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Teil 1: Lesen

Material

„Aber“ zerstört jede Entschuldigung

Susanne Grautmann

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Viele Entschuldigungen sind nur Rechtfertigung-
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en. Wer sich richtig entschuldigen kann, lebt
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besser. Doch das fällt vielen Menschen schwer.
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Zum Glück kann man das lernen.
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Jeder Streit mit Elena fühlte sich an, als würde die
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Welt untergehen. Sarah Guerrier habe es kaum aus-
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halten können, wenn sie und ihre beste Freundin
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nicht mehr miteinander sprachen, weil sie Krach
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hatten, erzählt sie heute. Und doch sei es ihr eine
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Zeit lang fast schon körperlich unmöglich gewesen,
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sich zu entschuldigen, so beschreibt sie ihre dama-
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lige Starre. Auch wenn sie gewusst habe, es wäre
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richtig, genau das zu tun.
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Während ihrer Schulzeit hingen die beiden
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Freundinnen fast ununterbrochen zusammen – und
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zankten sich entsprechend häufig. Weil es Elena
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aber nicht anders ging als Guerrier und sie sich auch
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nicht entschuldigen konnte, steckten die beiden
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manchmal tagelang fest in ihren Streitigkeiten.
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Eine Entschuldigung kann einen Wendepunkt
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in einem Konflikt markieren, sie kann Wunden hei-
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len und Beziehungen retten. Wer sich entschuldigt,
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sagt, deine Gefühle sind mir nicht egal, es tut mir
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leid. Die auf Konfliktlösungen spezialisierte US-
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Psychologin Karina Schumann hat dazu herausge-
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funden: Aufrichtig vorgebrachte und ernst gemein-
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te Entschuldigungen werden fast immer angenom-
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men. […]
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Sarah Guerrier und ihre Freundin Elena schaff-
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ten es, ihre Blockade durch ein geheimes Ritual zu
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lösen. Nach einem besonders heftigen Zoff verab-
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redeten die Freundinnen, dass in Zukunft bloß eine
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von beiden die flache Hand heben und die andere
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anschauen müsste, um so die Botschaft zu senden:
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„Es tut mir leid, ich kann es nur nicht sagen!“ Die
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andere müsste dann nur noch die eigene Hand he-
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ben und damit antworten: „Mir doch auch, alles
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gut!“ Fortan hatten sie ihre Streitigkeiten schnell
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beenden können, erzählt Guerrier, die heute 41 Jah-
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re alt ist und in Berlin als Führungskraft im Perso-
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nalbereich arbeitet. „Das fühlte sich an wie ein si-
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cherer Hafen, weil man wusste: Wenn ich die Hand
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hebe, ist alles wieder okay.“
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Was macht es so schwierig, eine Entschuldigung
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persönlich auszusprechen, sogar unseren engsten
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Freunden, Partnerinnen, Familienangehörigen ge-
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genüber? Sodass es manchmal Jahre braucht, bis
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man sich dazu durchringt?
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In Japan kann man sogar jemanden buchen, der
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eine Entschuldigung für einen überbringt. In New
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York hatte der Künstler Allan Bridge von 1980 bis
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zu seinem Tod im Jahr 1995 einen Telefonan-
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schluss mit Anrufbeantworter eingerichtet, auf dem
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jeder anonym ein Schuldeingeständnis hinterlassen
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konnte.
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Imke Herrmann ist Psychologin und arbeitet als
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Psychotherapeutin in München. Sie kennt zwei
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mächtige Emotionen, die eine solche Blockade aus-
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lösen können: Schuld und Scham.
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Bevor man sich entschuldigt, muss man sich
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selbst eingestehen, dass man etwas falsch gemacht
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hat. Schon dieser erste Schritt ist ungefähr so he-
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rausfordernd wie ein gestreckter Rückwärtssalto,
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denn wer sich falsch verhalten hat, verletzt damit
