Aufgabe 1 – mit praktischem Schwerpunkt und schriftlichem Anteil
Gestalte ausgehend vom Textmaterial M1 ein Bild.
Aufgabe 1 (praktischer Aufgabenteil)
Erprobe deine Gestaltungsideen in vielfältigen Skizzen.
Gestalte ausgehend von den Skizzen ein Bild.
Aufgabe 2 (schriftlicher Aufgabenteil)
Begründe deinen Lösungsweg und deine gestalterischen Entscheidungen.
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Text M1
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Zeichen- und Malmaterial
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Zeichen- und Malgründe unterschiedlicher Formate
M 1 – 9. November 1989: Tanz auf der Mauer
Als die Regierung der DDR die Grenzübergänge öffnet und Tag für Tag und Nacht für Nacht neue Breschen in den Beton der Berliner Mauer schlägt, taumelt die Stadt wie im Fieber. Am Kurfürstendamm liegen sich wildfremde Menschen weinend in den Armen, klatschen unzählige Hände auf die Dächer und Kühlerhauben der Trabants1[…], die mühsam durch die Spaliere der Schaulustigen kriechen. […] Menschen stehen dicht an dicht, mit erhobenen Armen, [und] tanzen auf der hier zwei Meter breiten Mauerkrone […]. Hunderte machen sich mit Hämmern und Meißeln am Betonwall zu schaffen […].
Quelle: Werner Mathes / Tilman Müller, Stern extra, Hamburg, Nr. 3/1989, S. 72, gekürzt
1 Kleinwagen aus DDR-Produktion
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Grundlegende Ideen zur Gestaltung und Ausfertigung der Skizzen:
Skizzenansatz A: Der Fokus auf das Detail (Die Emotion)
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Konzept: Eine Nahaufnahme. Zwei Gesichter, nass von Tränen, im Scheinwerferlicht. Die Mauer ist nur noch unscharfer, dunkler Hintergrund.
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Gestaltungsmittel:
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Ausschnitt: Extremes Close-up (Amerikanische Einstellung).
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Licht: Dramatisches Chiaroscuro (Hell-Dunkel), warmes gelbes Licht (Autoscheinwerfer) trifft auf kalte Schatten.
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Ikonizitätsgrad: Hoher Realismus, fast fotorealistisch, um die Authentizität des Gefühls zu betonen.
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Skizzenansatz B: Die Aktion (Der Durchbruch)
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Konzept: Der physische Akt des Zerstörens und des Durchbrechens. Eine Hand mit Hammer trifft auf Beton, die Mauer wird eingerissen.
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Gestaltungsmittel:
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Ausschnitt und Ausdruck: Dynamisch von unten nach oben blickend, heroische Handlung, Ausdruck ambivalenter Gefühle (Befreiung, Frust, Angst, Aufbruchstimmung,...)
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Form/Duktus: Expressiv, kantig
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Ikonizitätsgrad: Mittlere Abstraktion. Die Energie ist wichtiger als die anatomische Korrektheit.
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Skizzenansatz C: Das Panorama (Die fiebernde Stadt)
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Konzept: Die Mauer zieht sich als diagonale Narbe durch das Bild. Oben drauf tanzende Silhouetten, unten ein Lichtermeer aus Menschen und Trabis.
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Gestaltungsmittel:
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Perspektive: Hohe Vogelperspektive (Aufsicht), um die schiere Masse und das "Kriechen" der Autokolonnen zu zeigen.
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Farbe: Kalt-Warm-Kontrast. Die Mauer in toten Graublaus, die Menschenmenge und der Ku'damm in pulsierenden, lebendigen Farbtönen.
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Ikonizitätsgrad: Reduziert, flächig. Die Menschen werden zu einem ornamentalen Muster, einem Strom.
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Folgende Fertigkeiten im Umgang mit künstlerischen Techniken und Methoden hinsichtlich der zu entwickelnden Skizzen sollen dabei gezeigt werden:
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Gestalterische Qualität
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Grad der Verdeutlichung
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Angemessene Größe
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Einsatz geeigneter zeichnerischer und / oder malerischer Mittel, …
Zusammenführung der Skizzen (Synthese)
Das finale Konzept wird Ansatz C als Basis nutzen, um die Dimension des Ereignisses zu zeigen, aber Elemente aus Ansatz B (Aktion) integrieren. Es wird dabei ein zentraler Fokuspunkt beleuchtet, um die Distanz zu brechen.
Technische Umsetzung und Materialwahl
Um den Kontrast zwischen dem starren Beton und der lebendigen Euphorie materiell erfahrbar zu machen, wird eine Mischtechnik auf einer Holzplatte gewählt.
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Der Untergrund (Die Mauer): Die Diagonale der Mauer wird nicht nur gemalt, sondern haptisch aufgebaut. Einsatz von Spachtelmasse, vermischt mit echtem Sand und Asche, um eine raue, brutale Betontextur zu erzeugen. Diese Bereiche werden in stumpfen Acrylfarben (Paynesgrau, Betongrau, kaltes Preußischblau) gehalten.
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Die Aktion (Hämmern/Meißeln): An den Stellen, wo im Bild die Mauer aufgebrochen wird, wird das Material tatsächlich physisch bearbeitet (eingeritzt, aufgekratzt), sodass der rohe Holzgrund wieder zum Vorschein kommt.
