Vorschlag C – Der Zorn bei Göttern und Menschen
I Übersetzung
Übersetze den Text in angemessenes Deutsch. (Material)
II Interpretation
Fasse den Inhalt des Textes unter Verwendung lateinischer Textbelege zusammen. (Material)
Analysiere die sprachlich-stilistische Gestaltung des Textes vom Anfang bis deducat, descendere und beschreibe deren Funktion innerhalb der Ausführungen Senecas. (Material)
Stelle auf Basis deiner Lektürekenntnisse (aus dem 1. Buch der Aeneis) die Gründe für den Zorn der Göttin Juno dar.
Erörtere, wie die Gedanken Senecas über den Zorn sich in den Figuren des Aeneas und der Juno in Vergils Aeneis widerspiegeln.
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Vorbemerkung
In einem seiner philosophischen Werke untersucht Seneca, inwiefern der Zorn eine charakteristische Eigenschaft des Menschen ist:
Übersetzungshilfen
Z. 1 quaesitum est: hier es stellte sich die Frage
an: ob
cadere (in + Akk.): (jemanden/etwas) befallen
quo: hier wodurch
Z. 2 iracundia, -ae, f.: Jähzorn, heftiger Zornausbruch
species, -ei, f.: Art, Erscheinungsform
Z. 2f. an […] et an […]: ob […] und ob […]
Z. 3 ex aliqua parte: in gewissem Umfang
retinere, retineo: beibehalten
Z. 4 inspicere, inspicio, inspexi: genau in Augenschein nehmen
quo = quam homo (Abl. comparationis)
mitius (Sg. n.): sanfter, friedlicher
in recto animi habitus est: Übersetze seine seelische Verfassung ist ausgeglichen.
Z. 5 aliorum amantius: anderen gegenüber liebevoller
Z. 5f. adiutorium mutuum: gegenseitige Unterstützung
Z. 6 congregari: sich versammeln, zusammenkommen
Z. 7 vel: hier sogar
Z. 8 impendere se: sich aufopfern
deducere, deduco: hier mit hinabreißen, mit hinabziehen. Ergänze alios.
descendere: Ergänze parata est.
Z. 9 quam qui = quam is, qui
opus, operis, n.: hier Geschöpf
emendatus, -a, -um: hier fehlerfrei, vollkommen
ferus, -a, -um: ungezähmt, wild
Z. 10 cuius cupidinem: Übersetze dessen Gier.
Z. 10f. cuius cupidinem inesse […] pectori: Ordne cuius cupidinem pacatissimo pectorihominis inesse. Der AcI ist abhängig von minime secundum eius naturam est.
Z. 11 eius: Gemeint ist hominis.
Z. 12 beneficiis enim humana vita constat et concordia: Ordne humana vita enim beneficiis et concordia constat.
constare (+ Abl.): beruhen (auf etwas)
foedus, foederis, n.: hier Gemeinschaft
Z. 13constringere, constringo in (+ Akk.): verknüpfen zu (etwas), fest verbinden zu (etwas)
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Es stellte sich die Frage, was der Zorn ist, ob er irgendein anderes Lebewesen als den Menschen befällt, wodurch er sich vom Jähzorn unterscheidet und wie viele Arten es von ihm gibt. Nun wollen wir untersuchen, ob der Zorn naturgemäß ist und ob er nützlich und in gewissem Umfang (sogar) beizubehalten ist! Ob er naturgemäß ist, wird deutlich werden, wenn wir den Menschen genau in Augenschein nehmen. Was ist sanfter als er, solange seine seelische Verfassung ausgeglichen ist? Was aber ist grausamer als der Zorn? Was ist liebevoller anderen gegenüber als ein Mensch? Was (aber) feindseliger als der Zorn? Der Mensch ist zu gegenseitiger Hilfe geschaffen, der Zorn zur (gegenseitigen) Vernichtung. Dieser möchte zusammenkommen, jener sich trennen; dieser nützen, jener schaden; dieser sogar Unbekannten zu Hilfe eilen, jener auch die Liebsten angreifen; dieser ist bereit, sich für die Vorteile anderer sogar zu opfern, jener ist bereit, sich in Gefahr zu begeben, solange er nur andere mit hinabreißt. Wer also verkennt mehr die Natur der Dinge als derjenige, der ihrem besten und vollkommensten Geschöpf dieses ungezähmte und verderbliche Laster zuschreibt? Der Zorn ist, wie ich gesagt habe, gierig nach Strafe. Dass dessen Gier dem äußerst friedliebenden Herzen eines Menschen innewohnt, entspricht keineswegs der Natur des Menschen.
Das menschliche Leben beruht nämlich auf Wohltaten und gutem Einvernehmen und wird nicht durch Schrecken, sondern durch gegenseitige Liebe fest zu einer Gemeinschaft und zu gegenseitiger Unterstützung verbunden.
II Interpretation
In einem Einleitungssatz sollen Angaben zu Autor und Thema sowie gegebenenfalls zur Textgattung gemacht werden: Seneca stellt in einer seiner philosophischen Schriften die Frage danach, ob das Wesen der ira mit der Natur des Menschen vereinbar (secundum naturam) sei.
