Vorschlag A – Todesstrafe für Terroristen und Staatsfeinde?
Der vorliegende Vorschlag enthält in Aufgabe 4 alternative Arbeitsanweisungen.
I Übersetzung
Übersetze den Text in angemessenes Deutsch. (Material 1)
II Interpretation
Skizziere unter Verwendung lateinischer Textbelege Ciceros Argumentationsgang im vorliegenden Redeausschnitt. (Material 1)
Analysiere die sprachlich–stilistische Gestaltung des Redeausschnittes von Etenim quaero bis zum Textende. (Material 1)
Ordne den vorliegenden Redeausschnitt in den unmittelbaren Zusammenhang von Ciceros Biographie ein. (Material 1)
Beurteile Ciceros Verständnis von humanitas im vorliegenden Redeausschnitt (Material 1) im Vergleich zu Senecas Verständnis von humanitas (Material 2).
oder
Nimm unter Bezugnahme auf die Lehren der Stoa (Material 2) Stellung zur Todesstrafe.
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Vorbemerkung
Nachdem Cicero eine Verschwörung des Senators Catilina aufgedeckt und rechtzeitig vorbeugende Gegenmaßnahmen getroffen hat, fordert er den Senat auf, über die Bestrafung der verhafteten Verschwörer zu entscheiden. Dabei befürwortet er die Todesstrafe.
Übersetzungshilfen
Z. 1 quamquam: freilich
quae: Beziehe auf crudelitas (Z. 2).
in tanti sceleris immanitate punienda: bei der Bestrafung eines so ungeheuerlichen Verbrechens
Z. 3 mitis, -e: mild, gnädig
quadam: hier geradezu. Beziehe auf singulari.
Z. 4 Videor mihi: Ich bilde mir ein; Ich stelle mir vor
arx, arcis, f.: Schutzburg, Zuflucht
Z. 5 concidere, -cido: untergehen, zusammenstürzen
sepulta in patria: am Grab des Vaterlandes
Z. 6 misera atque miseranda: Ergänze esse.
miserandus, -a, -um: beklagenswert
Z. 7 se praebere, praebeo (in + Akk.): sich (jemandem gegenüber) zeigen
Z. 8 quis = aliqui(s)
liberi, -orum, m.: Kinder
Z. 9 supplicium (de + Abl.) […] quam acerbissimum sumere: (jemanden) mit äußerster Härte bestrafen. Übersetze sumpserit im Indikativ Präsens.
Z. 9f. utrum […] an: ob […] oder. Beziehe auf quaero.
Z. 10 mihi vero: Ergänze videtur.
importunus, -a, -um: gefühllos
Z. 11 ferreus, -a ,-um: hier hartherzig
qui = is, qui
nocens, nocentis: (Übel)Täter, der Schuldige
lenire, lenio, leni(v)i: mildern, verringern. Übersetze lenierit im Indikativ Präsens.
Z. 11f. sic nos in his hominibus, […], si vehementissimi fuerimus, misericordes habebimur: Ordne sic misericordes habebimur, si vehementissimi fuerimus in his hominibus, qui […] voluerunt
Z. 13 vehementissimi fuerimus (in + Abl.): wir gehen mit äußerster Schärfe vor (gegen jemanden)
haberi: gelten als
sin: wenn aber
remissus, -a, -um: hier milde (gegenüber den Tätern)
voluerimus: Übersetze im Indikativ Präsens.
Z. 14famam crudelitatis subire, -eo: den Makel der Grausamkeit auf sich nehmen, sich dem Vorwurf der Grausamkeit aussetzen
Material 2
In einem seiner philosophischen Briefe geht Seneca der Frage nach, was Menschlichkeit (humanitas) sei:
L. Annaeus Seneca: Epistulae morales ad Lucilium, Liber XV, lateinisch/deutsch, übersetzt und herausgegeben von Franz Loretto, Stuttgart 1996, S.85ff.
