Vorschlag C
Thema
Trinität als Liebesbeziehung
Aufgabe
Beschreibe das im vorliegenden Text von Joachim Negel deutlich werdende Verständnis von Trinität. (Material)
„Deshalb ist Liebe der zentrale Gottesname im Neuen Testament.“ (Material)
Erläutere an neutestamentlichen Beispielen, inwiefern sich dies im Leben, Reden und Handeln Jesu zeigt.
Setze diese Aussage in Beziehung zum analogen Reden von Gott.
Der Trinitätsglaube stößt immer wieder auf Kritik. So kommentiert ein Leser unter der Onlineversion des Artikels von Negel: „Die Dreieinigkeitslehre war ein Versuch der alten Kirche, aber wir brauchen sie nicht mehr! Eine ‚Dreieinigkeit der Liebe‘ ist doch eine gekünstelte Dreiecksbeziehung von drei Personen!“
Entwirf anlässlich des Artikels von Negel und der zitierten Leseräußerung einen ausführlichen Kommentar. Dieser soll in der nächsten Druckausgabe der Zeitschrift erscheinen und der Frage nachgehen, ob das Christentum auf einen Trinitätsglauben verzichten kann.
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Joachim Negel: Die Dreieinigkeit der Liebe (2021)
Joachim Negel: Die Dreieinigkeit der Liebe, in: Publik-Forum online 05.09.2021, (abgerufen am 31.10.2022).
Hinweis
Joachim Negel (* 1962): deutscher römisch-katholischer Theologe, Professor für Fundamentaltheologie an der Universität Fribourg (Schweiz)
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Für den römisch-katholischen Fundamentaltheologen Joachim Negel ist die Trinität keine abstrakte metaphysische Spekulation, sondern Ausdruck der innersten Wahrheit des christlichen Gottesverständnisses: Gott ist in sich Beziehung und Liebe. Ein trinitarisches Gottesverständnis ist daher konstitutiv für einen christlichen Glauben, der Gott nicht als isoliertes Absolutum, sondern als lebendige, beziehungsstiftende Wirklichkeit begreift.
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In seinem Artikel Die Dreieinigkeit der Liebe (2021) entfaltet Negel diesen Gedanken am Selbstverständnis Jesu. Jesus erfährt in sich Regungen, Impulse und Affekte, die er als „Willen des Vaters“ bezeichnet. Negel beschreibt diese Erfahrung als das „Erleben eines fremden Affektes“ im eigenen Inneren. Damit wird deutlich: Jesus erlebt in sich eine Wirklichkeit, die zutiefst zu seiner Identität gehört, die jedoch nicht aus ihm selbst stammt. Hier zeigt sich bereits ein trinitarischer Grundgedanke, den Negel als „Differenz in der Identität“ beschreibt.
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Jesus ist nicht einfach identisch mit dem Vater, sondern lebt in einer Beziehung zu ihm. Gleichzeitig ist diese Beziehung keine äußerliche Verbindung zweier unabhängiger Wesenheiten, sondern eine innere, personale Bezogenheit innerhalb der einen göttlichen Wirklichkeit. Trinität bedeutet somit nicht Aufspaltung, sondern relationale Einheit.
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Für die frühe Kirche wurde es daher notwendig, Jesus nicht isoliert zu betrachten. Seine Selbstzeugnisse – etwa Joh 14,9: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“ – machen deutlich, dass sein Handeln als Handeln Gottes verstanden werden muss. Die Kirche konnte Jesus weder als bloßen Menschen noch als von Gott getrenntes Wesen begreifen. Seine „Gottesintimität“, wie Negel es nennt, zwingt zur trinitarischen Denkform.
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Diese besondere Nähe zeigt sich gerade im Kreuz. Trotz Leiden und Tod bleibt die Beziehung zwischen Vater und Sohn bestehen. Hier wird die Liebe Gottes nicht aufgehoben, sondern radikalisiert. Gott bleibt nicht distanzierter Beobachter des Leidens, sondern ist in Jesus selbst in das Leiden hineingenommen.
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Negel verweist zudem auf die Pfingsterfahrung als dritte Dimension der trinitarischen Offenbarung. Der Geist ist das verbindende Element zwischen Vater und Sohn und zugleich die Kraft, die diese Liebesgemeinschaft den Menschen zugänglich macht.
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Zentral ist für Negel das Verständnis Gottes als Liebe. Liebe ist kein Zusatz zu Gott, sondern sein Wesen. Liebe bedeutet Selbsthingabe und zugleich Selbstempfang. Wer liebt, schenkt sich dem Anderen ganz, ohne sich selbst zu verlieren. Genau dieses Verhältnis beschreibt für Negel das innergöttliche Geschehen: Der Vater schenkt sich dem Sohn, der Sohn empfängt sich vom Vater, beide bleiben in ihrer je eigenen Identität – verbunden durch den Geist.
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Die Konsequenz dieses Gottesbildes ist weitreichend: Wenn Gott selbst Beziehung ist, dann ist auch der Mensch als Ebenbild Gottes auf Beziehung hin geschaffen. Durch die Pfingsterfahrung erhält der Mensch Anteil an dieser Liebesgemeinschaft. Trinität ist somit nicht nur Dogma, sondern Grundlage eines neuen Selbst- und Weltverständnisses.
