Aufgabe IV
Arbeite aus dem Interview (Material 1) heraus, welche Rolle laut Byung-Chul Han das Konzept der Untätigkeit für die Rettung des Planeten darstellt!
Stelle ausgehend von den Bibelstellen Dan 7,13 f., Mk 1,15 und Röm 6,3-5 Grundzüge biblisch-christlicher Zukunftshoffnung dar und vergleiche diese mit den Zukunftsvorstellungen in Material 1!
Beschreibe das Filmplakat (Material 3) und interpretiere es ausgehend von Material 2!
„Die vita activa sollte die vita contemplativa in sich aufnehmen.“ (Material 1, Z. 49 f.)
Gib Grundgedanken christlicher Ethik wieder und prüfe unter Berücksichtigung des von deinem Kurs zu Beginn des Leistungsfachs gewählten Längsschnittthemas, inwieweit das Zitat mit diesen vereinbar ist!
„Was ist der Mensch?“ (Material 2, Z. 7 f.)
Skizziere Antworten auf diese Frage aus Sicht philosophischer sowie biblischer Anthropologie und setze diese Antworten in Beziehung zu Material 1 und 2!
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Ein Interview mit dem koreanisch-deutschen Philosophen, Kulturwissenschaftler und Autoren Byung-Chul Han anlässlich des Erscheinens seines Buches „Vita Contemplativa oder von der Untätigkeit“ (2022).
Quelle: Interview von Marie-Luise Goldmann mit Byung-Chul Han, „Depression und Burn-out sind Resultate eines Leistungszwanges“, in: Die Welt vom 11.08.2022, für Prüfungszwecke bearbeitet
Material 2: Wie katastrophale Szenarien existenzielle Fragen stellen
Ein Interview mit dem Theologen und Philosophen Ingo Reuter anlässlich des Erscheinens seines Buchessays „Weltuntergänge“ (2020).
Quelle: Ingo Reuter im Gespräch mit Joachim Scholl, Wie katastrophale Szenarien existenzielle Fragen stellen, in: Deutschlandfunk Kultur vom 14.05.2020, für Prüfungszwecke bearbeitet
Material 3: Deep Impact
Der Teenager Leo hat entdeckt, dass ein Komet auf die Erde zurast. Während man versucht, den Kometen durch Nuklearwaffen vom Kurs abzulenken, finden Evakuierungsmaßnahmen für zuvor ausgeloste Bürgerinnen und Bürger und ausgewählte Personen aus Wissenschaft, Verwaltung und Militär statt …
Der Slogan des nebenstehenden Filmplakats lautet auf Deutsch:
„Ozeane steigen. Städte versinken. Hoffnung überlebt.“
Quelle, Image ID: BKG7F9
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Das Konzept der Untätigkeit steht in der (philosophischen) Tradition der „vita contemplativa“ (M 1, Z. 50) und beinhaltet eine Fähigkeit („Vermögen“ M 1, Z. 4) sowie eine Grundhaltung gegenüber der Natur (vgl. M 1, Z. 31-38, insb. 37 f.).
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Diese Fähigkeit haben die Menschen in leistungsorientierten Gesellschaften „verlernt“ (M 1, Z. 4), da das damit scheinbar korrespondierende Konzept der Freizeitgestaltung lediglich darin besteht, Langeweile zu vermeiden (M 1, Z. 10), anstatt sie wertzuschätzen.
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Untätigkeit ist eine „Intensiv- und Glanzform des Lebens“ (M 1, Z. 12 f.), die vom Leistungszwang und dessen negativen Folgen befreit (M 1, Z. 16-19) sowie es ermöglicht, sich gegenüber der Welt zu öffnen (M 1, Z. 19-22) und die sich im Inneren eines Menschen entfaltende „Pracht“ (M 1, Z. 8) zum Ausdruck zu bringen.
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Außerdem ermöglicht sie ein neues, „radikal gewandeltes Verhältnis zur Natur“ (M 1, Z. 37), das über ein ressourcenschonendes Handeln deutlich hinausgeht.
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Denn letztlich unterwerfen alle modernen landwirtschaftlichen Techniken die Natur dem menschlichen Handeln und zerstören so die Kräfte und Gesetze, die in der Natur selbst liegen (M 1, Z. 31-37).
