Aufgabe III
Fasse die Grundgedanken von Material 1 in fünf Thesen zusammen!
Beschreibe das Bild von Alfred Kubin (Material 2) und interpretiere es unter Berücksichtigung der in Material 1 beschriebenen Phänomene!
„Ich will mein Leben selbst gestalten [/] Muss es wenigstens probieren“ (Material 3, Z. 4 f.)
Entfalte theologische und nicht-theologische Sichtweisen auf den Menschen in seiner Leistungsfähigkeit und Kreativität!
Setze die in 3.1 entfalteten theologischen und nicht-theologischen Perspektiven in Beziehung zu Material 1-3!
Zeige unter Verwendung ethischer Grundbegriffe auf, wo die Frage nach dem guten Leben in den Materialien 1-3 erkennbar wird!
Für den Jahresbericht deiner Schule bieten die Leistungsfächer im Jahresbericht einen Einblick in ihre Arbeit.
Entwirf unter der Überschrift „Wohin, Mensch?“ einen Beitrag, der von dem Bild (Material 2) ausgeht, das vom Kurs gemeinsam zu Beginn des Leistungsfachs gewählte Längsschnittthema einbezieht und aus christlichen Hoffnungsbildern Perspektiven für die Zukunft entwickelt.
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Material 1: Wer sonntags ausschläft, ist ein Loser
Die freie Journalistin Emeli Glaser beschreibt im Wochenendmagazin von ZEIT ONLINE die Tendenz bestimmter Influencer in den sozialen Netzwerken, ihre Freizeitgestaltung nach Leistungskriterien organisiert zu präsentieren.
Quelle: Emeli Glaser, Wer sonntags ausschläft, ist ein Loser, ZEIT ONLINE vom 13.11.2022, für Prüfungszwecke bearbeitet.
Material 2: Der Mensch
Alfred Kubin (1877-1959), Der Mensch (um 1902). Tusche, Aquarell, Spritztechnik auf Katasterpapier, 38,5 x 31,4 cm.
Quelle (zuletzt eingesehen 17.04.2023)
Material 3: Keine Maschine
Das Lied von Tim Bendzko mit dem folgenden Text erschien 2016 auf dem Album „Immer noch Mensch“.
Quelle (zuletzt eingesehen 17.04.2022)
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Am Beispiel einer Influencerin wird aufgezeigt, wie der Sonntag in der Selbstdarstellung in sozialen Medien nicht mehr zur Erholung genutzt wird, sondern als produktiver und streng durchgetakteter Tag für die Selbstoptimierung und Regeneration der eigenen Leistungsfähigkeit.
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Demgegenüber bedeutet Freizeit im eigentlichen Sinn die Abwesenheit von Verpflichtungen und Leistungsimperativen zur Erholung und Erhaltung der Gesundheit und stellt als solche ein Menschenrecht dar.
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Die vom Leistungs- und Produktivitätsaspekt dominierte Welt sozialer Medien gründet in Narrativen des Kapitalismus und in Werten protestantischer Ethik wie Fleiß und Disziplin.
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Die Influencer-Videos transportieren ein Menschenbild, das Frauen im materialistischen Wettbewerb als unabhängig und tatkräftig präsentiert, während zentrale soziale und beziehungsorientierte Aspekte menschlicher Existenz vernachlässigt werden.
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In der Übernahme kapitalistischer Handlungsmuster für ihr Privatleben präsentieren sich Frauen in traditionellen Rollenbildern, die sich am Paradigma der tüchtigen Hausfrau orientieren und die Wahrnehmung und das Ausleben ihrer genuinen Bedürfnisse negieren.
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Das Bild „Der Mensch“ von Alfred Kubin zeigt einen Menschen mit nacktem Oberkörper und langem, im Fahrtwind wehendem Haar, der mit hoher Geschwindigkeit auf einem zweirädrigen Gefährt auf Schienen einen steilen, nach unten hin zunächst flacher auslaufenden Abhang hinunter rast. Ausgangspunkt und besonders Ziel der Fahrt lassen sich nicht erkennen. Durch die spiralförmige Schienenführung wird die Dynamik der Abfahrt anschaulich ins Bild gesetzt. Der Mensch auf der Schiene befindet sich in einem Prozess ständiger und unbegrenzter Beschleunigung, denn der Weg scheint immer weiter nach unten zu führen.
