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Inhaltsverzeichnis

Aufgabe 3 – Deutung des Karfreitags

  • Erarbeite Thema und Gedankengang des Textes von Antje Schrupp und arbeite dabei die von ihr entwickelte Deutung des Karfreitags heraus.

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  • Entfalte einen religionskritischen Entwurf der Gegenwart und setze ihn zu der von Antje Schrupp entwickelten Deutung des Karfreitags in Beziehung.

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  • Setze dich kritisch mit der Position von Antje Schrupp auseinander und nimm vor dem Hintergrund des bisher Erarbeiteten anhand konkreter Beispiele Stellung zu der Frage, inwiefern der christliche Glaube einen Beitrag dazu leisten kann, sich „der Wirklichkeit zu stellen“ (Z. 81).

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Antje Schrupp

Karfreitag: Begreifen, dass Gott tot ist

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Übermorgen ist wieder Karfreitag, das Stiefkind unter den Feiertagen. Man weiß nicht so
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recht, was damit anfangen. Klar, man kann sich aufregen, dass öffentliche Tanzveranstaltun-
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gen verboten sind, aber das ist irgendwie doch kleinkariert. Zumal die Debatte um das Tanz-
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verbot in den vergangenen Jahren fast das Einzige war, was man vom Karfreitag überhaupt
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noch mitbekommen hat.
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Der, wie manche sagen, höchste christliche Feiertag dümpelt schon länger vor sich hin. Zwar
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finden es viele praktisch, dass er arbeitsfrei ist, ein schöner Auftakt für die sogenannten Oster-
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feiertage. Aber wirklich begangen wird der Tag doch eher nicht. So langsam könnte man ernst-
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haft die Frage stellen, warum es ihn eigentlich überhaupt noch gibt. Zumal der Karfreitag,
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anders als Weihnachten und Ostern, auch noch vollkommen unbrauchbar ist, um die Konsum-
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wirtschaft anzukurbeln. Schoko-Kruzifixe und Dornenkronen-Deko? Eben!
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Ältere erzählen mir, wie es früher war: Da zogen sich an diesem Tag alle tiefschwarze Trauer-
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kleidung an und gingen in die Kirche. Im Fernsehen lief nur getragenes Programm, im Radio
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nur klassische Musik, zu essen gab es Fisch, wenn überhaupt. Kinder durften nicht herumto-
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ben oder laut lachen, denn es war ein ernster, ein trauriger Tag: der Tag, an dem Jesus gekreu-
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zigt wurde.
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Heute ist es eigentlich ein Tag wie jeder andere, nur die Geschäfte sind geschlossen.
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Vielleicht ist dieser Bedeutungsverlust des Karfreitags einfach eine logische Folge der schrump-
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fenden Bedeutung des Christentums – Jesus und sein Schicksal ist den meisten Menschen
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heute eben egal. Aber das allein erklärt es nicht wirklich. An Weihnachten und Ostern geht es
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ja auch um Jesus und diese Feste sind trotzdem gesund und munter. Man hat schon hartgesot-
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tene Atheistinnen an Heiligabend rührselig werden sehen – wer freut sich auch nicht über ein
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Licht in der Dunkelheit und so eine Geburt ist eben ganz generell ein Symbol für Neuanfang
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und Hoffnung. Auch Ostern ist problemlos inter-, über- und unreligiös zu deuten: die Feier der
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Fruchtbarkeit, des Frühlings, der Sonne, der aufblühenden Buntheit. Man muss nicht christ-
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lich sozialisiert sein, um damit etwas anfangen zu können. […]
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Gläubige anderer Religionen und Atheisten hingegen halten die Idee, ausgerechnet ein gewalt-
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samer Foltertod könnte der Wendepunkt zur Erlösung der Menschheit sein, bis heute für be-
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kloppt, auch wenn sie das aus Höflichkeit meist nicht so direkt sagen. Ein Wunder ist auch
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das nicht, wenn man sich anschaut, welch düstere Opferideologie die Theologen des Mittel-
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alters aus der Kreuzigungsgeschichte herbeikonstruierten: Jesus als Gottes Sohn, der vom
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eigenen Vater „geschlachtet“ wird, und zwar stellvertretend für die Schuld der Menschen.
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Das Ganze opulent visualisiert mit detailreich gezeigten nackten Männerkörpern, aus denen
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das Blut nur so herausströmt. Diese Gewalt- und Leidbesessenheit nahm streckenweise gera-
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dezu obszöne Dimensionen an, und sie half außerdem einem autoritär-patriarchalen Klerus1
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dabei, Menschen Schuldgefühle, Angst und Schrecken einzujagen und sie damit gefügig zu
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machen.
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Ein Glück, dass sich die abendländische Kultur im Zuge der Säkularisierung von dieser Ver-
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irrung halbwegs befreit hat, übrigens auch das Christentum, was maßgeblich der Befreiungs-
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theologie und der feministischen Theologie zu verdanken ist. Einzig in Hollywood wird noch
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das Narrativ vom maskulinen Helden gepflegt, der nicht zögert, sich zur Rettung der Welt
