Aufgabe D – Flechten
Flechten sind Organismen mit einer engen Beziehung zwischen einem Pilz und einem fotoautotrophen Organismus, z. B. Algen oder Cyanobakterien. Sie können dank physiologischer Angepasstheiten auch unter extremen Bedingungen Fotosynthese betreiben und besiedeln daher nahezu alle Lebensräume der Erde. Wegen ihrer ökologischen Besonderheiten werden sie auch als Bioindikatoren genutzt.
Benenne und begründe die ökologische Beziehung zwischen Pilz und Alge in einer Flechte (M 1).
Beschreibe das Prinzip der Tracer-Methode.
Erkläre, wie man mit dieser Methode die Versorgung des Flechten-Pilzes mit organischen Stoffen durch die Flechten-Alge nachweisen kann (M 1).
Fasse die in Abbildung 2 dargestellten Untersuchungsergebnisse zusammen und erkläre diese (M 1, M 2).
Werte die Ergebnisse der Langzeitstudie aus (M 3).
Beurteile die Eignung der beiden Organismen zur Ermittlung der Schadstoffbelastung in Gebieten mit hoher und mit sehr niedriger Belastung (M 3).
Leite aus der in Material 3 dargestellten Durchführung der Langzeitstudie eine methodische Erweiterung ab, um die Aussagekraft der Untersuchungsergebnisse zu erhöhen (M 3).
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Material 1: Flechten als Lebensgemeinschaft zwischen Pilz und Alge
Eine Flechte besteht aus einem heterotrophen Pilz, dessen fadenförmige Pilzzellen den arttypischen Flechtenkörper aufbauen. In diesen Vegetationskörper sind fotoautotrophe Organismen wie Grünalgen oder Cyanobakterien eingebettet. Der Pilz stellt somit das Gehäuse bereit, in dem die Algen förderlich für eine effektive Wasser- und Gasversorgung angeordnet sind (Abb. 1). Des Weiteren veranschaulicht Abbildung 1 die biochemischen Wechselbeziehungen zwischen Pilz und Alge in einer Flechte.

Abb. 1: Querschnitt einer Flechte und schematische Darstellung der Wechselbeziehungen zwischen Flechtenpilz und Flechtenalge auf biochemischer Ebene
Material 2: Abhängigkeit der Flechten von Wasser
Flechten sind Organismen, deren Wassergehalt stark schwankt. Im ausgetrockneten Zustand ist die Flechte nicht stoffwechselaktiv und kann deshalb lange Trockenzeiten überdauern. Die Aufnahme von Feuchtigkeit erfolgt über die gesamte Oberfläche. Dadurch können luftgefüllte Räume innerhalb des Flechtenkörpers Wasser aufnehmen. Als Wasserquellen dienen Regen, Nebel, Tau oder auch hohe Luftfeuchtigkeit. In Flechten sind die Orte der Wasseraufnahme und Wasserleitung sowie der CO2-Aufnahme und CO2-Leitung nicht voneinander getrennt. Das hat eine Auswirkung auf die Diffusionsgeschwindigkeit der Gase. Diese sinkt mit steigendem Wassergehalt.
Forschende ermittelten die Abhängigkeit der Fotosyntheserate vom Wassergehalt bei einer Laubflechte im neuseeländischen Regenwald. Die Untersuchungsergebnisse von zwei aufeinander folgenden Tagen sind in Abbildung 2 dargestellt. Bei Flechten kann der Wassergehalt bezogen auf das Trockengewicht des Flechtenkörpers deutlich über 1000 % liegen.

Abb. 2: Tagesverlauf der Nettofotosyntheserate und des Wassergehalts einer Laubflechte unter natürlichen Bedingungen im Regenwald Neuseelands an zwei Tagen mit identischen Lichtverhältnissen
Material 3: Flechten als Bioindikatoren
Bioindikatoren sind Lebewesen, die bestimmte Schadstoffe in ihrem Körper anreichern können, so dass man diese Stoffe nachweisen kann. In einer Langzeitstudie an der stark befahrenen Autobahn A 8 wurden von 1997 bis 2004 Messungen von kraftfahrzeugbedingten Schadstoffen (u. a. Blei-, Antimon- und Platinverbindungen) durchgeführt. Als Versuchsobjekte dienten die Laubflechte Hypogymnia physodes und das Süßgras Lolium multiflorum. Die beiden Organismen wurden auf einem geeigneten Substrat kultiviert und jeweils an zwei eng begrenzten Standorten südlich und nördlich der A 8 (S und N) in fünf Metern Entfernung zum Straßenrand auf Gefäße verteilt. Die Lage der beiden Messstationen ist in Abbildung 3 dargestellt. Nach mehreren Monaten wurde die in ihnen angereicherte Menge an verschiedenen Metall-Ionen analytisch bestimmt. Tabelle 1 zeigt die Ergebnisse dieser Untersuchung.

