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Inhaltsverzeichnis

Aufgabenstellung 3

Aufgabe:

Vertragsarbeiter in der DDR – integriert oder ausgegrenzt?

Interpretiere die Quelle unter der oben genannten Themenfrage, indem du

  • die Kernaussagen und Sichtweisen der interviewten Carmen Dietz strukturiert herausarbeitest,

  • sie erläuternd in den historischen Kontext von Migration von Vertragsarbeiterinnen und Vertragsarbeitern in der DDR einordnest sowie

  • zur Themenfrage begründet Stellung nimmst.

Material

Landolf Scherzer befragte 1982 Arbeiter, Parteisekretäre, Nachbarn und Freundinnen zu ihren Ansichten über ihre moçambiquanischen Kollegen und Mitarbeiter, so auch Carmen Dietz. Da viele der Äußerungen den offiziellen Solidaritätsbekundungen der DDR widersprachen, durften die Protokolle nicht veröffentlicht werden. Dies konnte erst 2002 erfolgen.

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Gesprächsprotokoll von 1982, Nr. 7
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Carmen Dietz, 19 Jahre, Arbeiterin am Fließband, an dem die Mopeds SR 52 montiert wurden.
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Facharbeiterin für Kraftfahrzeugtechnik. Als sie nach drei Jahren ausgelernt hatte und ans
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Band kam, wurden dort auch die Moçambiquaner eingesetzt.

