Vorschlag A
Thema
Ein wichtiges Handlungsprinzip für das Reich Gottes
Aufgaben
„Die Wirklichkeit ist wichtiger als die Idee“ (Material 1 und 2)
Beschreibe, ausgehend von dem Zitat, welche Vorstellungen Papst Franziskus mit diesem Handlungsprinzip verbindet. Berücksichtige beide Materialien.
Untersuche, inwiefern das von Papst Franziskus genannte Handlungsprinzip „Die Wirklichkeit ist wichtiger als die Idee“ (Material 1) in der Reich-Gottes-Botschaft Jesu erkennbar ist. Berücksichtige dabei neutestamentliche Textstellen.
Setze den Satz „Die Wirklichkeit ist wichtiger als die Idee“ (Material 1) in Beziehung zur Religionskritik von Karl Marx. Stelle diese Kritik zuvor dar.
Nach der Veröffentlichung von „Evangelii gaudium“ (Material 2) gab es Reaktionen, die dem Papst vorwarfen, in seinem Schreiben Thesen von Karl Marx zu vertreten.
Überprüfe vor dem Hintergrund deiner bisherigen Überlegungen und der beiden Materialien die vorgeworfene Ähnlichkeit der Vorstellungen von Papst Franziskus und Karl Marx.
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Schreiben von Papst Franziskus an Dr. Angela Merkel, Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland, aus Anlass des G20-Gipfels […] (2017)
Papst Franziskus: Schreiben an Dr. Angela Merkel, Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland, aus Anlass des G20- Gipfels (2017), (abgerufen am 03.06.2023).
Material 2
Evangelii Gaudium (2013)
Papst Franziskus: Apostolisches Schreiben Evangelii Gaudium des Heiligen Vaters Papst Franziskus an die Bischöfe, an die Priester und Diakone, an die Personen des geweihten Lebens und an die christgläubigen Laien über die Verkündigung des Evangeliums in der Welt von heute (24. November 2013).
Hinweise
Papst Franziskus (1936–2025): war seit dem 13. März 2013 bis zu seinem Tod am 21. April 2025 der 266. Bischof von Rom und damit Papst, Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche und Souverän des Vatikanstaats
Evangelii Gaudium („Freude des Evangeliums“ bzw. „Freude über das Evangelium“) ist das erste Apostolische Schreiben von Papst Franziskus und trägt den Untertitel: „[…] über die Verkündigung des Evangeliums in der Welt von heute“.
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Das in der Aufgabenstellung zitierte Handlungsprinzip „Die Wirklichkeit ist wichtiger als die Idee“ entstammt dem Apostolischen Schreiben Evangelii Gaudium aus dem Jahr 2013 (Material 2), das Papst Franziskus selbst als programmatische Grundlegung seines Pontifikats versteht. In seinem Brief an die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel aus Anlass des G20-Gipfels 2017 (Material 1) greift er dieses Prinzip erneut auf und wendet es konkret auf politische Entscheidungsprozesse an.
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Zunächst ist festzuhalten, dass Franziskus mit dem Satz keine Abwertung der „Idee“ vornimmt. Vielmehr beschreibt er ein Spannungsverhältnis zwischen „Idee“ und „Wirklichkeit“. Die Idee dient dazu, Wirklichkeit zu strukturieren, zu ordnen und zu deuten. Sie kann helfen, komplexe Zusammenhänge zu erfassen. Problematisch wird es jedoch dann, wenn sich die Idee von der konkreten Wirklichkeit ablöst. In Evangelii Gaudium warnt Franziskus ausdrücklich vor einem Aufenthalt im „Reich der reinen Ideen“. Eine Idee, die nicht mehr in der konkreten Lebenswirklichkeit der Menschen verankert ist, verliere ihre Wirkkraft und werde abstrakt oder ideologisch.
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Franziskus betont daher, dass Ideen stets in einem lebendigen Dialog mit der Wirklichkeit stehen müssen. Wird dieser Dialog unterbrochen, besteht die Gefahr, dass Ideologien entstehen, die das reale Leben der Menschen nicht mehr wahrnehmen. Führungspersonen in Politik und Religion laufen in diesem Fall Gefahr, an den Bedürfnissen der Menschen vorbeizureden.
