Aufgabe 3 – Textinterpretation
Thema
Tilman Rammstedt (*1975): Mundstück (2003)
Aufgabenstellung
Interpretiere den Prosatext Mundstück von Tilman Rammstedt. Berücksichtige dabei besonders, wie die Gedanken und Gefühle des Ich-Erzählers in der erzählerischen und sprachlich-stilistischen Gestaltung des Textes zum Ausdruck kommen.
Material
Mundstück
Tilman Rammstedt
1 Brauch zur Aufnahme in eine Gemeinschaft
Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Textquelle.
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Tilman Rammstedt veröffentlichte 2003 den Prosatext Mundstück.
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formuliere das Thema bzw. eine Deutungsthese, etwa: teils wehmütig, teils ironisch-humorvoll wirkende Reflexion eines Ich-Erzählers im Rückblick auf den Flötenunterricht der eigenen Kindheit bzw. Jugend nach zufälliger und flüchtiger Begegnung mit der früheren Flötenlehrerin
Hauptteil
Inhalt und Aufbau
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Wehmütiger Rückblick auf die eigene Kindheit: Ausdruck des Bedauerns in der Reflexion über vormals nicht vorhandene Gefühle für die ehemalige Flötenlehrerin sowie, damit verbunden, ebenfalls fehlende Leidenschaft für das Musikinstrument, die Blockflöte; verklärte Wunschvorstellung von einem Rückblick auf eine von Passion und Hingabe an das Musikinstrument (und die Flötenlehrerin) geprägte Kindheit und Jugend (Z. 1-12)
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Deutliche Herabsetzung sowohl der Flötenlehrerin als auch der Blockflöte (Z. 13-28):
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nüchternes Resümee, keinerlei Gefühle für die Flötenlehrerin entwickelt zu haben, verbunden mit abwertender Beschreibung ihres Äußeren, ihrer Wirkung und ihrer Stimme (Z. 13-18)
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in Verbindung damit noch entschiedenere Herabwürdigung der Blockflöte: Bewertung als nur scheinbar vollwertiges Musikinstrument – stattdessen Charakterisierung als unumgänglicher Schritt vor dem Erlernen eines vermeintlich richtigen Musikinstruments, auf dessen Beherrschen man stolz sein und für das man eine Leidenschaft entwickeln könne; Betonung der Unmöglichkeit einer solchen Leidenschaft für die Blockflöte – mit Ausnahme der früheren Flötenlehrerin; wiederholte Feststellung des Nichtvorhandenseins von Gefühlen für das Instrument (Z. 18-28)
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Reflexion über den scheinbar untrennbaren Zusammenhang zwischen dem Fehlen von Emotionen für die Flötenlehrerin und solchen für das Instrument: Ausbreitung der Vorstellung, Gefühle für die Lehrerin hätten eine Leidenschaft auch für das Instrument bewirkt; Ausdruck einer verpassten Chance durch Steigerung dieser Vorstellung zur Idee eines womöglich verpassten Virtuosentums und eines größeren Lebensglücks (Z. 29-38)
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Wiederholte Feststellung des Nichtvorhandenseins jedweder Leidenschaft für die Blockflöte oder die Flötenlehrerin – verbunden mit übersteigerter Überzeugung von der Unmöglichkeit, sich überhaupt in Flötenlehrerinnen zu verlieben (Z. 39-42)
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Rückblick auf eine zufällige Begegnung mit der Flötenlehrerin wenige Wochen zuvor: Mutmaßungen über deren Alltagsleben sowie Annahme des Ich-Erzählers, nicht von ihr erkannt worden zu sein; Schlussfolgerung, keinen bleibenden Eindruck bei ihr hinterlassen zu haben; damit einhergehend Unterstellung zunehmender Resignation der Flötenlehrerin bei ihrem Musikunterricht; abschließende Vorstellung des Ich-Erzählers, zusammen mit der Flötenlehrerin vormals eine womöglich bedeutsame Chance vertan zu haben (Z. 43-53)
Erzählerische Gestaltung
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Durchweg personales Erzählverhalten: Unmittelbarkeit und Nähe erzeugende Darbietung der Innensicht des Ich-Erzählers im inneren Monolog, auch durch unvermittelten Einstieg
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Durchgehend nahezu zeitdeckende Darstellung der Gedanken und Gefühle des Erzählers, stellenweise gedehnt durch Fokussierung auf die Blockflöte als Symbol etwa für verpasste Gelegenheiten in der Vergangenheit (Z. 4-9); damit unmittelbar verknüpfte Erinnerung an die Flötenlehrerin (Z. 9-12); auch hier wiederholte zoomartige Fokussierung auf Details, etwa ihrer äußeren Merkmale
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Erst am Ende Schilderung der zufälligen Begegnung mit der Flötenlehrerin (Z. 43-53): pointierte Offenbarung des (möglichen) Auslösers der gesamten vorangegangenen Retrospektive
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Entsprechend der Fokussierung auf Instrument und Lehrerin sowie die eigenen Gedanken und Gefühle kaum vorhandene Raumgestaltung; lediglich Erwähnung der Wohnung der Flötenlehrerin (Z. 31) im Kontrast zu den imaginierten „berühmten Konzertsälen der Welt“ (Z. 37) sowie der „Einkaufsstraßen“ der „Heimatstadt“ (Z. 43) des Erzählers als Ausdruck der Verortung des Erzählten in der eigenen Vergangenheit
