Vorschlag B
Thema
Neue Gottesvorstellungen
Aufgaben
Fasse die Kernaussagen der Predigt „Einführung in die Osternacht“ von Franz Langstein zusammen. (Material)
„Karfreitag war vor allem eine Gotteskrise.“ (Material)
Erkläre diese Aussage vor dem Hintergrund der Bedeutung von Jesu Tod und Auferstehung.
„Alte Gottesvorstellungen sind […] zusammengebrochen […]. Wir hatten sicherlich so etwas mit dem Aufkommen des naturwissenschaftlichen Zeitalters.“ (Material)
Stelle die Religionskritik Friedrich Nietzsches dar.
Überprüfe, inwiefern die Gedanken Franz Langsteins als eine Entgegnung auf die Religionskritik Nietzsches verstanden werden könnten.
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Franz Langstein: Einführung in die Osternacht, (abgerufen am 30.09.2022).
Hinweise
Franz Langstein (*1959): römisch-katholischer Theologe, Pfarrer in Marburg, Gemeinde St. Johannes Evangelist.
Die Rechtschreibung, Zeichensetzung und Grammatik entsprechen der Textvorlage.
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In dem vorliegenden Ausschnitt aus seiner Predigt zur Osternacht 2022 thematisiert der Pfarrer Franz Langstein – mit klarem Bezug auf das Karfreitagsereignis – die Chance, dass nach dem Zerbrechen, ja sogar nach dem Verlust einer Gottesvorstellung ein neues, tragfähigeres Gottesverständnis entstehen kann. In seiner Predigt geht es somit nicht nur um die liturgische Deutung von Karfreitag und Ostern, sondern um einen grundlegenden Zugang zu Glaube und Gottesbild in Krisenzeiten.
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Langstein beginnt, indem er den Bogen von Palmsonntag bis Karfreitag spannt. Er nimmt die Hoffnungen und Sehnsüchte in den Blick, die Menschen – damals wie heute – mit Jesus verbinden: Erwartungen an Erfüllung, Rettung, gelingendes Leben, Frieden. Gerade Palmsonntag steht dafür, dass Menschen ihre Hoffnung auf Jesus projizieren und an eine Art unmittelbare Wende glauben. Umso härter wirkt dann der Bruch am Karfreitag: Die Kreuzigung Jesu beschreibt Langstein als ein einschneidendes Krisenereignis, das er zugespitzt als „Gotteskrise“ bezeichnet. Damit meint er, dass nicht nur ein Mensch stirbt, sondern dass die Hoffnung selbst ins Wanken gerät: Der Beistand Gottes scheint fraglich zu werden.
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An diese Deutung knüpft Langstein eine philosophisch-theologische Perspektive an, indem er die Frage des Philosophen Richard Kearney aufgreift: Wie ist eine Rückkehr zu Gott möglich in Zeiten des Anatheismus – also in Zeiten, in denen Gott keine Rolle mehr spielt und jede Gottesvorstellung fremd oder unbekannt geworden ist? Langstein behauptet, dass ein solcher Zusammenbruch bestehender Gottesvorstellungen keineswegs ein einmaliger Sonderfall sei, sondern in der Geschichte von Religionen immer wieder vorkomme. Er nennt dafür mehrere Beispiele: Erstens verweist er auf das naturwissenschaftliche Zeitalter, das Gottesvorstellungen herausfordert, indem traditionelle Deutungen von Welt und Handeln Gottes in Frage gestellt werden. Zweitens nennt er den Glauben an einen guten Gott nach den Erfahrungen des Holocaust als extreme Belastungsprobe: Die Frage, wie man nach Auschwitz noch an einen guten Gott glauben könne, zeigt, wie stark Gottesbilder zerbrechen können. Drittens führt er die individuelle Biografie an: Auch im Leben einzelner Menschen kommt es zum Abstreifen des Kinderglaubens, also zur Ablösung von frühen, oft sehr bildhaften und einfachen Vorstellungen, die später nicht mehr tragen.