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häufig sein Selbstbild.
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„Besonders wenn der Fehltritt in einem Bereich
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liegt, der eng mit unserem Selbstverständnis ver-
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bunden ist, kann das richtig schmerzhaft sein“, sagt
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Herrmann. Etwa wenn man sein Kind angebrüllt
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hat. Sich einzugestehen, dass man die Beherr-
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schung verloren hat, rüttelt am eigenen Anspruch,
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ein guter Vater oder eine liebevolle Mutter zu sein.
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Niemand möchte als Versager dastehen, als unge-
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recht, egoistisch oder aufbrausend, nicht mal vor
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sich selbst. „Das sind sehr unangenehme Gefühle,
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die wir lieber vermeiden möchten“, sagt Herrmann.
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Aber erst wenn man akzeptiert, einen Fehler ge-
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macht zu haben, kann man sich bei der anderen
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[Person] entschuldigen. Damit türmt sich das nächs-
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te Hindernis auf: Wer einen Fehler zugibt, offenbart
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ein Scheitern und zeigt dem Gegenüber eine offene
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Flanke. Er wird als jemand sichtbar, der etwas
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falsch gemacht hat – das zuzulassen, kann bedroh-
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lich wirken: „Scham ist beispielsweise eine Emo-
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tion, die eigentlich mit Rückzug einhergeht“, sagt
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Herrmann. So wollen wir nicht gesehen werden.
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Wir müssen also über unseren Schatten sprin-
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gen, wenn wir unsere Fehler vor anderen ausbrei-
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ten. Gerade für Menschen, die eher unsicher sind,
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stellt das eine hohe Hürde dar. Denn damit überge-
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ben sie den anderen die Macht, über sie zu urteilen.
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Ausgerechnet in einer Situation, die ein schlechtes
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Licht auf sie wirft. Herrmann sagt, dass eine Ent-
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schuldigung viel Vertrauen brauche: „Es kann
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schließlich auch passieren, dass einem dann erst
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recht vorgehalten wird, was man alles falsch ge-
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macht hat.“
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Dazu kommt ein weiterer Grund, warum so
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manche Entschuldigung unausgesprochen bleibt:
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Viele Menschen glauben, dass sie nicht akzeptiert
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würde. Sie erleben die betroffene Person als so ver-
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letzt oder wütend, dass sie annehmen, sie hätten je-
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des Recht verspielt, um Verzeihung zu bitten.
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Herrmann ist aber überzeugt: Es ist immer einen
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Versuch wert. Denn sich zu entschuldigen, sagt sie,
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verbessere die Beziehung in jedem Fall. Auch die
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Person, die eine Entschuldigung vorbringe, fühle
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sich besser, wenn sie Verantwortung für ihr Verhal-
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ten und die Reparatur der Beziehung übernehme:
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„Im Kern sind wir alle Beziehungstiere. Wir stre-
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ben alle nach näheren und besseren Bindungen.“
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Zur Not könne man sein Bedauern auch in ei-
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nem Brief ausdrücken, manchmal genüge eine ver-
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söhnliche Geste, um das Eis zu brechen: ein Lä-
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cheln, ein Gefallen, eine Aufmerksamkeit. „Das
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hängt ganz von den Betroffenen ab, wie sie mit-
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einander umgehen und was für sie funktioniert. Ich
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würde sagen: Jeder Versuch ist besser als nichts“,
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sagt Herrmann.
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Aber wie kriegt man es so hin, dass eine Ent-
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schuldigung auch ankommt?
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Das haben im Jahr 2016 Wissenschaftler der
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Ohio State University unter der Leitung von Roy
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Lewicki untersucht. Dabei haben sie sechs Bestand-
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teile identifiziert, die eine Entschuldigung über-
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zeugend machen: Ausdruck des Bedauerns, Be-
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nennung des Fehlers, Übernahme der Verantwor-
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tung, Ausdruck von Reue, Angebot zur Wiedergut-
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machung, Bitte um Verzeihung. Je mehr dieser
