Vorschlag B
Thema
Entwicklung der Gottesbeziehung
Aufgaben
Der vorliegende Vorschlag enthält in Aufgabe 3 alternative Arbeitsanweisungen.
Beschreibe die Entwicklung der Gottesbeziehung des lyrischen Ichs in dem vorliegenden Gedicht „Mein Gott“ von Ulla Hahn. (Material)
Setze Ulla Hahns Vorstellungen von Jesus Christus (Material) in Beziehung zu seinem Reden und Handeln. Berücksichtige dabei konkrete neutestamentliche Textstellen.
Wähle:
Überprüfe exemplarisch, inwiefern die Beziehung zu Gott, die im Gedicht (Material) deutlich wird, Gottesbeziehungen im Alten Testament entspricht.
oder
Entwirf, z.B. im Stile Ulla Hahns, ein Gedicht mit dem Titel Mein Gott, in dem eine Person des Alten Testaments über die Entwicklung ihrer Gottesbeziehung spricht.
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Ulla Hahn: Mein Gott (2011)
Ulla Hahn: Mein Gott, in: Wi(e)derworte, München 2. Aufl. 2011, S. 93–99.
Hinweise
Ulla Hahn (* 1945): deutsche Schriftstellerin und Lyrikerin. Sie wuchs in einer Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen auf und erfuhr als Kind durch ihre Erziehung eine christliche Prägung.
Das Gedicht (Material) weist – wie viele ihrer Werke – autobiografische Züge auf.
Die grafische Setzung und Rechtschreibung entsprechen der Textvorlage.
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Aufgabe 1
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Das Gedicht Mein Gott von Ulla Hahn aus dem Jahr 2011 thematisiert die Entwicklung einer persönlichen Gottesbeziehung im Verlauf eines Lebens. Bereits der Titel deutet an, dass es sich um eine subjektive, individuelle Beziehung handelt. Gott erscheint nicht als abstrakte Größe, sondern als jemand, zu dem das lyrische Ich eine existenzielle Bindung hat. Das Gedicht weist autobiografische Züge auf und zeichnet mehrere Phasen dieser Beziehung nach.
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Zu Beginn des Gedichts steht eine Szene aus der Gegenwart des lyrischen Ichs. Über seinem Schreibtisch hängt eine Darstellung des gekreuzigten Jesus. Freunde und Bekannte reagieren darauf verwundert. Diese Verwunderung lässt erkennen, dass religiöse Symbole im sozialen Umfeld des lyrischen Ichs offenbar nicht selbstverständlich sind. Dennoch entscheidet sich das lyrische Ich bewusst dafür, das Kreuz präsent zu halten. Daraus wird deutlich, dass Jesus für es aktuell eine zentrale Rolle spielt.
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In einem Rückblick schildert das lyrische Ich seine Kindheit und Jugend. In dieser Phase wird Jesus als faszinierende Gestalt wahrgenommen: als jemand, der aus einfachen Verhältnissen stammt, als Wunderheiler auftritt und sich furchtlos für Arme und Schwache einsetzt. Besonders seine Widerständigkeit gegenüber Autoritäten beeindruckt das lyrische Ich. Jesus erscheint hier als eine Art Heldengestalt, mit der sich das lyrische Ich identifiziert. Bemerkenswert ist, dass das lyrische Ich konkrete Kenntnisse biblischer Texte besitzt und diese im Alltag anwendet. So nutzt es Jesu Distanzierung von seiner Familie als Argument, um sich gegen Forderungen der Mutter nach Mithilfe im Haushalt zu wehren. Hier zeigt sich eine jugendliche Aneignung religiöser Inhalte, die sowohl von Bewunderung als auch von Eigeninteresse geprägt ist.
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Im weiteren Verlauf des Gedichts wird jedoch eine Phase der Entfremdung deutlich. Mit zunehmendem Alter löst sich das lyrische Ich von kindlichen Glaubensvorstellungen. Jesus gerät aus dem Blickfeld, andere Lebensbereiche – insbesondere zwischenmenschliche Liebe – treten in den Vordergrund. Unklar bleibt, ob religiöse Praxis weiterhin stattfindet oder ob frühere Gebete als „vergebene Mühe“ angesehen werden. Diese Deutungsoffenheit verdeutlicht die Ambivalenz dieser Phase.
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Später kehrt das lyrische Ich jedoch zu einer neuen, reiferen Form der Gottesbeziehung zurück. Es beschäftigt sich erneut mit biblischen Texten, besucht Gottesdienste und nimmt an der Eucharistie teil. Dabei setzt es sich intensiv mit der Bedeutung von Jesu Leiden und Tod auseinander. Besonders die Wahrnehmung des gekreuzigten Jesus verändert sich. Während das Kreuz zunächst düster erscheint („den noch keiner lächeln sah“), wird Jesus am Ende als „befreit lächelnd“ dargestellt. Das Kreuz wird zum Zeichen der Befreiung und Auferstehung.
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Das lyrische Ich erfährt durch diese neue Sichtweise ein Gefühl der Geborgenheit und des Angenommenseins. Es entwickelt Hoffnung auf eine Auferstehung nach dem Tod und auf eine Begegnung mit Gott als Vater. Gott wird als einladend und universell offen dargestellt. Auch Freunde anderer religiöser Herkunft sind eingeschlossen. Am Ende steht die Erkenntnis eines universalen Heilswillens Gottes, der allen suchenden Menschen gilt.
