Aufgabe 1 – Erörterung
Thema
Georg Büchner (*1813 – †1837): Woyzeck (1836)
Aufgabenstellung
Zur Inszenierung des Dramenfragments Woyzeck von Georg Büchner in der Spielzeit 2019/2020 am Residenztheater München äußert sich Regisseur Ulrich Rasche in einem Gespräch wie folgt:
„Im Grunde leiden alle Figuren in Woyzeck unter den gesellschaftlichen Verhältnissen und an der Einrichtung der menschlichen Existenz schlechthin.“
(abgedruckt in: Residenztheater München [Hrsg.]: Spielzeit 2019/20: Woyzeck, Programmheft, S. 20; zuletzt abgerufen am 16.12.2025)
Erörtere diese Aussage in Bezug auf die Darstellung der Figuren Woyzeck, Marie und Hauptmann. Belege die Ausführungen am Dramentext.
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Einleitung
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Thema: Die Aussage des Regisseurs Ulrich Rasche zur Inszenierung des Dramenfragments Woyzeck von Georg Büchner in der Spielzeit 2019/2020 am Residenztheater München
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Seiner Meinung nach leiden alle Figuren in Woyzeck unter den gesellschaftlichen Verhältnissen und an der menschlichen Existenz.
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Diese Aussage soll im Folgenden erörtert werden anhand der Figuren Woyzeck, Marie und Hauptmann.
Hauptteil
Position erläutern
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Relativierung der Fokussierung auf Woyzeck als alleiniges Opfer der im Dramenfragment gezeigten gesellschaftlichen Missstände sowie als einzig Leidenden unter dem Menschsein an sich.
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Annahme der Übertragbarkeit der These vom Leiden an den gesellschaftlichen Zuständen und grundsätzlich am menschlichen Dasein auf alle Figuren des Stückes
Erörtern in Bezug auf die Darstellung der Figuren
Zustimmend
Woyzeck:
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Leiden unter gesellschaftlichen Verhältnissen:
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aufgrund finanzieller Not Zwang zur Erschließung von mehreren Einnahmequellen, z. B. Teilnahme an wissenschaftlichem Experiment (Erbsendiät, S. 19),
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aufgrund dessen zunehmender körperlichen Entkräftung und geistigen Verwirrung (S. 11, 29);
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Vertragsverletzung aus Sicht des Doktors wegen der Unfähigkeit, seinen Harndrang zu unterdrücken (,[...] er hat auf Straß gepisst, an die Wand gepisst wie ein Hund.“ (S. 19));
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Herabwürdigung zum Objekt wissenschaftlicher Betrachtung (S. 19, 23) bei gleichzeitiger Verächtlichmachung seiner Gesprächsbeiträge („Woyzeck, er philosophiert wieder.“ (S. 20));
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Unmöglichkeit, Marie zu heiraten und das gemeinsame Kind zu legitimieren (S. 16);
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Darstellung der finanziellen Chancenlosigkeit im Verhältnis zum Nebenbuhler Tambourmajor (Ohrringe, S. 14 f.);
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durch den Hauptmann kritisierte Hast Woyzecks zur Kennzeichnung als Opfer der Umstände (S. 15-17);
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Ausdruck des herrschenden Pauperismus („Andres und Woyzeck in einem Bett“ (S. 28, S. 31))
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Leiden am Menschsein:
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Niederlage im durch Eifersucht verursachten Kampf mit dem Tambourmajor aufgrund von körperlicher Schwächung durch die Erbsendiät (S. 29);
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Verweigerung ärztlicher Hilfe seitens des Doktors trotz erkennbarer Verwirrung und Schwächung (S. 23, 24) bis hin zur fehlenden Betrachtung als menschliches Wesen insgesamt („Bestie, soll ich dir die Ohren bewegen [...] das sind so Übergänge zum Esel“ (S. 25));
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Misstrauen und Erschütterung sowie zunehmende Verwirrung im Laufe des Erkenntnisprozesses von Maries Untreue (S. 14, 18, 27 f.);
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übersteigerte Sensitivität in der Wahrnehmung seiner Umwelt (S. 9)
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Marie:
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Leiden unter gesellschaftlichen Verhältnissen:
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Selbstbeschreibung als gesellschaftliche Außenseiterin (S. 10) und Bewusstsein gesellschaftlichen Ausgestoßenseins des unehelichen Sohns („Hurenkind“ (S. 10)) als Ausdruck von Schicksalsergebenheit;
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Stigmatisierung Maries und des Kindes („ohne den Segen der Kirche“ (S. 16); sarkastische Kommentare von Margreth (S. 10) und vom Hauptmann (S. 22));
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Ausdruck der Perspektivlosigkeit in Form eines Hingezogenseins zum gesellschaftlich höherstehenden Unteroffizier (S. 10, 17);
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Versuch des Ausbruchs aus der eigenen prekären Lage in Form der Hingabe an Tambourmajor (S. 27);
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materielle Orientierung (Ohrringe, S. 14);
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Mittellosigkeit und damit Abhängigkeit von Unterhaltszahlungen Woyzecks bei gleichzeitiger emotionaler Ablehnung (S. 11)
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Leiden am Menschsein:
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Gewissenskonflikt (S. 15) und Gefühl der Entfremdung gegenüber ihrem direkten Umfeld (S. 10)
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Dasein als alleinerziehende Mutter eines unehelichen Kindes
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mangelnde Möglichkeit, unbeschwert zu leben
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Selbstanklage wegen des Betrugs an Woyzeck (S. 30)
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Hauptmann:
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Leiden unter gesellschaftlichen Zuständen:
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berufsbedingter Zwang zu inaktivem und monotonem Leben aufgrund von Ereignislosigkeit („Wenn ich am Fenster lieg, wenn es geregnet hat [....]“ (S. 16 f.));
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Ausbildung einer Melancholie (S. 21) aufgrund von Heiratsverbot und Triebverzicht („Ich hab auch Fleisch und Blut.“ (S. 17)) sowie von Langeweile und permanenter geistiger Leere (S. 16 f.)
