Vorschlag C – Absolute Freiheit von Bedürfnissen
I Übersetzung
Übersetze den Text in angemessenes Deutsch. (Material 1)
II Interpretation
Gib unter Verwendung lateinischer Textbelege die Kernaussagen Senecas wieder. (Material 1)
Ordne die im vorliegenden Text geäußerten Gedanken in die stoische Ethik ein. (Material 1)
Analysiere die sprachlich-stilistische Gestaltung des Textes von Habemus aquam bis Famem fames finit. (Material 1)
Diskutiere am Beispiel der von Sueton geschilderten Lebensführung des Kaisers Augustus (Material 2), inwieweit das Amt eines Staatslenkers mit dem im Text angesprochenen stoischen Streben nach völliger Autarkie vereinbar ist.
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Vorbemerkung
In dem folgenden Textauszug gibt Seneca die Gedanken wieder, die ein Stoiker äußert, während ein prunkvoller Festzug mit kostbaren Schaustücken an ihm vorbeizieht:
Übersetzungshilfen
Z. 1 pompa, -ae, f.: (prunkvoller) Festumzug
Z. 2 contentus, -a, -um (+ Abl.): zufrieden (mit etwas)
Z. 3 vox, vocis, f.: hier Satz, Spruch
magnus, -a, -um: hier prädikativ stolz
animosus, -a, -um: hier prädikativ mutig, beherzt
polenta, -ae, f.: Gerstenbrei, Polenta
Iovi: Dat. zu Iuppiter
Z. 3f. (alicui) controversiam facere de (+ Abl.): (mit jemandem) in einen Wettstreit treten um (etwas)
Z. 4 ista = istae res (bezogen auf aquam und polentam)
defuerint: Übersetze im Indikativ Präsens.
Z. 5 reponere in (+ Abl.): hier beruhen lassen auf (etwas), gründen auf (etwas)
aqua et polenta: Ergänze reponere.
polenta, -ae, f.: Gerstenbrei, Polenta
Z. 6 ista = istae res (bezogen auf aquam und polentam)
fuerint: Übersetze im Indikativ Präsens.
Z. 6f. quid interest?: was interessiert es?, was ist es von Interesse?
Z. 7 magna sint an exigua: Übersetze (utrum) res magnae an exiguae sint.
Quid refert, […]?: Was spielt es für eine Rolle, […]?, Was macht es für einen Unterschied, […]?
quantulum: wie wenig
Z. 8 polenta, -ae, f.: Gerstenbrei, Polenta
arbitrium, -i, n.: Willkür, Macht
cadere, cado in (+ Akk.): abhängen von (etwas)
Z. 9 parum licet fortunae in (+ Akk.): das Schicksal hat wenig Macht über (jemanden)
nihil desideres, oportet: Ordne oportet, (ut) nihil desideres.
vis = cupis
Z. 10 Iovem: Akk. zu Iuppiter
Material 2
Vorbemerkung
In seiner Biographie über den Kaiser Augustus berichtet der Schriftsteller Sueton über dessen
Lebensweise Folgendes:
C. Suetoni Tranquilli: De vita Caesarum Liber II: Divus Augustus, 72-77 (mit Auslassungen), übersetzt und herausgegeben
von Dietmar Schmitz, Stuttgart, 1988.