Aufgabe 2
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Das Gedicht greift zahlreiche Motive aus Jesu Reden und Handeln auf, die im Neuen Testament überliefert sind.
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Jesus wird im Gedicht als jemand dargestellt, der sich gegen Autoritäten stellt und bestehende Regeln hinterfragt. Diese Darstellung lässt sich mit den Sabbatkontroversen verbinden, etwa dem Abreißen der Ähren am Sabbat (Mk 2,23–28) oder der Heilung am Sabbat (Mk 3,1–6).
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In diesen Texten wird deutlich, dass Jesus das Wohl des Menschen über die strikte Einhaltung religiöser Vorschriften stellt. Er setzt neue Maßstäbe von Gerechtigkeit und bringt dadurch sowohl religiöse als auch weltliche Autoritäten gegen sich auf.
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Auch Jesu Umgang mit Sündern und Ausgegrenzten findet im Gedicht Resonanz. Die Mahlgemeinschaft mit Zöllnern und Sündern (Mt 9,9ff.; Mk 2,13ff.) sowie die Begegnung mit Zachäus (Lk 19,1ff.) verdeutlichen Jesu inklusive Haltung. Er lädt alle Menschen ein, unabhängig von sozialem Status oder moralischem Ruf.
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Die Anspielung auf die Brotvermehrung (Mt 15,32–39) zeigt, dass Jesu Botschaft nicht nur spirituell, sondern auch konkret lebenspraktisch ist. Menschen sollen das erhalten, was sie zum Leben brauchen. Ähnlich verdeutlicht das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Mt 20,1–16), dass Gottes Gerechtigkeit andere Maßstäbe kennt als menschliche Leistungsgerechtigkeit. In der Bergpredigt (Mt 5–7) entwirft Jesus eine Vision des Reiches Gottes, die auf Liebe, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit gründet.
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Besonders zentral ist die Darstellung der Nähe Gottes. Im Vaterunser (Mt 6,9–13) wird Gott als „abba“ angesprochen, was eine besondere Vertrauensbeziehung ausdrückt. Diese Nähe wird auch im Gedicht deutlich.
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Schließlich spielt Jesu Leiden und Auferstehung eine entscheidende Rolle. Zu Beginn erscheint das Kreuz als düsteres Ereignis, doch am Ende wird es als Zeichen der Befreiung gedeutet. Diese Perspektive entspricht neutestamentlichen Aussagen wie der Zusage Jesu an den mit ihm gekreuzigten Verbrecher (Lk 23,41–43) oder dem Missionsauftrag des Auferstandenen (Mt 28,18–20). Durch Tod und Auferstehung wird neues Leben eröffnet.
Aufgabe 3.1
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Zur Überprüfung, inwiefern die im Gedicht dargestellte Gottesbeziehung alttestamentlichen Vorstellungen entspricht, ist ein Rückgriff auf zentrale alttestamentliche Texte notwendig.
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Bereits in der Schöpfungserzählung (Gen 1) wird der Mensch als von Gott gewollt und gut angesehen. „Gott sah, dass es gut war.“ Der Mensch ist Ebenbild Gottes (Gen 1,26). Diese Zusage grundlegender Annahme entspricht dem im Gedicht erfahrenen Angenommensein.
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Zentral ist auch die Exodus-Erzählung. In Ex 20, 2 stellt sich Gott als Befreier vor: „Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus dem Sklavenhaus geführt hat.“ Die Offenbarung des Gottesnamens JHWH („Ich bin (für dich) da“) betont Gottes verlässliche Begleitung. Gott ist kein ferner Gott, sondern ein Gott, der eingreift und rettet.
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Auch die Gottesbegegnungen im Alten Testament zeigen eine dynamische Beziehung. Mose etwa erlebt Berufung, Zweifel und Widerstand (Ex 4,1–17). Gott nimmt seine Einwände ernst, befähigt ihn jedoch zur Erfüllung seines Auftrags. Während des Exodus bleibt Gott verborgen präsent (Wolken- und Feuersäule). Diese verborgene, aber tragende Gegenwart lässt sich mit der im Gedicht dargestellten Erfahrung vergleichen, in der Gottes Nähe nicht immer unmittelbar spürbar ist.
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Eine vollständige Übereinstimmung zwischen alttestamentlichen Gottesbildern und dem Gedicht besteht nicht. Dennoch lassen sich mehrere theologische Berührungspunkte feststellen: Gott als Befreier, als Begleiter, als liebender Vater und als universell einladender Gott.
Aufgabe 3.2
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Da es sich um eine kreative Aufgabe handelt, sind unterschiedliche Lösungen möglich. Entscheidend ist, dass das gewählte Gedicht eine Entwicklung der Gottesbeziehung erkennen lässt und sich inhaltlich auf alttestamentliche Gottesbilder stützt.
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Formale Kriterien wie freie Versstruktur, fragmentarischer Stil oder reduzierte Interpunktion können sich an Ulla Hahn orientieren, sind jedoch nicht zwingend. Wichtig ist vor allem die theologische Kohärenz und die nachvollziehbare Darstellung einer persönlichen Gotteserfahrung im Horizont alttestamentlicher Vorstellungen.