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Inhaltsverzeichnis

Aufgabe 2 – Christlicher Umgang mit der ökologischen Krise

  • Erarbeite Thema und Gedankengang des Textes von Gregor Taxacher und arbeite dabei seine Überlegungen zum Umgang mit der ökologischen Krise heraus.

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  • Entfalte christliche Beiträge zu aktuellen umweltethischen Herausforderungen und setze diese in Beziehung zu den im Text von Gregor Taxacher entwickelten Überlegungen zum Umgang mit der ökologischen Krise.

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  • Setze dich mit der Position von Gregor Taxacher kritisch auseinander und erörtere vor dem Hintergrund deiner bisherigen Ergebnisse Möglichkeiten und Grenzen christlich motivierten Handelns im Umgang mit der ökologischen Krise.

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Gregor Taxacher

Apokalypse ist jetzt

Vom Schweigen der Theologie im Angesicht der Endzeit

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Die alte Apokalyptik im Umkreis der biblischen Schriften imaginierte einen Weltuntergang,
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aber sie tat dies anthropozentrisch: Die kosmischen Szenarien vom Sternenfall und vom Ver-
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gehen von Himmel und Erde waren metaphorisch bezogen auf den Untergang der Reiche, der
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Zivilisation, der bisherigen menschlichen Geschichte. Es ging nicht primär um eine kosmi-
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sche Katastrophe, in deren Zuge auch die Menschheit untergeht, sondern umgekehrt um das
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Gericht Gottes an der menschlichen Machtgeschichte, und dieses Gericht bedient sich auch
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der physischen Schöpfung, die in Gottes Hand ist. [...]
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Unsere gegenwärtige Situation entspricht säkular, also auch ohne eine religiöse Perspek-
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tive auf sie, in ihrer Struktur genau dieser biblischen Apokalyptik: Nicht das Ende der Son-
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nenkraft und nicht einmal die Möglichkeit eines allzu nah vorbeiziehenden Kometen machen
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uns Angst und prägen die gegenwärtige Lage der Welt, sondern die menschliche Möglich-
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keit, sich selbst die Lebensgrundlagen zu entziehen und sich zu zerstören. Auch darin können
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durch Artensterben, Verseuchung und atomare Sprengkraft große Teile der biologischen und
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irdischen Umwelt mitgerissen werden, so dass das Szenario Züge eines Weltuntergangs erhält.
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Aber der Auslöser und die endgültig Betroffenen sind die Menschen. Es geht um uns – damals
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in der „Geheimen Offenbarung“1 ebenso wie heute in den weit weniger geheimen, dafür umso
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mehr ignorierten Prognosen über die Grenzen des Wachstums und den sozialen Sprengstoff
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der zerteilten Welt.
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Vor Jahren wurde in der Werbung für umweltbewusstes Verhalten ein Spruch geprägt, der
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diese Situation geradezu genial auf den Punkt bringt: „Die Natur braucht uns nicht – wir brau-
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chen die Natur!“ Auf den ersten Blick und durch seinen ersten Teil wirkt dieser Spruch wie
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eine anti-anthropozentrische Polemik. Wir sollen uns nicht einbilden, im Mittelpunkt der
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Schöpfung zu stehen, unentbehrlich, als würde sich alles auf uns beziehen. Die Natur schert
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sich im Endeffekt um uns so wenig wie derzeit um die verschwindenden Arten tropischer
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Vögel. Auf den zweiten Blick und durch seinen zweiten Teil zeigt der Spruch aber im Gegen-
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teil eine anthropozentrische Spitze: Er will ja keinen Trost spenden, indem er auf die Unab-
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hängigkeit der Natur von uns Menschen verweist, sondern er will uns auffordern, die Natur
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gerade nicht um ihrer selbst willen, sondern in unserem eigenen Interesse zu schützen. Damals
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ging es darum, Umweltschutz aus der belächelten Ecke der „Ökos“ und „Krötenschützer“
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herauszuholen und zu einer Überlebensfrage der Menschheit zu machen. Deshalb argumen-
