Vorschlag A
Thema
Jesus – Mensch und Gott?
Aufgaben
Fasse den Text von Joachim Negel zusammen. (Material)
„Da ist eine Hoheit, die nicht erdrückt, sondern erhebt, weil sie um das Abgründige des Menschen weiß, weil sie den Abgrund selber durchschritten hat. Deshalb kann Jesus Mitleid empfinden mit den Gebrochenheiten der Menschen […].“ (Material)
Setze die im Zitat Negels deutlich werdende Vorstellung von Jesus in Beziehung zu neutestamentlichen Textstellen.
„Freiheit und Dienst, menschliche Größe und göttliche Weite fallen in eins. Hier ist einer auf menschliche Weise ganz göttlich und auf göttliche Weise ganz menschlich.“ (Material)
Erkläre das historische Ringen um das Verständnis des Christusgeschehens, inwiefern Jesus Mensch und/oder Gott ist.
Überprüfe, inwiefern die im Text deutlich werdenden Vorstellungen des Verhältnisses von Jesus und Gott dem trinitarischen Gottesbild entsprechen.
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Joachim Negel: Ein Mensch schlechthin (2021)
Joachim Negel: Ein Mensch schlechthin, in: Publik-Forum online 23.07.2021, (abgerufen am 29.09.2022).
Hinweis
Joachim Negel (* 1962): deutscher römisch-katholischer Theologe, Professor für Fundamentaltheologie an der Universität Fribourg (Schweiz).
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Aufgabe 1
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Der 2021 erschienene Text Ein Mensch schlechthin des römisch-katholischen Fundamentaltheologen Joachim Negel setzt sich mit der Frage auseinander, wie in der Person Jesu Christi Göttlichkeit und Menschlichkeit zusammengehören. Negel untersucht dabei, inwiefern sich gerade in der radikalen Menschlichkeit Jesu seine göttliche Herkunft offenbart.
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Zu Beginn verweist Negel auf die Vielzahl und Spannungsfülle der im Neuen Testament überlieferten Jesusbilder. Diese seien keineswegs harmonisch oder eindimensional, sondern zeigen eine faszinierende Widersprüchlichkeit. So wird Jesus einerseits als Friedensbringer dargestellt, andererseits tritt er auch zornig und konfrontativ auf, etwa in der Tempelreinigung.
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Ebenso wird deutlich, dass Jesus Angst kennt – insbesondere im Garten Getsemani –, dass er jedoch nicht an seinem eigenen Leben festhält, sondern bereit ist, alles im Vertrauen auf Gott zu wagen. Gerade diese Bereitschaft, sich selbst loszulassen und in Freiheit dem Willen Gottes zu folgen, deutet Negel als Ausdruck höchster Größe.
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Im Zentrum von Negels Argumentation steht ein paradoxes Verhältnis: Je mehr Jesus als Mensch handelt, desto göttlicher erscheint er. Seine Autorität gründet nicht in äußerer Machtausübung, sondern in der Fähigkeit, Menschen aufzurichten. Er erhebt, weil er die Abgründe des Menschseins kennt. Seine „Hoheit“ besteht nicht in Distanz, sondern in Nähe. Er gewinnt Freiheit gerade dadurch, dass er sich ganz auf den Vater ausrichtet und sich nicht von weltlichen Machtstrukturen bestimmen lässt.
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Negel betont zudem, dass Jesus kein exklusives Sonderwissen Gottes besitzt. Vielmehr lebt er alle menschlichen Gefühle – Angst, Freude, Trauer, Erschütterung. Er muss sich in seine Sendung hineinfinden. Seine Gottesbeziehung ist nicht mechanisch oder automatisch, sondern Ausdruck einer frei gelebten Beziehung. Seine Menschlichkeit ist somit keine bloße Hülle, sondern reale historische Existenz.
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Gerade in dieser radikalen Menschlichkeit offenbart sich nach Negel Gott selbst. Die Menschlichkeit Jesu ist die geschichtliche Manifestation Gottes. Dadurch verändert sich nicht nur das Gottesverständnis, sondern auch das Menschenbild. Wenn Gott sich in einem Menschen zeigt, wird Menschlichkeit selbst zum Ort göttlicher Offenbarung. In Jesus gehören Göttlichkeit und Menschlichkeit in einzigartiger Weise zusammen.
Aufgabe 2
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Das in der Aufgabenstellung zitierte Wort Negels beschreibt eine „Hoheit, die nicht erdrückt, sondern erhebt“, weil sie „um das Abgründige des Menschen weiß“ und „den Abgrund selbst durchschritten hat“. Diese Vorstellung lässt sich vielfach mit neutestamentlichen Texten in Beziehung setzen.
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Zunächst verweist das Zitat darauf, dass Jesus das Menschliche kennt. Bereits die Geburtsgeschichte in Lk 2,7 schildert Jesus als unter einfachen und widrigen Umständen geboren. Er wächst nicht in Macht oder Privilegien auf, sondern in einer gewöhnlichen Familie. Diese Solidarität mit dem menschlichen Leben wird auch in seiner Begegnung mit Levi (Lk 5,27–32) deutlich. Jesus beurteilt Levi nicht nach dessen Beruf als Zöllner, sondern ruft ihn in die Nachfolge. Er sieht das Potenzial zur Umkehr. Ähnlich verhält es sich bei Zachäus (Lk 19,1–10), dessen Leben sich durch die Begegnung mit Jesus grundlegend wandelt.
