Vorschlag B – Ein Zeichen ändert alles
I Übersetzung
Übersetze den Text in angemessenes Deutsch. (Material 1)
II Interpretation
Skizziere unter Verwendung lateinischer Textbelege, auf welche Weise sich der Sinneswandel des Anchises vollzieht. (Material 1)
Analysiere die Verse 21 und 22 metrisch. Kennzeichne dabei auch die Zäsuren. (Material 2)
Untersuche die sprachlich–stilistische Gestaltung der Verse 18 bis 23. (Material 1)
Erläutere mit Bezug auf den Text und mithilfe deiner Lektürekenntnisse aus dem ersten Buch derAeneisdie Bedeutung der Vorzeichen (omina) und Vorhersagen für den Handlungsablauf in derAeneis. (Material 1)
Diskutiere unter Bezugnahme auf die Lehren der Stoa und des Epikur, ob es vernünftig ist, sein Handeln nach kosmischen Zeichen auszurichten.
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Vorbemerkung
Aeneas kann seinen Vater nicht überreden, mit ihm aus dem brennenden Troja zu fliehen. Doch ohne seinen Vater will er auf keinen Fall die Stadt verlassen. Dieser bleibt aber fest in seiner Absicht, mit Troja und seinen Hausgöttern unterzugehen. In diesem Moment, so erzählt Aeneas in der Rückschau, sei ihnen ein seltsames Zeichen erschienen.
Übersetzungshilfen
V. 1–3 Übersetze: Siehe, hoch über dem Scheitel des Julus schien sich ein flimmerndes Licht in einer Flamme zu ergießen und mit ihrer Berührung das weiche Haar und seine Schläfen zu umzüngeln, ohne sie zu verbrennen.
V. 4f. trepidare […] excutere […] restinguere: historische Infinitive; übersetze diese in der 1. Person Plural (Nos).
V. 4 trepidare: zittern
crinem flagrantem = crines flagrantes: brennende Haare
V. 5 excutere: herausschütteln
fons, fontis, m.: hier Quellwasser
V. 7 extollere, extollo, extuli: erheben
caelo = ad caelum
palma, -ae, f.: Hand
[magna] cum voce: Ergänze clamavit.
