Aufgabe II – „Das Flüstern der Vergessenen“ – Hunger im Neuen Testament
Hinweis: Es werden vier Aufgaben zur Auswahl gestellt, von denen eine bearbeitet werden muss.
„Immer wieder können wir [in der Bibel] das Flüstern der Vergessenen hören“ (M 1, Z. 14).
Fasse die Grundaussagen des Textes M 1 mit eigenen Worten zusammen!
Stelle eine Möglichkeit der Bibelauslegung dar und weise nach, wie dieser Ansatz dabei helfen kann, „das Flüstern der Vergessenen“ (M 1, Z. 14) hörbar zu machen! Beziehe dich dabei auch auf M 1!
„Für die biblischen Texte ist es klar, dass der Mensch nicht von Brot allein lebt – sondern auch vom lebendig machenden Geist GOTTES“ (M 1, Z. 41-43)
Belege die Behauptung des obigen Zitats (M 1, Z. 41-43.) unter Bezugnahme auf M 2 sowie auf das biblisch-christliche Menschenbild!
Setze M 1 und M 2 in Beziehung zu wesentlichen Aspekten des trinitarischen Gottesbildes und weise nach, dass Gott auch ein Gott der Hungrigen (vgl. Mt 6,11) ist!
„Es geht um die Stillung von Hunger und Durst, so wie um den unstillbaren Hunger nach Gerechtigkeit.“ (M 1, Z. 46f.)
Skizziere die Sozialprinzipien der katholischen Soziallehre in ihrem wechselseitige Zusammenhang und prüfe, inwieweit deren Umsetzung den im Zitat genannten „Hunger nach Gerechtigkeit“ (M 1, Z. 47) stillen kann!
Beschreibe zunächst das Bild M 3. Interpretiere es vor dem Hintergrund des christlichen Gottes- und Menschenbildes und zeige dabei ethische Konsequenzen für menschliches Handeln auf!
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Luzia Sutter Rehmann ist eine evangelische Schweizer Theologin, sie lehrt Neues Testament an der Theologischen Fakultät der Universität Basel und übersetzte das Lukasevangelium für die „Bibel in gerechter Sprache“. Der folgende Auszug stammt aus ihrem Buch „WUT im Bauch. Hunger im Neuen Testament“, in dem sie sich mit der Frage auseinandersetzt, unter welchen Annahmen biblische Texte gelesen werden, um die sehr alten Schriften zu verstehen.
Quelle: Luzia Sutter Rehmann: WUT im Bauch. Hunger im Neuen Testament, München, Gütersloher Verlagsgruppe: Gütersloh, 2016, S. 34f.
M 2: Vaterunser
Mt 6, 9-15 (siehe Einheitsübersetzung der Bibel)
M 3: JR - „Picnic across the Border“ (vgl. Foto)
Das Foto zeigt eine Installation des französischen Fotografen und Straßenkünstlers JR am Grenzzaun bei Tecate zwischen Mexiko (links des Zaunes) und den USA (rechts des Zaunes). Der Picknicktisch erstreckte sich in gleicher Länge auf beiden Seiten des stählernen Grenzzaunes. Er fungiert als Treffpunkt, an dem Menschen von beiden Seiten zu einem gemeinsamen Picknick zusammenkommen. Auf das „Tischtuch“, von dem hunderte von Menschen auf beiden Seiten gemeinsam aßen, ließ der Künstler die Augen von Mayra drucken, einer „Dreamerin“, die als kleines Kind mit ihrer Mutter illegal aus Mexiko in die USA eingewandert ist und somit nur die USA kennt. Während des Picknicks spielte eine Band, deren eine Hälfte spielte von Mexiko, die andere von den USA aus (auf M 3 nicht zu sehen). Die Menschen auf beiden Seiten des Zaunes hörten dieselbe Musik, saßen am gleichen Tisch, teilten dasselbe Wasser und das mitgebrachte Essen.
Quelle: JR
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Diese erste Aufgabe verlangt mit dem Operator „Zusammenfassen“ eine eingeübte Arbeitstechnik, also eine reine Reproduktionsleistung, und entspricht demnach dem Anforderungsbereich I. Gefordert ist eine komprimierte und strukturierte Darlegung der Kerngedanken von M 1 in eigenen Worten unter besonderer Berücksichtigung des angegebenen Zitates.
Folgende Kernaussagen können z. B. angeführt werden:
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In der Bibel hörst du im Unterschied zu anderen antiken Quellentexten und zu heutigen Nachrichten die Stimmen der Hungrigen.
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Denn die Bibel zeigt die Welt aus der Perspektive der Menschen am Rande der Gesellschaft, der „Vergessenen“.
