Aufgabe 2 – Lyrik
Thema
Mascha Kaléko (*1907 – †1975): In einer fremden Stadt (1933)
Aufgabenstellung
Interpretiere das Gedicht In einer fremden Stadt von Mascha Kaléko.
Vergleiche auf der Grundlage deiner Interpretationsergebnisse Mascha Kalékos Gedicht In einer fremden Stadt mit dem Roman Der ewige Spießer von Ödön von Horváth hinsichtlich des Reisemotivs.
Material
In einer fremden Stadt
Mascha Kaléko
abgedruckt in: Mascha Kaléko: Das lyrische Stenogrammheft. Kleines Lesebuch für Große. Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 45. Auflage, 2024, S. 38
Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Textquelle.
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Das Gedicht von Mascha Kaléko In einer fremden Stadt ist 1933 erschienen und handelt vom Ankommen an einem neuen Wohnort, der sich einerseits vertraut, andererseits aber völlig fremd anfühlt.
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Der Aspekt des Reisemotivs ist auch im Roman Der ewige Spießer von Ödön von Horváth vorzufinden und soll später auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Vergleich zu In einer fremden Stadt untersucht werden.
Hauptteil
Teilaufgabe 1
Thema des Gedichts
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Ankunft in einer unbekannten Stadt und Antizipation des Lebens an dem neuen Wohnort
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Wahrnehmung von Erwartbarem und Vertrautem auf dem Weg vom Bahnhof zur neuen Unterkunft bei gleichzeitigem Empfinden der eigenen Entwurzelung und Fremdheit
Sprechsituation
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Innenperspektive einer lyrischen Sprechinstanz mit lakonisch-skeptischer Grundhaltung bei der Ankunft an einem neuen Wohnort
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Zurücktreten der lyrischen Sprechinstanz hinter dem unpersönlichen Pronomen „man“
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Ausdruck einer inneren Distanz zum zukünftigen Lebensumfeld in durchgehenden subjektiven Kommentierungen
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Wesentliche Inhalte und den Aufbau des Gedichts:
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1. Strophe: Beschreibung der Ankunft im Bahnhof einer unbekannten Stadt und des ersten sozialen Kontaktes zu einem Mitarbeiter an der Gepäckausgabe mit insgesamt negativer Wahrnehmung
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2. Strophe: Innehalten beim Verlassen des Bahnhofsgebäudes und Nachsinnen über die Offenheit des Neubeginns
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3. Strophe: Antizipation des sozialen Lebens an diesem Ort mit überwiegend negativen Erwartungen und nur kurz aufscheinender Hoffnung; letztlich aber Prognose, allein zu sein
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4. Strophe: Abkehr von dem plötzlich aufkommenden Bedürfnis, sich bei einer Bekannten zu melden, und Fortsetzung der Fahrt, nun mit einer Straßenbahn
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5. Strophe: Bewusstwerden der eigenen Fremdheit und Entwurzelung von der Heimat, ausgelöst durch die Wahrnehmung vertrauter Elemente im Stadtbild durch das Fenster der Straßenbahn
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6. Strophe: Wahrnehmung von als typisch empfundenen Gebäuden und Merkmalen in der Innenstadt und Umgebung, Beschreibung des Kaufs einer Ansichtskarte mit der Feststellung einer fehlenden Versandmöglichkeit
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7. Strophe: Beschreibung des Ankommens in der Unterkunft und der ersten Handgriffe zur Aneignung dieser als Abschluss der Anreise und Konstatieren des Beginns eines neuen Lebensabschnitts
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Sprachliche und formale Gestaltung
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formale Abbildung einer gefassten Grundhaltung und nüchternen Akzeptanz der Situation durch
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sieben inhaltlich und formal klar abgegrenzte Strophen mit jeweils vier Versen
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durchgängig umarmenden Reim mit gleichmäßiger Verwendung von stumpfen Kadenzen in den umarmenden Reimen und klingenden Kadenzen der Paarreime
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überwiegend einheitliches Metrum: fünfhebiger Jambus
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Eindruck von Sachlichkeit durch regelmäßigen Versbau im Zeilenstil
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formale Abbildung des Zutagetretens innerer Widerstände bei gleichzeitigem Pragmatismus durch
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häufig kumuliert auftretende Verzögerungen mittels Interpunktion: Dreipunkt (V. 1, 12, 15) und Gedankenstrich (V. 7, 10, 20, 28)
