Vorschlag B – Wenn Berühmtheit zum Nachteil gereicht: gute und schlechte Zeiten im Leben Ovids
I Übersetzung
Übersetze den Text in angemessenes Deutsch. (Material 1)
II Interpretation
Gliedere den Text und nenne die thematischen Aspekte der einzelnen Abschnitte. (Material 1)
Analysiere die sprachlich-stilistische Gestaltung vom Textanfang bis sordida turris aves. (Material 1)
Analysiere die Verse 1 bis 4 metrisch. (Material 2)
Beurteile ausgehend von Senecas philosophischer Lehre, ob dessen Aussagen in Material 3 als Ratschlag für den Dichter Ovid hilfreich sein könnten.
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Vorbemerkung
Im ersten Buch der Tristien, das Ovid auf dem Weg in die Verbannung nach Tomis verfasst haben soll, schildert er einem Freund seine Situation:
Übersetzungshilfen
V. 1 Donec eris sospes: Solange du in glücklichen Umständen lebst
V. 2 nubilus, -a, -um: finster, trübe
fuerint: Übersetze mit Indikativ Präsens.
V. 3 candidus, -a, -um: weiß, sauber
columba, -ae, f.: Taube
V. 4 accipiat: Ergänze nochmals ut vor accipiat.
avis, avis, f.: Vogel
V. 5 horreum, -i, n.: Scheune
formica, -ae, f.: Ameise
tendere, tendo ad (+ Akk.): sich begeben zu (einem Ort)
V. 6 ire ad (+ Akk.): hier (einer Sache) nachlaufen
V. 7 Utque comes […] umbra est: Übersetze
Und wie für diejenigen, die durch die Sonnenstrahlen gehen, der Schatten Begleiter ist
V. 8 cum latet […] illa fugit: Ordne [et] illa fugit, cum latet […].
hic = sol
pressus: hier verdeckt
illa = umbra
V. 9 mobile: hier wankelmütig, beziehe auf vulgus.
sequi, sequor (+ Akk.): hier (einer Sache) nachlaufen
lumina, luminum, n. (Pl.): hier der Glanz
V. 10 quae: Beziehe auf lumina (V. 9), übersetze als relativischen Satzanschluss.
simul: sobald
inducta nocte: nach Anbruch der Nacht
V. 11 stare, sto, steti: hier gut dastehen, Ansehen haben
V. 11f. turbae quantum satis esset, habebat […] domus: mein Haus hatte so viele Besucher, wie man für ausreichend/gut hält
V. 12 nota: Beziehe auf domus.
ambitiosus, -a, -um: politisch ehrgeizig. Beziehe auf domus.
V. 13 simul: sobald
impulsa: Ergänze domus; impellere, -pello, -puli, -pulsum: hier erschüttern
timuere = timuerunt
ruina, -ae, f.: Einsturz
V. 14 cauta: Übersetze als Adverb vorsichtig.
communi: Beziehe auf fugae.
terga dare fugae: die Rücken zur Flucht wenden
dedere = dederunt
V. 15 nostrum: Ergänze als Bezugswort ingenium (Talent).
imus, -a, -um: der, die, das tiefste
V. 16 expediit (+ AcI): es hätte genützt
V. 17 utque = et ut
facunde (Vokativ): du Redegewandter
severae: Beziehe auf artes.
V. 18 dissimiles illis (artes): die davon verschiedenen (Künste)
nocuere = nocuerunt
V. 20f. Ergo ut defendi […] crimina posse puto. Ordne Ergo ut puto mea (crimina) nullo colore defendi posse, sic (puto) crimina excusari posse.
V. 20 color, -oris, m.: hier Schönfärberei
Material 2

Material 3
Vorbemerkung
Seneca erörtert in einem seiner philosophischen Briefe, wie eine Ortsveränderung sich auf die Gemütslage auswirken könne und ob sie eine Verbesserung der Stimmungslage herbeiführen könne. Er formuliert dazu folgenden Ratschlag:
L. Annaei Senecae ad Lucilium Epistulae Morales ed. L. D. Reynolds, Oxford 1965 (ep. 28 in Auszügen).
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Solange du in glücklichen Umständen lebst, wirst du zahlreiche Freunde haben:
Wenn die Zeiten finster sind, wirst du alleine sein.
Du siehst, dass Tauben zu sauberen Dächern kommen,
dass ein schmutziger Turm keinen Besuch von Vögeln erhält.
Niemals suchen Ameisen leere Scheunen auf:
Kein Freund wird verlorenem Reichtum nachlaufen.
Und wie der Schatten für diejenigen, die durch die Sonnenstrahlen gehen, Begleiter ist,
und jener flieht, wenn die Sonne durch Wolken verdeckt ist,
so folgt die schwankende Masse dem Glanz des Glücks:
Sie geht weg, sobald der Glanz nach Einbruch der Nacht verschwindet. […].