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Elemente eine Entschuldigung enthält, desto bes-
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ser. Nicht alle Anforderungen müssen jedes Mal er-
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füllt sein – aber zwei sind elementar: Man muss die
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Verantwortung für den Fehltritt übernehmen und
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eine Wiedergutmachung oder Verhaltensänderung
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versprechen.
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Verantwortung zu übernehmen bedeutet, auf
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Relativierungen, Ausflüchte und Einschränkung zu
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verzichten – auch wenn es schwerfällt. „Das Wort
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,aber‘ macht jede Entschuldigung nichtig“, sagt die
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Therapeutin Imke Herrmann. „Es tut mir leid, dass
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ich laut geworden bin, aber du hast mich so provo-
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ziert“ ist keine Entschuldigung, sondern eine Recht-
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fertigung.
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Das gilt auch dann, wenn beide einen Teil der
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Verantwortung für einen Konflikt tragen. „Man
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muss keine Entschuldigung für die ganze Situation
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anbieten. Man kann präzise formulieren, wofür
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man um Verzeihung bittet. Diese Entschuldigung
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sollte aber ohne jede Einschränkung auskommen“,
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sagt Herrmann.
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Ebenso wesentlich ist, dass die Entschuldigung
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sich auf das eigene Verhalten bezieht und nicht auf
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die Reaktionen oder Gefühle von anderen. […]
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Wer es […] ernst meint, sich gern öfter ent-
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schuldigen würde, nur die Worte nicht heraus-
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bringt, kann das üben, genau wie den Kopfstand im
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Yoga oder den Überhang in der Kletterhalle: Schritt
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für Schritt. Zunächst trainiert man, sich selbst einen
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Fehler einzugestehen, ohne sich deswegen zu ver-
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achten oder als Versagerin zu fühlen. Wenn das
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sitzt, kann man sich anderen gegenüber für kleinere
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Vergehen entschuldigen, die nicht den Kern der ei-
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genen Identität berühren: „Es tut mir leid, dass ich
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dich habe warten lassen.“ Sobald das flüssig über
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die Lippen geht, wagt man sich an die größeren
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Baustellen heran.
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Besonders kompliziert wird es, wenn ein Macht-
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gefälle in einer Beziehung herrscht, etwa zwischen
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Chefin und Mitarbeiter oder auch zwischen Eltern
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und Kindern. Diejenigen, die in der Hierarchie wei-
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ter oben stehen, fürchten, ihre Autorität zu beschä-
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digen oder Respekt einzubüßen, wenn sie einen
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Patzer zugeben.
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Imke Herrmann sagt jedoch, das Gegenteil sei
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der Fall: „Einen Fehler einzugestehen und um Ver-
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zeihung zu bitten, ist keine Unterwerfungsgeste,
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sondern ein Zeichen von Größe. Wir sind alle Men-
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schen und machen alle Fehler.“ „Sorry“ ist viel-
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leicht das schwierigste, aber auch eines der wich-
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tigsten Wörter in einer Beziehung.
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Sarah Guerrier fällt es bis heute ziemlich
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schwer, sich zu entschuldigen: „Auch oder komi-
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scherweise vor allem bei meinen Liebsten“, erzählt
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sie. Ihr Mann, ein Südfranzose, wisse das. „Er zieht
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mich damit gern auf und sagt dann, ach, komm, ma
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chérie, du kannst dich einfach entschuldigen!“ Dann
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müssten sie beide schmunzeln und sie könne sich
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mit einem Lachen entschuldigen. „Er macht es mir
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zum Glück leicht.“
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Mit Elena ist sie bis heute befreundet. Die bei-
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den Frauen leben in verschiedenen Städten und se-
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hen und streiten sich nicht mehr so häufig. Aber das
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geheime Zeichen, das sie vor über 30 Jahren verab-
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redet haben, nutzen sie noch immer.