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Das Handlungsprinzip ist somit ein Plädoyer für eine konkrete, engagierte Praxis. Die Wirklichkeit, insbesondere das Leid, die Armut und die Ungerechtigkeit, darf nicht hinter theoretischen Systemen oder abstrakten Programmen verschwinden. Franziskus verbindet dieses Prinzip ausdrücklich mit dem Evangelium. Das Wort Gottes müsse in Taten umgesetzt werden, in Liebe und Gerechtigkeit konkret werden. Nur dann bleibe es fruchtbar.
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Im Brief an Angela Merkel (Material 1) konkretisiert Franziskus dieses Prinzip im politischen Kontext. Hier ersetzt er den Begriff „Idee“ teilweise durch „Ideologie“ und erinnert an die leidvollen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts. Problematische Ideologien – etwa totalitäre Systeme wie Nationalsozialismus oder Kommunismus – hätten gezeigt, welche zerstörerische Kraft von abstrakten Ideen ausgehen könne, wenn sie die konkrete Wirklichkeit der Menschen missachten. Auch aktuelle wirtschaftliche Entwicklungen, wie etwa spekulative Finanzpraktiken, werden kritisch angesprochen.
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Franziskus fordert die politischen Verantwortlichen auf, das Wohl der Menschen, insbesondere der wirtschaftlich Benachteiligten, in den Mittelpunkt ihres Handelns zu stellen. Ziel sei der Aufbau „brüderlicher, gerechter und friedlicher Gesellschaften“. Damit wird deutlich, dass das Prinzip nicht nur eine geistliche, sondern auch eine sozialethische Dimension besitzt.
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Zusammenfassend lässt sich sagen: Für Franziskus ist die Wirklichkeit – das konkrete Leben der Menschen – der Maßstab, an dem Ideen gemessen werden müssen. Das Evangelium darf nicht als abstrakte Lehre verstanden werden, sondern verlangt Umsetzung in konkrete Praxis.
Aufgabe 2
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Das von Papst Franziskus formulierte Handlungsprinzip findet sich bereits grundlegend in der Reich-Gottes-Botschaft Jesu wieder.
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Jesu Verkündigung ist nicht auf eine rein theoretische Idee gerichtet, sondern auf die konkrete Veränderung der Lebenswirklichkeit der Menschen. Das Reich Gottes ist nach neutestamentlichem Verständnis bereits angebrochen, aber noch nicht vollendet. Diese eschatologische Spannung zwischen „schon“ und „noch nicht“ verdeutlicht, dass das Reich Gottes keine bloße Idee bleibt, sondern in Jesu Wirken reale Gestalt annimmt.
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Jesus selbst ist als Inkarnation des Wortes Gottes die Verkörperung dieser Wirklichkeit. Seine Botschaft ist untrennbar mit seinem Handeln verbunden. Er fordert nicht nur zur Umkehr auf, sondern verändert konkret Lebenssituationen.
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Beispielsweise zeigen die Heilungswunder (z. B. Mt 9,1–8; Mk 8,22–26), dass Jesus sich der konkreten Not von Menschen zuwendet und ihre Lebenswirklichkeit zum Positiven verändert. Ebenso eröffnen Begegnungen mit Ausgegrenzten – etwa die Mahlgemeinschaft mit Zöllnern (Mt 9,9ff.) oder die Begegnung mit Zachäus (Lk 19,1–10) – neue soziale Wirklichkeiten.
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Auch die Gleichnisse Jesu unterstreichen die praktische Dimension seiner Botschaft. Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10,25–37) wird deutlich, dass Nächstenliebe konkret gelebt werden muss. Das Gleichnis von den Talenten (Mt 25,14–30) fordert dazu auf, das Anvertraute aktiv einzusetzen.
