Vorschlag C
Thema
Gutes Handeln – den Nächsten im Blick?
Aufgaben
Fasse den Inhalt des vorliegenden Romanauszugs von John Ironmonger zusammen. (Material)
Setze die Speisung der Bewohner von Treadangle in Beziehung zu Wundern Jesu sowie darüber hinausgehend zu seinem Handeln und seinem Reden.
Joe Haak stellt fest: „Peter Shaunessy, du bist ein guter Mann.“ (Material)
Beurteile das Verhalten von Peter Shaunessy gegenüber den beiden Bewohnern von Treadangle aus der Perspektive utilitaristischer Ethik.
Weiter lernen mit SchulLV-PLUS!
monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?John Ironmonger: Der Wal und das Ende der Welt (2015)
Joe Haak prognostiziert als Computeranalyst eine besonders aggressive Grippe, die zu einer
Pandemie führen soll. Zunächst scheint dies nicht einzutreten und Joe stürzt sich aus Verzweiflung
über das Versagen seines Programms und die Konsequenzen für die Firma und deren Mitarbeiter ins
Meer. Ein Wal rettet ihn und bringt ihn zum Ufer des kleinen Fischerdorfs St. Piran. Joe wird von den
Dorfbewohnern gepflegt und verwendet sein gesamtes Vermögen zum Kauf von Nahrungsmitteln, um
für die Krise vorzusorgen. Seine Prognose trifft schließlich tatsächlich ein. Es gibt in der Folge eine
Wirtschaftskrise und die Lebensmittel werden knapp. Viele Menschen sterben. Das Dorf lebt indessen
autark und ist isoliert vor dem Virus geschützt. Durch die Nahrungsmittelvorräte und die Fischerei
muss niemand Hunger leiden. Dann wird der Wal, der Joe gerettet hat, tot an den Strand gespült.
John Ironmonger: Der Wal und das Ende der Welt, Frankfurt am Main 14. Aufl. 2021, S. 393–419.
Hinweise
John Ironmonger (*1954): britischer Schriftsteller
Der Roman erschien 2015 im englischen Original.
Weiter lernen mit SchulLV-PLUS!
monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Aufgabe 1
-
Der vorliegende Textauszug aus dem Jahr 2015 stammt aus dem Roman Der Wal und das Ende der Welt von John Ironmonger. Der Roman thematisiert das Verhalten von Menschen in der Extremsituation einer Pandemie. Im Auszug wird geschildert, wie Joe Haak und die Bewohner des Dorfes St. Piran einen gestrandeten Wal nutzen, um den hungernden Menschen aus dem Nachbardorf Treadangle ein Festmahl zu ermöglichen.
-
Zu Beginn wird ein toter Wal am Strand gefunden. Joe erkennt ihn als jenes Tier wieder, das ihn zuvor aus dem Meer gerettet hatte. Damals hatte er gemeinsam mit den Dorfbewohnern geholfen, den Wal zurück ins Meer zu bringen. Aufgrund dieser persönlichen Verbindung empfindet Joe Trauer über dessen Tod. Dennoch wird im Dorf rasch der Vorschlag gemacht, den Wal auszuschlachten.
-
Auf dem Weg, um Unterstützung für die Bergung zu organisieren, begegnet Joe dem Fischer Peter Shaunessy. Er beobachtet, wie Peter einem verängstigten Paar ein Päckchen überreicht. Es stellt sich heraus, dass die beiden aus dem benachbarten Treadangle stammen, wo infolge der Pandemie akuter Nahrungsmangel herrscht. Aus Hunger essen sie den geschenkten Fisch sofort roh. Joe wird durch diese Szene das Ausmaß der Not bewusst. Gleichzeitig ist bekannt, dass St. Piran nicht unter Hunger leidet, da Joe frühzeitig ausreichende Vorräte für sein Dorf organisiert hatte. Peter wirkt verunsichert, da er befürchtet, sein Handeln könne von den Dorfbewohnern missbilligt werden, weil Nahrung als knappes Gut gilt. Joe jedoch lobt ihn ausdrücklich und bezeichnet ihn als „guten Mann“.
-
Diese Begegnung bringt Joe auf eine weiterführende Idee: Er lädt alle Menschen aus Treadangle zu einem Festmahl ein, das aus dem Fleisch des Wals zubereitet werden soll. Das Paar reagiert zunächst misstrauisch und bietet an, für das Essen zu arbeiten, da es eine Einladung ohne Gegenleistung kaum glauben kann.
-
Dennoch organisieren Joe und zahlreiche Dorfbewohner das Mahl. Am Weihnachtstag kommen die Menschen aus Treadangle nach St. Piran und werden satt; es ist genügend Nahrung für alle vorhanden. Am Ende wird das Ereignis mit der biblischen Speisung der Fünftausend verglichen, und ein Mann aus Treadangle bezeichnet das Geschehen als „Wunder“.