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Mit einer solchen neuen Weltsicht begreift sich der Mensch als „Mitbürger“ (M 1, Z. 38) einer Gesellschaft, die alle Lebewesen wie auch die unbelebte Natur umfasst.
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Damit es zu dieser „Versöhnung zwischen Mensch und Natur“ (M 1, Z. 51) kommt, braucht es zwar auch aktives Handeln, um die Folgen rücksichtsloser Ausbeutung aufzuheben, aber gelingen kann dies nur, wenn zur Aktivität auch eine Haltung der Zurücknahme und Besinnung hinzukommt, die die neue Gesellschaft prägen soll (M 1, Z. 49-52).
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Dies könne nur durch einen „Messias der Untätigkeit“ (M 1, Z. 52) ermöglicht werden.
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In der Schilderung von Daniels Vision (Dan 7,13 f.) ist vom zukünftigen „Reich“ Gottes die Rede, in dem der „Menschen Sohn“ machtvoll regiert, so dass ihm „alle Völker“ der Erde dienen.
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Markus lässt Jesus in seiner ersten Predigt (Mk 1,15) davon sprechen, dass die Zeit schon jetzt „erfüllt“ sei, da das „Reich Gottes“ in greifbare Nähe gerückt ist. Aus diesem Grund solle man sein Verhalten und Leben kritisch überdenken, Problematisches bereuen und auf Gottes gute Nachricht vertrauen.
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Paulus verweist in seinem Brief an die römische Gemeinde (Röm 6,3-5) auf die Auferstehung Jesu Christi, in der Gott den Tod überwunden und so ein „neue[s] Leben“ für alle Getauften ermöglicht hat. So wie alle Getauften in der Taufe (symbolisch) mit Christus gestorben sind, so werden sie wie er von den Toten auferweckt werden und an seiner Herrlichkeit Anteil haben.
Somit sind in diesen drei Bibelstellen wesentliche Aspekte christlicher Zukunftshoffnung enthalten:
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Die grundlegende Spannung zwischen „schon“ und „noch nicht“ zeigt sich hier insofern, als einerseits schon jetzt Aspekte von Gottes zukünftiger Welt skizziert werden: Gottes Reich ist durch die Herrschaft Christi, eine personale Bindung an ihn und durch Ewigkeit charakterisiert sowie nach Paulus durch die Überwindung des Todes (Röm 6,4 f.). Während Paulus dabei alle Getauften im Blick hat, steht in Dan 7,14 Gottes neue Welt „alle[n] Völker[n]“ offen. Andererseits ist das zukünftige Reich Gottes gemäß beiden Bibelstellen noch nicht realisiert, kann sich aber durch den Glauben schon jetzt als Verheißung positiv auswirken (Röm 6,3-5): Die gegenwärtige Welt und alles Handeln in ihr darf als etwas „Vorletztes“ betrachtet werden.
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Gegenüber der eher futurisch ausgerichteten Vorstellung in Dan 7,13 f. und der futurische und präsentische Aspekte umfassenden Sicht in Röm 6,3-5 betont der Beginn des Markusevangeliums, dass das Reich Gottes bereits angebrochen ist und somit den Aspekt des „schon jetzt“.
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Weitere zentrale Gesichtspunkte christlicher Eschatologie, die in den Bibelstellen nur angedeutet werden, sind die Überwindung allen Leidens und aller Ungerechtigkeit (Offb 21 f., Jes 65) und somit die Vorstellung eines umfassenden Schalom Gottes. Dies impliziert aus christlicher Sicht die Vorstellung eines vorherigen (Jüngsten) Gerichts, damit den Opfern der Geschichte Gerechtigkeit widerfahren kann und die Menschen umfassend heil werden können. Zudem könnten weite Aspekte wie eine neue Leiblichkeit („geistiger Leib“, 1 Kor 15) oder die Frage nach einer Neuschöpfung, Umgestaltung bzw. Vollendung der Welt ausgeführt werden.