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Aus diesen Beobachtungen entwickelt Langstein seine zentrale These: Gerade nach dem Zerbrechen von Gottesvorstellungen kann ein neues, „viel tragfähiger[es]“ Gottesverständnis entstehen (Material). Er überträgt diese Logik ausdrücklich auf das Karfreitagsgeschehen. Auch die Kreuzigung Jesu könne – so Langstein – eine solche Erfahrung ermöglichen: Der Zusammenbruch der Erwartung und der bisherigen Gottesvorstellung müsse nicht nur negativ sein. Aus dem erlebten Bruch könne vielmehr Positives erwachsen, weil die Krise eine neue Annäherung an den Glauben eröffnet. Denn der Glaube ist dann nicht mehr durch verfestigte Bilder blockiert oder „verschlossen“, sondern wird offener und ehrlicher. Langstein macht dabei deutlich, dass Gott – anders als Menschen es vielleicht erwarten – kein irdisches Glück und keinen Frieden garantiert. Aber Gott ist in seinem Mitleiden mit den Menschen verbunden: Er ist nicht der ferne, unberührte Herrscher, sondern der Gott, der sich in das Leid hineinbegibt.
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Abschließend deutet Langstein sogar die breite Säkularisierung der Gegenwart nicht nur als Verlustgeschichte. Er versucht, ihr auf Grundlage seiner These etwas Positives abzugewinnen: Gerade in einer Zeit, in der Gott bedeutungslos oder gar vergessen scheint, kann sich eine neue Möglichkeit eröffnen, dass Gott sich zeigt, wie er ist – als Gnade und Rettung. Damit wird die „Gottesnacht“ (Material) nicht nur als Dunkel, sondern auch als möglicher Übergang verstanden: als Raum, in dem alte Bilder sterben und neues Vertrauen wachsen kann.
Aufgabe 2
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Wenn Franz Langstein das Karfreitagsgeschehen als „Gotteskrise“ bezeichnet, meint er damit eine Erschütterung, die tiefer reicht als Trauer um einen Menschen. Karfreitag stellt die Frage nach Gott selbst radikal: Wer ist Gott, wenn der vermeintliche Gesandte Gottes am Kreuz stirbt? Wo ist Gott, wenn Hoffnung scheitert?
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Zunächst ist Karfreitag für die Jüngerinnen und Jünger eine massive Enttäuschung. Der, den sie für den Messias gehalten haben, stirbt qualvoll und zudem wie ein Verbrecher. Gerade das ist entscheidend: Der Messias war in vielen Erwartungen mit Rettung, Macht, Durchsetzung, ja mit Gottes sichtbarer Intervention verbunden. Der Kreuzestod Jesu wirkt demgegenüber wie das Gegenteil: Scheitern, Ohnmacht, Schande. Deshalb fühlen sich die Jünger nicht nur verlassen, sondern in ihrem Gottesvertrauen erschüttert. Diese Verzweiflung zeigt sich auch darin, dass sie nach Verhaftung und Kreuzigung fliehen, Jerusalem verlassen und sich zurückziehen. Das Verhalten der Jünger macht plausibel, warum Langstein von einer Krise der Gottesvorstellung spricht.
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Hinzu kommt die Perspektive des Volkes, das den gekreuzigten Jesus verspottet. Die Verhöhnung als „König der Juden“ – sichtbar in der Kreuzesinschrift INRI und in der Dornenkrone – zeigt: Jesus wird öffentlich lächerlich gemacht, seine Sendung wird entwertet. Vor allem stellt sich aber die spöttische Frage: Wenn Jesus nicht einmal sich selbst rettet, wie kann er dann in Gottes Vollmacht andere retten? Gerade diese Unlogik verschärft die Gotteskrise: Ein Gott, der seinen Gesandten nicht schützt, scheint kein starker Gott zu sein. Dass Jesus dieses Leid nicht beendet, sondern annimmt, ist theologisch gerade Ausdruck seiner Sendung – aber genau das wird zunächst nicht verstanden. Damit berührt Karfreitag eine Grundfrage: Das Gottesbild eines starken, allmächtigen Gottes gerät in die Krise. In diesem Sinn ist der Tod Jesu am Kreuz „im Grunde die Krise aller Gottesbilder“. Karfreitag zwingt dazu, Gott neu zu denken: nicht als Garant für Erfolg, sondern als Gott, der sich in die Abgründe menschlichen Leidens hineinbegibt.
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Auch Jesus selbst erlebt – existenziell – eine Gotteskrise. Sein Wort in Mk 15,34 („Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“) kann zwar als Schrei der Verzweiflung gelesen werden. Gleichzeitig ist es als Zitat von Ps 22 deutbar und kann damit gerade auch Ausdruck eines letzten Vertrauens sein: selbst in der Dunkelheit hält Jesus an der Beziehung zu Gott fest. In jedem Fall aber wird die Erniedrigung Jesu ernstgenommen. Langstein betont: Gott leidet mit ihm – Gott ist selbst „in der Krise“.
