Regimenten leben und sich auch in beiden engagieren sollten. Gerade auch im weltlichen Bereich ist das Engagement von Christinnen und Christen in Verantwortung vor Gott verlangt, um die gute Ordnung Gottes zu bewahren.
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Barths Konzept der „Königsherrschaft Christi“ ist zu Beginn der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts in einer konkreten historischen Situation entstanden, in der aufgrund einer falsch verstandenen „Zwei-Reiche-Lehre“ zwischen weltlichem und geistlichem Regiment strikt getrennt wurde.
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Barths Ausgangspunkt ist die „Königsherrschaft Christi“: Vom Evangelium her fällt Licht auf die Wirklichkeit. Dies eröffnet zunächst in der Christengemeinde ein Leben in Orientierung aus dem Licht der Offenbarung, das auf die Bürgergemeinde für die Gestaltung der Welt ausstrahlt.
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So versteht er auch den Staat christologisch: Analog zur Herrschaft von Jesus Christus, der die Welt durch sein Werk erlöst hat, besteht auch das Wesen des Staates darin, den Menschen Freiheit, Recht und Frieden zukommen zu lassen. Eine Eigengesetzlichkeit des Staates wird daher nicht akzeptiert. Daraus leitet sich auch eine Infragestellung problematischer Staatsstrukturen ab.
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Wenn im Sinne von Barths relationaler Analogie christliche Prinzipien auch in der Bürgergemeinde zu realisieren sind, so kann dies zu einem politischen und gesellschaftlichen Engagement führen, das Jesu Botschaft und Forderungen ernst nimmt, sich dabei aber stets bewusst ist, dass durch weltgestaltendes Handeln das Reich Gottes von Menschenhand nicht herbeigeführt werden kann.
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In der Öffentlichen Theologie wird die öffentliche Bedeutung christlicher Orientierungen in gegenwärtigen Gesellschaften reflektiert:
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Öffentliche Theologie setzt die Relevanz zentraler Texte der biblischen Tradition (z. B. Doppelgebot der Liebe, Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg) voraus und interpretiert diese in einem globalen gesellschaftlichen Horizont.
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Öffentliche Theologie fragt, ausgehend von gegenwärtigen Gesellschaften, ihrer Multireligiösität und ihren Kommunikationsstrukturen, nach der Relevanz einer christlichen Orientierung.
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Öffentliche Theologie ist auf sozialethische Fragen fokussiert und definiert den Bereich der Öffentlichkeit umfassend, vom Handeln des Staates bis hin zum individuellen Engagement, z. B. in Nachbarschaftshilfen.
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Menschliches Handeln soll sich gemäß des in der 1960er Jahren entstandenen Konziliaren Prozesses vor allem an den Zielen der Förderung der sozialen Gerechtigkeit und Solidarität und des Einsatzes für Frieden und für die Bewahrung der Schöpfung orientieren.
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Die von der Evangelischen Kirche in Deutschland herausgegebenen Denkschriften sind grundlegende Veröffentlichungen zu theologischen, sozialen, bildungsbezogenen und gesellschaftlichen Fragen. In der Denkschrift „Vielfalt und Gemeinsinn“ aus dem Jahr 2021 werden beispielsweise grundlegende Fragen des sozialen, ökologischen und ökonomischen Zusammenlebens und die Rolle der Kirche im aktuellen gesellschaftlichen Diskurs auf der Basis der Tradition des Konziliaren Prozesses reflektiert.
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Kirchliche Vertreterinnen und Vertreter nehmen an der öffentlichen Diskussion über aktuelle ethische und sozialethische Themen im Rahmen von Gremienarbeit, etwa im Deutschen Ethikrat, teil und sind so an der öffentlichen Meinungsbildung beteiligt.
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Kirche leistet im Rahmen diakonischen Handelns durch konkrete Hilfe und Projekte einen wichtigen, von Teilen der Öffentlichkeit als relevant wahrgenommenen, solidarischen Beitrag in der Gesellschaft.