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Was freilich kann (denn), Senatoren, Grausamkeit bei der Bestrafung eines so ungeheuerlichen Verbrechens sein? Ich urteile nämlich (nun) nach meinem Empfinden. […] Ich lasse mich nicht von Hartherzigkeit bestimmen – denn wer ist milder als ich? – , sondern von einer geradezu einzigartigen Menschlichkeit und Barmherzigkeit.
Ich stelle mir nämlich vor zu sehen, wie diese Stadt, die Leuchte des Erdkreises und die Schutzburg aller Völker, plötzlich in einer Feuersbrunst zusammenstürzt. Im Geist erblicke ich am Grabe unseres Vaterlandes die Leichenhaufen von bejammernswerten und unbegrabenen Bürgern. […] Weil mir dies überaus jammervoll und beklagenswert [zu sein] scheint, deshalb will ich mich denen gegenüber, die das ins Werk setzen wollten, streng und entschieden zeigen.
Denn ich möchte fragen, wenn (irgend)ein Familienvater, nachdem seine Kinder von einem Sklaven getötet, seine Frau umgebracht und sein Haus in Brand gesteckt worden ist, seine Sklaven nicht mit äußerster Härte bestraft, ob dieser dann milde und mitleidig oder höchst unmenschlich und grausam zu sein scheint? Mir jedenfalls scheint gefühllos und hartherzig, wer nicht durch den Schmerz und die Qual des Übeltäters seinen eigenen Schmerz und seine eigene Qual lindert. So werden auch wir als mitleidig gelten, wenn wir mit äußerster Schärfe gegen diese Leute vorgehen, die uns, unsere Frauen und unsere Kinder abschlachten wollten […]. Wenn wir aber allzu milde sein wollen, so müssen wir uns beim Untergang des Vaterlandes und unserer Mitbürger den Vorwurf höchster Grausamkeit gefallen lassen.
II Interpretation
Vor dem römischen Senat erläutert Cicero seinen Standpunkt zur Bestrafung der gefassten Catilinarier. Er wolle sich bei ihrer Bestrafung von Menschlichkeit und Barmherzigkeit leiten lassen (moveor […] singulari quadam humanitate et misericordia). Für ihn stehe fest, dass ein Erfolg der Verschwörung für Rom und seine Bürger den Untergang bedeutet hätte (hanc urbem […] concidentem / miseros atque insepultos acervos civium). Deshalb sei es seine Absicht, gegen die Verschwörer ohne Nachsicht vorzugehen (in eos […] me severum vehementemque praebebo). Das vermeintliche Paradoxon bezüglich der von ihm beanspruchten humanitas löst er dadurch auf, dass er die Opferperspektive einnimmt. Dann bedeutet Härte gegen die Catilinarier nicht crudelitas, sondern mit Blick auf das Leid der Opfer und die Verantwortlichkeit für das Gemeinwesen humanitas et misericordia. Dies illustriert Cicero am Beispiel eines pater familias und verknüpft dessen Verantwortlichkeit für seine familia mit der Verantwortung der patres conscripti für die res publica. Daraus schlussfolgert Cicero: Sich nicht für die Hinrichtung der Catilinarier auszusprechen bedeute, das Vaterland und seine Mitbürger dem Untergang preiszugeben und sich dem Vorwurf höchster Grausamkeit auszusetzen (summae nobis crudelitatis in patriae civiumque pernicie fama subeunda est).