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selbst zu opfern, gerne auch explizit blutig. Doch selbst dort, auf der Kinoleinwand, wirken
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diese Möchtegern-Messiasse zunehmend lächerlich.
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Also, was tun mit dem Karfreitag? Ihn als gesellschaftlichen Feiertag endgültig aufgeben?
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Als privaten Spleen einer kleinen Minderheit betrachten, nämlich den etwa vier Prozent Chris-
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tinnen und Christen, denen dieser Tag für ihre persönliche Frömmigkeit noch wirklich etwas
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bedeutet?
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Eine andere Möglichkeit wäre, Karfreitag von einer neuen Seite her wieder Leben einzuhau-
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chen, wenn auch vielleicht nicht gerade so, wie es die Auto-Tuner-Szene tut, die am Carfrei-
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tag zu gemeinschaftlichem Motorheulen, Hupen und teilweise auch illegalen Autorennen auf-
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ruft. Das passt zwar insofern, als es dabei auch schon zu Toten gekommen ist, übertrifft aber
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das Original an Torheit bei Weitem.
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Interessanter ist eine Idee von fünf Aktivistinnen aus der Schweiz, die vorschlagen, die Kar-
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woche zur Care-Woche zu machen. Die Vorsilbe Kar-, so ihr Argument, stammt von dem
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althochdeutschen Wort Kara ab, das so viel bedeutet wie „Klage, Trauer, Sorge“ und mit dem
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englischen Wort Care verwandt ist. Damit verweise der Karfreitag auf ein Thema, das heute
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vielleicht die größte gesellschaftliche Herausforderung darstellt – die ungelöste Frage der
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Care-Arbeit, also wie wir künftig all das organisieren wollen, wofür in neoliberaler Logik2
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immer weniger Zeit und Ressourcen vorhanden sind: Pflegen, Putzen, Versorgen, Erziehen,
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Heilen, Betreuen, Kochen, Ausbilden.
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Sowohl bei der Kreuzigung als auch bei der ungelösten Frage der Care-Arbeit geht es um kör-
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perliches, physisches Leid, um den menschlichen Körper mit seinen unmittelbaren und unauf-
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schiebbaren Bedürfnissen nach Nahrung, Kleidung, Obdach. Und kein Gott weit und breit,
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der dieses Problem löst, der Jesus vom Kreuz holt oder frierende Flüchtlinge aus Idomeni3
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rettet.
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Warum hilft Gott nicht? Darauf lassen sich viele Antworten geben, von „Weil er nicht will“
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bis „Weil es ihn nicht gibt“. Die Antwort, die der christliche Karfreitag gibt, ist im Religions-
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vergleich außergewöhnlich und eben auch ein bisschen „töricht“, denn sie lautet: Weil Gott
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nicht der große Zampano4 ist, der vom Himmel aus die Dinge regelt, sondern sich in so einem
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Fall dazugesellt: mitleidet, mitfriert, mitstirbt.
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Gott ist nicht tot, weil Philosophen wie Nietzsche das theoretisch hergeleitet haben. Sondern
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Gott ist tot, weil wir Menschen einander an Kreuze nageln. Weil wir andere in Kriegen bom-
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bardieren, in Meeren ertrinken lassen, durch unüberwindbare Grenzen von rettenden Lebens-
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ressourcen abschneiden. Weil wir es zulassen, dass Menschen aus Armut verzweifeln, durch
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Gleichgültigkeit in Vergessenheit geraten, vor Einsamkeit depressiv werden.
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Der Karfreitag könnte ein Feiertag sein, an dem wir uns diese brutale Realität der Menschheit
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ganz ohne verschönerndes Brimborium vor Augen führen. Ein Tag im Jahr, an dem wir kol-
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lektiv nicht die Augen vor dem Elend verschließen, sondern es uns ganz bewusst vergegen-
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wärtigen. Ein Tag, an dem wir nichts beschönigen, sondern hinschauen, wie das Blut fließt,
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auch wenn es uns erschreckt und Angst macht. Nicht, um uns schuldig zu fühlen. Sondern um
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uns der Wirklichkeit zu stellen. Ein Tag, an dem wir nicht behaupten, schnelle Lösungen zu
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haben, wenn uns nur mal jemand machen ließe. Sondern ein Tag, an dem wir es aushalten,
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keine Lösung zu haben.
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Aushalten, dass Gott tot ist.

1 Klerus: kirchliche Amtsträger

2 Neoliberalismus: Denkrichtung, die eine rein marktwirtschaftliche Wirtschaftsordnung vertritt

3 Idomeni: In einem improvisierten Lager im nordgriechischen Grenzort Idomeni waren im Jahr 2016 zeitweise bis zu 12.000 Geflüchtete gestrandet.

4 Zampano: hier: Mann, der durch übertriebenes, prahlerisches Gebaren beeindrucken will

Antje Schrupp ist Politikwissenschaftlerin, Journalistin und Publizistin.

Aus: Antje Schrupp: Karfreitag: Begreifen, dass Gott tot ist. In: ZEIT ONLINE, 23.03.2016 https://www.zeit.de/kultur/2016-03/karfreitag-feiertag-ostern-care-woche-leid-10nach8/komplettansicht (20.04.2024)

(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus.)

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