Im Vergleich mit Material 1 ergeben sich Gemeinsamkeiten und Unterschiede, wie zum Beispiel:
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In der Vision der „kommende[n] Gesellschaft“ (M 1, Z. 37) klingen Aspekt des biblischen Schalom in Jes 65 an, wenn Byung-Chul Han von einer „Republik der Lebendigen“ (ebd., Z. 37 f.) spricht, die nicht nur den Menschen, sondern u. a. „auch Pflanzen [und] Tiere“ (ebd., Z. 38 f.) umfasst bzw. von der Welt als einem „Zustand der Erlösung“ (ebd., Z. 41) spricht. Dabei umfasst Hans Vision explizit auch die unbelebte Natur (vgl. ebd., Z. 39), die in der biblischen Vorstellung keine besondere Beachtung findet, aber auch nicht in Spannung zur Schalom-Vorstellung steht.
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Der Verfasser spricht davon, dass es einen „Messias der Untätigkeit“ (ebd., Z. 52) brauche, damit eine „Versöhnung zwischen Mensch und Natur“ (ebd., Z. 51) möglich wird. Allerdings scheint dabei weniger an eine konkrete messianische Person gedacht zu sein, als vielmehr an eine gesamtgesellschaftliche Grundhaltung, die den „Endzweck einer Politik der Untätigkeit“ (ebd., Z. 51 f.) darstellt. Anders als in den biblischen Vorstellungen, die davon ausgehen, dass letztlich nur Gott vollkommene Versöhnung und Heil schenken kann, geht Han also davon aus, dass Heil durch ein „radikal gewandeltes Verhältnis zur Natur“ (ebd., Z. 46 f.) möglich wird. Gleichwohl liegt dies auch bei ihm in letzter Konsequenz nicht in der Macht des Menschen, sondern in den „sanfte[n] Gesetz[en]“ (ebd. Z. 33), also den „Möglichkeiten und Kräften […] der Natur“ (ebd. Z. 35), die der Mensch durch eine Haltung der Untätigkeit wirken lassen muss. Letzteres schließt allerdings ein personales Gottesverständnis als Ursache aus.
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Das Plakat ist von rötlich-gelben Farben dominiert. Nur in der linken oberen Ecke ist ein schwarzer Sternenhimmel als Kontrast wahrzunehmen. Es stellt eine Fotomontage dar, die aus drei nach rechts schiefgestellten Elementen besteht: einem sich eng umarmenden Menschenpaar im Hintergrund der oberen Hälfte. Darunter und davor sieht man aus der leichten Aufsicht die Folgen eines explosionsartigen Einschlags eines offensichtlich gewaltigen, von oben rechts kommenden Himmelskörpers auf Wasser, was zu einer riesigen kreisförmigen Flutwelle führt. Schließlich ist unten im Vordergrund ebenfalls aus der leichten Aufsicht eine Millionenmetropole mit Hochhäusern zu erkennen, die von dieser Flutwelle sowie Explosion unmittelbar betroffen sein wird. Durch die Farbgestaltung und gelbe Strahlen sind diese drei Elemente miteinander verbunden.
Bei der Interpretation von M 3 ausgehend von M 2 ergeben sich Deutungsmöglichkeiten wie etwa:
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Es handelt sich bei M 3 um ein Weltuntergangsszenario „mit Crescendo“ (M 2, Z. 1) in einem „Film“ (ebd., Z. 4), dessen gewaltige, farbintensive Inszenierung im Plakat als Faszination (vgl. ebd., Z. 5) gedeutet werden kann.
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Die Interpretation von I. Reuter, dass in einem solchen Film existentielle Fragen (ebd. Z. 7) verhandelt werden, wie etwa, wie sich Menschen zueinander verhalten, „wenn der Druck steigt“ (ebd., Z. 8), trifft die Inszenierung im Plakat exakt: Ein Meteorit trifft die Erde und richtet verheerenden Schaden an. Dies spiegelt sich auch in Titel und v. a. im Slogan des Plakats. Dessen drei Teile entsprechend erläutern das Bildprogramm: der Tsunami eines Ozeans, eine darin versinkende Stadt und die menschliche Hoffnung in Form der sich Umarmenden, die sich ganz nahe sind und sich Halt schenken, obwohl die Welt in M 3 in eine extreme Schieflage (siehe Beschreibung) geraten ist.