Aus: Susanne Grautmann: „Aber“ zerstört jede Entschuldigung, (abgerufen am 06. 12. 2022).

Aufgabenstellung

1)

Nenne die passenden Antworten zu den Fragen in der Tabelle. Ein Stichpunkt pro Antwort genügt.

Fragen

Antworten

a) Wie alt ist Sarah Guerrier heute?

b) Welchen Beruf hatte Allan Bridge?

c) In welcher Stadt arbeitet Imke Herrmann?

d) Woher stammt Sarah Guerriers Mann?

4 P
2)

Kreuze die richtige Aussage an. Es gibt jeweils nur eine richtige Lösung.

a)

Der Ausdruck „ein schlechtes Licht auf sie werfen“ (Vgl. Z. 92 f.) bedeutet hier

ständig im Rampenlicht stehen müssen.

immer alles negativ bewerten.

keinen guten Eindruck hinterlassen.

für keine gute Beleuchtung sorgen.

b)

Der Ausdruck „das Eis brechen“ (Vgl. Z. 114) bedeutet hier

sich in Lebensgefahr begeben.

sich über die Gefühle anderer amüsieren.

auf jemanden zugehen.

den Kontakt zu jemandem abbrechen.

2 P
3)
a)

Welche der folgenden Aussagen sind richtig?

Sarah und Elena

A nutzen einen Händedruck als Zeichen der Entschuldigung.

B sind seit über 30 Jahren befreundet.

C hatten als Kinder Schwierigkeiten, sich zu entschuldigen.

D leben in der gleichen Stadt.

Kreuze die richtige Antwort an.

Nur A und B stehen im Text..

Nur A und D stehen im Text.

Nur B und C stehen im Text.

Nur C und D stehen im Text.

2 P
b)

Welche der folgenden Aussagen sind richtig?

Eine wissenschaftliche Studie zum Thema „Entschuldigungen“

A wurde im letzten Jahrzehnt durchgeführt.

B wird derzeit in Berlin veröffentlicht.

C hat die wesentlichen Elemente des überzeugenden Entschuldigens herausgearbeitet.

D belegt, dass „Sorry“ das wichtigste und schwierigste Wort in Beziehungen ist.

Kreuze die richtige Antwort an.

Nur A und B stehen im Text.

Nur A und C stehen im Text.

Nur B und D stehen im Text.

Nur C und D stehen im Text.

2 P
4)

Nenne und belege drei Merkmale eines journalistischen Textes, die dieser Artikel aufweist.

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3 P
5)

„Wir müssen also über unseren Schatten springen, …“ (Z. 87 f.) enthält eine Metapher.

Erkläre dieses Stilmittel und seine Bedeutung an dieser Textstelle.

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3 P
6)

Nenne und belege mit Zeilenangaben drei mögliche Formen einer Entschuldigung.

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3 P
7)
a)

Arbeite anhand von zwei Textstellen heraus, welche Chancen in Entschuldigungen liegen.

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4 P
b)

Arbeite anhand von zwei Textstellen heraus, warum das Entschuldigen manchmal unmöglich erscheint.

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4 P
8)

Eine Praktikantin oder ein Praktikant verspätet sich im Praktikumsbetrieb.

Erläutere, wie in diesem Fall eine überzeugende Entschuldigung, die die Elemente der Verantwortungsübernahme und Wiedergutmachung beinhaltet, aussehen kann.

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4 P
9)

„Aber“ zerstört jede Entschuldigung.

Erkläre anhand des Textes, was der Titel bedeutet.

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3 P
10)

„Entschuldigungen können offene Wunden schließen. Die Narben in unseren Herzen aber bleiben.“ (Elvira von Ostheim)

a)

Erkläre, was mit diesem Zitat gemeint sein könnte.

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3 P
b)

Begründe deine Zustimmung oder deine Ablehnung zu diesem Zitat.

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3 P

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