Aufgabenstellung 2 – Themenfeld Gesellschaft
Hinweis: Von den drei vorgelegten Aufgabenstellungen muss eine zur Bearbeitung gewählt werden.
Kann eine Reform des Bürgergeldes für mehr Gerechtigkeit und sozialen Frieden in der deutschen Gesellschaft sorgen?
Beantworte die Themenfrage, indem du
die Argumentation von Christian Lindner (M 1) und jeweils die Aussagen der Statistiken M 2, M 3 und M 4 zusammenfasst,
unter Einbeziehung des Materials das Bürgergeld als Bestandteil des deutschen Sozialsystems erläuterst und dabei auch Bezug auf Gerechtigkeitskonzepte nimmst und
aufbauend auf deinen Ausführungen begründet zur Themenfrage Stellung nimmst.
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Lindner verlangt Überarbeitung des Bürgergeldes1
[…]
Anmerkungen:
1 dpa-Meldung.
2 Christian Lindner: Bundesminister der Finanzen der Bundesrepublik Deutschland 2021 – 2024, seit 2013 Bundesvorsitzender der FDP.
Fundort:
Ohne genannten Verfasser: Lindner verlangt Überarbeitung des Bürgergeldes, 03.04.2024, online: https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/buergergeld-fdp-chef-christian-lindner-verlangt-ueberarbeitung-19627540.html (Zugriff: 12.04.2024) Die Rechtschreibung folgt dem Fundort.
Material 2
Inwiefern stimmen Sie der folgenden Aussage zum Bürgergeld (Ersatz für Hartz IV) zu: „Es sollte das
Prinzip „Fördern und Fordern' beibehalten werden.“? Ausgewertet nach Wahlabsicht – Bund

Fehler Gesamtergebnis: 2,5% | Stichprobengröße: 5.001 | Befragungszeitraum 09.09.22 - 11.09.22 | Mittelwerte Quartale
Umfrage der „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, September 2022, online: https://initiative-neue-soziale-marktwirtschaft.com/fileadmin/user_upload/Umfragen_zum_Arbeitsmarkt.pdf (Zugriff: 03.01.2025)
Material 3

Abbildung auf Grundlage der Daten aus: https://www.lpb-bw.de/regelsatz-buergergeld (Zugriff: 03.01.2025)
Der Regelsatz des Bürgergelds setzt sich aus Bedarfen verschiedener Lebensbereiche zusammen.
Material 4

* Durchschnittliche tatsächliche (BKM) bzw. anerkannte (HK) laufende Kosten lt. BA im August 2022. Hochgerechnet auf 2023 mit dem Faktor 1,05 (BKM) bzw. 1,5 (HK).
** 20 Euro je Kind
*** Bürgergeld + Erwerbstätigen-Freibetrag (E + FB) von hier 348 Euro
Hinweise:
Die Materialien (M2 – M4) wurden farblich angepasst.
Material 3 wurde um drei Fallgruppen gekürzt.
Quelle: PS-STsim2023-01 I E-FB ab Juli I Summendifferenzen sind rundungsbedingt I Stand 01.01.2023
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Argumentation von Christian Lindner und Aussagen der Statistiken M 2, M 3 und M 4:
Material 1
Der Bundesfinanzminister Christian Lindner erklärt, dass das Bürgergeld wegen Fehlentwicklungen überarbeitet werden müsse, weil zu wenig Anreize zur Arbeitsaufnahme für arbeitsfähige Bürger enthalten wären, was
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geändert werden könne bspw. durch die Änderung der Zumutbarkeitsregelungen für eine Arbeitsaufnahme, Sanktionen oder Schaffung von Arbeitsgelegenheiten;
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eine Mehrheit der Bevölkerung als ungerecht empfinde;
-
bei Korrektur der Fehlentwicklungen ein Beitrag zum sozialen Frieden sei und
-
auch von führenden Sozialdemokraten so gesehen/unterstützt werde.
Die von ihm geplanten Steuerentlastungen für die arbeitende Bevölkerung durch die Erhöhung des Grundfreibetrags und für 2025/2026 den Ausgleich der kalten Progression
-
sollen einen Inflationsausgleich bewirken, ähnlich der Erhöhung des Bürgergeldes für die nicht-arbeitende Bevölkerung;
-
werden von SPD und Grünen kritisiert, was jedoch von fehlendem Respekt gegenüber den Steuerzahlenden zeugen würde,
-
sind notwendig als Anerkennung der Leistungen der Arbeitenden.