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Verwendung des Distanz schaffenden Indefinitpronomens „man“ (V. 2, 6 f., 10 f., 14-16, 17, 23 f., 26 f.; dazu einmalig das Pronomen „einem“ V. 13)
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Abbilden des Zögerns durch Inversion und Ellipse (V. 6)
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Reduktion des Lesetempos und Ausdruck der Unwilligkeit bzw. der Unfreiwilligkeit durch die Parenthese eines Kausalsatzes („weil man muß“, V. 11)
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Pointierung zentraler Gedanken und Gefühle der lyrischen Sprechinstanz durch überwiegend parataktischen Satzbau, Ellipsen (V. 7, 12, 19 f.), Fragen (V. 9, 25) und Interpunktion mit Doppelpunkt (V. 12, 17, 20, 24)
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Erzeugung von Unmittelbarkeit durch das Präsens als durchgängiges Tempus mit Ausnahme des von der lyrischen Sprechinstanz antizipierten gesellschaftlichen Lebens im Futur I (V. 10)
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Erzeugung von Nähe zur lyrischen Sprechinstanz anhand alltagssprachlicher Elemente und Wortwahl: „Steffi“ (V. 15), Metonymie „16“ für die Straßenbahn (V. 16), Apokopen „zu Haus“ (V. 20), „heut“ (V. 24)
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Abbildung der negativen Erwartungshaltung bzw. negativen Grundhaltung während der Wahrnehmungen durch
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negativ konnotierte Wortwahl: „Natürlich […] verspätet“ (V. 1), „letzten“ (V. 2), „brummig[...]“ (V. 3), „streicht […] beleidigt ein“ (V. 4)
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Abbildung der Zugverspätung oder der Ernüchterung darüber mittels Dreipunkt (V. 1)
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Aufzählung und Trikolon („ärgern“ – „fluchen“ – „muß […] besuchen“, V. 10 f.) mit Kulmination in der elliptischen Prognose „Im übrigen: allein“ (V. 12)
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Hyperbel und s-Assonanz („Verhaßte Spießer, weil man muß“, V. 11, „bißchen“, V. 10, 12)
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Vergleiche „Wie anderwärts“ (V. 20), „auch so scheußlich“ (V. 25)
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Beispiele bürgerlicher Dekorations- bzw. Einrichtungsgegenstände: „Vertikow“, „Muschelschnecke“, Buch „Unser Kaiser“ (V. 26 f.)
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Ausdruck des Innehaltens und Umentscheidens mittels Pointierung und Kontrastierung, insbesondere des jeweils letzten Verses, durch
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adversative Konjunktionen bzw. Adverbien „Doch“ (V. 15), „Statt dessen“ (16, verbunden mit Alliteration), „nur“ (V. 20), „Wobei“ (V. 24)
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Akkumulation von Verzögerungen nach dem deutungsoffenen Abstraktum „Glück“ (V. 12), lesbar als Lebensglück oder als Hoffnung auf eine Partnerschaft: Dreipunkt in Kombination mit einschränkender Redewendung „Im übrigen“ und Doppelpunkt
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Gedankenstrich als Abbruch (V. 7) bzw. Gegensatz (V. 20) bzw. Überleitung zu etwas Neuem (V. 28)
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Betonung der Bedeutsamkeit und Ungewissheit durch Vergleich des Neubeginns mit einem ungelesenen Buch (V. 7) sowie durch pathetischen Ton mit Alliteration und Verallgemeinerung durch das Possessivpronomen (V. 8)
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bildhaftes und rhythmisches Spiegeln von Resignation und Melancholie durch Nachahmung der monotonen Bewegung der Straßenbahn anhand eines Trikolons (V. 18 f.)
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negative Darstellung der Rückwärtsgewandtheit der Gesellschaft in der neuen Stadt und ihrer Austauschbarkeit durch
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Aufbau einer typisierten Stadtkulisse: schikanöse Einrichtung des Gepäckservices (V. 2), Übellaunigkeit der Bahnmitarbeiter (V. 3 f.), Austauschbarkeit der Straßennamen und des Stadtbilds (V. 18 f.) mit historisierenden Prunkgebäuden („Rathaus“ V. 21, „Bismarckwarte“ V. 22), bis hinein ins Private mit Standardeinrichtung („Vertikow“ V. 26) und -dekoration („Muschelschnecke“ V. 26) sowie Zurschaustellung einer vermeintlich gesellschaftlich unangezweifelten Kaiserverehrung (V. 27)
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Betonung der vermeintlichen oder realen Verpflichtung zum gesellschaftlichen Umgang mit engstirnigen Menschen durch drastische Wortwahl („fluchen“ V. 10, „Verhaßte Spießer“ V. 11)
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Darstellung der schrittweisen Akzeptanz der Situation, der fortschreitenden Anpassung und aktiven Annäherung an den neuen Wohnort durch
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lakonische und selbstironische Wortwahl zur Darstellung der bevorstehenden Hinnahme gesellschaftlicher Verpflichtungen (V. 10 f.)
