Aufgabenstellung 3
Aufgabe:
Vertragsarbeiter in der DDR – integriert oder ausgegrenzt?
Interpretiere die Quelle unter der oben genannten Themenfrage, indem du
-
die Kernaussagen und Sichtweisen der interviewten Carmen Dietz strukturiert herausarbeitest,
-
sie erläuternd in den historischen Kontext von Migration von Vertragsarbeiterinnen und Vertragsarbeitern in der DDR einordnest sowie
-
zur Themenfrage begründet Stellung nimmst.
Material
Landolf Scherzer befragte 1982 Arbeiter, Parteisekretäre, Nachbarn und Freundinnen zu ihren Ansichten über ihre moçambiquanischen Kollegen und Mitarbeiter, so auch Carmen Dietz. Da viele der Äußerungen den offiziellen Solidaritätsbekundungen der DDR widersprachen, durften die Protokolle nicht veröffentlicht werden. Dies konnte erst 2002 erfolgen.
Fundort:
Scherzer, Landolf: Die Fremden. Unerwünschte Begegnungen und verbotene Protokolle. Mit einem Nachwort von Günter Wallraff, Berlin 2002, S. 111–116.
Wortlaut, einschließlich umgangssprachlicher und nach heutigen Wertvorstellungen politisch unkorrekter Sprachgebrauch, Rechtschreibung und die Zeichensetzung folgen dem Fundort.
Weiter lernen mit SchulLV-PLUS!
monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Mögliche Vorgehensweise:
-
Formale und inhaltliche Analyse der Quellen, hier:
-
Es handelt sich um eine Textquelle, die eine transkribierte Aufzeichnung eines Gesprächsprotokolls von 1982 ist. Das Gespräch wurde mit der damals 19 Jahre alten Facharbeiterin Carmen Dietz geführt. Sie arbeitet nach dreijähriger Ausbildung als Facharbeiterin für Kraftfahrzeugtechnik am Fließband im VEB Fahrzeug- und Jagdwaffenwerk >>Ernst Thälmann<< in Suhl.
-
-
Kernaussagen und Sichtweisen der Quelle, hier:
-
Eine junge Arbeiterin am Fließband in der Mopedproduktion vermittelt in einem Gesprächsprotokoll von 1982 ihre Sichtweise und Beobachtungen zur Interaktion und Kommunikation der deutschen Kollegen und Kolleginnen bezüglich der mosambikanischen Kollegen in ihrem Betrieb.
-
Die Sprecherin
-
erklärt ihre vorbehaltlose Haltung zu den in ihrem Betrieb arbeitenden Mosambikanern,
-
räumt einen über die Arbeit hinaus gehenden fehlenden Kontakt zu ihnen ein,
-
konstatiert auch einen fehlenden Willen vieler Kollegen nähere Kontakte mit den mosambikanischen Kollegen zu pflegen,
-
führt als Beispiel die ablehnende Haltung der Kollegen bezüglich der Teilnahme der Mosambikaner an einer Betriebsfeier an,
-
erläutert an Beispielen Neid und Eifersucht der deutschen Kollegen als wahre Ursache für die Ablehnung der Mosambikaner,
-
hebt die offizielle staatliche Haltung eines nicht diskriminierenden und rassistischen Umgangs mit den Mosambikanern in Form einer zu unterschreibenden Arbeitsschutzbelehrung hervor,
-
beschreibt kurz ihre Arbeitssituation einer ausgebildeten Facharbeiterin, die aufgrund eines Arbeitskräftemangels lediglich Fließbandarbeit zu leisten hat,
-
begründet mit dem Arbeitskräftemangel bis hin zu einem drohenden Produktionsstillstand auch die Notwendigkeit des Einsatzes von ausländischen Arbeitskräften,
-
bemängelt jegliche fehlende Diskussionen zu anstehenden Problemen,
-
hinterfragt aufgrund verschiedener, sehr mangelhafter und desolater Zustände im Betrieb die Möglichkeit für die Mosambikaner etwas zu lernen,
-
empört sich über die völlig unbegründete Schuldzuweisung der durch die deutschen Arbeiter verursachten Missstände gegenüber den Mosambikanern,
-
exemplifiziert am Beispiel der Beziehung einer Kollegin zu einem Mosambikaner die damit verbundenen Probleme wie die zeitliche Aufenthaltsbegrenzung der Mosambikaner sowie rassistisch begründete Diskriminierungen auch gegenüber der Kollegin,
-
schildert und bewertet diese Beziehung als eine durch Liebe geprägte,
-
kritisiert den Umstand, dass die sozialistische Brigade einerseits den Namen eines mosambikanischen Freiheitskämpfers trägt, sie aber andererseits nicht eine gemeinsame Veranstaltung mit den Mosambikanern hatten,
-
beschreibt die Ambivalenz, dass sich die Mosambikaner einerseits in den deutschen Familien wohlfühlen, andererseits viele Deutsche aber froh wären, wenn die Mosambikaner weg wären.