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Durch den Titel „Der Mensch“ macht der Maler deutlich, dass es sich bei der Darstellung wohl um den Prototyp des modernen Menschen handelt. Das Moderne wird durch die künstlich gestaltete Streckenführung, die Schiene und die Räder als Zeichen der Kultivierung und Industrialisierung illustriert.
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Das Menschenbild der Zeichnung von Kubin korreliert mit der Darstellung der Influencerin in Text I. Denn ihr Leben wird als ein Leben in stetiger Beschleunigung, sogar am eigentlichen Ruhetag, dem Sonntag, dargestellt. Der Mensch in rasender Fahrt bei Kubin und die Influencerin finden keine Möglichkeit, ihr Dasein zu entschleunigen, indem sie Pausen und Ruhepunkte setzen. Freizeit dient der Influencerin nur als fitness- und wellnessorientierter Regenerationsmodus, mit Hilfe dessen die weitere Produktivität im Wettbewerb erhalten werden soll - und eben nicht als Selbstzweck. Sowohl bei der Influencerin als auch beim rasenden Menschen beschleunigt sich das Dasein in effizienter Perfektionierung.
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Die Influencerin und der rasende Mensch auf Rädern werden uns als vereinsamte Individuen ohne soziale Kontakte und Gemeinschaft vor Augen gestellt.
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So wie die Influencerin keine Schwäche zeigen darf, um nicht im medialen Aufmerksamkeitswettbewerb ins Hintertreffen zu geraten, so zeigt sich der Mensch in der rasenden Abfahrt bei Kubin idealisiert dargestellt, aber zugleich ohne erkennbare individuelle Attribute oder emotionale Regung.
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Anders als im Text M 1 finden sich in der Zeichnung von Kubin keine geschlechtsspezifischen Rollenzuweisungen.
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Die Bergpredigt Mt 6,19 ff. versteht menschliche Aktivität und Leistung vor dem Hintergrund einer von Gott als Schöpfer und Erhalter ermöglichten Existenz. Getragen vom Vertrauen auf Gott soll der Mensch die Sorge um seine materielle Existenz überwinden. Durch die Perspektive des kommenden Reiches Gottes werden Versuche relativiert, den Sinn des Lebens durch Leistung und Erfolg zu begründen.
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In der alttestamentlichen Weisheitsliteratur bei Prediger 3 wird die Vergänglichkeit menschlichen Schaffens und der daraus resultierenden Produkte vor Augen gehalten. Menschliche Arbeit wird als mühevolles Unterfangen beschrieben, das nur zu temporären Erfolgen führt. Der fatalistischen Tendenz des Textes steht der Gottesbezug in den Versen 11 ff. entgegen: Auch wenn der Mensch die Ursachen von Erfolg und Misserfolg nicht ergründen kann, so darf er sich doch von Gott gehalten wissen und das Schöne im Leben im Bewusstsein seiner Vergänglichkeit genießen.
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In seiner Auslegung des ersten Artikels des Glaubensbekenntnisses betont Martin Luther, wie sehr sich menschliches Leben und Zusammenleben den guten Gaben und dem Wirken des Schöpfergottes verdanken: Der Mensch ist durch die Bedingungslosigkeit dieses Geschenks dazu befreit, in Dankbarkeit gegenüber dem Schöpfergott Welt durch sein Handeln zu gestalten. Die von Gott geschaffene und geordnete Schöpfung schließt dabei gerade den körperlichen und materiellen Aspekt menschlicher Existenz mit ein.
