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Inhaltsverzeichnis

Teil 1: Lesen

Material

Drei Steine

Mechthild Borrmann

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Er steht an dem kleinen Kieselstrand an der Ostseite
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des Sees. Der Morgen ist kühl.
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Mitten in der Nacht war er losgefahren. Ohne
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Ziel, nur mit dem Wunsch, der Schlaflosigkeit, die
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ihn aushöhlte, etwas entgegenzusetzen. Als nach
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dreihundert Kilometern die ersten Hinweisschilder
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die Abfahrt ankündigten, verspürte er einen un-
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widerstehlichen Sog. Wie in Trance bog er von der
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Autobahn ab.
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Am gegenüberliegenden Ufer drängt sich, ein-
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geschlossen von bewaldeten Hängen, ein kleiner
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Ort mit Schieferdächern am Wasser. Nebelschwa-
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den ziehen über den See, auf dessen Grund drei
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flache Steine liegen. Der dunkelbraune, der in der
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Sonne rostrot schimmerte und genau in Markus’
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Kinderhand gepasst hatte. Der weiße, der mit sei-
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nen feinen grauen Adern an eine Flusslandschaft
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erinnerte, hatte Thomas gehört, und der pech-
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schwarze, wie eine Niere geformte, war seiner
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gewesen.
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„Königssteine“ hatten sie sie flüsternd genannt.
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Immer wieder hatten sie sie aus den Taschen ihrer
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kurzen Hosen hervorgegraben, im See gewaschen
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und an ihren T-Shirts blank gerieben.
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An jenem letzten Abend vor zwanzig Jahren
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hatten sie sich nach dem Abendessen aus dem Spei-
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sesaal geschlichen. Die Sonne lag wie eine über-
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reife Blutorange, halb verdeckt von Baumwipfeln,
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auf der anderen Seite des Sees. Die Schieferdächer
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der Ortschaft leuchteten in silbrigem Rosa.
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In den drei Wochen der Ferienfreizeit hatten sie
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unzählige Steine über das Wasser geworfen, aber
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an diesem Abend wollten sie sich mit dem Wurf der
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Königssteine ein letztes Mal messen und ihre
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Freundschaft besiegeln.
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Er warf seinen Stein zuerst. Sieben Mal. Sieben
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Mal berührte er die spiegelglatte Wasseroberfläche
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und sprang wieder in die Höhe, als zähle die Be-
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schaffenheit der Elemente und die Erdanziehungs-
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kraft nicht.
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„Sieben!“, hört er sich triumphierend mit Kin-
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derstimme rufen.
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Auch Markus’ Stein tanzte diese sieben Schrit-
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te, blitzte im roten Licht der Abendsonne auf, und
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heute scheint es ihm wie ein Zeichen, dass er an der
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gleichen Stelle unterging. Thomas warf als Letzter.
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Zwölf Sprünge!
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Sie hörten das kurze Zischen, sahen die größer
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werdenden Kreise auf der Wasseroberfläche, wenn
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der weiße Stein sie streifte. Sie meinten, die Leich-
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tigkeit zu spüren, mit der er immer wieder hoch-
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schnellte. Später waren sie nicht sicher gewesen, ob
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er überhaupt untergegangen war.
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Aber das war er wohl. Weiter zur Seemitte hin,
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mehrere Meter hinter Markus’ und seinem Stein,
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musste er liegen.
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Sprachlos standen sie nebeneinander, blickten
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ungläubig auf das stille Wasser. Dann flüsterte
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Thomas mit strahlenden Augen: „Habt ihr das ge-
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sehen? Wie Flügelschläge! Ich habe zwölf ge-
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zählt.“
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Markus schob die Lippen vor.
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„Dein Stein war ja auch leichter als unsere, das
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habe ich doch die ganze Zeit gesagt. Das war un-
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fair.“
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Die Stimmung kippte von einer Sekunde zur
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anderen.
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Auch er hatte den Neid auf den wunderbaren
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Flug des weißen Steins gespürt und Markus zuge-
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stimmt.
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„Genau. Der war viel leichter!“, sagte er.
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Ein kurzes Zucken um Thomas’ Mund, und das
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Strahlen in seinen Augen verlor sich. Sie ließen ihn