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Leiden am Menschsein:
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existenzielle Erschütterung der Führungsrolle des Hauptmanns durch Woyzecks Berufung auf die Natur („Der Diskurs hat mich ganz angegriffen“ (S. 17));
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Idee tugendhaften Lebens als verzweifelter Versuch der Sinnstiftung und Kompensation von Langeweile (S. 17);
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Darstellung als Verspottungsobjekt („Herr Exerzierzagel“, (S. 22) und „interessanter Fall“ (S. 20, 21));
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angedeutete Gleichsetzung mit Woyzeck als lohnendes Objekt von wissenschaftlichen Experimenten („wenn Gott will, dass ihre Zunge zum Teil gelähmt wird, so machen wir die unsterblichsten Experimente“ (S. 21)) sowie Vorführung intellektueller Unterlegenheit im Gespräch mit dem Doktor (S. 21) bei Prognose von Krankheit und Tod aufgrund von Übergewicht (S. 21);
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Hadern mit der von ihm als „grotesk“ empfundenen beruflichen Existenz (S. 23)
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Ablehnend
Woyzeck:
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Infragestellung eines Leidens unter gesellschaftlichen Zuständen:
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selbstbewusste Infragestellung der gesellschaftlichen Tugendvorstellung und Verteidigung seiner auf die Befriedigung von Bedürfnissen ausgerichteten Lebensweise (S. 17);
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Betonung von Woyzecks Stärke als unermüdlich Tätiger im Gegensatz zu einer Zeichnung von Armut als Verwahrlosung und Arbeitslosigkeit (S. 15, 20);
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entscheidende Verstärkung des Leidens primär hervorgerufen durch private Krise (Entzug des bisherigen Lebensfundaments durch Maries Untreue und dadurch auch drohender Verlust des Kindes (S. 27)), nicht durch gesellschaftliche Zustände
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Infragestellung eines Leidens am Menschsein:
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Woyzeck als Beispiel charakterlicher Größe im Vermögen, trotz schlechter Umstände Zufriedenheit und Glück zu empfinden, z. B. im Umgang mit seinem Sohn (S. 15);
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diffuse Anerkennung durch den Hauptmann („ein guter Mensch“ (S. 23))
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Marie:
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Infragestellung eines Leidens unter gesellschaftlichen Zuständen:
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Hinwendung zum Tambourmajor und Betrug Woyzecks als Zeichen von Empathielosigkeit und egoistischem Begehren (S. 10, 17 f.) sowie materieller Orientierung (S. 14);
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zeigen emotionaler Kälte gegenüber Woyzeck, dadurch Verstärkung von dessen prekärer emotionaler und sozialer Lage (S. 33);
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Mangel an Anerkennung gegenüber Woyzecks Versuchen, ihr und dem Kind eine erträgliche Lebenssituation zu schaffen (S. 15)
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Infragestellung eines Leidens am Menschsein:
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Zerrissenheit zwischen Mitleid für und Sorge um Woyzeck einerseits und Hartherzigkeit andererseits (S. 11, 15, 18);
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Hingabe an attraktiven Tambourmajor als Ausdruck des Wunsches nach einem leidenschaftlichen Abenteuer, offenes Verhältnis zum eigenen Begehren und Begehrtwerden (S. 10, 17)
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Hauptmann:
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Infragestellung eines Leidens an gesellschaftlichen Zuständen:
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Festhalten an der gesellschaftlichen Hierarchie durch herablassende Bezeichnung Woyzecks als „abscheulich dumm“ (S. 16) und Betonung der Nutzlosigkeit von dessen Denkanstrengung (S. 16) sowie Vorwurf der Tugendlosigkeit (S. 16);
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Vorwurf einer unmoralischen Lebensweise an untere Klassen angesichts von Woyzecks unehelichem Sohn (S. 16);
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Nutzung von Privilegien der Offiziersklasse (Rasur durch Untergebene, (S. 15))
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Infragestellung eines Leidens am Menschsein:
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sadistische Übergriffigkeit und damit Mitschuld am späteren Mord durch vor Zeugen ausgesprochenen Hinweis auf die Untreue Maries (S. 22);
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Degradierung durch moralische Unverbindlichkeit eigener Plattitüden („Moral das ist wenn man moralisch ist“ (S. 16));
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Entlarvung der getätigten Aussagen des Hauptmanns über ein Leiden am Menschsein als Pseudo-Idealismus mittels durchgehend karikierender Darstellung dieser Figur
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Schluss
Fazit im Sinne der These:
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Relativierung des Kontrasts zwischen der Lebens- und Gefühlswelt Woyzecks und derjenigen der bürgerlichen Akteure (insbesondere des Hauptmanns)
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Unmöglichkeit einer freien und selbstbestimmten Existenz des Individuums auch in der bürgerlichen Schicht
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Darstellung aller Klassen nicht als soziale Gruppen, sondern typisierte Darstellung Vereinzelter, dadurch Darstellung sozialer Einsamkeit
Fazit im Widerspruch zur These:
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Festhalten an Woyzeck als primärem, am stärksten leidenden Opfer der im Dramenfragment dargestellten gesellschaftlichen Verhältnisse
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Betonung von Büchners Sympathie gegenüber dem sozial deklassierten, von Milieu und Herkunft abhängigen Helden
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ggf. Erweiterung auf Büchners Gesellschaftskritik sowie auf biografische und zeitgeschichtliche Fakten