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Signale der Unzuverlässigkeit des Erzählten, etwa in den vielfach wiederholten und gesteigerten Variationen der Aussage, nicht in die Flötenlehrerin verliebt gewesen zu sein (Z. 1, 13, 28, 29, 39-41), in den persistierenden Aufzählungen ihrer fehlenden Attraktivität (Z. 13-18, 30 f.) oder in der überzogenen Abwertung der Blockflöte (Z. 19-27)
Sprachlich-stilistische Gestaltung
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Insgesamt: deutlich stilisierter Sprachgebrauch sowie bewusst komponierter, teils rhythmisierter Satzbau, insbesondere durch lange Satzreihen, Parenthesen, Wiederholungen und Anaphern
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Ausdruck wehmütigen Bedauerns angesichts der Erinnerung, nie in die Flötenlehrerin der Kindheit verliebt gewesen zu sein und auch keine Passion für das Instrument entwickelt zu haben, durch emphatische Anapher („Wie gerne“ Z. 1, 4), wiederholten Gebrauch des Konjunktivs II im Irrealis (Z. 1-12), steigernde Correctio („wehmütig zurückblicken“ Z. 2 f.), Alliteration (Z. 3), Ellipse und Hyperbel (Z. 3 f.) sowie elliptisch-emphatischen Ausruf (Z. 11 f.)
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Illustration des vergeblichen und zugleich verklärten Wunsches nach einer von Passion für das Musikinstrument Blockflöte geprägten Vergangenheit durch asyndetische, vornehmlich parataktische Reihung mit Parenthesen und Wiederholungen bei der Aufzählung von Details des Musikinstruments (Z. 4-9); dabei erotische Aufladung des Mundstücks des Instruments durch assoziative Verknüpfung mit dem Mund der Flötenlehrerin (Z. 8 f.; angelegt bereits im Titel); ironisierende Überhöhung der Lehrerin und ihrer Virtuosität durch Inversionen, Hyperbeln und Anapher (Z. 9-12)
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Offenbarung des ernüchterten Bedauerns des Ich-Erzählers angesichts fehlender Passion für das Musikinstrument und die frühere Flötenlehrerin, zugleich aber seiner narzisstischen Selbstbespiegelung in der überzogen wirkenden Abwertung der Flötenlehrerin mittels Asyndeta, Wiederholungen und Anaphern („leider“, „nichts“, „kein“, „meine Flötenlehrerin“ Z. 13-17, 28), Paronomasie („nichts Verrauchtes, nichts Verruchtes, war kein Säuseln, kein Seufzen“ Z. 15 f.) sowie hyperbolischer Akkumulation äußerer Merkmale der Flötenlehrerin (Z. 13-18) mit stark abwertendem bildhaftem Vergleich (Z. 17 f.)
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Projektion dieser Abwertung auf das Musikinstrument mittels Correctio (Z. 19); starke Herabsetzung der Blockflöte durch Personifikationen (Z. 19 f., 26 f.) und steigernde Wiederholungen bzw. Aufzählungen (Z. 19 f., 23-25), asyndetisches Trikolon und Klimax (Z. 22), Antithese („Blockflöte […] richtiges Instrument“ Z. 22 f.) und Hyperbel („der einzige Mensch […]“ Z. 27)
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Verdeutlichung des irrealen bzw. rein spekulativen Charakters der Reflexionen des Ich-Erzählers mittels gehäuften Gebrauchs des Konjunktivs II in langen Satzreihen und Konditionalgefügen (Irrealis, Z. 29-38); dabei Offenbarung der (wenn auch evtl. bewussten) Selbsttäuschung bezüglich der Bedeutung der Flötenlehrerin bzw. Überhöhung der eigenen Person durch Gebrauch von Aufzählungen und Hyperbeln (Z. 31, 33 f., 34-38); zugleich jedoch Beleg selbstironischer Reflektiertheit durch lakonische Pointen (Z. 38, 42)
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Überhöhung der Bedeutung der (fehlenden) Leidenschaft für Instrument und Lehrerin durch Personifikation des Gefühls (Z. 39), Klimax, Anapher und Hyperbel („nicht einmal in Stunden größter Verzweiflung“ Z. 40 f.); Betonung der vermeintlichen Unmöglichkeit, sich in Flötenlehrerinnen zu verlieben, durch Wiederholung des Indefinitpronomens „man“ (Z. 41, 42), apodiktische Behauptung (Z. 41 f.) und Antithese („Flötenlehrerinnen […] Klavierlehrerinnen oder Cellolehrerinnen“ Z. 41 f.); Relativierung dieser Übertreibungen durch lakonische Ironie (Z. 42)
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Ausdruck der nüchternen Erkenntnis der eigenen Bedeutungslosigkeit im Rückblick auf die Begegnung mit der Flötenlehrerin durch Reihung schlichter, z. T. knapper Hauptsätze (Z. 44-47, 50 f.); zugleich Ausdruck einer gewissen Egozentrik und Verletztheit durch Anapher („Ich“ Z. 47)
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Evokation einer Vorstellung von einem wenig abwechslungsreichen und eventuell einsamen Leben der Flötenlehrerin mittels Reihung gleichförmiger Hauptsätze (Z. 44-46); Unterstellung einer resignativen Haltung der Lehrerin in Bezug auf den Erfolg ihres Musikunterrichts durch Parenthese („schon bald resigniert“ Z. 48); Entlarvung des spekulativen Charakters dieser Gedanken des Ich-Erzählers durch wiederholte Verwendung von Modaladverbien („wahrscheinlich“, „vielleicht“ Z. 45, 46, 49)
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Illustration einer überzogenen Vorstellung von einer vormals vertanen, vermeintlich großen Lebenschance durch den Ich-Erzähler und die Flötenlehrerin mittels Verwendung der 1. Person Plural sowie durch Parenthese (Z. 52 f.)