Dabei stellt er den gemäß seiner Natur lebenden Menschen der ira und damit dem vom Zorn getriebenen Menschen gegenüber: Nichts sei milder (mitius), nichts zur Liebe fähiger (amantius) als ein Mensch. Sein Bestreben sei es, sich in der Gemeinschaft (congregari) zum gegenseitigen Nutzen (prodesse) zusammenzufinden. Dafür sei er bereit, auch Fremden (succurrere ignotis) selbst unter großen eigenen Opfern (se impendere) zu helfen. So komme durch Wohltaten (beneficiis) und Eintracht (concordia) eine durch Liebe (amore), nicht durch Schrecken (terrore) verbundene Gemeinschaft (in foedus auxiliumque commune) zustande und dies entspreche der Natur des Menschen.
Dieirastehe all dem entgegen. Sie sei grausam (crudelius), feindselig (infestius) und entfremde die Menschen voneinander (discedere). Auch vor den Liebsten (carissimos petere) mache dieses schändliche Laster nicht Halt.
Der Wunsch zu strafen entspringe der ira (avida poenae) und stehe dem Wunsch des Menschen, in Liebe miteinander verbunden zu sein (humana vita […] mutuo amore […] constringitur), entgegen.
Zu Beginn des Textes nennt Seneca mithilfe eines asyndetischen Trikolons zunächst drei Fragen (an in ullum aliud animal […] caderet, quo ab iracundia distaret, quot eius species esset), die zur näheren Bestimmung des Zorns bereits untersucht wurden. In einem zweiten nun polysyndetischen Trikolon (secundum naturam […] et an utilis atque […] retinenda) beleuchtet er zugleich mit einer angedeuteten Klimax die Frage der Natürlichkeit und vielleicht sogar des Nutzens von Zorn. Die Frage der Natürlichkeit führt er dann in einer langen Antithese aus, in der er mit anaphorischer Wiederholung von quid und den rhetorischen Fragen (Quo quid est mitius; quid autem ira crudelius; quid homine aliorum amantius; quid ira infestius) zeigt, wie weit der Zorn den Menschen vom Ideal des naturgemäßen Lebens entfernt (secundum naturam vivere). Der antithetische Parallelismus mit Ellipsen (Homo in adiutorium mutuum genitus est, ira in exitium) fasst die gegensätzlichen Grundintentionen von Menschlichkeit und Zorn zusammen. Diese Antithese (hic – illa) wird im Folgenden an vier Beispielen ausgeführt, wobei Seneca durch den parallelen Aufbau und die Anaphern hic congregari vult – illa discedere; hic prodesse, illa nocere; hic […] succurrere, illa […] petere, die Unvereinbarkeit des Affekts „ira“ mit dem Wesen des Menschen hervorhebt. Den Abschluss dieser auffällig gestalteten Passage bildet die Alliteration dummodo deducat, descendere, die durch die d-Anlaute die Eindringlichkeit des Gesagten noch einmal unterstreicht.
Der Zorn der Göttin Juno ist ein Grundmotiv derAeneis. Speziell werden drei Gründe genannt, warum Juno in Zorn auf die Trojaner und ihren Protagonisten Aeneas entflammt ist: Da ist zunächst das Urteil des Trojaners Paris, der ihre Schönheit missachtete und sie damit in ihrem weiblichen Selbstbewusstsein zurückgesetzt und verletzt hat. Die Bevorzugung des trojanischen Prinzen Ganymed als Mundschenk durch ihren Gatten Jupiter gegenüber der gemeinsamen Tochter Hebe verletzte zusätzlich ihren Stolz. Den letzten Anstoß gibt die vorhergesagte spätere Bedrohung bzw. Vernichtung ihres geliebten Karthago durch die Nachfahren der Trojaner.
Aeneas kann an vielen Stellen in der Aeneis als Musterbeispiel des von Seneca beschriebenen friedliebenden und sich für die Gemeinschaft einsetzenden Staatsmann herangezogen werden. So wird er in der Aeneis als pius Aeneas gekennzeichnet, der durch Junos Zorn vielfachen Herausforderungen und Strapazen ausgesetzt ist. Als konkrete Beispiele können die Situation nach dem Seesturm genannt werden, als er seinen Gefährten Mut zuspricht und seine eigenen Emotionen verbirgt, oder sein Einsatz für die Gemeinschaft, als er nach der Landung in Karthago bei Dido für sich und seine geflohenen Gefährten um Aufnahme bittet. Allerdings bleibt er nicht konsequent in dieser Rolle, z. B. übermannt ihn im Zweikampf mit Turnus, als dieser schon besiegt um Gnade fleht, beim Anblick der Trophäen des von Turnus getöteten Pallas, ein rasender Zorn und er übt an Turnus Rache für den Tod des Pallas. Insofern kann die Figur des Aeneas nur teilweise als Widerspiegelung des von Seneca beschriebenen Konfliktes gedeutet werden.
Für die Göttin Juno lassen sich die Maßstäbe, die für einen Menschen gelten, eigentlich nicht anlegen. Doch lässt Vergil sie wie ein Mensch ihre Machtziele verfolgen und sich mit der Konkurrentin Venus streiten. Sie ist im Epos aber eher als Gegenpol zum vorherbestimmten fatum angelegt, dessen Vollendung sie sich so lange wie möglich widersetzt. Für sie gilt größtenteils die in Senecas Betrachtung ausgeführte negative Wirkung des Zorns. Erst ganz zum Ende der Aeneis lässt sie von ihrem Zorn ab und arrangiert sich in einem Kompromiss mit Aeneas und seinem Volk.
Bei der Diskussion können diese oder auch andere Aspekte in der Aeneis angeführt werden.