-
-
-
Ursachen/Gründe für Anwerbung von Arbeitskräften, hier etwa:
-
wirtschaftliche Stagnationsprozesse,
-
Verknappung von Arbeitskräften in der DDR in den 1960er-Jahren nach dem Mauerbau.
-
Offiziell wurde von Seiten der Staatsführung der DDR und ihrer Presse die berufliche Qualifikation, weltanschauliche Ausbildung sowie eine in der DDR stattfindende Persönlichkeitsentwicklung propagiert, die der wirtschaftlichen und politischen Entwicklung in den jeweiligen Heimatländern der Vertragsarbeiterinnen und Vertragsarbeiter dienlich wäre. Damit erfolgte auch eine im Kontext des Kalten Krieges vermittelte Abgrenzung zum Umgang mit den Gastarbeitern in der BRD, die nach der offiziellen DDR-Propaganda in der nationalsozialistischen Tradition der Fremdarbeiter agieren würden.
Vorgehensweise bei der Anwerbung von Arbeitskräften, hier etwa:
-
seit Mitte der 1960er-Jahre Bemühungen der DDR, ausländische Arbeitskräfte anzuwerben,
-
erste Verträge mit Polen und Ungarn,
-
ab den 1970er-Jahren Angola, Kuba, Nicaragua, Algerien, Mosambik, Vietnam,
-
bilaterale Verträge zwischen der DDR und den jeweiligen Staaten,
-
genaue zeitliche Angaben zur Aufenthaltsdauer, die meist auf fünf Jahre begrenzt war,
-
deutlicher Anstieg der Anwerbung zwischen 1985 und 1989,
-
1989: etwa 91000-94000 Vertragsarbeiter in der DDR,
Arbeitsbedingungen, hier etwa:
-
häufig Einsatz in Beschäftigungsfeldern, die von Deutschen nicht geschätzt wurden, wie z. B. Fließbandarbeit, Schichtdienst, Leicht- und Schwerindustrie, Kohlebergbau, oft veraltete Ausrüstungen,
-
eher einfache monotone, anstrengende Arbeiten,
-
in einigen Fällen Ermöglichen einer Ausbildung,
Integrationsbedingungen, hier etwa:
vertraglich festgelegte Modalitäten wie
-
restriktive und strikte Überwachungsmodalitäten und Disziplinierungsmaßnahmen,
-
Betriebszuweisungen und Betriebsgebundenheit für Aufenthaltsdauer,
-
Wohnheime,
-
beschränkte Kontakte mit Bevölkerung, Reduzierung auf eher offizielle Veranstaltungen,
-
für Frauen Rückkehr bei Schwangerschaft, keine Heiratsmöglichkeiten, kein Familiennachzug.
Das Verhältnis der DDR-Bürger zu den Vertragsarbeitern war ambivalent. Einerseits entstanden im Arbeitsprozess und Freizeitbereich durch menschliche Bindungen engere Kontakte bis hin zu partnerschaftlichen Beziehungen. Andererseits führte die überwiegend fehlende vertiefende Integration in die Mehrheitsgesellschaft der DDR zu zahlreichen Problemen. So kam es zu verbalen, auf Vorurteilen, Stereotypen und Rassismus basierenden Diskriminierungen den ausländischen Mitbürgern gegenüber, bis hin zu vereinzelten körperlichen Gewaltattacken. Dies jedoch wurde von staatlicher Seite ignoriert und negiert.
Zum Ende der 1980er-Jahre werden Ausländer in der DDR verstärkt zur Projektionsfläche von Missgunst, Neid und Wut von Teilen der DDR-Bevölkerung als Folge der sich zuspitzenden wirtschaftlichen Situation.
Im Kontext der Wiedervereinigung drängen die BRD und die DDR auf vorzeitige Vertragsauflösungen und eine Rückkehr der Vertragsarbeiterinnen und Vertragsarbeiter in ihre Heimatländer.
Abschließend sollte zur Themenfrage begründet Stellung genommen werden (relativierend/abwägend/einschränkend), hier z.B.:
-
einerseits Argumente anführen, die Aspekte gelungener Integration thematisieren wie z. B. Ermöglichung einer Ausbildung, (beschränkte) Kontakte mit der Bevölkerung,
-
andererseits Argumente anführen, die ausgrenzende Aspekte thematisieren, z. B. Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, restriktive und strikte Überwachungsmodalitäten und Disziplinierungsmaßnahmen, beschränkte Kontakte mit der Bevölkerung, u. a. Reduzierung auf eher offizielle Veranstaltungen und Leben in Wohnheimen,