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Die philosophische Anthropologie versucht die Frage nach dem Menschen u. a. so zu klären, dass dessen Besonderheit gegenüber den Tieren, also eine Sonderstellung, deutlich wird:
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Max Scheler sieht die Besonderheit des Menschen in seiner Weltoffenheit, die er als Freiheit gegenüber einer instinktgeleiteten Umweltgebundenheit von Tieren näher bestimmt. Der Mensch besitzt die Möglichkeit einer freien Triebhemmung aufgrund eines von Gott gegebenen Geistes, der nicht auf die Evolution zurückzuführen ist. Diese Freiheit ermöglicht es den Menschen, sein Leben und seine Umwelt kreativ zu gestalten.
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Arnold Gehlens Bestimmung des Menschen als sog. Mängelwesen wird zum wirkmächtigsten Ansatz. Dabei greift er Schelers Überlegungen auf, weist die Weltoffenheit aber als zentrales Strukturmerkmal des Menschen aus: Die Weltoffenheit ist durch eine prinzipielle Unfertigkeit, was seine biologische Ausstattung angeht, gegeben, was es dem Menschen ermöglicht, nahezu überall auf der Welt leben zu können. Dafür benötigt er allerdings eine soziale Kulturwelt, die ihm dabei hilft. Die Kompensation seiner „Mängel“, also seines biologischen Nicht-Festgelegtseins, ist die Grundaufgabe des Menschen.
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Gegenüber Gehlen betont dessen Schüler Helmuth Plessner, dass das Besondere des Menschen in seiner „exzentrischen Positionalität“ liege. Der Mensch kann, anders als Tiere, sich zu seinem eigenen Leben in Distanz und Beziehung setzen. Er leitet daraus eine „natürliche Künstlichkeit“ ab, wonach es zur Natur des Menschen gehört, Kultur zu bilden. Die Exzentrizität des Menschseins führt dazu, dass der Mensch jede geschichtliche Realisierung immer wieder überschreitet und Menschsein von daher immer eine Aufgabe ist.
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„Humanität“ im Sinne von Menschenliebe ist der zentrale Begriff der Epoche der Klassik. Man sah sie als im Menschen angelegt, erkannte aber zugleich die Notwendigkeit, dass diese dennoch erst noch ausgebildet werden müsse. Der Literatur, die sie sich in ihrem Streben nach Harmonie und Vollkommenheit an der Kunst der Antike orientierte, kam hierbei als erzieherisches Instrument große Bedeutung zu, da sie vorführte, wie der Mensch diesem Ideal entsprechen kann. Iphigenie (Goethe) und Maria Stuart (Schiller), die zentralen und zugleich namensgebenden Figuren zweier bedeutender Dramen der Klassik, zeigen exemplarisch, wie der Mensch im Ringen mit seinem Schicksal seiner wahren Natur entsprechen kann. Beide werden zur sog. „Schönen Seele“, da ihnen der harmonische Ausgleich im Widerstreit zwischen Pflicht und Neigung, Leidenschaft und Moral sowie Vernunft und Lust gelingt.
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In dem auf dem gleichnamigen Roman basierenden Spielfilm „The Circle“ erfährt die Protagonistin, wie ihr Leben durch die 24/7-Digitalisierung und insbesondere die Omnipräsenz sozialer Medien zunehmend durch Leistungszwang und fehlende Privatsphäre eingeschränkt wird. Die vermeintliche, durch digitale Medien ermöglichte Freiheit entwickelt sich unter dem Diktat der uneingeschränkten Transparenz aller Arbeits- und Lebensbereiche zunehmend zu einem Gefängnis. Durch die geforderte 24/7-Verfügbarkeit der Arbeitskraft gibt es keine Trennung von Arbeit und Freizeit. Der Erfolg menschlicher Arbeit wird im Wettbewerb mit Anderen permanent mithilfe von algorithmischen Verfahren vermessen.
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In neueren soziologischen Ansätzen, wie etwa bei Andreas Reckwitz oder Hartmut Rosa, wird für die gegenwärtige Gesellschaft eine spätromantische Abkehr menschlicher Schaffenskraft von der Vernunftorientierung und dem Paradigma der industriellen Massengesellschaft diagnostiziert. Denn in digitalen Kommunikationsformen finden vor allem die menschlichen Leistungen Beachtung, die eine affektive, kreative und individuelle Singularität bzw. Einzigartigkeit für sich reklamieren können.
