Aufgabenstellung 3 – Themenfeld Internationale Politik
Hinweis: Von den drei vorgelegten Aufgabenstellungen muss eine zur Bearbeitung gewählt werden.
Wie sollten die demokratischen Staaten Europas in einem möglichen „Ost-West-Konflikt 2.0“ agieren?
Beantworte die Themenfrage, indem du
die Argumentation Ulrich Menzels strukturiert zusammenfasst,
vor dem Hintergrund des Materials demokratische und autoritäre politische Systeme vergleichst sowie Handlungsmöglichkeiten einer gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik der EU „am Beginn eines Ost-West-Konflikts 2.0“ (Z. 69) erläuterst,
diese diskutierst und dabei Menzels Forderung, die europäischen Demokratien sollten „sich auf die Behauptung der liberalen Ordnung daheim beschränken“, berücksichtigst.
Weiter lernen mit SchulLV-PLUS!
monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Warum wir die Internationalen Beziehungen neu denken müssen
von Ulrich Menzel1
1 Ulrich Menzel (*1947) ist ein deutscher Politikwissenschaftler. Von 1993 bis 2015 war er Professor für Internationale Beziehungen und Vergleichende Regierungslehre an der TU Braunschweig. 2023 erschien von ihm das Sachbuch „Wendepunkte. Am Übergang zum autoritären Jahrhundert“ (Suhrkamp).
2 Erstmals am Tag des Angriffs auf die Ukraine 2022 und anschließend mehrfach erneut, hat der russische Präsident Wladimir Putin angedroht, Atomwaffen einzusetzen.
3 Der New START-Vertrag (New Strategic Arms Reduction Treaty) ist ein bilateraler Vertrag zwischen den Vereinigten Staaten und Russland zur weiteren Reduzierung und Begrenzung strategischer Atomwaffen. Der Vertrag wurde am 8. April 2010 in Prag unterzeichnet. Am 21. Februar 2023 setzte Putin die Teilnahme Russlands am New START aus.
4 In den beiden Resolutionen der UN-Vollversammlung 2022 wurde der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine verurteilt.
5 Am 6. Januar 2021 stürmten Anhänger des damals noch amtierenden, aber bereits abgewählten US-Präsidenten Donald Trump den Sitz des Kongresses, d. h. der Legislative der Vereinigten Staaten.
6 Als „Arabischer Frühling“ wird eine Serie von Protesten, Aufständen und Revolutionen in der arabischen Welt bezeichnet, die Anfang der 2010er Jahre stattfanden.
7 Die Schia (auch Schiitentum oder Schiismus genannt) ist nach dem Sunnitentum die zweitgrößte religiöse Strömung innerhalb des Islams.
8 Xi Jinping (Jahrgang 1953) ist seit 2013 Staatspräsident der Volksrepublik China.
9 Die „Blätter für deutsche und internationale Politik“ sind eine monatlich erscheinende Fachzeitschrift mit Beiträgen zu innen- und außenpolitischen Themen.
Fundort:
Menzel, Ulrich: Warum wir die Internationalen Beziehungen neu denken müssen, in: Blätter für deutsche und internationale Politik9, Ausgabe vom September 2023, S. 67-74. Die Rechtschreibung folgt dem Fundort.
Weiter lernen mit SchulLV-PLUS!
monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Argumentation Ulrich Menzels:
Ulrich Menzel…
-
erläutert innenpolitische Auswirkungen der westlichen Wirtschaftssanktionen gegen Russland als Reaktion auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine in Deutschland: deren Rückwirkungen (Inflation, Energiekrise) wirkten sich auf die inländische Wirtschaft, den sozialen Frieden und die Mobilisierungserfolge von Populisten aus,
-
konstatiert die Rückkehr der nuklearen Abschreckung auf die politische Agenda angesichts der Drohungen Putins sowie des Endes aller entsprechenden Rüstungskontrollverträge,
-
ordnet den Krieg in der Ukraine als Stellvertreterkrieg in einem neuen Systemkonflikt zwischen liberalen westlichen Demokratien und autoritären Staaten des Ostens ein,
-
zählt neben Russland insbesondere China und den Iran zu den autoritären Staaten,
-
beschreibt die „paradoxen Konstellationen“, dass in liberalen Demokratien autoritäre und populistische Kräfte an Einfluss gewännen, während es in autoritären bzw. diktatorischen Ländern zu Protestbewegungen bzw. Widerstandshandlungen komme, was zusammen betrachtet internationalen Machtverschiebungen zusätzliche Komplexität verleihe,
-
charakterisiert die geopolitische Ausrichtung Chinas unter Xi Jinping als „neoimperialistisch“, geprägt durch erhöhte Militärausgaben aber ohne wertegeleiteten Gestaltungsanspruch, was es für andere autoritäre Staaten attraktiv mache, sich China anzunähern ohne eine innenpolitische Einflussnahme befürchten zu müssen,
-
sieht in der in ihrem Ausgang offenen Konkurrenz um die internationale Führungsrolle zwischen China und den USA eine „längere Zeit der Unsicherheit“ in den internationalen Beziehungen eingeläutet, in der sich im Fahrwasser dieser beiden Mächte eine konfrontative Konstellation – ein „Ost-West-Konflikt 2.0“ – in der internationalen Politik anbahne,
-
plädiert vor diesem Hintergrund nachdrücklich dafür, dass sich die Demokratien Europas
-
an die USA binden und sich keinesfalls als „dritter Pol“ zwischen den Kontrahenten verstehen solle,
-
auf die innenpolitische Behauptung ihrer liberalen politischen Ordnung konzentrieren, anstatt auf außenpolitische Versuche, diese Ordnung international zu verbreiten.