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Bei den beiden Umarmenden scheint es sich jedoch nicht um eine Form des „Tribalismus“ (M 2, Z. 12) zu handeln, sondern vielmehr um eine Form von Überlebenshoffnung, bei der sich ggf. eine der beiden Personen sogar aus Liebe für die andere aufopfern könnte.
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Gleichwohl dürfte sich – wenn es sich um eine Hoffnung handelt, die nicht nur im metaphorischen Sinne überlebt (vgl. M 2) – auch in „Deep Impact“ die Frage stellen: „Wer kommt auf die rettende Arche, wer hat die Chance, sich durchzusetzen“ (M 2, Z. 24)? Dies deutet auch die Vorbemerkung zu M 3 an.
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Die Hinweise zu „Evakuierungsmaßnahmen“ in der Vorbemerkung zu M 3 lassen sich vom letzten Absatz des Interviews als Versuch verstehen, „zivilisatorische Errungenschaften zu bewahren“ (M 2, Z. 28).
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Insgesamt erweisen sich die Deutungen I. Reuters somit sehr passend für M 3, obgleich es sich nur um ein Plakat handelt. Für vertiefte Bezüge müsste die genaue Filmhandlung bekannt sein.
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Christlicher Ethik liegt eine spannungsvolle, dynamische Denkbewegung zugrunde, die mit Begriffspaaren wie Zuspruch und Anspruch oder Indikativ und Imperativ beschrieben wird. Diese bringen zum Ausdruck, dass der Mensch als Geschöpf von Gott unabhängig von seinem Tun und Leben aus Liebe angenommen ist, sich also nicht um sein eigenes Heil sorgen muss. Dies erleichtert es, sich der Welt zuzuwenden und aus einer Haltung des Erlöstseins, sich für alles Lebendige im Sinne des Schalom, also für Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit zu engagieren, Gutes zu tun und ggf. auch sehr mutig zu handeln.
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Dabei weiß der Mensch um die Beschränktheit der eigenen Perspektive, die Wirkmächtigkeit von sündhaften Strukturen und um die grundsätzliche Vorläufigkeit alles weltlichen Handelns im Sinne des eschatologischen Vorbehalts.
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Die Grundstruktur von Zuspruch und Aufforderung zum aktiven Tun im Sinne der Nächstenliebe findet sich in Dekalog und Bergpredigt und liegt auch dem Doppelgebot der Liebe zugrunde.
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Bezogen auf das Zitat ergibt sich somit eine zumindest gewisse strukturelle Parallele: Auch Han geht davon aus, dass aktives Handeln (vita activa) allein nicht ausreicht, sondern dieses durch eine Haltung der Passivität, Zurückhaltung und Untätigkeit (vita contemplativa) ergänzt werden muss. Gemeinsam ist die Perspektive, dass der Mensch durch aktives Tun allein die Welt nicht heilen kann. Allerdings geht es Han inhaltlich nicht um einen göttlichen Zuspruch bzw. um ein Angenommensein durch Gott wie im christlichen Glauben, als vielmehr um ein Vertrauen in die Wirkkräfte der Natur, die diese Heilung bewirken können. Zudem erwartet er die „kommende Gesellschaft“ nicht als ein endzeitliches Ereignis, das durch Gott bewirkt wird, sondern als durch menschliche Untätigkeit verwirklichbares Zukunftsszenario ggf. zu seinen Lebzeiten.
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Als exemplarisches Längsschnittthema kann z. B. der Transhumanismus behandelt worden sein. Bei dieser philosophischen Denkrichtung geht es um Versuche, die Grenzen menschlicher Fähigkeiten und Möglichkeiten mithilfe von Technologie zu verbessern bzw. zu erweitern. Dies kann emotionale, geistige wie körperliche Bereiche und/oder die Person als Ganzes betreffen. Besonders markant zeigen sich transhumanistische Anliegen an Vorhaben, menschliches Bewusstsein mithilfe von Gehirn-Computer-Schnittstellen aufzubewahren bzw. auf Roboter zu übertragen (sog. Mind-upload) oder Menschen mithilfe von Kryonik-Verfahren gleichsam zwischenzulagern, um in der Zukunft weiter leben zu können. Es gibt zudem Visionen, wie z. B. mithilfe von pharmakologischen Mitteln oder gentechnischen bzw. prothetischen Eingriffen, bessere Menschen bzw. eine bessere Gesellschaft zu gestalten.