Abb. 3: Lage der beiden Messstationen S und N an der Autobahn A 8. Der Pfeil zeigt die vorherrschende Windrichtung (Süd-Südwest) an.
Tabelle 1: Ermittelte Metall-Ionen-Konzentrationen in den Kulturen
|
Graskultur (Süßgras) Mittelwerte in ng/g Trockengewicht |
Flechtenkultur (Laubflechte) Mittelwerte in ng/g Trockengewicht |
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Messstation |
Süd (S) |
Nord (N) |
Süd (S) |
Nord (N) |
|
Blei-Ionen |
906 |
1390 |
29900 |
34100 |
|
Antimon-Ionen |
385 |
610 |
2590 |
5400 |
|
Platin-Ionen |
1,03 |
1,98 |
8,6 |
13,3 |
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Pilz und Alge bilden eine Symbiose.
Begründen:
-
Pilz:
-
produziert Flechtenstoffe, die UV-Schutz sowie Schutz vor Bakterien und Pilzen bieten
-
ermöglicht die Versorgung mit Wasser und CO2
-
→ Vorteil für Alge
-
Alge:
-
betreibt Fotosynthese und stellt dadurch Assimilate bereit
-
→ Vorteil für Pilz
Beschreiben:
-
Die Tracer-Methode ist ein Verfahren, mit dem u. a. biochemische Reaktionsfolgen aufgeklärt werden können. Bei diesem Prozess werden Stoffe beispielsweise über radioaktive Isotope markiert, so dass die Wege der markierten Stoffe sowie deren Umwandlung in weitere Stoffwechselprodukte verfolgt werden können.
Erklären:
-
Markierung des Kohlenstoffatoms im Kohlenstoffdioxid, das der Flechte zur Verfügung gestellt wird
-
Nachweis der markierten Kohlenstoffatome in den durch Fotosynthese gebildeten Assimilaten der Alge
-
Überprüfen, ob sich Assimilate mit markierten Kohlenstoffatomen im Flechtenpilz nachweisen lassen
-
Da der Flechtenpilz selbst keine Assimilate bildet, muss er diese von der Flechtenalge erhalten haben.
Zusammenfassen:
-
Tag 1: tagsüber bei moderatem Wassergehalt (ca. 600 %) positive und relativ hohe Nettofotosyntheserate
-
Nachts negative Nettofotosyntheserate, relativ unabhängig vom Wassergehalt
-
Tag 2: tagsüber bei hohem Wassergehalt kaum positive Nettofotosyntheserate
Erklären:
-
Nachts Licht als limitierender Faktor → keine Fotosynthese möglich → negative Nettofotosyntheserate
-
Bei ausreichendem, aber nicht zu hohem Wassergehalt ist die CO2-Diffusion gut möglich → CO2- und Wasserversorgung sind gesichert → Flechte betreibt bei Vorhandensein von Licht Fotosynthese → positive Nettofotosyntheserate, erkennbar an Tag 1
-
Bei hohem Wassergehalt erschwerte Diffusion von CO2 → CO2-Versorgung für Fotosynthese nicht mehr gewährleistet → trotz Vorhandensein von Licht kaum positive Nettofotosyntheserate, erkennbar an Tag 2
Auswerten:
-
Untersuchte Metall-Ionen lassen sich sowohl in der Flechte als auch in der Graskultur an beiden Standorten nachweisen
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Bei beiden Organismen höhere Konzentration an Metall-Ionen in den Kulturen an der Station Nord im Vergleich zur Station Süd
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In Flechten deutlich stärkere Anreicherung der Metall-Ionen als in Süßgräsern
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Vorherrschender Südwind → höhere Anreicherung der Metall-Ionen am nördlichen Standort → Ursache der Akkumulation müssen Kfz-bedingte Schadstoffe sein
Beurteilen:
-
Standorte mit hoher Belastung: getestete Schadstoffe sind in beiden Organismen nachweisbar, ebenso relative Unterschiede der Schadstoffbelastung → beide Organismen geeignet
-
Standorte mit sehr niedriger Belastung: Flechte reichert deutlich mehr Schadstoffe an als das Süßgras → bessere Eignung der Flechte
Ableiten:
-
Die Aussagekraft dieser Langzeitstudie ist begrenzt, da u. a. nur zwei Messstellen in einem lokal sehr begrenzten Gebiet für die Untersuchung genutzt wurden. → Erweiterung um z. B. weitere Messstellen auch in Gebieten mit sehr niedriger Schadstoffbelastung