Vorschlag A – Ciceros Verdienste um den römischen Staat – aus seiner eigenen Sicht
I Übersetzung
Übersetze den Text in angemessenes Deutsch. (Material)
II Interpretation
Gib unter Verwendung lateinischer Textbelege wieder, welche Eindrücke Cicero von den Verhältnissen in Rom während seiner Zeit im Exil entstehen lässt. (Material)
Analysiere die sprachlich-stilistische Gestaltung des Textes vom Beginn bis civitatem videbatis. (Material)
Untersuche die rhetorische Form des gesamten Textes und ordne sie begründet einer Stilebene (genus dicendi) zu. (Material)
Erörtere, inwieweit es für einen Politiker unter den von Cicero geschilderten Umständen hilfreich ist, sich mit Philosophie zu beschäftigen.
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Vorbemerkung
M. Tullius Cicero musste 58 v. Chr. aufgrund eines Gesetzes, das der Tribun Clodius, sein persönlicher Todfeind, wegen der Hinrichtung der Anhänger Catilinas initiiert hatte, Rom verlassen und ins Exil gehen. Als Cicero im Jahr darauf nach seiner Rehabilitation nach Rom zurückgekehrt war, hielt er im Senat eine Rede. Er stellte dabei die Situation in Rom während seiner Abwesenheit folgendermaßen dar:
Übersetzungshilfen
Z. 1 deserere, desero, deserui (+ Akk.): hier keine Rücksicht nehmen (auf etwas)
cruentare: mit Blut beflecken
Z. 1ff. illi […] putaverunt: Übersetze: Jene glaubten, dass meine Rückkehr nicht durch eine Abstimmung des römischen Volkes, sondern durch Ströme von Blut verhindert werden müsse.
illi: Gemeint sind die Anhänger des Clodius, Ciceros Gegner.
Z. 3 vos: ist Subjekt des Satzes. Gemeint sind die Senatoren.
nihil respondere, respondeo, respondi: hier keine Anweisungen erteilen
Z. 3f. nihil iudices sententiis: Ergänze declaraverunt.
Z. 4 sententia, -ae, f.: hier Urteil
ordo, ordinis, m.: hier Versammlung. Gemeint ist der Senat.
auctoritas, auctoritatis, f.: hier Beschluss
declarare: hier entscheiden
Z. 6 is excessisset, qui […] restiterat: Cicero spricht hier von sich selbst.
excedere, excedo, excessi: sich entfernen
caedes, caedis, f.: Morden, Blutbad
flamma, -ae, f.: hier Brandstiftung
vobis auctoribus: auf eure Veranlassung, mit eurer Unterstützung
Z. 7 cum […] volitantes: Ordne homines cum ferro et facibus tota urbe volitantes.
fax, facis, f.: Brandfackel
volitare: umherlaufen, umherziehen
tectum, -i, n.: hier Haus
Z. 8 vidistis: vidistis ist das Prädikat zu allen drei Akkusativkonstruktionen.
Z. 9 strages, stragis, f.: Gemetzel, Blutbad
partim […] partim: teils […] teils
Z. 10 paululum: ein klein wenig
a mea causa recedere (recedo, recessi): sich aus der Verbindung zu mir zurückziehen
reliqui fuerunt, quos […] = ii reliqui fuerunt, quos […]
Z. 11 minae, minarum, f. (Pl.): Drohungen
fax, facis, f.: Brandfackel
Z. 12 depellere, depello a (+ Abl.): hier abbringen von (etwas), abhalten von (etwas)
Z. 13 ii consules: Cicero spricht von den beiden Konsuln des Jahres 58 v. Chr., die Clodius in seinem Anliegen gegen Cicero unterstützten und dafür mit den Verwaltungen finanziell lukrativer Provinzen nach ihrem Konsulat belohnt wurden.
pravus, -a, -um: hier kleingeistig
Z. 14 imperium, -i, n.: hier Amt (des Konsuls)
intueri […] sustinere […] capere: hier einschätzen […] auf sich nehmen […] erfolgreich bewältigen
Z. 14f. mercator provinciarum: Vermarkter von Provinzen (Im Jahr nach dem Konsulat schloss sich die Verwaltung einer Provinz an. Dies war für die Statthalter finanziell attraktiv.)