Figurengestaltung
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Ich-Erzähler:
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Namenlos, vermutlich zwischen fünfundzwanzig und dreißig Jahren alt (Z. 1 f.); keine Informationen hinsichtlich äußerer Merkmale oder weiterer biographischer Details
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In der durchgängig subjektiv gefärbten Erinnerung des Erzählers Offenbarung seines melancholischen, zunehmend übertrieben wirkenden Bedauerns vermeintlich verpasster Chancen; gestützt auch durch die zunehmend überzogen wirkenden Beschreibungen und Abwertungen der Flötenlehrerin und des Musikinstruments (s. o.)
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Übersteigert wirkende Selbstbespiegelung der eigenen (vermeintlichen) musikalischen Talentlosigkeit bzw. der fehlenden Hingabe an das Erlernen des Instruments sowie Projektion der Verantwortung für diesen Umstand auf die Lehrerin und das Instrument als Hinweise auf das Fehlen von Distanz zur eigenen Person
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Zugleich aber Widerlegung dieses Eindrucks durch lakonische Kommentare und Pointen (z. B. Z. 37 f., 41 f.) sowie durch die mitunter humorvoll wirkenden Übertreibungen selbst (z. B. Z. 17 f., 18-20): dadurch Ironisierung und Konterkarierung dieses ausgeprägten Geltungsdranges
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Flötenlehrerin:
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Präsentation ausschließlich vermittelt durch die Beschreibung des Ich-Erzählers, daher ausnahmslos unzuverlässige Informationen
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Beschreibung als sehr gute und passionierte Flötistin (Z. 10 f., 48 f.), als äußerlich in mehrerlei Hinsicht unattraktiv sowie Indifferenz und Emotionslosigkeit ausstrahlend (Z. 13-18, indirekt auch 3Z. 0 f.), mehrfache Verknüpfung dieser (vermeintlichen) Unattraktivität mit dem Musikinstrument
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Basierend auf der Wahrnehmung durch den Ich-Erzähler während der zufälligen Begegnung auf der Straße: Evokation der Vorstellung von einer zwar zielstrebigen, zugleich aber ein einsames oder zumindest monotones Leben führenden Person, bei der der Ich-Erzähler keinen bleibenden Eindruck hinterlassen hat (Z. 44-47); Unterstellung einer schon frühen Resignation in Bezug auf den eigenen Flötenunterricht, von dem sie vermutlich nur an wenige Schüler Erinnerungen besitze (Z. 49 f.)
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Deutung
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Einerseits:
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Hadern eines jungen Erwachsenen mit möglicherweise in der Vergangenheit verpassten Gelegenheiten; dabei zunehmend Verschiebung der Verantwortung dafür auf das Musikinstrument und die Flötenlehrerin, verbunden mit überzogen wirkenden Abwertungen beider
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Offenbarung eines möglicherweise übersteigerten Geltungsdranges bzw. Minderwertigkeitskomplexes des Ich-Erzählers im Versuch, die eigene Vergangenheit zu überhöhen bzw. die eigene Bedeutungslosigkeit zu kompensieren
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Andererseits:
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Ironische Brechung dieser Überzogenheit der Darstellung sowie der (vermeintlichen) Distanzlosigkeit zur eigenen Person und zur eigenen Vergangenheit durch lakonisch-humorvolle Kommentare und Pointen als Signale vorhandener Selbstreflexion sowie Selbstdistanz
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Schluss
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Letztlich thematisiert Rammstedt ein universelles menschliches Phänomen: den Versuch, der eigenen Bedeutungslosigkeit zu entfliehen, indem man banale Alltagserfahrungen im Nachhinein zu schicksalhaften Wendepunkten oder tragisch verpassten Chancen stilisiert.
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Die zufällige Begegnung am Ende besiegelt diese Ernüchterung – der Erzähler muss erkennen, dass er in der Welt der Lehrerin ebenso wenig Spuren hinterlassen hat wie das Instrument in seiner eigenen Biografie.