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Die biblischen bzw. theologischen Aussagen zur Leistungsfähigkeit und Kreativität des Menschen bestimmen den Menschen in seiner Beziehung zu Gott als Schöpfer. Demgegenüber stehen beispielsweise in Material 3 das Ringen um freie Selbstentfaltung oder in Material 1 der Drang nach Selbstoptimierung (vgl. Z. 1-20) im Vordergrund. Aus christlicher Sicht gelingen gutes Leben und menschliche Leistung im Blick und in der Verantwortung für das Ganze der Schöpfung Gottes. Anders als in den Materialien 1–3 werden die Gestaltungsmöglichkeiten des Menschen christlich als aus Gnade von Gott geschenkte Gabe interpretiert, durch den fundamentalen Unterschied zwischen Geschöpf und Schöpfer begrenzt, sowie durch den eschatologischen Vorbehalt relativiert. Die Botschaft der extra nos zugesprochenen Gnade Gottes befreit den Menschen von allen Bemühungen der Selbstbegründung und -optimierung und hilft ihm, seine eigene Unvollkommenheit anzunehmen und zu bewältigen. Der Aspekt, dass menschliches Gestalten eingebettet ist in seine Fragmentarität, findet sich auch in Material 3.
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Anders als in den philosophischen Entwürfen findet die Influencerin (M 1) ihre Verwirklichung in der Sicherung und Erweiterung ihres materiellen Status. Ihr Leben findet vorwiegend in der vordergründigen Welt statt: Ihre Ernährung und ihr Fitnessprogramm dient der Förderung vor allem ihrer physischen Vitalität, spirituelle Bedürfnisse werden durch den Gottesdienstbesuch befriedigt. Bei Scheler und Plessner zeigt sich spezifisch menschliches Gestalten hingegen in der der geistgewirkten Freiheit bzw. Fähigkeit, das Vordergründige in seiner Exzentrizität zu überschreiten. Mit Tim Bendzko (M 3) lässt sich hier eher anknüpfen, weil er die Freiheit und die autonome Gestaltung des Lebens jenseits gesellschaftlicher Zwänge in den Vordergrund rückt. Außerdem integriert das lyrische Ich in Material 3 die Brüchigkeit und Vorläufigkeit menschlicher Existenz in das besungene Lebenskonzept.
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Auch das Konzept der Klassik mit seinem Streben nach Harmonie und Vollkommenheit in Anlehnung an die Werte der Antike transzendiert die materialistisch und einseitig leistungsorientierten Paradigmen in Material 1 und Material 2.
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Der Spielfilm „The Circle“ spiegelt die in Material 1 und Material 2 dargestellten Tendenzen wider. Unter dem Diktat der digitalen Transparenz befindet sich das Leben der Protagonistin in einem Prozess stetiger Beschleunigung. Material 3 stellt hingegen eher einen Gegenentwurf dar, weil es um die Befreiung aus einer Welt geht, die den Menschen unfrei, d. h. zur Maschine macht.
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Der Aspekt der spätromantischen Entwicklung weg von der Vernunft hin zum schöpferischen Individuum als Architekt singulärer Produkte und Ideen (Reckwitz, Rosa) spiegelt sich in der Existenzform der Influencerin, die im Aufmerksamkeitswettbewerb sozialer Medien immer wieder Neues und Singuläres präsentieren muss, um wahrgenommen zu werden und erfolgreich zu sein. Das Neue erscheint bei der Influencerin aber nicht in kreativ geschaffenen Produkten, vielmehr zeigt sie sich als Kuratorin und effektive Managerin schon vorfindlicher Lebensgestaltungselemente. In Material 3 wird betont, dass Leben vor allem kreative Lebendigkeit in Offenheit für die Welt bedeutet, was in Teilaspekten an Scheler, Plessner, Reckwitz und Rosa anknüpft.
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Das Leben der in M 1 vorgestellten Influencerin wird im Sinne einer Alltagsethik als streng durchgetaktet geschildert und wirft durch die Art, wie es präsentiert wird, die Frage auf, ob dieses Leben tatsächlich ein wünschenswertes Leben ist.