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stehen, gingen zu zweit zurück zum Haus.
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Er dreht sich um, sieht die schmale, inzwischen
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mit Brombeerbüschen zugewachsene Treppe, die
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die Böschung hinaufführt. Oben, am Ende des Auf-
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gangs, schlängelt sich ein Feldweg zu einem roten,
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dreistöckigen Backsteingebäude.
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Auf diesem Weg bestätigten sie sich gegen-
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seitig in ihrem Verdacht, waren sich einig, dass
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Thomas betrogen hatte.
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Auf dem Bogen über dem zweiflügeligen Por-
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tal, daran erinnert er sich genau, stand „Anno 1902“.
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Damals hatten sie alle drei große Mühe gehabt, die
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schwere Tür des Landschulheimes zu öffnen. Tho-
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mas war der Kleinste. Von innen konnte er sie, wenn
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er sein ganzes Gewicht dagegenstemmte, aufschie-
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ben, aber sie von außen alleine aufzuziehen, war
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ihm nie gelungen.
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Hatten sie an jenem Abend wirklich nicht daran
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gedacht? Hatten sie sich wirklich in das Sechsbett-
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zimmer geschlichen und nicht bemerkt, dass Tho-
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mas nicht nachkam?
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An die Betreuerin Marlis erinnert er sich, die
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fröhlich „Guten Morgen, heute ist Reisetag!“ rief.
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Marlis, die die schweren Vorhänge zurückzog und
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erstaunt fragte: „Wo ist denn Thomas?“
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An die plötzlichen Magenschmerzen kann er
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sich erinnern und an Markus, der im oberen Stock-
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bett lag, seinen Kopf über die Bettkante schob und
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ihn erschrocken ansah.
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Während die anderen im Haus suchten, zogen
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sie sich in aller Eile an und rannten los. Den Feld-
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weg entlang, die Treppe zum Wasser hinunter. Im-
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mer wieder riefen sie seinen Namen.
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Und dann standen sie hier an dieser Stelle, an
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der er jetzt steht. Zitternd vor Angst und Schuld sa-
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hen sie auf den See, über den der Wind gleichmä-
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ßige Wellen schob. Sie wagten es nicht, sich anzu-
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sehen, und wussten doch, dass sie beide das Gleiche
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dachten.
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Er war weinend auf die Knie gefallen. Markus
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begann erneut zu rufen, und die Panik machte seine
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Stimme hoch und schrill.
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Er streift mit seinen Schuhen über die Strand-
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kiesel, schiebt sie auseinander, sucht nach einem
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flachen Stein.
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Thomas hatte plötzlich hinter ihnen gestanden.
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Durchgefroren und müde sah er aus. „Ich habe die
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Tür nicht aufbekommen.“ Ganz ruhig, ganz ohne
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Vorwurf sagte er das, und dabei lächelte er verle-
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gen. Den Großmut und das selbstverständliche Ver-
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zeihen, das in dem schlichten Satz gelegen hatte,
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erkannte er erst Jahre später.
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Auf dem Weg zurück zum Schullandheim gin-
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gen sie nebeneinander, und er und Markus versi-
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cherten Thomas in ihrer grenzenlosen Erleichte-
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rung immer und immer wieder, dass niemand einen
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Stein so übers Wasser tanzen lassen könne wie er.
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Dass er eindeutig und mit großem Abstand gewon-
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nen habe und sein Stein kein Gramm leichter ge-
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wesen sei als die anderen beiden.
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Sie zogen gemeinsam, so wie sie es vor jenem
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Abend immer getan hatten, den schweren Türflügel
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auf.
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Er geht in die Hocke, nimmt einen grauen, fla-
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chen Stein auf und wirft ihn über das Wasser. Drei
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Mal. Er lächelt.
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Bis heute sind sie alle drei befreundet. Markus
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lebt inzwischen in München, Thomas in den USA,
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nur er ist im Ruhrgebiet geblieben. Sie schreiben
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sich regelmäßig und benutzen in ihren E-Mails,
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wenn sie sich trösten wollen oder Glück wünschen,
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immer noch ihren Kindercode.
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„Lass ihn zwölf Mal springen.“

Aus: Mechthild Borrmann: Glück hat einen langsamen Takt, Droemer TB, München 2021, S. 87–90.