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Ich habe auf mein Wohlergehen keine Rücksicht genommen, damit nicht wegen mir der Staat durch die Wunden der Bürger mit Blut befleckt werde. Jene glaubten, dass meine Rückkehr nicht durch eine Abstimmung des römischen Volkes, sondern durch Ströme von Blut verhindert werden müsse. Daher habt ihr in der Folgezeit weder den Bürgern noch den Bundesgenossen noch den auswärtigen Herrschern Anweisungen erteilt. Nichts haben Richter durch Urteile, nichts hat das Volk durch Abstimmungen, nichts diese Versammlung durch Beschluss entschieden: Stumm saht ihr das Forum, sprachlos die Kurie, schweigend und entmutigt die Bürgerschaft.
Zu gerade dieser Zeit, als der sich entfernt hatte, der sich auf eure Veranlassung dem Morden und den Brandstiftungen entgegengestellt hatte, habt ihr gesehen, wie Menschen mit Schwertern und Fackeln (bewaffnet) in der ganzen Stadt umherliefen, die Häuser von Beamten angegriffen und die Tempel der Götter in Brand gesteckt wurden […].
Durch dieses Gemetzel veranlasst haben einige Beamte, teils aus Todesfurcht, teils aus Verzweiflung über den Zustand des Staates, sich ein klein wenig aus der Verbindung zu mir zurückgezogen. Übrig blieben diejenigen, welche weder Schrecken noch Gewalt, weder Hoffnung noch Furcht, weder Versprechungen noch Drohungen, weder Geschosse noch Brandfackeln davon abhielten, für euer Ansehen, für die Würde des römischen Volkes und für mein Wohlergehen einzustehen. […].
Doch da gab es Konsuln, deren engstirnige, kriecherische und kleingeistige Sinnesart […] die Größe eines so bedeutenden Amtes weder einschätzen noch auf sich nehmen noch erfolgreich bewältigen konnte – keine Konsuln, sondern Vermarkter von Provinzen und Verkäufer eurer Würde.
II Interpretation
In einer Einleitung sollen Angaben zu Autor und Thema sowie gegebenenfalls zur Textgattung gemacht werden: In einer Rede vor dem Senat äußert sich Cicero über die Verhältnisse in Rom während seines Aufenthaltes im Exil.
Dabei zeichnet er folgendes Bild: Seine politischen Gegner hätten die Stadt in Gewalt und Chaos versinken lassen (Illi meum reditum […] flumine sanguinis intercludendum putaverunt/cum ferro et facibus homines tota urbe volitantes). Schamlos hätten sie sich über Recht und Gesetz sowie über göttliche Gebote hinweggesetzt: Sie hätten hohe Amtsträger bis in ihre Häuser verfolgt (magistratuum tecta impugnata) und Tempel in Brand gesteckt (deorum templa inflammata). Das öffentliche Leben sei darüber zum Erliegen gekommen (mutum forum, elinguem curiam). Die staatlichen Organe hätten ihre Arbeit eingestellt (nihil vos […] respondistis/Nihil iudices […] populus […] hic ordo auctoritate declaravit). Die Magistrate seien in zwei Gruppen geteilt: Die einen unterstützen Cicero trotz der damit verbundenen Gefahren (neque terror nec vis […] a mea salute depellerent), die anderen hätten sich eingeschüchtert zurückgezogen (partim metu mortis […] a mea causa recesserunt). Die beiden Konsuln hätten lediglich eigene, materielle Interessen verfolgt (mercatores provinciarum ac venditores vestrae dignitatis).
Cicero zieht an dieser Stelle alle Register der Rhetorik: Seine bedeutsame Rolle für das Wohlergehen seiner Mitbürger und des Gemeinwesens hebt Cicero durch die betonende Verwendung des Personalpronomens ego und ein sich anschließendes Polyptoton (meam/me/meum) hervor. Mit Hilfe einer übertreibenden Metapher (flumine sanguinis) benennt er gewaltsame und gesetzlose Umstände, durch die seine Rückkehr aus dem Exil verhindert worden sei.