Aufgabe 2
-
Im Text wird ausdrücklich ein Bezug zur „Speisung der Fünftausend“ hergestellt. Dieses biblische Wunder gehört zu den sogenannten Natur- bzw. Geschenkwundern. In allen Evangelien wird erzählt, dass Jesus wenige vorhandene Speisen (fünf Brote und zwei Fische) segnet und durch die Verteilung an eine große Menschenmenge tausende satt werden, wobei am Ende sogar Reste übrig bleiben. Die Darstellung übersteigt die empirische Realität und wird deshalb als Wunder wahrgenommen.
-
Entscheidend ist dabei nicht nur die Sättigung, sondern die Zeichenfunktion: Jesu Wunder sind Ausdruck des Heilswillens Gottes und Zeichen für das anbrechende Reich Gottes („schon“ und „noch nicht“).
-
Vergleicht man dies mit der Speisung der Menschen aus Treadangle, zeigen sich Parallelen: In beiden Fällen wird einer großen Gruppe in einer konkreten Hungersituation geholfen. Die Initiative geht jeweils von den Helfenden aus (Jesus bzw. Joe und die Dorfbewohner). Zudem entsteht Gemeinschaft, und anfängliches Misstrauen oder Zweifel (z.B. beim Paar aus Treadangle) wandeln sich in Vertrauen.
-
Gleichzeitig bestehen deutliche Unterschiede. Das Anschwemmen eines toten Wals ist zwar außergewöhnlich, aber naturgesetzlich erklärbar und kein Wunder im biblischen Sinn. Das „Wunderhafte“ besteht hier weniger in einer übernatürlichen Speisenvermehrung als im solidarischen Handeln der Menschen von St. Piran.
-
Zudem fehlt der explizite Bezug auf göttliches Heilshandeln. Zwar findet das Mahl am Weihnachtstag statt – also im Kontext des Festes der Menschwerdung Gottes –, doch wird das Ereignis nicht als direktes Eingreifen Gottes gedeutet. Anders als die Speisungswunder Jesu ist das Geschehen nicht ausdrücklich als Vorwegnahme des Reiches Gottes im theologischen Sinne gekennzeichnet.
-
Über die Speisungswunder hinaus lassen sich jedoch weitere Bezüge zu Jesu Reden und Handeln herstellen. Jesu Reich-Gottes-Botschaft wird nicht nur in Wundern, sondern auch in seiner Zuwendung zu Ausgegrenzten, in Mahlgemeinschaften mit Bedürftigen und im Gebot der Nächstenliebe deutlich (z.B. Gleichnis vom barmherzigen Samariter).
-
Im Zentrum steht das Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe. Jesu Aufforderung in Mk 6,37 („Gebt ihr ihnen zu essen!“) betont die Verantwortung der Menschen füreinander. In diesem Sinne handeln die Bewohner von St. Piran im Geist der Nachfolge Jesu: Sie erkennen die Not und lindern sie aktiv.
-
Auch wenn der christliche Glaube nicht ausdrücklich als Motivation genannt wird, wird die Welt für Treadangle an diesem Tag ein Stück gerechter und menschenwürdiger. Im christlichen Deutungshorizont könnte man sagen: Das Reich Gottes wird ansatzweise erfahrbar.
Aufgabe 3
-
Joe bezeichnet Peter Shaunessy als „guten Mann“, weil dieser dem hungernden Paar Fisch schenkt. Zur Beurteilung dieses Handelns kann der Utilitarismus herangezogen werden. Nach diesem ethischen Modell wird eine Handlung nach ihren Folgen bewertet. Maßgeblich ist, ob sie Leid vermindert und größtmögliches Glück bzw. Wohlergehen für möglichst viele Betroffene hervorbringt (Bentham, Mill). Relevante Prinzipien sind das Folgenprinzip, das hedonistische Prinzip, das universalistische Prinzip sowie das Utilitätsprinzip („Handle so, dass die Folgen deiner Handlung für das Wohlergehen aller Betroffenen optimal sind.“).
-
Peter lindert konkret das Leid der Hungernden (hedonistisches Prinzip). Gleichzeitig wird das Wohl seines eigenen Dorfes nicht wesentlich beeinträchtigt, da St. Piran über ausreichende Vorräte verfügt und keine akute Gesundheitsgefahr besteht (universalistisches Prinzip). Die unmittelbaren Folgen sind somit für die Beteiligten positiv (Folgenprinzip). In dieser Situation maximiert Peters Handlung das Wohlergehen der konkret Betroffenen (Utilitätsprinzip). Aus klassisch-utilitaristischer Sicht ist sein Verhalten daher moralisch richtig.
-
Allerdings lassen sich auch problematisierende Aspekte anführen. Berücksichtigt man mögliche langfristige Folgen, könnte das Teilen von Nahrung Begehrlichkeiten wecken oder Spannungen erzeugen.
-
Zudem profitieren zunächst nur zwei Personen, nicht alle Hungernden in Treadangle, was im Sinne des universalistischen Prinzips kritisch hinterfragt werden könnte. Je nach Differenzierung könnte man außerdem zwischen Handlungs-, Regel- oder Präferenzutilitarismus unterscheiden.
-
Insgesamt überwiegt jedoch in der konkreten Situation die Leidminderung deutlich, sodass Joes positive Bewertung utilitaristisch gut begründet werden kann.