Aufgabenstellung

Hinweis: Im Folgenden bezeichnet „Erzähler“ die Person, aus deren Sicht der Text erzählt wird.

1)

Nenne die passenden Antworten zu den Fragen in der Tabelle. Ein Stichpunkt pro Antwort genügt.

Fragen

Antworten

a) Welche Farbe hatte der Stein des Erzählers?

b) Wie lange liegt das Geschehene zurück, an das sich der Erzähler erinnert?

c) Wie lange dauerte die Ferienfreizeit?

d) Wo lebt der Erzähler heute?

4 P
2)

Kreuze die richtige Aussage an. Es gibt jeweils nur eine richtige Lösung.

a)

Der Ausdruck „besiegeln“ (Z. 35) bedeutet hier

bestärken.

herausfordern.

abstempeln.

beenden.

b)

Der Ausdruck „die Stimmung kippt“ (Vgl. Z. 66) bedeutet hier, dass die Stimmung

von Wut geprägt ist.

ihren Höhepunkt erreicht.

noch zu retten ist.

ins Gegenteil umschlägt.

2 P
3)
a)

Welche der folgenden Aussagen sind richtig?

Thomas

A ließ den Stein sieben Mal springen.

B hatte einen weißen Stein mit grauen Adern.

C war sehr wütend auf Markus.

D lebt heute in den USA.

Kreuze die richtige Antwort an.

Nur A und C stehen im Text.

Nur A und D stehen im Text.

Nur B und C stehen im Text.

Nur B und D stehen im Text.

2 P
b)

Welche der folgenden Aussagen sind richtig?

Markus und der Erzähler

A konnten nachts schlecht schlafen.

B waren neidisch auf Thomas’ Wurf.

C gingen abends ohne Thomas vom See zurück.

D sind nicht mehr mit Thomas befreundet.

Kreuze die richtige Antwort an.

Nur A und B stehen im Text.

Nur A und D stehen im Text.

Nur B und C stehen im Text.

Nur C und D stehen im Text.

2 P
4)

Nenne und belege drei Merkmale einer Kurzgeschichte, die dieser Text aufweist.

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5)

Das Erzählverhalten in dieser Geschichte ist personal.

Erläutere an einem Beispiel, woran man dies erkennen kann.

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2 P
6)
a)

Die Sätze in den Zeilen 36–40 enthalten eine Anapher.

Erkläre dieses Stilmittel und seine Wirkung an dieser Textstelle.

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3 P
b)

Die Textstelle „Wie Flügelschläge!“ (Z. 60) enthält einen Vergleich.

Erkläre die Bedeutung dieses Stilmittels an dieser Textstelle.

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3 P
7)
a)

Nenne vier Reaktionen von Markus und dem Erzähler, nachdem Thomas seinen Stein zwölf Mal über die Wasseroberfläche springen ließ.

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4 P
b)

Die Freunde benutzen den Satz „Lass ihn zwölf Mal springen.“ (Z. 146) als Code.

Nenne die zwei Anlässe, bei denen dieser Satz angewendet wird.

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2 P
8)

Die drei Freunde bezeichnen ihre Steine als „Königssteine“ (Z. 21).

Erkläre anhand des Textes, was damit gemeint sein könnte.

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3 P
9)
a)

Erläutere anhand des Textes zwei Reaktionen von Markus und dem Erzähler, als ihnen am nächsten Morgen klar wird, dass Thomas die Nacht nicht in seinem Bett verbracht hat.

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4 P
b)

Erkläre anhand einer Textstelle, wie der Erzähler das Verhalten der drei Freunde rückblickend beurteilt.

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3 P
10)

„Die wahre Freundschaft erkennt man daran, wie wenig sie verlangt und wie viel sie gibt.“ (Marie von Ebner-Eschenbach)

Begründe anhand einer Textstelle, inwieweit das Zitat auf Thomas zutrifft.

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3 P

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