-
Formale und inhaltliche Analyse:
-
Benennung von Autor, Text, Entstehungszeit und -ort, Adressat, Thema
-
Kontextualisierung des Materiasl zeitlich und thematisch:
-
In seinem Aufsatz setzt sich Ulrich Menzel mit den derzeitigen Veränderungstendenzen der internationalen Beziehungen auseinander, die von ihm vor dem Hintergrund des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine (seit Februar 2022) sowie der wachsenden geopolitischen Konkurrenz zwischen den USA und Chinas beschrieben und in ihren Auswirkungen für die Demokratien Europas diskutiert werden.
-
Menzel setzt diese außenpolitischen Entwicklungen mit dem Erstarken rechtspopulistischer, antiliberaler Tendenzen in westlichen Demokratien (z. B. „postfaschistische“ Regierung in Italien unter G. Meloni, Sturm auf das Kapitol in Washington 2021) in Beziehung.
-
Vergleich demokratischer und autoritärer politischer Systeme:
|
Demokratisch |
Autoritär |
|
|---|---|---|
|
Herrschaftsfunktionen |
|
|
|
Herrschaftszugang |
|
|
|
Herrschaftsstruktur/Machtkonzentration |
|
|
|
Politische Kultur und bürgerliche Rechte |
|
|
Handlungsmöglichkeiten einer gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik der EU:
-
GASP als Hauptbereich der EU-Außenbeziehungen mit den Zielen, Werte und Interessen der EU zu wahren sowie Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte, Frieden und internationale Sicherheit zu fördern und zu festigen,
-
bestimmt von (Interessen der) EU-Mitgliedstaaten (Einstimmigkeitsprinzip),
-
zielt darauf, militärische und zivile Ansätze zur Krisenprävention und -reaktion zu integrieren,
-
Handlungsmöglichkeiten insbesondere im diplomatischen Bereich (Beschlüsse, Erklärungen); restriktive Maßnahmen auf Sanktionen fokussiert,
-
Begrenzungen der Handlungsmöglichkeiten insbesondere durch
-
divergierende Interessenlagen (z. B. Russlandnähe insb. Ungarns unter Viktor Orban, Energieabhängigkeit einzelner EU-Staaten von Russland, unterschiedliche Zielstellungen in den Beziehungen zu China),
-
limitierte militärische Handlungsoptionen (keine EU-Armee, sicherheitspolitische Integration vieler EU-Staaten in die NATO dominiert gegenüber GASP).
-
Diskussion:
-
Es sollen Handlungsoptionen der europäischen Staaten in einer sich polarisierenden Weltordnung herausgearbeitet und dabei wechselseitige Abhängigkeiten und Einflüsse innen- und außenpolitischen Agierens einbezogen werden.
-
Argumente für die eigene Urteilsfindung:
-
aktuelle innenpolitische Herausforderungen für europäische Demokratien (z. B. Extremismus, antiliberale bzw. populistische Bewegungen) auch auf außenpolitisches Agieren zurückführen (z. B. Ukraine-Unterstützung als Wahlkampfthema populistischer Parteien in zahlreichen europäischen Staaten),
-
aktuelle Handlungszwänge (insbesondere Defizite einer gemeinsamen europäischen Außenpolitik angesichts von Renationalisierungstendenzen in Europa) mindern Erfolgsaussichten, spürbare außenpolitische Gestaltungserfolge gegenüber autoritär regierten Staaten zu erzielen,
-
Fortbestehen der Abhängigkeit von US-Außenpolitik, die wiederum europäischen Interessen immer geringere Bedeutung beimisst (z. B. Isolationismus der Trump-Administration, außenpolitische Fokussierung auf asiatischen Raum) schränkt außenpolitischen Handlungsspielraum ein,
-
normative Prinzipien für politisches Handeln (z. B. Unteilbarkeit der Menschenrechte, Geltung des humanitären Völkerrechts, europäisches Engagement für eine internationale Friedensordnung z. B. auch im Taiwan-Konflikt) stellen ihrem Anspruch nach nicht allein innen-, sondern auch außenpolitische Handlungsleitlinien dar,
-
Einfluss- und Destabilisierungsversuche von Autokratien in EU-Staaten (z. B. Propaganda und gezielte Falschinformationen, Spionage, z. B. durch Russland oder China) machen deutlich, dass Eintreten für demokratische Werte in der Außenpolitik auch wichtig für innenpolitische Demokratiestabilität ist.
-
-
aufbauend auf ihren Argumenten ihre individuellen und politischen Wertmaßstäbe reflektieren und so zu einem begründeten Werturteil gelangen.