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Warum wunderst du dich? Warum staunst du? Es ist ein Festzug. Man zeigt diese Dinge, man besitzt sie nicht, und während sie gefallen, gehen sie vorüber. Wende dich lieber dem wahren Reichtum zu! Lerne mit Kleinem zufrieden zu sein und rufe jenen Satz stolz und beherzt aus: „Wir haben Wasser, wir haben Gerstenbrei. Lasst uns mit Jupiter selbst in einen Wettstreit um das Glück treten!“ Lasst es uns machen, ich bitte dich, auch wenn dies vielleicht einmal fehlt; es ist schändlich, das glückliche Leben auf Gold und Silber zu gründen, ebenso schändlich ist es, es auf Wasser und Gerstenbrei zu gründen. „Was also soll ich tun, wenn diese nicht vorhanden sind?“ Du fragst, welches Heilmittel es gegen Not gibt? Den Hunger beendet der Hunger/das Verhungern. Übrigens – was interessiert es, ob es groß oder unbedeutend ist, was dich zu dienen zwingt? Was spielt es für eine Rolle, wie wenig es ist, was dir das Schicksal verweigern kann? Selbst dieses Wasser und dieser Gerstenbrei hängen von fremder Willkür ab. Frei ist jedoch nicht der, über den das Schicksal wenig Macht hat, sondern über den es keine hat. So ist es: Dass du nichts vermisst, ist notwendig, wenn du Jupiter herausfordern willst, da auch er nichts vermisst.
II Interpretation
In einer Einleitung sollen Angaben zu Autor und Thema sowie gegebenenfalls zur Textgattung gemacht werden: In dem vorliegenden Textausschnitt befasst sich Seneca mit dem Wert von Bedürfnislosigkeit für die Freiheit des Menschen.
Der Prunk, der im Festzug gezeigt wird, sei kein persönlicher Besitz (non possidentur), er gehe vorüber (transeunt). Man solle sich daher dem wahren Reichtum zuwenden (Ad veras potius te converte divitias!), und sich mit Wenigem zufriedengeben (parvo esse contentus). Dann könne man es in Bezug auf Glück sogar mit Jupiter aufnehmen (Iovi ipsi controversiam de felicitate faciamus). In dieser Haltung solle man auch dann verbleiben, wenn es an grundlegenden Dingen (aquam et polentam) fehle (etiam si ista defuerint). Im äußersten Fall beende der Tod durch Verhungern den Hunger (Famem fames finit). Es spiele keine Rolle, ob man sein Glück in Luxus oder in der Befriedigung von Grundbedürfnissen suche (quid interest, magna sint an exigua), da man in beiden Fällen von äußeren Umständen abhängig sei (in alienum arbitrium cadit). Wahrhaft frei sei erst, wer sich ganz unabhängig vom Schicksal mache (non, in quem parum licet fortunae, sed in quem nihil). Erst dann könne man es mit Jupiter aufnehmen, der alles hat (nihil desiderantem).
Im vorliegenden Text wird zur stoischen Unabhängigkeit von materiellen Bedürfnissen aufgerufen (Autarkie).
Die Stoa erkennt die materiellen Bedürfnisse des Menschen nach Gütern des alltäglichen Lebens wie z. B. Nahrung, Kleidung usw. als von der Natur gegeben durchaus an. Alles, was diese natürlichen Bedürfnisse befriedigt, wird daher nicht per se abgelehnt. Im Gegensatz dazu sei das Streben nach Luxus jedoch strikt abzulehnen, da es nicht der Natur des Menschen entspreche, der Tugend der Mäßigung zuwiderlaufe und den Menschen im Zusammenhang mit Habgier schädlichen Affekten aussetze.
In einer nächsten Stufe erkennt der Stoiker, dass das höchste Gut allein in der sittlichen Tugend besteht. Da materielle Dinge dazu direkt nichts beitragen, werden sie in der stoischen Güterlehre als Adiaphora eingestuft. Sie werden nicht per se abgelehnt, jedoch könne und müsse man unter Umständen auch auf sie verzichten. Im Zweifel sei der Tod besser, als von der Tugend abzuweichen.
Genau diesen Schritt eines Philosophen von der positiven Sicht auf die natürlichen Bedürfnisse zu der Befreiung des Weisen von ihnen thematisiert der vorliegende Text. Insofern entspricht er der stoischen Lehre vollkommen, ist jedoch in seiner Ausrichtung recht radikal.
Der ganze Abschnitt ist, wie oft in den Briefen Senecas, in Form eines Dialoges verfasst.