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Die als Beispiel gewählte Influencerin scheint ihre Lebensgestaltung als das Produkt einer bewusst getroffenen, autonomen und individuellen Entscheidung zu sehen (vgl. Z. 35-37). Im Sinne einer teleologischen Ethik hat sie sich für bestimmte Ziele entschieden, die sie als „gut“ qualifizieren würde, und richtet ihr Handeln nun aus freien Stücken danach aus (vgl. Z. 4).
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Das Urteil der Autorin von M 1 steht dem deutlich skeptisch bis sehr kritisch gegenüber. Ihrer Einschätzung nach entsprechen die Entscheidungen der Influencerin gerade nicht dem, was ethisch verantwortete Lebensführung sein sollte: Es fehle an „Zeit, sich damit zu beschäftigen, wie es einem selbst […] wirklich geht und warum man [… etwas] macht“ (Z. 68 f.). Die Influencerin denkt somit nicht wirklich über richtiges Handeln und gutes Leben nach.
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Dies liege daran, dass sie sich auch im Bereich der Freizeit an den Prinzipien „maximale[r] Effizienz“ (Z. 12) orientiere und eine kapitalistisch Selbstoptimierungsideologie (vgl. Z. 19 f., 40-46) unreflektiert verinnerlicht habe. Die vermeintlich autonomen Entscheidungen entpuppen sich damit letztlich als heteronom (vgl. Z. 24 f.). Den Zielen von Perfektion (vgl. Z. 4, 7, 27 f., 64 f.) und Produktivität (vgl. Z. 13, 26, 71) stellt die Autorin das Menschenrecht auf „Freizeit und Erholung“ (Z. 22) sowie die Freiheit von Verpflichtungen (vgl. Z. 21) als höhere Güter gegenüber, die ihres Erachtens ein gutes Leben erst ausmachen.
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Problematisch erscheint der Autorin zudem, dass tradierte weibliche Rollenbilder unhinterfragt übernommen würden (vgl. Z. 58 ff.) und das soziale Leben ausgeklammert werde (Z. 47-57), so dass weder individualethischen Handeln in Bezug auf z. B. nahestehende Menschen (vgl. Z. 49-51) noch gar ein sozialethisches Interesse und Engagement (vgl. Z. 51-53) in der Lebensgestaltung Bedeutung zuzukommen scheint.
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Die Autorin kommt deshalb zu dem Fazit, dass ein solches Leben als „absolute Entfremdung von dem, was uns als Menschen ausmacht“ (Z. 56), zu bewerten ist. Es ist somit als das Gegenteil eines wünschenswerten Lebens zu betrachten.
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Der rasende Mensch im Bild M 2 wirft die Frage nach der Autonomie des Menschen im Handeln auf. Einmal auf die Schiene gesetzt, scheint es keine Handlungsalternativen mehr zu geben, sondern die Schienen, die als äußerer, unbeeinflussbarer Faktor im Sinne heteronomer Normen gesehen werden können, definieren das Ziel des Weges. Die Schienen könnten somit z. B. als die engen Grenzen gesellschaftlicher Normen und Werte verstanden werden, die dem Einzelnen kaum eigene Spielräume lassen.
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„Gutes“ Leben wäre dann primär die notgedrungen konsequente Fortsetzung eines einmal eingeschlagenen Weges, wobei offen bleibt, ob die Wahl dieses Weges selbst oder fremdbestimmt war. Selbst wenn die Entscheidung für diesen Weg frei getroffen wurde, so fehlt doch – so weit erkennbar – die für das Ziel eines „guten“ Lebens wesentliche Möglichkeit, in der Gestaltung der eigenen Biographie immer wieder Wahlmöglichkeiten zu haben.
Alternativ könnten die Schienen, weil sie scheinbar unbegrenzt weiterführen, im Sinne einer deontologischen Ethik als vorgegebene Prinzipien verstanden werden, die uneingeschränkt und unbedingt gelten, denen man wie den Schienen nicht entrinnen kann, um das Gute zu erlangen.