Mit einem vergleichenden Fallbeispiel (si quis pater familias) illustriert Cicero in diesem Redeauszug mittels einer rhetorischen Frage (utrum is clemens ac misericors an inhumanissimus et crudelissimus esse videatur?) sein Verständnis von humanitas: Menschlich sei es, Unrecht zu rächen. Scheinbar beiläufig in Form von Ablativi absoluti wird das erlittene Leid in einem asyndetischen Trikolon aufgezählt: Zweifaches Homoioptoton (liberis suis […] interfectis, […] occisa, […] incensa), Hyperbaton (liberis suis a servo interfectis), Chiasmus (uxore occisa, incensa domo) und Antiklimax (liberis […]uxore […] domo) aber verleihen der Aufzählung Aufmerksamkeit und Nachdruck. Die denkbar härteste Bestrafung wird mit einem Hyperbaton akzentuiert, welches sich insofern, als die schuldigen Sklaven von der Strafe gleichsam in die Zange genommen werden, auch als abbildende Wortstellung deuten lässt (supplicium de servis non quam acerbissimum). Antithetisch werden Menschlichkeit und Unmenschlichkeit hervorgehoben durch ein Hendiadyoin gegenübergestellt (clemens ac misericors an inhumanissimus et crudelissimus), wodurch der komplizierte Gedankengang klarer bzw. verständlicher werden soll. In gleicher Weise wirkt ein weiteres Hendiadyoin (importunus ac ferreus) bzw. ein parallel formuliertes Polyptoton (qui non dolore et cruciatu nocentis suum dolorem cruciatumque lenierit). Abschließend wird der zentrale Gedanke, dass eine strengst mögliche Bestrafung ein Zeichen von Mitgefühl, Nachsicht hingegen ein Zeichen von Grausamkeit sei, nochmals etwas variiert wiederholt. Zum Einsatz kommt zur pathetischen Verdeutlichung des Leids wieder ein asyndetisches Trikolon, dieses Mal aber auch noch verstärkt durch eine nachdrücklich anklagende qui-Anapher (in his hominibus, qui nos, qui coniuges, qui liberos nostros trucidare voluerunt).
Obwohl Cicero nur dem Ritterstand entstammte, konnte er sich als homo novus bei den Wahlen um das Amt des Konsuls für das Jahr 63 v. Chr. gegenüber seinem Mitbewerber Catilina durchsetzen, weil schon damals Gerüchte über eine vermeintliche Verschwörung Catilinas kursierten. Infolgedessen unterstützten Teile der Nobilität seine Bewerbung. Im Herbst deckte Cicero als Konsul eine Verschwörung Catilinas auf und legte Beweise dafür vor. Im vorliegenden Redeauszug unterstützt Cicero die beantragte Todesstrafe, die der Senat auch beschloss und die Konsuln, autorisiert durch den Staatsnotstand, vollziehen ließen. In Anerkennung seiner Verdienste um die Niederschlagung der Verschwörung wurde Cicero die Ehrung als pater patriae zuteil. Damit war er auf dem Höhepunkt seiner politischen Karriere angekommen. Für die Hinrichtung der Catilinarier musste Cicero aber 58 v. Chr. persönlich die politische Verantwortung übernehmen und ins Exil gehen. Im Folgejahr rehabilitiert, kehrte er nach Rom zurück und wirkte wieder als Redner und Politiker. Doch angesichts der politischen Rahmenbedingungen widmete er sich nun vermehrt seiner (philosophischen) Schriftstellerei.
Die Genauigkeit der Einordnung des Redeausschnittes bzw. der Rede in Ciceros Biographie dürfte vom Vorwissen aus dem Unterricht abhängen. Erwartet wird jedoch keine Nacherzählung von Ciceros Lebenslauf, sondern eine angemessene Einordnung, die sich auf Catilinas Verschwörung sowie Ciceros catilinarische Reden (inklusive des vorliegenden Redeauszugs) und deren Folgen fokussiert.
In Abgrenzung zur Natur des Tieres beruht Ciceros Verständnis von humanitas grundsätzlich auf der Fähigkeit des Menschen zur Kommunikation und Gemeinschaftsbildung/Staatsbildung. Grundlegend für eine intakte Gemeinschaft ist eine auf rhetorischen und philosophischen Kenntnissen basierende Bildung, die zur Gestaltung des Gemeinwesens befähigt.
