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Aufgabenstellung 2

Aufgabe:

Gegenwärtige Formen der Erinnerungskultur – geeignet für ein angemessenes Gedenken und Erinnern an den Holocaust?

  • Erörtere den Text unter der oben genannten Themenfrage, indem du die Position und Argumentation der Autorin strukturiert herausarbeitest,

  • den Prozess der Entrechtung, Verfolgung, Vertreibung und Ermordung der deutschen und europäischen Juden sowie den damit verbundenen Umgang der deutschen Gesellschaft nach 1945 erläuterst und

  • zur Themenfrage begründet Stellung nimmst.

Material

Inge Deutschkron äußerte sich im Jahr 2015 zur Verantwortung gegenüber den NS-Verbrechen in der Gegenwart.

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Das deutsche Volk jener ersten Nachkriegsjahre wurde beschützt von seinem ersten
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Kanzler, der im Parlament in einer Regierungserklärung behauptet hatte, die Mehrheit der
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Deutschen wäre Gegner der Verbrechen an den Juden gewesen. Viele von ihnen hatten
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sogar den Juden geholfen, ihren Mördern zu entkommen. Ach, wäre das doch die
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Wahrheit gewesen!
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Ich aber war wie besessen von der Idee, dass Vergleichbares nie wieder geschehen dürfe.
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Dass Menschen anderen Menschen das Recht auf Leben streitig machen könnten – ganz
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gleich welcher Hautfarbe, welcher Religion, welcher politischen Einstellung, nicht hier und nicht
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anderswo. […] Denn in wenigen Jahren wird keiner mehr von denen, die man Zeitzeugen nennt,
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die so Schreckliches erlitten haben, am Leben sein. Schon heute ist die noch verbliebene kleine
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Zahl ihres Alters wegen häufig nicht mehr bereit oder seelisch nicht fähig, über ihre furchtbaren
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Leiden während jener Jahre zu sprechen. […]
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Fragt man Überlebende nach ihrem Begreifen, stehen auch sie heute noch vor einem Rätsel, wie
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es möglich war, dass Tausende von oft bürgerlich wohlerzogenen und gebildeten Deutschen sich
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dem Morden anschlossen, als ob sie ein paar Unkräuter ausrissen. Wie aber wird es morgen sein?
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Wenn jene Menschen, die heute noch über die Gräuel der Nazi-Diktatur aufklären könnten, nicht
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mehr unter uns sind? […] Oder wird das leidvolle, wohl oft auch als leidig empfundene Thema ad
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acta gelegt werden? […] Nun aber handelt es sich bei dem Thema »Holocaust« um eine für die
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meisten Menschen unbegreifliche Materie. Und Unverstandenes bleibt lebendig […]
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Ich wiederhole meine Behauptung: Es besteht die Gefahr ähnlicher Verbrechen wie damals, als man
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Menschen sortierte, diskriminierte, quälte und schließlich ermordete. […] Und so wird die Menschheit
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von den Gefahren solcher Verbrechen erst frei sein, wenn die politischen, sozialen und
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wirtschaftlichen Hintergründe, die den Nazis oder ähnlichen Verbrechern den Weg zur Macht
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bereiteten, wirklich aufgeklärt sind. Die Aufgabe ist gestellt, uns allen.

Fundort:

Deutschkron, Inge: Was mich prägte, In: Roth, Harald [Hrsg.]: Was hat der Holocaust mit mir zu tun? 35 Antworten (Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Band 1659), Bonn 2015, S. 13–16.

Die Rechtschreibung und Zeichensetzung folgen dem Fundort.

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