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>>Ich dachte mir, das sind auch keine anderen Menschen als wir, nur, daß sie eine andere
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Hautfarbe haben. Ich kenn' sie ja nur von der Arbeit, ihr Leben am Wochenende kenne ich
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nicht. Wir haben außerhalb der Arbeit kaum Kontakt zu ihnen, und viele von unseren Leuten
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wollen das auch nicht. Beispielsweise die Brigadefeier, die erste seit sieben Jahren. Die Frage
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war: mit Moçambiquanern oder ohne! Die deutschen Kollegen wollten ohne Moçambiquaner.
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[...]
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Ich habe den Wolfgang, den Schichtleiter, angesprochen wegen der Brigadefeier. Der wollte
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auch nicht wegen der Moçambiquaner, aber hatte' ne Ausrede. Er hätte zu bauen an seinem
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Haus. Aber als wir Mädchen während der Arbeit mit den Moçambiquanern mal gelacht haben,
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spottete er sofort: >Ihr übt wohl schon für die Brigadefeier?<
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Vielleicht sind unsere deutschen Männer in der Brigade auch nur eifersüchtig, daß die
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Moçambiquaner bei der Feier mit uns schäkern und tanzen. Die sollen viel besser tanzen als
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die Deutschen. Und wenn wir Mädchen in der Arbeitspause hinten mit den Afrikanern sitzen,
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gucken manche scheel. Aber wie wir Lehrlinge waren, mußten wir bei einer
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Arbeitsschutzbelehrung unterschreiben, zu den Moçambiquanern nicht Neger zu sagen oder
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Schwarzer oder so was, es sind >unsere moçambiquanischen Arbeitskollegen<, und wir
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sollten uns gut mit se stellen. Ich rede alle mit Namen an oder mit >eh du< oder so.
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Ich bin Facharbeiter für Kfz. Eingestellt als Montagearbeiterin. Als wir Stifte waren und sind
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ans Band gekommen, haben sie uns die Arbeit einmal gezeigt – und dann mußten wir's
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können. Und nun stehen wir nur noch am Band. Dafür mußten wir drei Jahre lernen.
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Ich wollte schon mal aufhören, aber die lassen einen hinten am Band ja nicht weg, die haben
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dort zu wenig Leute. Wenn jetzt die Moçambiquaner in zwei Jahren weggehen, sehen sie alt
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aus, da steht die Mopedproduktion. Naja, da kommen dann eben Kubaner oder Vietnamesen.
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Am 25. Juni haben die Moçambiquaner ihren Nationalfeiertag, da arbeiten sie nicht, da werden
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alle Lehrlinge ans Band geschickt. Versammlungen, wo wir über diese Probleme reden, gibt
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es nicht. Wir haben immer nur Arbeitsschutz um Viertel elf in der Pause – fünf Minuten. Da
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leiert der Meister Rudi seinen Text runter. Zum Diskutieren bleibt keine Zeit. Und erst recht
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nicht mit den Moçambiquanern, mit denen würde es wegen ihrer Aussprache ja noch länger
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dauern. In der Beziehung können sie sich bei uns nur Negatives abgucken.
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Manchmal frag ich mich, was soll'n die bei uns bloß lernen? Sie werden alle paar Wochen am
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Band gewechselt, was wollen sie da lernen. Fang mal bei der Arbeitsmoral und den
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Arbeitsbedingungen hier an. Schon wenn du reinkommst in die Abteilung, denkst du, daß du
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in 'nen Saustall kommst. Wir haben schon mal zwei Tage nur aufgeräumt. Manche Arbeiter
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sagen, es liegt an die Moçambiquaner, das seien Drecksschweine. Denen könnt ich paar auf
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die Gusche pochen, das war schon ein Saustall, bevor die Schwarzen hierherkamen. Meiner
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Meinung nach liegt das alles am Leitungskollektiv und am Rudi, dem Meister. Der Rudi hat
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den Kopf wirklich voll, steht das Band, dann kriegt der Rudi alles drauf. Er hat noch vier Jahre
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bis zur Rente, der ist fertig mit de Nerven, ehrlich. Da kommt der erste Chef und nölt, und
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dann kommt der nächste Chef und nölt. Und alles kriegt der Meister drauf. So, und vom Meister
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kriegen's die Schichtleiter drauf. Und wo läßt's der Schichtleiter ab? An die deutschen
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Arbeiter. Und wo lassen's die deutschen Arbeiter ab? An die Moçambiquaner.
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Ich hab, wie gesagt, nix gegen die Moçambiquaner, sind genauso Menschen wie wir, aber da
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sind Mädchen mit ihnen verlobt, die Angela aus unserer Schicht beispielsweise. Aber die
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Moçambiquaner dürfen nicht hierbleiben, die müssen nach vier Jahren endgültig wieder
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zurück. Und was nutzt es, wenn ich mich mit einem verlob , und in vier Jahren ist alles vorbei?
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Es gehört viel Mut dazu, sich mit so einem zu verloben. Wenn Angela erzählt, wo sie am
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Wochenende waren, zum Beispiel hier oben im IKA-Klubhaus, da sind sie vollgenölt worden:
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>Negerschlampe, hast du nix Besseres gefunden als den, die sind ja sowieso blöd.< Also ich,
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ich könnt mir das net sagen lassen.
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Ich weiß ja nicht, ob das bei allen wirklich Liebe ist, bei der Angela hat's aber den Anschein.
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Bei ihm vor allem. Wir waren zu ihrem Geburtstag. Sie hatte uns zum Kaffee eingeladen. Also
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was der ihr geschenkt hatte, das kriegen wir ja zu Ostern, Weihnachten und Pfingsten nicht
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zusammen. Wenn man's zusammengerechnet hätte, wären wohl über 300 Mark
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rausgekommen. Er hat im Exquisit eingekauft: Strümpfe, 'n BH, Unterwäsche, dann im
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Ledergeschäft hat er ihr 'ne Tasche gekauft, die rote, die sie jetzt immer hat – ein
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Portemonnaie, fünf Schachteln Cabinet, Nachthemd, Schokolade und lauter so'n Zeug. Also
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ich glaube nicht, daß man soviel Geld für 'nen Menschen ausgibt, den man nicht ein bisschen
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liebhat. Vielleicht gibt's eine Möglichkeit, dass er dableiben kann, wenn sie heiraten. Aber auch
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wenn sie heiraten, ist das schwer, nicht nur für ihn, auch für sie. Viele Leute sind hier doch
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noch zu blöd, um so was zu akzeptieren. [...]
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Es steht überall, wir sind eine sozialistische Brigade. Heißen übrigens >Kacomba<, das soll
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ein moçambiquanischer Freiheitskämpfer sein, mehr weiß ich nicht. Aber wir hatten noch nicht
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eine einzige gemeinsame Veranstaltung mit den Moçambiquanern. Die meisten von uns wären
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froh, wenn die Moçambiquaner wieder weg wären. Dabei fühlen sie sich hier in den Familien
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bestimmt wohl. Bei Angelas Geburtstag saß ihr Fernando auf der Couch, die Beine hoch,
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richtig gemütlich. Ich glaube, daß ihnen so was fehlt. […]<<

Fundort:

Scherzer, Landolf: Die Fremden. Unerwünschte Begegnungen und verbotene Protokolle. Mit einem Nachwort von Günter Wallraff, Berlin 2002, S. 111–116.

Wortlaut, einschließlich umgangssprachlicher und nach heutigen Wertvorstellungen politisch unkorrekter Sprachgebrauch, Rechtschreibung und die Zeichensetzung folgen dem Fundort.

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