Material 2
Balkendiagramm zu Zustimmungswerten bezogen auf die Aussage zum Bürgergeld „Es sollte das Prinzip „Fördern und Fordern“ beibehalten werden“ unter Angabe der Wahlabsicht zu den Bundestagswahlen
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Zustimmungswerte bei allen über 50 % = Bevölkerungsmehrheit;
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Unterschiede in Abhängigkeit von der Wahlabsicht/Parteienpräferenz:
-
Parteipräferenz SPD, CDU/CSU, FDP, AFD + sonstige: Zustimmungswerte von 72,1 – 86,7 %;
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Parteipräferenz Grüne, Linke: Zustimmungswerte von 51,1 % bzw. 60,6 %;
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höchste Zustimmung: FDP 86,7 % – niedrigste Zustimmung: Linke 51,1 % – höchste Ablehnung: Linke 34,1 % – niedrigste Ablehnung: FDP 4,9 %
Material 3
Kreisdiagramm der Zusammensetzung der dem Bürgergeld zu Grunde gelegten regelbedarfsgerechten Verbrauchsausgaben in absoluten (Euro) und prozentualen Werten,
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bspw. Aspekte der Sicherung der Grundbedürfnisse (Wohnen, Ernährung, Bekleidung, Hygiene) = mehr als 50 % der Ausgaben – und anderer (u. a. Transport, Freizeit, Nachrichtenübermittlung).
Material 4
Statistik (Auszug) zum Lohnabstand zwischen Bürgergeldbeziehern und Haushalten mit einem erwerbstätigen Alleinverdiener unter Einbeziehung von weiteren Sozialleistungen,
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generelle Aussage: bereits beim Arbeiten zum Mindestlohn erzielen alle Haushalte ein höheres Einkommen als Haushalte, die Bürgergeld erhalten;
-
größter Lohnabstand: alleinerziehend mit 2 Kindern; geringster Lohnabstand: Paar ohne Kinder.
Die Prüflinge setzen die Anforderungen an die formale und inhaltliche Analyse von Texten und Diagrammen um, hier:
-
Benennung von Verfasser/Urheber, Entstehungszeit und -ort, Adressat, Thema, Inhalt.
Bürgergeld als Bestandteil des deutschen Sozialsystems:
Das Bürgergeld im deutschen Sozialsystem
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Zweck und Charakter: Das Bürgergeld dient als Grundsicherung und ist kein bedingungsloses Grundeinkommen. Es setzt sich aus verschiedenen Bedarfen zusammen, wobei der Regelsatz (Stand 2024: 563 € für Alleinstehende) vor allem Grundbedürfnisse wie Nahrungsmittel (34,70 %), Wohnen/Energie (11,20 %) und Bekleidung (8,30 %) abdecken soll.
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Prinzip „Fördern und Fordern“: Das System basiert auf dem Grundsatz, Eigenverantwortung zu verlangen und gleichzeitig Unterstützung zu bieten. Eine breite gesellschaftliche Mehrheit (je nach Parteipräferenz zwischen ca. 51 % und 87 %) befürwortet die Beibehaltung dieses Prinzips.
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Anreizstruktur: Um die Arbeitsaufnahme attraktiver zu gestalten, werden Instrumente wie Erwerbstätigen-Freibeträge genutzt, damit arbeitende Aufstocker ein höheres verfügbares Einkommen haben als reine Leistungsbezieher.
Bezug zu Gerechtigkeitskonzepten:
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Leistungsgerechtigkeit: Christian Lindner kritisiert, dass das Bürgergeld von vielen als ungerecht empfunden wird, wenn der Abstand zwischen Sozialleistung und Arbeitseinkommen als zu gering wahrgenommen wird. Er mahnt an, dass auch die Leistung der arbeitenden Bevölkerung und des Mittelstands („Lastesel“) anerkannt werden muss, um die „Lust auf Leistung“ zu erhalten.