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Entscheidend ist dann, dass auf die Erfahrung des grausamen und schändlichen Kreuzestodes die Erfahrung der Auferstehung folgt. Die Auferstehung begründet die Hoffnung, dass der Tod nicht das Ende ist, sondern der Anfang eines neuen Lebens im Reich Gottes. Den Jüngern erscheint der auferstandene Jesus, und sie bezeugen dies in einer Zeit, in der ein Auferstehungsglaube keineswegs selbstverständlich war. Gerade diese Erfahrung verändert rückblickend die Deutung des Kreuzes.
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Aus dieser österlichen Perspektive entsteht ein erneuertes Gottesbild: Gott wird aus Liebe zu den Menschen selbst Mensch, nimmt „alle Schrecken des Menschen auf sich genommen hat und an sich genommen hat“ (Material) und gibt sich in Jesus hin. Gott ist „zu jeder Zeit [ihres] Lebens“ (Material) bei den Menschen. So erwächst aus dem Karfreitag als „Gotteskrise“ (Material) nicht nur eine neue Hoffnung über den Tod hinaus, sondern auch eine Kraft, die das Leben vor dem Tod verändert.
Aufgabe 3.1
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Friedrich Nietzsche zählt zu den bedeutendsten Religionskritikern der Moderne. Seine Kritik setzt nicht nur bei einzelnen kirchlichen Missständen an, sondern zielt auf die Grundlagen des Gottesglaubens und der christlichen Moral. Zentral ist bei Nietzsche die Diagnose vom „Tod Gottes“. Damit meint er nicht ein biologisches Ereignis, sondern den kulturellen und geistigen Zusammenbruch des Gottesglaubens in der Moderne: Gott sei eine menschliche Erfindung, die im Licht der Naturwissenschaften und der Geschichtswissenschaften überflüssig geworden sei. In dieser Perspektive ist Gott nicht die Wahrheit über die Welt, sondern ein Produkt menschlicher Bedürfnisse.
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Mit dem „Tod Gottes“ verbindet Nietzsche weitreichende Konsequenzen. Wenn Gott als letzte Instanz wegfällt, zerbrechen auch die traditionellen Begründungen von Weltordnung, Wahrheit und Moral. Nietzsche beschreibt dies als Nihilismus: Eine objektive Letztverbindlichkeit gebe es nicht mehr; Kategorien wie „Gut und Böse“ seien nicht gottgegeben, sondern gemacht.
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Nietzsches Kritik richtet sich besonders gegen das Christentum und vor allem gegen die Kirche seiner Zeit. Er lehnt die christliche Moral ab und bezeichnet sie als „Sklavenmoral“. Gemeint ist damit eine Moral, die Schwäche idealisiert, Leid verherrlicht und den Menschen in seiner Entfaltung einschränkt. Die Kirche verherrliche das Jenseits, lenke die Menschen vom Diesseits ab und sichere dadurch vor allem ihre eigene Macht. Religion sei lebensfeindlich, weil sie den Menschen von seiner „wahren Natur“ und seinem „Willen zur Macht“ ablenke.
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Daraus ergibt sich bei Nietzsche eine radikale Forderung: Der Mensch müsse sich von dieser Moral befreien und Gott „beseitigen“. Nur dann könne er sich frei entfalten und seinen eigenen Willen an die Stelle Gottes setzen. Nietzsche denkt Moral grundsätzlich als menschliches Konstrukt, das besonders von den „von der Natur Benachteiligten“ genutzt werde, um die Stärkeren zu binden: Den Starken werde eingeredet, sie müssten Rücksicht nehmen und sich begrenzen. Nietzsche wendet sich daher auch gegen die christliche Ethik des Mitleids und der Nächstenliebe, weil er sie als Strategie der Schwachen interpretiert.
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Sein Gegenideal ist der Übermensch. Der Übermensch verzweifelt nicht am „Tod Gottes“, sondern versteht ihn als Befreiung. Er löst sich von religiösen Dogmen und von der christlichen Moral und schafft sich eine eigene Wertordnung. Der Übermensch ist für Nietzsche ein selbstbestimmter Typus, der seinen Machtwillen und seine Individualität in einem Prozess der Selbstvervollkommnung verwirklicht.