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Solchen Vorhaben würde sowohl christliche Ethik als auch der Ansatz von Han klar widersprechen bzw. entgegenstehen, da es in beiden Perspektiven als ausgeschlossen erachtet wird, dass sich der Mensch durch eigene Fähigkeiten gleichsam selbst erlösen und eine Gesellschaft ohne Leid erzeugen kann.
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Allerdings würde eine solche Ablehnung aus unterschiedlichen Gründen erfolgen: Während Han „ein radikal gewandeltes Verhältnis zur Natur“ (M 1, Z. 36 f.) als Voraussetzung für eine bessere Welt ansieht, würde christliche Ethik eine wahre Erlösung der Welt nur von Gott erwarten. Insofern teilt Han – bei allen Gegensätzen – mit dem Transhumanismus die Vorstellung, dass es für die Erlösung der Welt keine transzendente Größe braucht.
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Die philosophische Anthropologie versucht die Frage nach dem Menschen u. a. so zu klären, dass dessen Besonderheit gegenüber den Tieren, also eine Sonderstellung deutlich wird:
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Max Scheler sieht die Besonderheit des Menschen in seiner Weltoffenheit, die er als Freiheit gegenüber einer instinktgeleiteten Umweltgebundenheit von Tieren näher bestimmt. Der Mensch besitzt die Möglichkeit einer freien Triebhemmung aufgrund eines von Gott gegebenen Geistes, der nicht auf die Evolution zurückzuführen ist.
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Arnold Gehlens Bestimmung des Menschen als sog. Mängelwesen wird zum wirkmächtigsten Ansatz. Dabei greift er Schelers Überlegungen auf, weist die Weltoffenheit aber als zentrales Strukturmerkmal des Menschen aus: Die Weltoffenheit ist durch eine prinzipielle Unfertigkeit, was seine biologische Ausstattung angeht, gegeben, was es dem Menschen ermöglicht, nahezu überall auf der Welt leben zu können. Dafür benötigt er allerdings eine soziale Kulturwelt, die ihm dabei hilft. Die Kompensation seiner „Mängel“, also seines biologischen Nicht-Festgelegtseins, ist die Grundaufgabe des Menschen.
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Gegenüber Gehlen betont dessen Schüler Helmuth Plessner, dass das Besondere des Menschen in seiner „exzentrischen Positionalität“ liege. Der Mensch kann anders als Tiere sich zu seinem eigenen Leben in Distanz und Beziehung setzen. Er leitet daraus eine „natürliche Künstlichkeit“ ab, wonach es zur Natur des Menschen gehört, Kultur zu bilden. Die Exzentrizität des Menschseins führt dazu, dass der Mensch jede geschichtliche Realisierung immer wieder überschreitet und Menschsein von daher immer eine Aufgabe ist.
Zentrale Aspekte biblischer Anthropologie sind mit Gedankenfiguren wie Geschöpflichkeit, Gottesebenbildlichkeit, Sündhaftigkeit, Rechtfertigung und Erlösungshoffnung umrissen, die biblisch zu fundieren sind:
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Der Mensch verdankt sich nicht selbst, sondern ist Geschöpf Gottes und lebt in Beziehung zu allem anderen von Gott Geschaffenen (z. B. Gen 1 f.).
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Die Besonderheit des Menschen drückt sich darin aus, dass er zum „Bild Gottes“ (Gen 1,27) geschaffen ist, womit eine unverfügbare Würde einhergeht. Ihm wird der sog. Herrschaftsauftrag (Gen 1,28) gegeben, der seine Verantwortlichkeit gegenüber allem Geschaffenen als Statthalter Gottes beinhaltet.
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Mit dem Biss in die Frucht vom Baum der Erkenntnis (Gen 2) kann der Mensch nach biblischer Darstellung zwar zwischen Gut und Böse unterscheiden, nimmt sich dadurch aber zugleich als ein Wesen wahr, das nicht immer in Übereinstimmung mit Gott, seiner Umwelt und sich selbst lebt (Gen 3), obgleich er ein Beziehungswesen (Gen 1 f.) ist. Dies kann man als Entfremdung bzw. Sünde deuten. Die Entfremdung von Gott wird im symbolischen Hinauswurf aus dem Paradies besonders anschaulich.