Als ich noch gut dastand, da hatte mein Haus,
das zwar bekannt war, aber frei von politischem Ehrgeiz,
immer so viele Besucher, wie man für ausreichend hält.
Aber sobald es erschüttert wurde, fürchteten alle den Einsturz,
und vorsichtig wandten sie die Rücken zur gemeinsamen Flucht. […].
Aber wäre nur mein Talent in der tiefsten Dunkelheit verborgen geblieben!
Es hätte genützt, dass meinem Bemühen das Licht gefehlt hätte.
Und wie dir, Redegewandter, die ernsten Künste nützen,
so schadeten mir die Künste, die davon verschieden sind.
Doch dir ist (ja) mein Leben bekannt; […].
Wie ich also glaube, dass meine Vergehen nicht durch Schönfärberei verteidigt werden können,
so glaube ich doch, dass man sie entschuldigen kann.
II Interpretation
Der vorliegende Textausschnitt gliedert sich wie folgt:
V. 1–2 formuliert einleitend die These, dass Freundschaft von Glück und persönlichem Erfolg abhängig sei.
V. 3–10 veranschaulicht die Eingangsthese durch bildhafte Vergleiche aus der Natur (3–8) und der alltäglichen Erfahrung im Umgang mit den Mitmenschen (9–10).
V. 11–14 zeigt auf, dass Ovid diese Erfahrungen am eigenen Leib verspürt hat.
V. 15–18 benennt das dichterische Wirken Ovids als Ursache für das Schicksal der Verbannung, wobei dieser das eigene Talent „verflucht“.
V. 19–21 enthält eine abschließende Bitte um Entschuldigung an den Adressaten.
Der Umstand eines glücklichen Lebens (sospes) bestimmt den ersten Vers. Das Hyperbaton multos […] amicos illustriert hier die Vielzahl der sozialen Bezüge, deren Bedeutung durchaus auch aus ihrer Quantität erwächst. Auch die Wahl des Verbs numerare, das im Zentrum des Hyperbatons steht, unterstreicht deren große Menge, nicht etwa ihre individuelle Qualität. Dass die Verse 1 und 2 eine inhaltliche Einheit darstellen, kommt durch den Chiasmus eris sospes […] solus eris zum Ausdruck, der die Verse wie ein Rahmen umgibt, ein Eindruck, der durch die Wiederholung des gleichen Prädikats noch verstärkt wird. Auch weisen die antithetisch gewählten Worte multos […] amicos und solus auf das Grundproblem des Textes hin: einstige Eingebundenheit, jetzige Einsamkeit. In Vers 2 wird die erfahrene gesellschaftliche Ächtung mit einer Wettermetapher (tempora […] nubila) eingeführt, welche diese als unvorhersehbar und schicksalhaft charakterisiert. Dieser Eindruck wird veranschaulicht durch den Vergleich mit Tauben, die sich bevorzugt auf sauberen Dächern oder Türmen niederlassen.
Der Gleichklang (Assonanz) der exponiert stehenden sinntragenden Wörter aspicis – accipiat – aves bestimmt die Gestaltung der Verse. Durch die parallele Anordnung von candida tecta columbae und sordida turris aves wird die Antithese zwischen candida und sordida noch einmal hervorgehoben. Mit dem Hyperbaton werden die Wörter, die die These enthalten (nullas […] aves) an das Ende der ersten und zweiten Hälfte des Pentameters gestellt und machen die Aussageabsicht offenkundig.
Es handelt sich um ein elegisches Distichon.

Die letzte Silbe des Hexameters muss nicht bestimmt werden. Werden allerdings die natürlichen Län-
gen gekennzeichnet, kann dies bei der Bewertung positiv berücksichtigt werden.
Die wichtigste Aufgabe des Philosophierenden ist nach Seneca, die innere Einstellung ständig weiterzuentwickeln und sich als proficiens zu begreifen, der Fortschritte macht, selbst wenn er das Ideal, das summum bonum, nicht erreichen sollte/kann. Dabei sind die Beherrschung der Affekte, die Konzentration auf das Wesentliche und die Geringschätzung von sekundären Motivationen (Adiaphora) die wichtigsten Voraussetzungen dafür, dass eine zufriedene Lebensführung gelingt – unabhängig von äußeren Umständen wie z. B. dem Aufenthaltsort.
Senecas Ratschlag zielt darauf ab, sich auf die innere Entwicklung der eigenen Persönlichkeit zu konzentrieren und die Lebenseinstellung nicht von äußeren Reizen – ob positiv oder negativ – beeinflussen zu lassen.
Für Ovid scheint dieser Ratschlag wenig hilfreich, da er auf dem Weg in das erzwungene Exil ganz mit dem aus seiner Sicht ungerechten Urteil des Augustus und den Folgen für ihn befasst ist. Seine persönliche Zielsetzung ist in diesem Moment nicht eine philosophisch bestimmte Lebensführung oder Bewältigung der Situation. Er begreift sich also nicht als proficiens und wird daher kaum Zugang zu Gedanken im Sinne der Stoa finden.