Aufgabe 2.1
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Wenn Negel „Liebe“ als zentralen Gottesnamen bezeichnet, meint er damit, dass Gottes Wesen nicht Macht oder Gesetz ist, sondern Selbsthingabe. Diese Überzeugung ist tief im Neuen Testament verankert.
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Bereits die Menschwerdung Jesu ist Ausdruck göttlicher Liebe. Gott bleibt nicht jenseitig, sondern wird Mensch. Die Inkarnation ist radikale Selbstmitteilung Gottes. Sie ist nicht bloße Idee, sondern geschichtliche Wirklichkeit.
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In Jesu Verkündigung wird diese Liebe erfahrbar. Im Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk 15,11–32) geht der Vater dem heimkehrenden Sohn entgegen, bevor dieser seine Reue vollständig aussprechen kann. Das Bild des wartenden, entgegenlaufenden Vaters zeigt Gottes bedingungslose Zuwendung.
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Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10,25–37) wird diese Liebe konkretisiert. Der Samariter wird zum „Nächsten“, weil er handelt. Hier wird deutlich: Gottes Liebe bleibt nicht theoretisch, sondern wird in tätiger Barmherzigkeit sichtbar. Dies vertieft das Doppelgebot der Liebe (Mk 12,28–34).
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Auch im Gebot der Feindesliebe (Mt 5,44) wird Gottes Liebe als radikal und grenzenüberschreitend dargestellt. Sie ist nicht selektiv, sondern universal.
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Besonders deutlich wird die trinitarische Liebesdimension in Joh 15,9–13: „Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt.“ Hier wird die innere Liebesbewegung zwischen Vater und Sohn auf die Jünger ausgeweitet. Die Liebe Gottes wird weitergegeben.
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Jesu Handeln bestätigt diese Botschaft: Heilungen (Mk 2,1–12), Mahlgemeinschaft mit Sündern (Mt 9,9ff.), Speisung der Fünftausend (Mk 6,30–44) zeigen Gottes konkrete Zuwendung. Selbst Gesetzesvorschriften treten zurück, wenn das Heil des Menschen auf dem Spiel steht (Mt 12,9–14).
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Liebe ist daher nicht nur Eigenschaft Gottes, sondern der Schlüssel zu seinem Wesen.
Aufgabe 2.2
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Die Aussage, Liebe sei der zentrale Gottesname, steht im Zusammenhang mit der analogen Redeweise über Gott.
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Gott ist transzendent. Menschliche Sprache ist begrenzt. Deshalb kann Gott weder univok (gleichbedeutend) noch rein äquivok (völlig verschieden) beschrieben werden. Die Analogie ermöglicht eine Verhältnisähnlichkeit.
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Wenn Gott „Vater“ genannt wird, meint dies nicht biologische Vaterschaft, sondern fürsorgliche Beziehung. Ebenso ist „Liebe“ ein menschlicher Erfahrungsbegriff, der analog auf Gott übertragen wird.
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Das Vierte Laterankonzil (1215) formuliert, dass zwischen Schöpfer und Geschöpf eine große Ähnlichkeit, aber eine noch größere Unähnlichkeit besteht. Analogie wahrt diese Spannung.
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Wenn Negel Gott als Liebe bezeichnet, überträgt er nicht einfach menschliche Emotionen auf Gott. Vielmehr wird in analoger Weise ausgesagt: Was wir als Liebe erfahren – Selbsthingabe, Beziehung, Treue –, findet in Gott seinen Ursprung und seine Vollendung.
Aufgabe 3
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Die zitierte Leseräußerung bezeichnet die Trinität als überholtes Denkmodell und als künstliche Dreiecksbeziehung. Diese Kritik ist nachvollziehbar, da die Trinitätslehre häufig als abstrakte, schwer verständliche Dogmatik wahrgenommen wird.
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Begriffe wie „Dreifaltigkeit“ oder „Personen“ wirken sperrig. Zudem scheint die Trinität auf den ersten Blick dem Monotheismus zu widersprechen.
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Dennoch greift diese Kritik zu kurz. Die Trinität ist kein additiver Zahlentrick, sondern Ausdruck der christlichen Grunderfahrung: Gott offenbart sich als Vater, im Sohn und im Geist.
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Negels Ansatz zeigt, dass Trinität nicht mathematisch, sondern relational zu verstehen ist. Ein Gott, der in sich Beziehung ist, ist kein autokratisches Absolutum, sondern lebendige Gemeinschaft.
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Diese Vorstellung hat anthropologische Konsequenzen: Wenn Gott Beziehung ist, ist auch der Mensch auf Beziehung angelegt. Mitmenschlichkeit wird zur theologischen Grundkategorie.
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Zudem verhindert die Trinität ein einseitiges Gottesbild. Ohne Trinität droht Gott entweder zum unnahbaren Absoluten oder zu einer bloß historischen Figur zu werden. Die Trinität hält Einheit und Differenz zusammen.
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Gott leidet im Sohn, wirkt im Geist und bleibt zugleich transzendenter Ursprung. Gerade darin liegt die Besonderheit des christlichen Gottesbildes.
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Ein Verzicht auf den Trinitätsglauben würde das Christentum seines spezifischen Profils berauben. Es bliebe ein allgemeiner Monotheismus ohne die innere Dynamik göttlicher Liebe.