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Deren Stimmen sind nur ein „Flüstern“, weil sie oft nicht direkt aus der Bibel sprechen, sondern mit einer genauen Textanalyse aufgespürt werden müssen.
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Hunger ist eine das gesamte Leben bestimmende Realität, v. a. für diese „Vergessenen“.
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Die Mehrzahl der neutestamentlichen Texte wurde von ihnen aufgeschrieben.
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Folglich musst du bei der Bibellektüre voraussetzen, dass sich die Erfahrung des Hungers in den Texten niedergeschlagen hat.
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Die Bibel geht davon aus, dass die Hungrigen Brot und Gott brauchen. Denn Brot allein stillt den Hunger nicht dauerhaft. Dazu bedarf es auch einer „minimalen Gerechtigkeitsordnung“ (M 1, Z. 36).
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Entsprechend ist die Seligpreisung in Mt 5,6 so zu verstehen, dass es hier nicht nur um die Stillung metaphorischen, sondern auch um die Stillung realen Hungers und Durstes geht.
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Für die Bibel gehören Materie und Geist zusammen, genauso wie zu einer guten Mahlzeit die Zubereitung und das Ambiente gehören.
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Darum ist die Verbindung von Gerechtigkeit und Recht, Hunger und Durst im Matthäusevangelium so wichtig.
Die zweiteilige Aufgabe erfordert zunächst wieder eine reine Reproduktionsleistung aus dem Anforderungsbereich I, nämlich die Darlegung eines bekannten Sachverhalts, hier eine Möglichkeit der Bibelauslegung, unter Verwendung der Fachsprache mit eigenen Worten. Der Lehrplan verlangt die überblicksartige Kenntnis mindestens einer wissenschaftlichen Auslegungsmethode (z. B. der historisch-kritischen, der kanonischen, der feministischen oder befreiungstheologischen Bibelexegese) sowie die Kenntnis eines existentiellen Zugangs zur Bibel (z. B. Bibliodrama oder Bibliolog). Gib eine dieser Auslegungsmethoden wieder. Weise anschließend oder dabei unter anderem anhand von Informationen und Beispielen aus M 1 nach, wie die gewählte Methode helfen kann, „das Flüstern der Vergessenen“ hörbar zu machen. Damit wendest du einen gelernten Inhalt auf einen neuen Sachverhalt an, was dem Anforderungsbereich II entspricht.
M 1 nennt die befreiungstheologische Auslegung und deutet Teilmethoden der historisch-kritischen Exegese an. Deshalb ist es geschickt, eine dieser Methoden zu wählen, sofern sie bekannt sind. Es kann aber auch jede andere Methode ausgeführt werden.
Der Begriff „historisch-kritisch“ verweist auf das gemeinsame Anliegen dieser Schritte: den geschichtlichen Hintergrund der biblischen Texte zu erfassen sowie den Text und seine Aussage(n) mithilfe wissenschaftlicher, möglichst objektiver Kriterien von späterer Auslegung zu unterscheiden.
Für die historisch-kritische Exegese könnten folgende Aspekte ausgeführt werden:
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die Bibel als Gotteswort in Menschenwort und die sich daraus ergebenden Folgen für die Auslegungsmöglichkeiten
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die historisch-kritische Exegese als wissenschaftliche Auslegungsvariante im Unterschied zu existentiellen Zugängen und biblischem Fundamentalismus
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Grundprinzipien der historisch-kritischen Bibelexegese (z. B. Erläuterung der Genese der Texte, distanzierte wissenschaftliche Betrachtung)
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Nennung, evtl. auch Wiedergabe, einzelner Schritte der historisch-kritischen Methode, z. B. Textanalyse, um deren wissenschaftliches Vorgehen zu veranschaulichen
Die vollumfängliche Darlegung der historisch-kritischen Methode ist zur Beantwortung der Aufgabenstellung nicht erforderlich.
Mögliche Bezugspunkte in M 1 sind:
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Textintention:
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eine Brücke schlagen zwischen den sehr alten Texten und den heutigen Lesenden, indem sie deren scheinbar selbstverständliche Annahmen hinterfragt und herausfordert (vgl. M 1, Einleitungstext)
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mittels Bibelauslegung das „Flüstern der Vergessenen hörbar machen“
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die heiligen Schriften lesen als Zeugnis für die Auseinandersetzung mit allen Perspektiven in einer Gesellschaft
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historisches Interesse von M 1 (vgl. M 1, Z. 6-10; Z. 28-30)
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den biblischen Text in seiner Zeit wirken lassen.