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Das Motiv des Mitleids mit den Gebrochenen ist ein zentrales Element neutestamentlicher Überlieferung. In Mk 2,1–12 heilt Jesus einen Gelähmten und vergibt ihm zuvor die Sünden. Die Heilung ist Ausdruck seiner Anteilnahme am Leid. In Mt 8,1–4 wendet er sich einem Aussätzigen zu und durchbricht soziale und kultische Grenzen. Besonders eindrücklich zeigt sich seine Empathie in Joh 11,17–44 bei der Auferweckung des Lazarus. Dort heißt es, Jesus sei „innerlich erschüttert“ und er „weinte“. Seine Hoheit schließt seine Emotionalität nicht aus.
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Auch die Perikope von der Ehebrecherin (Joh 8,1–11) verdeutlicht die im Zitat beschriebene Autorität. Jesus rettet die Frau nicht durch Macht, sondern durch eine entlarvende Frage: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein.“ Seine Autorität erhebt, statt zu verurteilen.
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Das „Durchschreiten des Abgrunds“ findet seinen Höhepunkt im Leiden und Sterben Jesu. In den Passionsgeschichten wird Jesus als der dargestellt, der Angst kennt (Mk 14,33–36), Verlassenheit erfährt („Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Mk 15,34) und dennoch im Vertrauen bleibt. Durch Kreuz und Auferstehung wird das Leiden nicht verdrängt, sondern überwunden.
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Auch das Motiv der Erhebung findet sich im Neuen Testament vielfach. In Lk 13,10–17 richtet Jesus eine gekrümmte Frau auf – buchstäblich und symbolisch. Im Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk 15,11–32) wird der Heimkehrende vom Vater wieder als Sohn eingesetzt. Hoheit zeigt sich hier als Wiederherstellung von Würde.
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Negels Vorstellung Jesu als einer Hoheit, die aus göttlicher Autorität heraus erhebt, entspricht somit in zentralen Punkten der neutestamentlichen Darstellung.
Aufgabe 3
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Die Frage, ob Jesus Mensch und/oder Gott ist, gehört zu den zentralen christologischen Kontroversen der Kirchengeschichte. Bereits im Neuen Testament finden sich Hoheitstitel, die auf Jesu besondere Stellung verweisen: „Sohn Gottes“ (Mt 3,17), „Messias“ (Mt 16,16), „Logos“ (Joh 1,1). Diese Titel bringen seine göttliche Sendung zum Ausdruck, ohne jedoch die philosophische Frage seiner Natur abschließend zu klären.
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Im 4. Jahrhundert entbrannte der sogenannte Arianische Streit. Arius vertrat die Auffassung, der Sohn sei ein geschaffenes Wesen und dem Vater untergeordnet. Dem widersprach das Erste Konzil von Nicäa (325 n. Chr.), das festlegte, der Sohn sei „wesensgleich“ (homoousios) mit dem Vater – „wahrer Gott vom wahren Gott“.
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Im 5. Jahrhundert kam es zu weiteren Auseinandersetzungen über das Verhältnis der beiden Naturen Christi. Während der Monophysitismus die göttliche Natur betonte und die menschliche absorbiert sah, formulierte das Konzil von Chalzedon (451 n. Chr.) die Lehre von der hypostatischen Union: Christus ist „wahrer Gott und wahrer Mensch“, in zwei Naturen „unvermischt und ungetrennt“.
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Diese Formel versucht, sowohl die volle Göttlichkeit als auch die volle Menschlichkeit Jesu zu bewahren. Menschliche Freiheit und göttliche Sendung fallen in ihm zusammen. Das historische Ringen zeigt, wie ernst die Kirche die Frage nahm, das Christusgeschehen angemessen zu verstehen.
Aufgabe 4
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Negels Überlegungen berühren zentrale Aspekte des trinitarischen Gottesbildes, auch wenn er dieses nicht explizit entfaltet. Er beschreibt Jesus als das personhafte Entgegenkommen Gottes. Dies entspricht der trinitarischen Vorstellung, dass Gott im Sohn in die Geschichte eintritt.
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Wenn Negel betont, dass Jesu Hoheit gerade in seiner Menschlichkeit sichtbar wird, so entspricht dies der trinitarischen Logik der Inkarnation: Der Sohn bleibt in Einheit mit dem Vater und wird zugleich Mensch. Die Beziehung zwischen Jesus und Gott ist keine äußerliche, sondern eine personale Bezogenheit.
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Zwar spricht Negel nicht ausdrücklich vom Heiligen Geist, doch implizit wird eine Beziehungsdynamik sichtbar. Jesus lebt aus der Beziehung zum Vater, und gerade diese Beziehung macht ihn frei für andere.
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Damit werden Grundgedanken der Trinität – Einheit in Differenz, personale Beziehung, Liebe als göttliche Wesensbestimmung – aufgenommen.
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Negels Darstellung steht somit in Einklang mit dem trinitarischen Gottesbild, insofern sie das Verhältnis von Vater und Sohn als personale, lebendige Beziehung versteht und die Menschlichkeit Jesu als Offenbarungsort Gottes deutet.