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Darstellung der zweifelnden und verzögernden schriftlichen Kontaktaufnahme mit alten Bekannten (V. 14 f., V. 23 f.)
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lakonische und leicht amüsierte Beschreibung des autonomen Akts der Anpassung des privaten Wohnraumes an die eigenen Bedürfnisse durch Verwendung des bestimmten Artikels („die Muschelschnecke“ V. 26) und doppeldeutiges Wortspiel (V. 27)
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Deutung
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Thematisierung der Schwierigkeiten eines Neuanfangs in einer fremden Stadt: Ausdruck des Fremdheitsempfindens und der sukzessiven Bewältigung des Neuanfangs
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Darstellung der Herausforderung für ein Individuum, sich in einer Umgebung zu entfalten, die wenig Raum für Individualität gibt
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Aufzeigen einer für die Moderne beispielhaften, alltäglichen Lebenssituation, geprägt von Vereinzelung; inhaltlich, sprachlich und formal exemplarisch für die Neue Sachlichkeit
Teilaufgabe 2
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Vergleiche Mascha Kalékos Gedicht In einer fremden Stadt (K) mit dem Roman Der ewige Spießer von Ödön von Horváth (H) hinsichtlich des Reisemotivs
Gemeinsamkeiten
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Schilderung von Aufbruchs- und Ankunftssituationen einer allein reisenden Person mit ungewissen Zukunftsaussichten und Erleben (mindestens) einer unbekannten Stadt
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Spiegelung der Angepasstheit der Person an die Gesellschaft durch deren Wahrnehmungen der Umgebung im Bahnhof und aus dem Fenster der Bahn sowie durch die sozialen Kontakte (H) bzw. deren Fehlen (K)
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distanzierte, z. T. humoristische bzw. satirische Darstellungsweise und Abgrenzung vom Spießertum
Unterschiede
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Anreise anlässlich eines Neubeginns für einen dauerhaften Aufenthalt, möglicherweise aus beruflichen Gründen (K) vs. Darstellung des Reiseanlasses als zeitlich begrenzter Ausflug mit dem klar definierten Ziel, sich durch Heirat finanziell abzusichern (H)
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Grundhaltung bzw. Erwartungshaltung der reisenden Person mit unterschiedlich ausgeprägtem Reflexionsgrad als pessimistisch, unsicher, pragmatisch, abgeklärt (K) vs. optimistisch, selbstbewusst, unrealistisch, unreif (H)
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Herstellung von Nähe und Authentizität durch unmittelbare Gedankenvermittlung (K) vs. ironische Distanzierung von der Figur durch entlarvende, humorvoll-kritische Darstellung (H)
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Ablehnung der „[v]erhaßte[n] Spießer“ (K, V. 11) vs. Entlarvung Koblers als Inbegriff des „ewigen Spießers“ (H, vgl. Romantitel)
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Spiegelung der Verortung der Person in der Gesellschaft durch
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Verengung der Räume vom Zug, zur Straßenbahn hin zum möblierten Zimmer als Zeichen der Ankunft in einem neuen Lebensabschnitt (K) vs. Ausweitung der Räume durch Optionenvielfalt anhand der Darstellung der Fahrt mit zahlreichen, z. T. internationalen, Stationen (H)
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Alleinsein und Kontaktlosigkeit (K) vs. Kontaktoffenheit und Vereinnahmung durch andere (H)
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Schluss
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Fazit:
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Reisemotiv als Abbildung der Verortung von Personen in der Gesellschaft im Spannungsfeld zwischen Ablehnung und Fremdheitsempfinden einerseits sowie Anpassung und Akzeptanz andererseits
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Kritik am Widerspruch zwischen Schein und Sein im gesellschaftlichen Leben mit Betonung der Notwendigkeit einer Anpassung als Überlebensstrategie
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