-
Bedarfsgerechtigkeit: Das Material verdeutlicht die Berücksichtigung spezifischer Lebensumstände. So erhalten Alleinerziehende oder Familien mit Kindern durch Mehrbedarfe, Kindergeld und Sofortzuschläge deutlich höhere Gesamtleistungen (z. B. 2.638 € verfügbares Einkommen für ein Paar mit zwei Kindern im Bürgergeld-Bezug), um das Existenzminimum der gesamten Bedarfsgemeinschaft zu sichern.
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Verteilungsgerechtigkeit und Lohnabstand: Ein zentraler Punkt ist das Lohnabstandsgebot. Die Daten zeigen, dass Arbeiten zum Mindestlohn stets zu einem höheren verfügbaren Einkommen führt als der reine Bürgergeld-Bezug (Lohnabstand je nach Haushaltstyp zwischen 348 € und 833 €). Lindner fordert hier Korrekturen, um den sozialen Frieden zu wahren und Fehlentwicklungen bei der Arbeitsmotivation zu verhindern.
Stellungnahme:
Auf Basis der Materialien lässt sich die Debatte um die aktuelle Ausgestaltung des Bürgergeldes in folgende Argumente unterteilen, wobei die Kernfrage lautet, ob das System in seiner jetzigen Form die Balance zwischen sozialer Absicherung und Leistungsanreizen wahrt:
Pro (Argumente für die aktuelle Regelung bzw. für das Bürgergeld)
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Sicherung des Existenzminimums: Das Bürgergeld deckt präzise definierte Bedarfe ab, wie Nahrungsmittel (195,35 €) oder Wohnkosten (47,71 € ohne Kaltmiete), um ein würdevolles Leben zu ermöglichen.
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Berücksichtigung besonderer Lebenslagen: Durch Mehrbedarfe für Alleinerziehende oder Kinder werden spezifische Belastungen anerkannt, was sich in einem deutlich höheren verfügbaren Einkommen für Familien niederschlägt.
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Wahrung des Lohnabstands: Die Daten zeigen, dass Erwerbstätigkeit zum Mindestlohn (bei 38 Std./Woche) in jedem Fall zu einem höheren Einkommen führt als der reine Leistungsbezug, wobei der Abstand je nach Haushaltstyp zwischen 348 € und 833 € liegt.
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Gesellschaftlicher Rückhalt für Grundprinzipien: Eine deutliche Mehrheit der Wähler fast aller Parteien (z. B. 77,1 % der SPD-Wähler und 86,7 % der FDP-Wähler) befürwortet das Kernprinzip „Fördern und Fordern“.
Contra (Argumente für eine Überarbeitung / Kritik)
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Mangelnde Leistungsanreize: Es besteht die Kritik, dass das Bürgergeld zu wenig Anreize zur Arbeitsaufnahme bietet, da der finanzielle Unterschied zur Erwerbstätigkeit von Teilen der Bevölkerung als zu gering empfunden wird.
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Gefahr der sozialen Ungerechtigkeit: Laut Finanzminister Lindner wird das System als ungerecht wahrgenommen, wenn die arbeitende Bevölkerung („Lastesel“) die Kosten trägt, während bei Leistungsbeziehern die Frage der Zumutbarkeit und Sanktionen aufgeweicht wird.
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Inflationsbedingte Schieflage: Während Sozialleistungen an Preisentwicklungen angepasst werden, fordert die Kritik einen gleichzeitigen Ausgleich der „kalten Progression“ bei der Einkommensteuer, damit Fachkräfte und der Mittelstand nicht benachteiligt werden.
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Fehlentwicklungen beim „sozialen Frieden“: Wenn das Gefühl entsteht, dass „Nicht-Arbeit“ fast ebenso honoriert wird wie Arbeit, gefährdet dies laut Lindner den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Arbeitsmotivation.
Fazit:
Die Stellungnahme zeigt ein Spannungsfeld zwischen der Bedarfsgerechtigkeit (Absicherung der Bedürftigen) und der Leistungsgerechtigkeit (Belohnung von Erwerbsarbeit). Während die Zahlen einen faktischen Lohnabstand belegen, zielt die politische Kritik vor allem auf die psychologische Wirkung und die wahrgenommene Fairness gegenüber Steuerzahlern ab.