Im Mittelpunkt des Textabschnittes steht die Unabhängigkeit des Stoikers von materiellen Dingen. Seine entschlossene Haltung wird durch die einfache Satzstruktur des Ausrufs Habemus aquam, habemus polentam, der durch Parallelismus und Anapher noch hervorgehoben wird, gut verdeutlicht. Dabei sind aqua und polenta treffende Symbole für einen einfachen Lebensstil. Der Wettstreit mit Jupiter um das Glück wird durch die Alliteration felicitate faciamus hervorgehoben. Das Wort faciamus wird im folgenden Satz wieder aufgegriffen und durch die persönliche Aufforderung oro te verstärkt, denn nun geht Seneca in der Argumentation einen Schritt weiter. Dass man sich nicht nur von Luxus, sondern von allen materiellen Bedürfnissen frei machen sollte, wird in dem folgenden als Parallelismus gestalteten Satz eindrücklich dargestellt. Dabei wird eine Abhängigkeit von materiellen Bedürfnissen durch die Anapher turpe […] aeque turpe, verbunden mit einer Ellipse im zweiten Teil, betont abgewertet. Für den Stoiker stehen die Begriffe turpe und beatam vitam in deutlicher Antithese. Eine weitere Antithese besteht in der Gegenüberstellung von Luxus (in auro et argento) und dem einfachen Lebensstil (in aqua et polenta). Die Pointe des Satzes besteht darin, dass die beiden scheinbar gegensätzlichen Lebensweisen moralisch auf eine Stufe gestellt werden und sich der Weise in der Verachtung von aqua et polenta mit dem oberflächlichen Luxusmenschen trifft. Die folgende Frage des fiktiven Gesprächspartners (Quid ergo faciam […]?) wird durch eine rhetorische Frage aufgegriffen (Quaeris, quod sit […]?). Dadurch wird die Erwartungshaltung vor der abschließenden Sentenz (Famem fames finit.) verstärkt. Diese Sentenz sticht durch eine Alliteration, das Polyptoton famem fames und den darin enthaltenen scheinbaren Widerspruch hervor.
In dem vorliegenden Auszug der Biographie des Kaisers Augustus von Sueton wird deutlich, dass Augustus als „Staatsmann“ einen sehr einfachen und enthaltsamen Lebensstil pflegte: Seine Wohnung und selbstgefertigte Kleidung waren ebenso bescheiden wie seine Ernährung. Er nahm nur wenig und einfache Speisen und Getränke zu sich. Insofern scheint selbst für einen allmächtigen und weltenbeherrschenden Kaiser wie Augustus eine auf Autarkie abzielende Lebensführung mit seiner staatlichen Stellung durchaus vereinbar zu sein. Allerdings war er in der Praxis auch nicht so radikal, wie Seneca es in der Theorie ist: Statt Wasser und Gerstenbrei griff er immerhin zu Brot, kleinen Fischen und Käse; dazu trank er – wenn auch maßvoll – Wein.
In der Öffentlichkeit dürfte diese Lebensweise ambivalent aufgenommen worden sein. Einerseits zeigte er sich mit Blick auf seine Staatsführung in seiner Lebensführung als authentisches Vorbild seines politischen Programms der Restitution, das sittliche Erneuerung und Rückkehr zu den altrömischen (bescheidenen und bäuerlichen) Tugenden propagierte.
Andererseits lässt Sueton aber auch durchscheinen, dass die Sparsamkeit bzw. Enthaltsamkeit des Kaisers bei seinen Zeitgenossen auf Befremden stieß und Kritik erregte. Denn sie hielten seine Lebensführung in Teilen für unangemessen – selbst für einen Privatmann.
Letztlich sollte ein „Staatsmann“ also wohl ein bescheidenes und volksnahes Leben führen. Keinesfalls aber sollte er als Moralapostel auftreten. Zudem muss er – als Person der Öffentlichkeit – auch an sein öffentliches Auftreten und seine repräsentativen Pflichten denken.