Im vorliegenden Redeauszug hingegen ist die Voraussetzung, nämlich ein intaktes Gemeinwesen, nicht gegeben. Infolgedessen sind auch Menschlichkeit und Barmherzigkeit gegenüber den Staatsfeinden in der gegebenen Situation fehl am Platz. Daher deutet Cicerohumanitasim Sinne seiner Argumentation um: Er versteht darunter die unmittelbaren und spontanen Gefühle, die einen Menschen prägen und sein Handeln bestimmen. In der aus der Opferperspektive vorgestellten Extremsituation entspringt der Trauer und dem Zorn ein quälender Schmerz, der destruktiv auf Rache abzielt und als Affekt doch durchaus menschlich ist (qui non dolore et cruciatu nocentis suum dolorem cruciatumque lenierit). Darüber hinaus sieht er humanitas gegeben im Einschreiten des Senats zum Schutz des Gemeinwesens und seiner Bürger (Sin remissiores esse voluerimus, summae nobis crudelitatis in patriae civiumque pernicie fama subeunda est.).
Demgegenüber geht Seneca in seinem Brief von einem Idealzustand aus, der gesellschaftliche Gegebenheiten gar nicht berücksichtigt, sondern die gemeinsame Natur des Menschen als Vernunftwesen in den Mittelpunkt rückt und somit seine Mitmenschlichkeit und seinen Gemeinschaftssinn betont (Natura nos cognatos edidit, cum ex isdem et in eadem gigneret; haec nobis amorem indidit mutuum et sociabiles fecit./ In commune nati sumus). In diesem Sinne versteht Seneca unterhumanitasbedingungsloses menschenfreundliches und altruistisches Verhalten gegenüber den Mitmenschen – selbst zum eigenen Schaden (ex illius constitutione miserius est nocere quam laedi; ex illius imperio paratae sint iuvandis manus).
Unter Berücksichtigung religiöser Werte (z. B. göttliche Gebote und christliche Nächstenliebe) und ethischer Normen dürfte eher Senecas Verständnis von humanitas positiv beurteilt werden. Demgegenüber könnte Ciceros Verständnis von humanitas im vorliegenden Material auf Befremden stoßen oder auch mit Blick auf die realpolitischen Rahmenbedingungen nachvollzogen werden.+
oder
Der stoischen Lehre zufolge ist die Todesstrafe wohl eher abzulehnen. Der gemeinsame Ursprung der Menschen, seine Wesensgleichheit als animal rationale und animal sociale befähigen ihn zu vernünftigem sowie sozialem und solidarischem Verhalten. Lebt er gemäß dieser seiner Natur (secundum naturam), dürfte es gar nicht zu Konflikten kommen, deren Lösung Gewalt gutheißt.
Demgegenüber ist zu bedenken, dass das Leben als solches für den Stoiker keinen Wert darstellt. Allenfalls ein sittlich gutes, auf der virtus und dem honestum beruhendes Leben könnte er als bonum gelten lassen. Daraus ließe sich bei einer Güterabwägung unter Umständen auch eine Befürwortung der Todesstrafe ableiten, wenn es um Adiaphora (producta) geht, denen ein höherer Wert beizumessen ist. In diesem Sinne können z. B. Wohl und Sicherheit der Gemeinschaft dem (Recht auf) Leben des Einzelnen übergeordnet werden. Mit Blick auf das Wohl des Einzelnen bzw. der Gemeinschaft sowie der Schwere der begangenen Übeltat ließe sich dazu eine kritische und differenzierte Argumentation unter Einbeziehung der Opferperspektive entwickeln.
Als eigene Maßstäbe können dabei religiöse Werte (z. B. göttliche Gebote, christliche Nächstenliebe) oder allgemein verbindliche Menschenrechte (z. B. UN-Charta, Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Europäische Menschenrechtskonvention, Grundgesetz) zugrunde gelegt werden.