Aufgabe 3.2
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Ein erster Anknüpfungspunkt ist das der Aufgabe vorangestellte Zitat über den Zusammenbruch von Gottesvorstellungen mit dem Aufkommen des naturwissenschaftlichen Zeitalters. Das ist tatsächlich auch ein Ausgangspunkt bei Nietzsche: Er sieht Gott als überflüssig geworden, weil wissenschaftliche und historische Erkenntnisse die religiöse Welterklärung ersetzen. Nietzsche folgert daraus die Nutzlosigkeit des Gottesglaubens und den „Tod Gottes“. Langstein zieht jedoch eine gegenteilige Konsequenz. Für ihn bedeutet der Zusammenbruch traditioneller Gottesbilder nicht das Ende des Glaubens, sondern eine Wandlungsbewegung: Der Glaube kann sich gerade durch den Bruch verändern und zu „neuen[,] viel tragfähiger[en]“ Gottesvorstellungen (Material) gelangen.
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Langstein nennt außerdem Auschwitz als Beispiel. Dieses Ereignis liegt historisch nach Nietzsches Tod, weshalb man nicht seriös über Nietzsches konkrete Reaktion spekulieren kann. Trotzdem ist das Beispiel in der Argumentation wichtig: Langstein zeigt, dass selbst nach extremen Erfahrungen unvorstellbarer Grausamkeit Gottesglaube nicht zwangsläufig verschwindet. Für manche führt Auschwitz tatsächlich zur Negation des Glaubens; für andere wird es paradoxerweise ein Punkt, an dem „man nur auf Neues hoffen kann“ (Material), weil der Glaube ihnen geholfen hat. Damit wird Nietzsches Behauptung, Religion werde in der Moderne schlicht obsolet, zumindest problematisiert.
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Ein weiteres Beispiel ist das Abstreifen des Kinderglaubens. Nietzsche könnte dieses Motiv als Bestätigung lesen: Wenn ein Kind entdeckt, dass es Nikolaus oder Osterhasen nicht gibt, könnte daraus folgen, dass religiöse Vorstellungen insgesamt als Illusion entlarvt und als überflüssig verworfen werden. Langstein argumentiert jedoch anders: Kindliche Gottesbilder müssen überwunden werden, aber gerade dadurch kann ein neuer Zugang entstehen.
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In Bezug auf Karfreitag spricht Langstein von einer „Gotteskrise“ (Material). Diese Krise hängt, wie in Aufgabe 2 entfaltet, damit zusammen, dass Gott am Kreuz nicht als der allmächtige, starke Gott erscheint. Genau hier wird die Beziehung zu Nietzsche ambivalent: Denn Nietzsche kritisiert gerade die christliche Ethik des Mitleids und jede „Schwäche“. Ein Bild eines mitleidenden, leidenden Gottes wäre für Nietzsche vermutlich kein Gegenargument, sondern würde seine Kritik sogar verstärken: Er könnte sagen, das Christentum erhebe Schwäche zum Ideal. Insofern kann Langsteins Betonung des mitleidenden Gottes nicht einfach als direkte Widerlegung gelten.
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Langstein betont, dass der Mensch „zu jeder Zeit seines Lebens“ (Material) mit Gott verbunden sein kann – also nicht erst im Jenseits, sondern gerade im Diesseits und im konkreten Leben, auch im Leid. Nietzsche wirft der Kirche seiner Zeit eine Jenseitsfokussierung vor, die Menschen kleinhalte. An dieser Stelle kann man differenziert argumentieren: Historisch stimmt es, dass es Jenseitsvertröstung in der Kirchengeschichte gab und dass Religion zur Stabilisierung von Macht missbraucht werden konnte. Langsteins Predigt zielt jedoch auf eine andere Gestalt des Glaubens: nicht festhalten an Missständen, sondern Hoffnung und Stärkung, die Menschen im Leben tragen und in Handeln übersetzen können. Daraus lässt sich herausarbeiten, dass christlicher Glaube „eigentlich“ nicht die Weltveränderung blockieren muss, sondern im Gegenteil zu einer gerechteren Welt beitragen kann, in der das Reich Gottes bereits angebrochen ist (präsentische Eschatologie).
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Schließlich greift Langstein den Begriff des Anatheismus und die Idee einer „Gottesnacht“ (Material) auf und behauptet, dass gerade in gottloser Zeit ein neuer Zugang zu Gott möglich ist. Nietzsche dagegen sieht nach dem „Tod Gottes“ keine Rückkehr mehr: Der Mensch solle selbst „wie Gott“ werden (Übermensch), nicht zu Gott zurückfinden. Wenn Langsteins These stimmt, dann ließe sich dies Nietzsches Konzept als eine Art „Gegenbeweis“ entgegenhalten: Obwohl Gott als Welterklärung heute nicht nötig ist und viele Menschen keinerlei Berührungspunkte zu Religion haben, verschwindet Religion nicht vollständig; vielmehr finden Menschen weiterhin zum Glauben oder zu neuen Formen religiöser Sinnsuche.