Dass während seiner Abwesenheit das gesamte staatliche Leben zum Erliegen gekommen sei, unterstreicht Cicero, indem er unter Gebrauch eines parallel gebauten asyndetischen Trikolons und eines anaphorisch verwendeten nihil (nihil vos civibus, nihil sociis, nihil regibus respondistis) darauf verweist, dass der Senat seine ureigenen Aufgaben in keiner Weise erfüllt habe. Durch dieselben sprachlich-stilistischen Gestaltungsmittel wird eine Aufzählung weiterer untätiger Staatsorgane angefügt (Nihil iudices sententiis, nihil populus suffragiis, nihil hic ordo auctoritate). Die daraus resultierende Unfähigkeit der res publica, sich zu artikulieren und zu agieren, untermalt Cicero mithilfe eines weiteren asyndetischen Trikolons (mutum forum, elinguem curiam, tacitam et fractam civitatem), das zugleich ein Homoioteleuton und eine Klimax aufweist. Zudem werden hier die Institutionen personifiziert bzw. metonym für die dort handelnden Personen verwendet.
Mit drastischen Bildern stellt Cicero die Situation in Rom dar, die während der Zeit seines Exils dort herrschte: Er spricht von Mord und Brandstiftung und erweckt den Eindruck, dass kaum ein Stein auf dem anderen geblieben sei. Gefährdet seien praktisch alle gewesen: Menschen, amtierende Beamte und die Götter (homines, magistratus, dei). Lebensgefahr und ein katastrophaler Zustand werden als Entschuldigungen für die angeführt, die Cicero ihre Unterstützung entzogen, und eine Vielzahl von Gefahrenmomenten wird aneinandergereiht, denen sich diejenigen widersetzten, die weiter politisch – und auch für seine Rückberufung – tätig blieben. Cicero schafft damit eine hoch emotionale Situation, in der jeder Einzelne und die gesamte res publica größten Gefährdungen ausgesetzt gewesen seien.
Ciceros sprachliche Gestaltung in der Passage a vestra auctoritate, a populi Romani dignitate, a mea salute depellerent ist ambivalent und spitzt die gesamte Ausführung auf eine Gleichsetzung seines eigenen Schicksals mit dem Roms zu.
Die starke stilistische Durchformung des gesamten Textes unterstreicht die hohe Emotionalität des Redeauszuges, der aufgrund aller Merkmale dem genus grande zuzuordnen ist. Diesen Eindruck verstärkt noch einmal die Verunglimpfung der während seines Exils amtierenden Konsuln im abschließenden Satz.
Die Frage, inwieweit in einer politisch völlig instabilen Situation und unter existentieller Bedrohung eine Beschäftigung mit der Philosophie hilfreich ist, kann mit den folgenden Argumenten diskutiert werden:
Philosophische Praxis bedeutet für einen Anhänger der Stoa üblicherweise keine ausschließliche Beschäftigung mit der eigenen Vervollkommnung zum Erreichen der sapientia, sondern Persönlichkeitsbildung neben einem Engagement in der Politik. In einer schwierigen politischen Lage wird die philosophische Praxis dem Stoiker entweder Trost spenden, ihn von Ängsten befreien und mit dem Unabänderlichen versöhnen, so dass die politische Betätigung weiterhin möglich bleibt, oder sogar – bei einem völligen Rückzug aus der Politik – eine sinnvolle Ersatzbeschäftigung bieten. Ein Verzicht auf die philosophische Praxis aufgrund widriger Umstände wäre für den Stoiker wohl nicht denkbar.
Auch ein Anhänger Epikurs würde bei einer schweren politischen Krise eher nicht auf philosophische Praxis verzichten, da sie ihm Freiheit von Todesfurcht sowie voluptas unabhängig von äußeren Umständen verspricht.
Dennoch kann auch dahingehend argumentiert werden, dass eine Beschäftigung mit philosophischen Themen eine Art Luxus darstellt, den man sich unter stabilen politischen und wirtschaftlichen Umständen leisten kann. In existentiell bedrohlichen Situationen würde jedoch die Sorge um das eigene (Über)Leben und das der Angehörigen bzw. die Sorge um den Fortbestand des Staates keinen Raum mehr lassen für diesen Zeitvertreib – vergleichbar möglicherweise mit anderen Beschäftigungen, auf die man verzichtet, wenn die Zeit für die wesentlichen Dinge des Lebens beschränkt ist. In diesem Falle wäre entschlossenes Handeln dem theoretischen Umgang mit philosophischen Fragen vorzuziehen.