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Das Leben (Menschen/Licht): Die Menschenmassen und die Lichter der Trabis werden in einer konträren Technik aufgetragen. Verwendung von Ölkreiden und hochpigmentierter Tusche über der Acrylschicht. Dies ermöglicht leuchtende, fast glühende Farben (Kadmiumgelb, Zinnoberrot, leuchtendes Orange) und einen fließenden, weichen Duktus, der sich über die starre Betonstruktur legt.
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Optional: Integration von Text: Als subtile Ebene werden Fragmente von Zeitungsüberschriften aus den Tagen als Collage-Elemente in die unterste Farbschicht des "West-Teils" (Ku'damm) eingearbeitet, die nur bei genauem Hinsehen durchschimmern.
Die Fähigkeit, Gestaltungsideen in vielfältigen Skizzen zu erproben soll gezeigt werden; auf folgende Punkte wird in der Bewertung besonders wert gelegt:
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Berücksichtigung, Konkretisierung und Optimierung deutlich unterschiedlicher aufgabenbezogener Bildmotive ausgehend von Textmaterial M1 (Figuren, Figurengruppen, feiernd, tanzend, Teile aus der Berliner Mauer herausschlagend, auf die Mauer kletternd, auf der Mauer posierend, sich weinend in den Armen liegend, …), ggf. über die Informationen des Textes hinaus: Tageszeit, städtische Umgebung; Autokolonnen, …)
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Erprobung und Optimierung von Gestaltungsmitteln im Hinblick auf ihre Bildwirkung (Betrachterstandpunkt, Perspektive, Bildausschnitt, Form, Farbe, Licht, Verhältnis von Groß- und Detailformen, Schwerpunktsetzung, Reduktion, …)
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Erprobung verschiedener Ikonizitätsgrade
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Erprobung der Zusammenführung von Entwurfsansätzen
Folgende Fertigkeiten im Umgang mit künstlerischen Techniken und Methoden im Hinblick auf das zu gestaltende Bild sollen gezeigt werden:
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Einsatz und Anwendung eines angemessenen Darstellungsapparates, Zeichen-, Mal- oder Mischtechniken; Materialwahl, materialgerechter Umgang mit den gewählten Werkstoffen
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Angemessenheit der Präsentation
Schriftlicher Aufgabenteil
Beschreibung des Kunstwerks
Das Werk wird dominiert von einer massiven, dunkelgrauen, haptisch rauen Betonstruktur, die sich diagonal von links unten nach rechts oben durch das Bildformat schneidet – die Berliner Mauer. Sie wirkt schwer und unüberwindbar, zeigt aber bereits tiefe Risse und aufgebrochene Kanten, an denen das darunterliegende rohe Holz sichtbar wird. Die Mauer ist der Wall, der Jahrzehnte lang Menschen getrennt hat, Austausch und Wandel verhindert hat, nun bekommt dieses starre, kalte Konstrukt Risse. Man spürt die Macht, die Grenzüberschreitung, das Überwältigende. Dieser Kontrast soll durch das rohe, aufgerissene Material (bearbeitete Holzplatte, Spachtelmasse) dargestellt und ausgedrückt werden.
Auf der Krone der Mauer, die im oberen Bilddrittel verläuft, tanzen schwarze, dynamische Silhouetten mit erhobenen Armen gegen einen Nachthimmel, der von Scheinwerferlicht aufgehellt ist. An einer prominenten Stelle im goldenen Schnitt ist eine Figur fokussiert, die mit einem Hammer auf die Kante einschlägt, man spürt die aufgeladene Atmosphäre und die ambivalenten Gefühle.
Unterhalb der Mauer, im größeren „West-Teil“ des Bildes, pulsiert ein Lichtermeer. Es ist eine abstrakte Masse aus tausenden Pinselstrichen und Farbflecken in warmen Gelb-, Rot- und Orangetönen. Man erkennt schemenhaft die charakteristische, rundliche Form von Trabant-Dächern, die wie kleine Inseln im Menschenstrom stecken. Ganz unten rechts, im Vordergrund, fast im Schatten der Mauer, ist eine kleine, intimere Szene in skizzenhaftem Duktus angedeutet: Zwei Figuren, die sich umarmen, umgeben von einem warmen Lichtschein. Dieses Setting (die große Masse und Menschenströme vs. einzelne Personen im Fokus) zeigt die „breite Masse“ ohne die Gefühle des Einzelnen in den Hintergrund zu rücken. Das kann gleichzeitig als subtile Auseinandersetzung mit den grundlegend unterschiedlichen politischen Strukturen und Glaubenssätzen in der DDR und BRD gedeutet werden.
Das gesamte Bild vibriert durch den Kontrast der Materialien und Gefühle: Der tote, matte Sand-Spachtel des Betons gegen den glänzenden, öligen Fluss der Menschenmenge. Das Thema Kontraste dient als roter Faden der sich durch Wahl der Materialien, Farben, Pinselgrößen und Ikonizitätsgrad äußert.
Auf die Fähigkeit, den Lösungsweg und die gestalterischen Entscheidungen zu begründen wird besonderen Wert gelegt:
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Angemessenes Ansprechen aller praktischen Aufgabenteile
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Herstellen konkreter Bezüge zum Textmaterial M1
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Geordneter Argumentationsgang; fachsprachliche Angemessenheit
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Berücksichtigung inhaltlicher und formaler Aspekte (Begründung der getroffenen Auswahlentscheidungen, der wesentlichen Gestaltungsmittel, der Präsentationsform), auch bezogen auf die angestrebte Bildwirkung.