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Analytisches Vorgehen: Aufspüren von Brüchen, Perspektivwechseln, Einschüben, Abtasten der „Unterseite der Texte“ (vgl. M 1, Z. 17-19).
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Entwicklungen der biblischen Texte festhalten und Brüche aufdecken.
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Für die Aufgabe ist es wichtig, die Gruppe der „Vergessenen“ im Hinblick auf die gewählte Methode zu bestimmen. M 1 legt nahe, Arme zu den „Vergessenen“ zu zählen. Du kannst aber auch andere gesellschaftliche Gruppen oder Menschen zu den „Vergessenen“ zählen (z. B. Frauen) und vor diesem Hintergrund die gewählte Methode untersuchen. Möglicherweise ist die gewählte Methode nicht oder nur bedingt geeignet, das „Flüstern der Vergessenen“ hörbar zu machen. Sofern die Ausführungen den oben genannten Anforderungen entsprechen und inhaltlich überzeugen, sind sie als korrekt zu bewerten.
Die Aufgabe fordert mit dem Operator „belegen“ aus dem Anforderungsbereich II die selbständige Anwendung gelernter Inhalte, hier das biblisch-christliche Menschenbild, und Methoden, der Umgang mit der Bibel (vgl. M 2), auf einen neuen Sachverhalt, nämlich das angeführte Zitat aus M 1. Stütze die darin enthaltene Behauptung, dass der Mensch biblisch gesehen sowohl Brot als auch den Geist Gottes zum Leben braucht, anhand des Vaterunsers als Zentrum der Bergpredigt sowie anhand des biblisch-christlichen Menschenbildes. Gefordert ist demnach eine strukturierte, schlüssige, zusammenhängende Argumentation zu der im Zitat aufgestellten These.
Inhaltlich können z. B. einige der folgenden Aspekte näher ausgeführt werden:
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Das Vaterunser verbindet die Bitte um Brot mit der Bitte um das Kommen des Reiches Gottes. Dazu soll SEIN Wille erfüllt werden. Wie das geht, führen u. a. die darauf folgenden Bitten im Bibeltext aus.
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Das Vaterunser formuliert „gib uns“, nicht „gib mir“. Es geht also auch hier um mehr als nur um materielles Brot, sondern auch um Brot für alle.
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Des Weiteren bittet das Vaterunser nur um das Brot für heute und nur um die Menge, die zum Leben notwendig ist, nicht um mehr.
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Der Mensch soll sich also im Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit (vgl. „erlass uns unsere Schulden“; „wird euer himmlischer Vater vergeben“) mit dem begnügen, was er gerade braucht. Er soll nicht horten und nicht habgierig sein, sondern in jeder Hinsicht großzügig, indem er z. B. Schulden erlässt und Böses vergibt.
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Wenn Gottes Wille geschieht, dann haben alle Menschen das Brot, das sie brauchen, materielles UND geistiges, dann ist SEIN Reich gekommen.
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Auch das biblisch-christliche Menschenbild sieht den Menschen in seinen Beziehungen zur Welt, zum Mitmenschen und zu Gott.
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In der Verwobenheit von Personalität (z. B. Geschlechtlichkeit, Freiheit, Verantwortung), Sozialität (Verhältnis zu den Mitgeschöpfen) und Transzendentalität (Gottebenbildlichkeit, Endlichkeit, Erlösungsbedürftigkeit) werden „Brot“ (Materie) und Geist im Menschen eins.
Die Operatoren „in Beziehung setzen“ und „nachweisen“ aus dem Anwendungsbereich II verlangen die Darstellung und selbständige Anwendung gelernter Inhalte, hier das trinitarische Gottesbild, auf einen neuen Sachverhalt, hier der Nachweis, dass der trinitarische Gott auch ein Gott der Hungrigen ist. Stütze diese These anhand von M 1 und M 2 sowie dem trinitarischen Gottesbild. Dazu ist es zielführend, inhaltlich relevante Zusammenhänge von M 1 und M 2 begründet herzustellen.
Zunächst können zwischen M 1 und M 2 z. B. folgende Beziehungen hergestellt werden:
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M 1 behauptet z. B., dass die Bibel aus der Perspektive der Armen und Hungernden geschrieben wurde. Die Formulierungen im Vaterunser (vgl. M 2) belegen, dass diese im Blick gewesen sein müssen.
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M 1 betont die Verbindung von Gerechtigkeit und dauerhafter Stillung von Hunger in Mt 5,6. Auch im Vaterunser (vgl. M 2) ist die Erfüllung des göttlichen Willens die Voraussetzung für eine Welt ohne Hunger.