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Besonders deutlich wird das Prinzip im Konflikt mit gesetzlichen Vorschriften. In der Sabbatkontroverse (Mk 2,23–28; Mk 3,1–6) stellt Jesus das Wohl des Menschen über eine rein formale Gesetzesauslegung. Damit wird sichtbar, dass für Jesus die konkrete Lebenswirklichkeit Vorrang vor einer abstrakten Regelbefolgung besitzt.
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Insgesamt zeigt sich: Jesu Reich-Gottes-Botschaft ist kein theoretisches Konstrukt, sondern eine Botschaft, die zur Veränderung der Wirklichkeit im Hier und Jetzt aufruft. Damit entspricht sie in wesentlichen Punkten dem von Franziskus formulierten Handlungsprinzip.
Aufgabe 3.1
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Karl Marx analysiert die sozialen Missstände des Industrieproletariats im 19. Jahrhundert. Er beobachtet Ausbeutung, Verelendung und strukturelle Ungerechtigkeit. Die Wirklichkeit der Arbeiter steht im Zentrum seiner Kritik.
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In diesem Sinne lässt sich zunächst eine Parallele zum Satz „Die Wirklichkeit ist wichtiger als die Idee“ feststellen. Marx geht ebenfalls von der konkreten Lebenswirklichkeit aus.
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Im Rahmen seiner Religionskritik sieht Marx jedoch die Religion als stabilisierenden Faktor ungerechter Verhältnisse. Religion sei eine Illusion, ein „Opium des Volkes“, das die Menschen auf ein Jenseits vertröste und sie davon abhalte, die ungerechten Zustände in dieser Welt zu verändern.
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Marx fordert daher die Aufhebung dieser Illusion. Nicht die Idee eines Jenseits, sondern die reale Veränderung der gesellschaftlichen Strukturen müsse im Mittelpunkt stehen. In diesem Zusammenhang wäre der Begriff „Idee“ im marxistischen Kontext eher als „Illusion“ zu verstehen.
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Somit zeigt sich: Auch bei Marx steht die Wirklichkeit im Vordergrund. Allerdings richtet sich seine Kritik explizit gegen religiöse Ideen, die seiner Ansicht nach die Wirklichkeit verschleiern.
Aufgabe 3.2
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Zunächst ist festzustellen, dass sowohl Marx als auch Franziskus gesellschaftliche Missstände kritisieren. Beide nehmen konkrete soziale Ungerechtigkeiten wahr und fordern deren Veränderung. In diesem Sinne besteht eine gewisse Nähe im Ausgangspunkt.
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Marx kritisiert ausbeuterische Produktionsverhältnisse, Franziskus problematisiert globale Ungleichverteilung von Ressourcen und wirtschaftliche Fehlentwicklungen. Beide betonen die Notwendigkeit, die Lebenswirklichkeit der Menschen zu verbessern. Die Unterschiede überwiegen jedoch deutlich.
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Für Marx ist Religion selbst Teil des Problems. Sie verhindert nach seiner Auffassung eine radikale Veränderung der Wirklichkeit. Gott und Religion sind für ihn Illusionen.
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Für Franziskus hingegen ist das Evangelium gerade die Grundlage für Veränderung. Die Reich-Gottes-Botschaft ist keine Illusion, sondern Motivation für konkretes Handeln in Liebe und Gerechtigkeit. Religion soll nicht vertrösten, sondern befähigen.
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Auch im Hinblick auf den Weg der Veränderung zeigen sich Unterschiede. Marx setzt auf revolutionäre Umwälzung. Franziskus hingegen setzt auf Dialog, Verantwortung und moralische Appelle an politische Entscheidungsträger.
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Im G20-Brief (Material 1) wird deutlich, dass Franziskus die politisch Verantwortlichen zu verantwortungsbewusstem Handeln aufruft, um „brüderliche, gerechte und friedliche Gesellschaften“ aufzubauen.
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Abschließend ist festzuhalten: Trotz einzelner inhaltlicher Berührungspunkte im Hinblick auf die Kritik an ungerechten Zuständen unterscheiden sich Marx und Franziskus grundlegend in ihrem Religionsverständnis, ihrem Gottesbild und ihren Lösungsansätzen. Eine substanzielle inhaltliche Übereinstimmung liegt daher nicht vor.