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tiert er anthropozentrisch und warnt vor einer Apokalypse der Menschheit, die gerade auch
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dann eintreten würde, wenn sie keine kosmische Apokalypse wäre.
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Dass die Natur uns nicht braucht, ist allerdings eine naturwissenschaftliche Erkenntnis,
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deren Objektivität sich durch ein anthropozentrisches Interesse nicht blenden lässt. Deren
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nüchterne Diagnose sagt uns zweierlei: zum einen, dass die vom Menschen verursachte öko-
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logische Krise nicht „natürlich“ ist im Sinne eines aus anderen Ursachen schon dagewesenen,
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sich wiederholenden Phänomens; es ist ein einmaliges Ereignis in der Evolution. Zum ande-
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ren: „Die verheerenden Auswirkungen, die wir auf die Biosphäre haben, werden ein einmali-
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ges Ereignis bleiben ... Die Ökosysteme der Erde dürften binnen zehn oder zwanzig Millio-
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nen Jahren zu ihrem einstigen Artenreichtum zurückfinden, vorausgesetzt, homo sapiens stirbt
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vorher aus.“
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Das ist Prognose, keine Prophetie. Die Frage ist, wie wir uns dazu verhalten. Soll man etwa
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für die Erde erhoffen, was wir Menschen als Betroffene natürlich fürchten? „Nein, unser Pla-
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net wird nicht sterben“, tröstet Kenneth J. Hsu: „Gaia2 wird dafür sorgen, dass unsere Spezies,
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der Zerstörer, zerstört wird, bevor die Erde selbst unbewohnbar wird.“ So kann allerdings nur
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sprechen, wer – nicht mehr naturwissenschaftlich – statt unserer selbst nun die Erde als „Gaia“
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zum Subjekt erklärt, auch zum ethischen, d. h. um seiner selbst willen erhaltenswerten Ziel-
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Gut. Gaia, hier zumindest metaphorisch personifiziert und handelnd vorgestellt, wird sich der
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Menschheit in einer Art moralischer Güterabwägung, mit dem Recht der Selbstverteidigung
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und des Verursacherprinzips, entledigen. Aber wer ist der Adressat dieses Trostes?
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Das apokalyptische Denken biblischen Ursprungs, das indirekt sogar noch den zitierten Öko-
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Slogan prägt, hat stets vom Menschen her gedacht: Er erfährt sich in seiner Subjektivität als
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herausgehobenes Sinn-Ziel der Schöpfung, er weiß sich in seiner Selbsterkenntnis als vom
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Schöpfer gewollt, und deshalb begreift er sich als einen ethischen Selbstzweck, der – in der
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berühmten Formulierung von Kant – „jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel“
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angesehen werden darf. Diese Anthropozentrik muss aus sich heraus auch nicht antiökolo-
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gisch werden, denn sie schließt die Verantwortung des einzigen bewusst verantwortungsfähi-
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gen Wesens in der irdischen Schöpfung gerade ein. Nur eine Perspektive, der das Schicksal
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der Menschheit im Kosmos nicht als peripher erscheint, kann die Krise begreifen.
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Aus konsequent kosmischer Perspektive dagegen ist die gegenwärtige Situation gar nicht
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apokalyptisch. Deshalb artikuliert auch nicht Gaia, sondern der Mensch die Erkenntnis seiner
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Schuld an der Mitwelt. Er, der sich für die Krone hielt, entdeckt sich plötzlich als Schädling
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der Evolution, agierend „mit der Ideologie einer Krebszelle, und der entstehende Tumor droht
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seinen Wirt zu zerstören“. Allerdings hat eine wirkliche Krebszelle keine Ideologie, und ein
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Tumor weiß deshalb auch nicht, dass auch er mit dem Tod seines Wirts absterben wird. Nur
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der Mensch erfährt sein Handeln in den Spuren solch innerökologischen Schmarotzertums
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als Schuld, als Verantwortungslosigkeit. Diese Erfahrung der ökologischen Krise als einer