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Auf sich selbst zurückgeworfen und bezogen erfährt sich der Mensch als problematisches, gebrochenes Wesen, das auch leidvolle Erfahrungen machen muss und sich schnell in problematische Strukturen verstrickt, was zum ersten Mord führt (Gen 4). Es reicht dem Menschen nicht, Geschöpf zu sein. Er strebt vielmehr nach Macht und will wie Gott sein (Gen 11). Es ist ihm nicht möglich, sich selbst aus diesen unheilsamen Strukturen zu befreien (Röm 7).
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Frei wird der Mensch aus biblischer Sicht durch Gottes Handeln. In Jesus Christus wird Gott Mensch und überwindet die Folgen der Entfremdung: den Tod (1 Kor 15). Im Glauben kann der Mensch auf Gottes versöhnendes Heilshandeln vertrauen sowie darauf, dass er für Gottes Liebe nichts leisten muss. Er ist vielmehr so, wie er ist, Gott recht. Zugleich ist er berufen, in neuer Freiheit seinen Nächsten und der Welt zu dienen. Er darf im Vertrauen auf eine endgültige Erlösung leben (Röm 3).
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Material 1 weist ein Menschenbild aus, das sehr gut mit der Sicht der philosophischen Anthropologie vereinbar ist: Menschsein wird in M 1 als Aufgabe verstanden, eine neue Haltung gegenüber der Natur einzunehmen, aus der eine neue Kultur der „Untätigkeit“ erwächst. Dies ist nur möglich, wenn der Mensch „weltoffen“ ist, aus einer „exzentrischen Positionalität“ heraus über sich und die Welt nachdenken kann sowie als unfertig und wandelbar verstanden wird.
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Ähnliches gilt für Material 2, da sich hier ein selbstreflexiver Abstand schon aus dem fiktionalen Durchspielen möglicher Zukunftsszenarien ergibt (vgl. z. B. M 2, Z. 6-8). Auch hier wird ein weltoffener und wandelbarer Mensch vorausgesetzt (vgl. Z. 28-35).
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Mit der Sicht biblischer Anthropologie ist in Material 1 vereinbar, dass der Mensch dort zwischen Gut und Böse unterscheiden kann, indem er erkennt, dass es eine veränderte Haltung zur Natur braucht: Er selbst ist es, auf den die problematischen Lebensformen einer reinen Konzentration auf die „vita activa“ zurückgehen, die ihn sich selbst, seinen Mitmenschen und der Natur gegenüber als entfremdet erscheinen lassen (vgl. z. B. M 1, Z. 16-22). Allerdings wird der Mensch trotz aller bisherigen Problematik seines Daseins in M 1 als fähig angesehen, sich selbst so grundlegend zu wandeln, dass er eine neue Gesellschaftsform hervorbringen kann, die gleichsam paradiesisch anmutet (vgl. Z. 37-41). Dies muss aus Sicht eines biblischen Menschenbildes als zu optimistisch eingeschätzt werden, da eine solche Welt nur durch Gott möglich ist.
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Hinsichtlich Material 2 stellen sich im fiktionalen Rahmen Fragen nach dem Wert eines Menschenlebens und nach Gerechtigkeit (M 2, Z. 24-26). Auch dies verweist auf die Fähigkeit, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Das Verwickeltsein in problematische Strukturen führt allerdings die Katastrophenszenarien mit herauf (vgl. Z. 18-20), so dass sich hier der Mensch als problematisches und ggf. gebrochenes Wesen zeigt. Im Narrativ selbst oder zumindest in der Reflexion über die Katastrophen schwingt eine gewisse Hoffnung mit, Menschlichkeit und die Welt selbst zu bewahren (vgl. Z. 30-35), was durchaus auch mit dem Herrschaftsauftrag vereinbar ist. Weiter denkbare Bezüge zur biblischen Anthropologie bleiben vage, da nicht thematisiert wird, welche Rolle jeweils eine Gottesvorstellung spielen könnte bzw. Fragen nach einem Jenseits.