Lerninhalte
Inhaltsverzeichnis

Aufgabe 3 – Textinterpretation

Thema

Tilman Rammstedt (*1975): Mundstück (2003)

Aufgabenstellung

Interpretiere den Prosatext Mundstück von Tilman Rammstedt. Berücksichtige dabei besonders, wie die Gedanken und Gefühle des Ich-Erzählers in der erzählerischen und sprachlich-stilistischen Gestaltung des Textes zum Ausdruck kommen.

Material

Mundstück

Tilman Rammstedt

1
Wie gerne wäre ich in meine Flötenlehrerin verliebt gewesen. Wie gerne würde ich
2
jetzt zurückblicken auf diese Tage vor mehr als fünfzehn Jahren, wehmütig zurück-
3
blicken, seufzen und sagen: Ja, meine Flötenlehrerin. Nach ihr kam keine, die sich
4
hätte eine Frau nennen dürfen. Wie gerne würde ich noch manchmal, sonntags im
5
Winter, zur Kommode gehen und meine alte Flöte, die Flöte, die zu spielen sie mich
6
gelehrt hat, herausnehmen, sie vorsichtig aus der Filzschutzhülle ziehen, am weichen
7
Nussbaumholz riechen, die Luftlöcher einzeln abtasten, ja das Instrument sogar noch
8
einmal an die Lippen führen, zaghaft, so zaghaft, als wäre das Mundstück ihr Mund,
9
der Mund, der mir immer verwehrt geblieben ist. Zu spielen würde ich nicht wagen,
10
kein Ton wäre so klar wie der, den zu spielen sie imstande war, keine Melodie hätte
11
die Leichtigkeit besessen, die ihre Melodien durchzog. Ach, süße Melodien der Kind-
12
heit.
13
Doch leider war ich nicht verliebt in meine Flötenlehrerin gewesen. Leider war sie
14
keine schöne Frau. Leider war ihr Gesicht hölzern wie ihr Instrument, leider war ihr
15
Körper plump, leider, leider hatte ihre Stimme nichts Verrauchtes, nichts Verruchtes,
16
war kein Säuseln, kein Seufzen, kein Flüstern. Meine Flötenlehrerin hatte ein
17
unbestimmtes Alter, irgendwo zwischen dreißig und fünfzig. Meine Flötenlehrerin
18
lächelte nie, sprach selten und sah beim Spielen aus wie ein verletzter Vogel. Ihr
19
Instrument war die Flöte, genauer gesagt die Blockflöte, und die Blockflöte ist von
20
allen bedauernswerten Instrumenten das bedauernswerteste. Genau genommen ist
21
die Blockflöte nämlich gar kein Instrument, sie tarnt sich nur als eines, in Wahrheit ist
22
sie ein Test, eine Probe, ein Initiationsritus1. Blockflöte muss man spielen, wenn man
23
eigentlich ein anderes, ein richtiges Instrument spielen möchte, ein Instrument, das
24
einen zarten oder einen kräftigen Klang hat, das man in schwarzen Koffern mit sich
25
herumtragen darf, mit dem man andere beeindrucken kann. Man kann sagen: Ich bin
26
mit meinem Instrument quasi verheiratet. Eine Blockflöte will man aber bestimmt
27
nicht heiraten, und der einzige Mensch, der mit seiner Blockflöte verheiratet zu sein
28
schien, war meine Flötenlehrerin, in die ich leider nie verliebt war.
29
Wäre ich in sie verliebt gewesen, hätte ich diese Liebe womöglich auf das Instrument,
30
ihr Instrument übertragen, hätte es zu lieben gelernt, wie ich alles an ihr geliebt hätte,
31
ihr Haar, ihre Schuhe, ihre Wohnung, die Art, wie sie die Beine übereinander schlug.
32
Ich hätte sie gemeinsam geliebt, meine Flötenlehrerin und ihre Blockflöte waren nun
33
einmal nicht zu trennen. Ich hätte noch unter der Bettdecke geübt, um ihren stolzen
34
Blick auf mir zu spüren. Ich hätte mich kundig gemacht über die Geschichte der
35
Blockflöte, ihre Verbreitung, hätte bald alles gewusst über ihre Herstellung, ihre
36
Pflege und ihre großen Virtuosen, wäre vielleicht selbst einer geworden und spielte
37
jetzt in den berühmten Konzertsälen der Welt. Vielleicht wäre ich ein glücklicherer
38
Mensch, nicht nur an Sonntagen im Winter.
39
Doch diese Liebe zur Blockflöte hatte nie eine wirkliche Chance. Ich war nicht in
40
meine Flötenlehrerin verliebt, nicht einmal ansatzweise, nicht einmal in Stunden
41
größter Verzweiflung. Man verliebt sich nicht in Flötenlehrerinnen, höchstens in
42
Klavierlehrerinnen oder Cellolehrerinnen. Das weiß man, davon hat man gehört.
43
Als ich vor einigen Wochen durch die Einkaufsstraßen meiner Heimatstadt schlen-
44
derte, traf ich sie. Sie hat sich wenig verändert in den Jahren. Ihr Gang war zielstrebig,
45
wahrscheinlich war sie auf dem Heimweg und freute sich bereits auf das Abendbrot,
46
vielleicht kam ihr Lieblingsfilm im Fernsehen. Unsere Blicke trafen sich nur kurz, und
47
in ihrem lag kein Zeichen des Wiedererkennens. Ich bilde mir nichts ein. Ich war einer
48
von Hunderten, einer der vielen, denen sie, schon bald resigniert, ihre Passion zu ver-
49
mitteln versuchte. Zehn, vielleicht zwanzig Gesichter hat sie sich gemerkt in dieser
50
Zeit, und es gibt keinen Grund, warum meines darunter sein sollte. So gingen wir
51
wortlos aneinander vorbei, was hätte ein Gruß auch genutzt. Sie war auf dem Weg
52
nach Hause und ahnte nicht einmal, welche Möglichkeit wir damals, vor mehr als
53
fünfzehn Jahren, versäumt hatten.

1 Brauch zur Aufnahme in eine Gemeinschaft

Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Textquelle. 

Weiter lernen mit SchulLV-PLUS!

monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?

SchulLV