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ethischen Herausforderung ist selbst eine anthropozentrische. Würde der Mensch sein Ver-
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halten nur als eine kosmisch-evolutionäre Fehlfunktion wahrnehmen, könnte er schweigend
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zur Tagesordnung übergehen und alles Weitere den Naturgesetzen überlassen. Aber dies wäre
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ein Widerspruch in sich, so wie das heroische Angebot, um Gaias willen in den kollektiven
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Selbstmord einzuwilligen, paradox bleibt: eine Haltung ethischer Subjektivität, die sich selbst
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negiert.
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In der Logik des biblischen Glaubens ist die Erkenntnis der ökologischen Krise eine pro-
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phetische Erkenntnis, weil sie nicht nur eine sachliche Überlebensfrage hervorruft, sondern
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zugleich die Frage nach moralischer Verantwortung. Die ökologische und mehr noch die
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soziale Katastrophe stellen nicht nur das Überleben, sondern auch das Selbstverständnis des
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Menschen in Frage. Nur deshalb kann im zitierten Slogan der Indikativ „Wir brauchen die
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Natur“ als ein mahnender Imperativ gehört werden. Die Anthropozentrik der biblischen Ver-
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nunft selbst entdeckt in der Krise, dass ihr anthropozentrisches Handeln an der Umwelt und
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ihr egozentrisches Verhalten gegenüber den Mitmenschen den Menschen insgesamt bedroht-
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im Endeffekt mehr als die Umwelt.
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Gerade durch „die skrupellose Zerstörung und Ausbeutung der Mit-Welt“ bleibt der Mensch
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„nicht mehr die Krone und das Zentrum der Schöpfung“. [...]
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Die Maxime der anthropozentrischen Umweltethik lautet also: „Der Mensch hat bei allen
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relevanten Entscheidungen daran zu denken, dass diese Umwelt als menschenwürdiger Lebens-
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raum mit bestimmten Mindestqualitäten erhalten bleibt.“
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In der gegenwärtigen katastrophalen Situation, sozusagen schon unter Notstandsbedingun-
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gen, ist diese anthropozentrische Maxime kein ethisches Konzept mehr, sondern ein Überle-
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benszwang. Der Mensch hat sich selbst dazu verdammt, bewusst als die Krone der Schöpfung
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zu handeln, als die er sich gesehen hat. Weil er im Streben, Macht über die Natur zu gewinnen,
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inzwischen sich selbst aus der Natur auslöschen kann, muss er nun als Hüter der Natur agie-
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ren, um sein eigener Hüter zu sein. Der Mensch hat so lange anthropozentrisch gewurschtelt,
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dass er nun dazu verdammt ist, es zur Selbstrettung weiter, aber bewusst ökologisch zu tun.
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Er muss „erwachen und bemerken, dass er einen lebenslangen Job als Welt-Wartungstechni-
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ker ausüben muss“. [...]
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Die gegenwärtige Krise ist wohl nicht zufällig von dem Teil der Menschen heraufgeführt
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worden, der sich christlich nannte. Offensichtlich ist die biblische Vernunft in die Ursprünge
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der Krise selbst tief verwickelt, zu deren Überwindung sie gleichzeitig wichtige Bewusstseins-
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Ressourcen bereitstellt. Nur anthropozentrisch wird sich eine fatale Geschichte der zerstöre-
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rischen Anthropozentrik überwinden lassen, wenn überhaupt.

1 Geheime Offenbarung: Gemeint ist das biblische Buch der Offenbarung des Johannes.

2 Gaia: die in der griechischen Mythologie personifizierte Erde und eine der ersten Gottheiten.

Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen lediglich ergänzende Aspekte heraus. Offenkundige Druckfehler wurden korrigiert, ohne dabei den Sinn zu verändern.

Gregor Taxacher ist katholischer Theologe.

Aus: Gregor Taxacher: Apokalypse ist jetzt. Vom Schweigen der Theologie im Angesicht der Endzeit. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2012, S. 110 ff.

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