Darüber hinaus müssen verschiedene Aspekte des trinitarischen Gottesbildes zur weiteren Untermauerung der These angeführt werden, wie z. B.:
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Fürsorge und Hinwendung des personalen Gottes,
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Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Gottes,
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Beispiele von Jesu Wirken in Wort und Tat als Ausdruck des göttlichen Heilswillens.
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verbindendes Wirken des Heiligen Geistes
Insgesamt geht es nicht um inhaltliche Vollständigkeit, sondern um eine überzeugende Argumentation.
Mit den Operatoren „skizzieren“ und „prüfen“ kombiniert die zweiteilige Aufgabe die Anwendungsbereiche I und III.
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Gib zunächst einen bekannten Sachverhalt in seinen Grundzügen wieder, d. h. stelle die gelernten fünf Sozialprinzipien (Personalität, Solidarität, Subsidiarität, Gemeinwohl, Nachhaltigkeit bzw. Retinität) prägnant dar, und zwar so, dass ihre Abhängigkeiten voneinander deutlich werden. Beurteile auf dieser Basis begründet, inwieweit die Umsetzung der Sozialprinzipien den im Zitat genannten „Hunger nach Gerechtigkeit“ stillen könnte.
Die Schülerleistung soll eine selbständige, systematische Wertung der Sozialprinzipien unter einer vorgegebenen fachspezifischen Fragestellung umfassen. Dabei musst du zur Fragestellung eine klar erkennbare eigene These aufstellen und diese überzeugend begründen. Beispiele aus aktuellen Problemfeldern der Wirtschafts- und Sozialpolitik können die Argumentation stützen.
Die dreiteilige Aufgabe kombiniert mit den Operatoren „beschreiben“, „interpretieren“ und „aufzeigen“ die Anforderungsbereiche I und III.
Beschreibe zunächst das Bild M 3 und deute es dann unter Zuhilfenahme des christlichen Gottes- und Menschenbildes eigenständig. Zeige dabei auch die ethischen Konsequenzen des christlichen Gottes- und Menschenbildes für menschliches Handeln in eigenen Worten auf.
Bei der Bildbeschreibung sind die wesentlichen Elemente von M 3 strukturiert und zusammenhängend in Worten zu schildern, z. B. Aufbau und Zentrum des Bildes, Perspektive, Farbgestaltung o. Ä.
Einige Hinweise zur Deutung sind im Einleitungstext enthalten. Folgende Aspekte können aufgegriffen und weiterentwickelt werden:
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Die Augen der „Dreamerin“ Mayra auf dem „Tischtuch“ blicken den Betrachtenden an und holen ihn an den gemeinsamen „Tisch“.
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Der Tisch bzw. das Tischtuch mit den Augen verbindet Menschen, die durch den Grenzzaun voneinander getrennt sind und trotzdem am gemeinsamen Tisch essen und trinken. Die Augen des Mädchens bleiben unabhängig vom Grenzzaun untrennbar zu einem Augenpaar verbunden.
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Aus der gezeigten Ansicht und entsprechend dem christlichen Menschenbild kann es keine illegalen Menschen geben. Zu diesem Blick „von oben“ wird der Betrachter durch die Perspektive der Fotografie aufgefordert.
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Jeder Mensch ist ein Ebenbild Gottes und deshalb mit unverlierbarer Würde ausgestattet.
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Als Schöpfer hat Gott für seine Geschöpfe gesorgt. In Handeln und Botschaft Jesu, aber auch im Wirken seines Geistes wendet er sich seiner Schöpfung zu.
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Entsprechend sollen auch die Menschen als verantwortliche Mitgestaltende ihre Freiheit dazu nutzen, dass alle Menschen ein menschenwürdiges Leben führen können.
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Dazu müssen sie sich im wörtlichen und übertragenen Sinne an „einen Tisch“ setzen, Grenzen und Vorurteile überwinden.
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Letztlich bedeutet das die Aufgabe, um Gerechtigkeit für alle zu ringen.
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Mit der Versammlung der Menschen an einem gemeinsamen Tisch, dem Teilen von Wasser und Essen werden zum einen ethische Handlungsperspektiven aufgezeigt, zum anderen bleibt der Blick der Dreamerin als ständige Ermahnung – vielleicht auch, weil der Mensch in all seinen Bemühungen um Gerechtigkeit letztlich auf die Erlösung und die Barmherzigkeit Gottes angewiesen ist.
Bei der Bewertung kommt es nicht auf Vollständigkeit, sondern auf eine überzeugende Deutung von M 3 an, die gleichzeitig den behaupteten Zusammenhang von Gottes- und Menschenbild veranschaulicht und davon ethische Konsequenzen für menschliches Handeln ableitet.