V. 8 flecti, flector: sich bewegen/erweichen lassen
V. 9 hoc tantum: Ergänze oramus.
mereri, mereor: verdienen
V. 10 omina (Pl. n.): gemeint sind Vorzeichen / seltsame Zeichen (s. Vorbemerkung)
firmare: bekräftigen
V. 11 fari, for, fatus sum: sprechen
senior = senex
subitus, -a, -um: unerwartet
V. 12 intonuit laevum: es donnerte auf der linken Seite
V. 12f. de caelo […] ducens […] cucurrit: Ordne stella facem ducens de caelo lapsaper umbras […] cucurrit
V. 12 labi, labor, lapsus, -a, -um: fallen, gleiten. Ergänze zu lapsa est (et).
per umbras: durch die Finsternis, durch die Dunkelheit
V. 13 fax, facis, f.: Lichtstreif, Flammenschweif
V. 14 labentem: PPA von labi (siehe dazu V. 12)
culmina, culminum, n. (Pl.): Giebel
V. 15 Idaeus, -a, -um: zum Idagebirge gehörig, des Idagebirges
Idaea […] silva = in Idaea […] silva
claram: hier prädikativ bezogen aufillam(=stella) als Leuchtender, leuchtend
se condere: untergehen
V. 16 limes, -itis, m.: Weg, Spur, Bahn
sulcus, -i, m.: hier: Lichtstreif
V. 17 circum: hier Adverb
sulphur, -uris, n.: Schwefel
V. 18 hic: hierauf, alsdann
ad auras: in die Höhe, empor
V. 19 adfari, adfor: anflehen, ansprechen
V. 20 nulla mora est: es gibt kein Verweilen mehr
qua: hier wohin
V. 22 vestrum hoc augurium: Ergänze est.
V. 23 cedere, cedo: hier nachgeben
tibi = tecum
V. 24 clarus, -a, -um: hier laut prasselnd
V. 25 propius: näher heran
Material 2

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Siehe, hoch über dem Scheitel des Julus schien sich ein flimmerndes Licht in einer Flamme zu ergießen und mit ihrer Berührung das weiche Haar und seine Schläfen zu umzüngeln, ohne sie zu verbrennen. Furchtsam zitterten wir vor Angst und schüttelten das brennende Haar heraus und löschten mit Quellwasser das heilige Feuer. Aber mein Vater Anchises erhob froh die Augen zu den Sternen und streckte die Hände zum Himmel aus und rief mit lauter Stimme: „Allmächtiger Jupiter, wenn du dich durch irgendwelche Gebete erweichen lässt, schau auf uns! Nur dies erbitten wir und wenn wir es durch unsere Frömmigkeit verdienen, gib dann Hilfe, Vater, und bekräftige diese Vorzeichen.“ Kaum hatte der Alte dies gesprochen, (und) da donnerte es zur Linken mit unerwartetem Krachen und vom Himmel fiel ein Stern, der einen Flammenschweif hinter sich herzog, und schoss mit hellem Glanz durch die Finsternis. Wir sehen, wie jener hoch über den Giebel des Daches dahingleitet und leuchtend im Wald des Idagebirges untergeht und den Weg bezeichnet; dann verbreitet der Lichtstreif auf seiner langen Bahn ein Leuchten und die Gegend dampft weithin von Schwefel.
Hierauf aber hebt sich der Vater – besiegt – empor und fleht die Götter an und betet das heilige Gestirn an: „Nun, nun gibt es kein Verweilen (mehr); ich folge und bin da, wohin ihr mich führt. Götter des Vaterlandes, rettet mein Haus, rettet meinen Enkel. Dies ist euer Vorzeichen und unter eurer göttlichen Macht steht Troja. Ich freilich gebe (nun) nach, mein Sohn, und verweigere dir nicht meine Begleitung.“
Sagte er und schon hört man durch die Mauern das lauter prasselnde Feuer und die Brände wälzen die Hitzewellen näher heran.
II Interpretation
Aeneas ist kurz davor, den vom fatum vorgegebenen Weg zu verlassen, weil sein Vater Anchises in Troja bleiben will. Da erscheint ein göttliches Zeichen: Eine Flamme umzüngelt den Kopf des Julus (summo de vertice visus Iuli fundere lumen apex), ohne ihn jedoch zu verbrennen (tactuque innoxia). Während Aeneas und Krëusa ängstlich reagieren (pavidi trepidare metu), deutet Anchises dies freudig als ein göttliches Zeichen und bittet Jupiter im Folgenden um eine Bekräftigung dieses Vorzeichens (oculos ad sidera laetus extulit / haec omina firma!). Jupiter gesteht Anchises diese Gunst zu und bezeichnet durch einen lapsa stella, begleitet von einem Lichtstreif und Schwefel, den Weg zur Flucht (signantemque vias). Anchises erkennt die Bedeutung des Zeichens. Ohne zu zögern ändert er fügsam seinen Sinn (victus). Nun endlich ist er bereit und drängt sogar darauf, Troja unverzüglich zu verlassen (Iam iam nulla mora est). Er will nicht nur folgen, sondern sogleich da sein, wohin ihn die Götter führen (sequor et, qua ducitis, adsum).

Durch das zweite, erbetene Zeichen ist Anchises endgültig und unumstößlich überzeugt – hervorgehoben durch die Alliteration vero victus –, dass es richtig ist, zusammen mit Aeneas und seiner Familie Troja zu verlassen. Zwei weitere Alliterationen (ad auras adfaturque; sanctum sidus) leiten die Worte an die ihm wichtigen Götter ein. Mit einer Wortwiederholung (iam, iam) beginnt er seine Rede: Der Aufbruch steht jetzt, nachdem er einmal überzeugt ist, unmittelbar bevor. Anchises bittet nun im Folgenden die Götter um ihre Unterstützung. Seine Bitte, die Götter mögen sich um sein Haus und seinen Enkel kümmern, leitet er mit der Anrede di patrii (Homoioptoton) ein und formuliert seine Bitte kurz in einem anaphorischen Parallelismus (servate domum, servate nepotem). Noch einmal wiederholt er im Folgenden unter Verwendung des Polyptotons vestrum, vestroque seine aus den omina gewonnene Erkenntnis: Der Weggang aus Troja ist von den Göttern gewollt und er stellt sich diesem Wunsch nicht entgegen.