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Auch der Song von Tim Bendzko (M 3) thematisiert den Widerstreit zwischen Heteronomie und Autonomie. Das lyrische Ich klagt über gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die es in seinen individuellen, situationsethischen Entscheidungen beschränken (vgl. V. 7, 18).
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Wahlfreiheit im eigenen Handeln wird hier erkennbar als wesentlicher Grundlage eines „guten“, gelungenen Lebens wahrgenommen (vgl. V. 4) und macht eine stark individualethische Perspektive deutlich. -
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Betont wird zugleich, dass „gutes“ Leben an mehr als rein materiellen Dingen zu bemessen ist und gerade auch Immateriellem ein hoher, eigener Wert zukommt (vgl. V. 14). Dies erinnert an das Diktum des Utilitaristen John Stuart Mill: „Es ist besser, ein unzufriedener Mensch zu sein als ein zufriedenes Schwein; besser ein unzufriedener Sokrates als ein zufriedener Narr.“ Er betont, dass sich Glück als Lebensziel an mehr als nur quantifizierbaren, rein irdischen Gütern bemisst und geistigen Freuden ein qualitativ höherer Wert zukommt.
In der Zeichnung von Alfred Kubin können Aspekte der fortwährenden Beschleunigung, der sozialen Vereinzelung und der fehlenden Autonomie einer technisierten, zweckrationalisierten Existenz gesehen werden, die gleichsam auf vorgegebenen Schienen verläuft. Diese wären auf Fragestellungen des Längsschnittthemas zu beziehen und auf christliche Hoffnungsbilder hin kritisch zu reflektieren.
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Vor allem die nachexilischen Textelemente prophetischer Rede im Alten Testament (z. B. Jesaja 65) zeichnen Zukunftsbilder von einer gerechten und friedlichen Welt, die in der Hoffnung auf das heilvolle Handeln Gottes begründet sind. Diese in der Krise Israels entstandenen Heilsvisionen stehen unter der Spannung des „schon“ angekündigten Heils und der „noch nicht“ erfahrbaren Wirklichkeit des eschatologischen Friedensreichs.
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Das Wirken Jesu in seiner Rede, seinem Handeln und seinem Schicksal bildet das kommende Reich Gottes proleptisch ab. In seinen Gleichnissen und im heilenden Handeln Jesu wird das Reich Gottes vorweggenommen und inhaltlich vorgezeichnet als ein Leben in vorurteilsloser Gemeinschaft in bedingungsloser gegenseitiger Annahme, in Abwesenheit vonKrankheit, Leid und Tod, sowie umfassender Gerechtigkeit. Vor dem Hintergrund des spätjüdischen apokalyptischen Weltbildes und auf der Grundlage der Rede des irdischen Jesu entwickelte sich in der Urgemeinde die Hoffnung auf die Parusie Christi und den Anbruch des Reiches Gottes in seiner Vollkommenheit.
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Die eschatologische Hoffnung auf ein individuelles Weiterleben nach dem Tod wird mit Rekurs auf die Auferweckung Jesu in 1 Kor 15 von Paulus begründet und entfaltet. In Offenbarung 21 wird die Hoffnung auf das von Christus her kommende Reich Gottes kollektiv und auf die ganze Welt bezogen in eindrücklicher Bildersprache formuliert.
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Im Apostolischen Glaubensbekenntnis findet sich im zweiten Artikel der Gedanke des Gerichts Jesu Christi nach seiner Wiederkunft. Dieser Aspekt ist mit der Hoffnung verbunden, dass Christus nicht über das Leid und die Ungerechtigkeit hinwegsieht, welche Menschen zu Opfern macht. Der Glaube an die individuelle Auferstehung findet im dritten Artikel Ausdruck.
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Christliche Existenz wird in allen Bezügen relativiert durch den eschatologischen Vorbehalt des zwar schon in der christlichen Gemeinde und im Handeln Christi durch den Heiligen Geist erfahrbaren, aber eben noch nicht in seiner zukünftigen Vollkommenheit realisierten Reiches Gottes.