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Was haben wir gelernt? Unsere Eltern nannte man Gastarbeiter, sie nannten sich selbst Gastarbeiter
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und wir, wir waren die Kinder der Gastarbeiter. Wir haben uns nicht gewundert über dieses Wort, in
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dem der Gast und der Arbeiter eins waren. Wir hätten uns wundern können, denn ja, wir sprachen
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Deutsch, das haben wir gelernt. Wir haben erst einmal richtig Deutsch gelernt. „Lern du erschdamol
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richtig Deitsch.“ Man sagte uns das unentwegt, auf Schwäbisch, also haben wir es gelernt, und heute,
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Jahre später, wo wir nicht mehr Schwäbisch sprechen, kommt uns das richtige Deitsch unserer
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Kindheit nur holprig über die Lippen.
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Niemand sagt mehr „Lern du erst einmal richtig Deutsch“ zu uns, es spricht auch keiner von
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Gastarbeitern. Wir sagen jetzt Deutsche mit Migrationsgeschichte, aber auch das wird sich bald geben.
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Immerzu suchen wir nach neuen Namen für uns, finden sie und häuten uns wieder.
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Wir haben nicht nur richtig Deutsch gelernt, wir haben auch gelernt, was richtig ist. Auch das, was
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falsch ist. Aber noch viel mehr haben wir gelernt, was zählt und was nicht zählt.
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Richtig war, Erwachsene mit „Grüß Gott“ zu grüßen und an Ostern Eier auszublasen, ein Schulranzen
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von Scout2 war richtig und Sommerferien an der Adria. „Merhaba“3 war nicht falsch, aber ein Gruß für
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eine andere Welt, für andere Menschen, ein Gruß, der nur zu Hause oder am Telefon mit Oma etwas
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Wir kauften uns einen Weihnachtsbaum und glänzende Kugeln, das Opferfest aber blieb ein Fest für
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eine Welt in unserer Welt, sichtbar für alle Augen und dennoch unsichtbar für die allermeisten. Von
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den Sommerferien bei Oma ganz zu schweigen, unsere Ferien waren keine Ferien, das war bloß ein
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Familienbesuch. Sie zählten nicht und wir beschwerten uns nicht. Wir haben Deutsch gelernt, aber
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nicht, Ansprüche zu stellen. Nicht aus Angst, wir kamen einfach nicht auf die Idee. Es war, so wie es
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war. Denn was wir am allerbesten gelernt haben, worin wir Meisterinnen sind und Meister, ist das
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Aushalten von Widersprüchen.
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Wir haben Deutsch gelernt, aber auch, dass wir nicht immer gemeint sind, wenn von „uns“ gesprochen
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wird. Dass ein Wir nicht wir, sondern „ihr nicht“ bedeuten kann. Wir haben gelernt, dass das, was und
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wie wir zu Hause sprachen und aßen und feierten, in der Schule oft nicht relevant war. Relevant war
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das, was eure Eltern euch beibrachten, was ihr zu Hause lerntet und wie ihr eure Feste begingt. Doch
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weil das, was uns die Eltern beibrachten, natürlich trotzdem galt und relevant war, verknüpften wir
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das, was etwas zählte, und das, was nicht zählte, zu einem festen Netz.
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Vor allem lernten wir, den Überblick zu behalten. Mit doppeltem Netz und doppeltem Boden lernt
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man, die Dinge zu nehmen, wie sie sind. Wir bleiben vorsichtig, aber wir können schnell sein. Wir
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haben einen guten Sinn für Ungereimtheiten, wir wissen, wann ihr wissen wollt, woher wir kommen,
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und wann ihr bloß fragt, weil ihr uns nicht dabeihaben wollt. Wir erkennen den Unterschied.
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Wir können über vieles hinwegsehen, wir können auch weghören, wir können improvisieren und
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etwas schaffen aus nichts, nämlich Sinn.
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Wir haben gelernt zu verzichten, auf Eindeutigkeit zum Beispiel. Wir brauchen keine Klarheit, wir
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können auch ohne, wir haben keine Angst vor Gegensätzen. Wir können damit leben, dass etwas
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wichtig ist, das Opferfest4 etwa, und dass es in Ordnung ist, wenn uns dieses Fest nichts bedeutet, dass
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wir es mit der Familie feiern und allen gratulieren, die es auch feiern […]. Wir können damit leben,
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dass man uns meint, wenn man von den Kindern der Gastarbeiter spricht. Wir fühlen uns sogar
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gemeint, auch wenn wir heute sagen, wir sind deutsch und den Begriff so weit fassen, wie unsere
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Arme greifen können. Wir suchen keinen Namen mehr, schon gar nicht einen perfekten. Wir sind wir
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selbst, das waren wir von Anfang an.