Vorzeichen (omina) und Vorhersagen (Prophezeiungen) sind in der Aeneis wiederholt verwendete Motive. Sie verdeutlichen den jeweiligen Willen der höheren Mächte und dienen dazu, den Handelnden in ihrem Tun den Weg zu weisen und ihre Entscheidungen im Sinne des fatum zu lenken.
In der Aeneis ist das fatum die treibende Kraft: Aeneas erhält den Auftrag, nach dem Untergang Trojas die heimischen Götter zu retten und in einer zu gründenden Stadt in Italien anzusiedeln.
Verschiedene Vorzeichen und Vorhersagen lenken Aeneas in die richtige Richtung und bringen ihn bei Zweifeln auf den richtigen Weg zurück. Diese Vorzeichen und Vorhersagen werden im Laufe der Aeneis immer präziser: So wird in der vorliegenden Szene Anchises mithilfe des Vorzeichens allgemein verdeutlicht, dass es dem Willen der Götter entspreche, aufzubrechen und eine neue Heimat zu suchen. Noch mehr offenbart Jupiter bereits im ersten Buch der Aeneis in seiner Vorhersage gegenüber Aeneas’ Mutter, der Göttin Venus, wenn er ihr die Zukunft des Aeneas, der Trojaner und der von ihnen abstammenden Römer verkündet. Infolgedessen sollte Jupiters Prophetie bei der Bearbeitung der Aufgabe in jedem Fall berücksichtigt werden. Die Bezugnahme auf weitere Vorzeichen und Vorhersagen ist von der jeweils vorausgegangenen Lektüre abhängig.
Nach der Lehre der Stoa ist die Welt ein geordneter Kosmos, der von der Vernunft (ratio) gelenkt wird. Diese Vernunft lenkt alles, was geschieht, sodass alles ein vorbestimmtes Schicksal (fatum) besitzt.
Nach Auffassung der Stoiker haben alle Menschen Anteil an der Vernunft, tragen also einen Teil der ratio in sich. Da nun die Vorgänge auf der Welt durch die ratio bestimmt sind, ist auch der Mensch als vernunftbegabtes Wesen in der Lage, sein fatum zu erkennen. Seine Aufgabe ist es, sich diesem zu fügen, indem er gemäß seiner Natur lebt (secundum naturam vivere).
Geht man davon aus, dass die ratio den Kosmos lenkt, der Mensch wiederum einen Teil dieser ratio in sich trägt und die Gesetzmäßigkeit somit erkennt, kann man zu der Auffassung kommen, dass der Stoiker keine kosmischen Zeichen, nach denen er sein Handeln ausrichtet, benötigt, da er aufgrund seiner ratio bereits gemäß der Natur lebt. Allerdings spricht auch nichts dagegen, sich nach kosmischen Zeichen, so sie denn vorhanden sind, zu richten.
Nach Epikurs Vorstellung besteht der Kosmos aus Atomen. Es gibt keine ordnende Macht, sondern es regiert der Zufall. Die Götter leben in sogenannten Intermundien, kümmern sich nicht um die Belange der Menschen und wirken nicht auf sie ein. Daraus folgt, dass es keine kosmischen Zeichen geben kann, nach denen zu richten sich lohnt. Für einen Anhänger der Lehre des Epikur kann es demnach nicht vernünftig erscheinen, sein Handeln nach kosmischen Zeichen auszurichten.
Die eigene Position zur Fragestellung kann über die genannten Bezüge hinaus auch andere Aspekte berücksichtigen.