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Inhaltsverzeichnis

Aufgabe 3 – Frage nach Gott und menschlicher Existenz

  • Erarbeite Thema und Gedankengang des Gesprächs in dem Auszug aus Eric-Emmanuel Schmitts Roman und arbeite die jeweilige Antwort auf die Frage nach Gott in den Ausführungen der beiden Romanfiguren heraus.

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  • Entfalte vergleichend zwei dir bekannte religionskritische Entwürfe der Gegenwart und setze diese in Beziehung zu den Antworten auf die Frage nach Gott in den Ausführungen der beiden Romanfiguren.

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  • Setze dich kritisch mit den von den beiden Romanfiguren in ihren Antworten entwickelten Deutungen menschlicher Existenz auseinander, erörtere vor dem Hintergrund deiner bisherigen Ergebnisse und anhand konkreter Beispiele mögliche Konsequenzen solcher Selbstverständnisse für die Lebensführung und nimm begründet Stellung.

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Eric-Emmanuel Schmitt

Nachtfeuer

Was ich in der Wüste erlebte

In seinem von persönlichen Erlebnissen inspirierten Roman erzählt Schmitt von dem jungen Philosophieprofessor Éric, der in Algerien als Teilnehmer einer Reisegruppe eine zehntägige geführte Wanderung durch die Wüste Sahara unternimmt. Während der Wanderung unterhält sich Éric häufiger mit Ségolène, einer mitreisenden Augenärztin, die ähnlich wie er in der Wüste über grundlegende Fragen des Lebens nachdenkt.

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„Wozu sollte die Natur einen Fisch hervorbringen, wenn sie nicht das Wasser erschaffen
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hätte?“
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In den letzten Stunden unseres Weges zum nächsten Lagerplatz ging Ségolène neben mir.
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Vor uns flimmerte der überhitzte Horizont. Ich wischte mir über die Stirn und blinzelte.
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„Wie bitte.“
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Ihre Frage hatte mich so sehr überrascht, dass ich vor lauter Anstrengung, sie richtig zu
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erfassen, langsamer wurde. Eine Fliege nutzte das aus, um sich auf meinem Arm niederzu-
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lassen. Ségolène wiederholte laut und deutlich:
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„Wozu sollte die Natur einen Fisch hervorbringen, wenn sie nicht das Wasser erschaffen
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hätte?“
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Ratlos verscheuchte ich die Fliege. Ségolène murmelte etwas vor sich hin, trieb mich an,
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das Tempo beizubehalten, und sagte dann langsam, übertrieben deutlich, als wäre ich ein
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schwerhöriges Kind:
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„Die Natur hat die Lebewesen hervorgebracht, darüber sind sich alle einig. Aber warum
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hat sie fragende, nach Vernunft dürstende Wesen erschaffen, die Wissen zusammentragen
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und über ein moralisches Empfinden verfügen? Helfen uns diese Eigenschaften dabei, uns in
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unsere Umwelt einzugliedern, oder schließen sie uns daraus aus? In der Regel tut die Natur
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nichts Überflüssiges. Wenn ich unserem Geologen oder unserem Physiker lausche, dann wird
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meine Bewunderung für ihre Ökonomie und Effizienz noch größer. ,Ein wenig Wissenschaft
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entfernt uns von Gott, viel jedoch führt uns zu ihm zurück‘, hat Louis Pasteur1 gesagt. Wenn
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die Natur sich Fische ausdenkt, dann nur, weil sie zuvor das Wasser gemacht hat. Demnach
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...“
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„Demnach?“
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„Wenn sie sich solche rationalen Tiere wie uns ausdenkt, dann bedeutet das, dass das Uni-
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versum, in dem wir uns zurechtfinden müssen, einen Sinn ergibt. Demnach ...“
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„Demnach?“
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„Demnach sind wir nicht zufällig entstanden, es sind nicht bloß irgendwelche Atome zu-
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sammengestoßen. Im Gegenteil, wir sind das Ergebnis eines Plans, einer intelligenten Absicht.
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Demnach ...“
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„Demnach gibt es Gott.“
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Erleichtert stellte ich fest, dass ich mich wieder auf vertrautem Terrain befand. Durch mei-
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nen Beruf des Philosophen hatte ich gelernt, wie man mit diesen Rätseln und den zahllosen
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Antworten darauf umgeht. Vielleicht hatte ich mich mit zwanzig Jahren nur deshalb der Phi-
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losophie zugewandt, weil ich noch eingehender über ebenjenes Problem hatte nachdenken
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wollen.
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Die Fliege krabbelte zwischen meinen Schenkeln umher, als würde sie irgendetwas suchen.
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Lächelnd antwortete ich Ségolène:
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„Ich weiß, worauf du hinauswillst: Es geht um die Frage nach den Urheberrechten. Ist es
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der Mensch, der Sinn erschafft, oder hat es vor ihm einen anderen Schöpfer gegeben, Gott?
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Woher stammt die Intelligenz, die der Mensch in der Welt vorfindet? Von ihm, oder hat Gott
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sie hervorgebracht? Unseren zeitgenössischen Denkern zufolge ist der Mensch das einzige
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vernunftbegabte Wesen, das in seiner ganzen Einsamkeit und Orientierungslosigkeit die Posi-
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tion eines , Wächters über den Sinn‘ inmitten einer absurden Welt innehat.“
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„Dann wäre der Mensch also ein Fisch, der in einen Kosmos ohne Wasser geworfen wurde?“
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„Wenn du so willst...“
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„Dann verreckt er!“
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Ich verstummte, denn ich wusste nur zu genau, worauf sie hinauswollte. Ja, es stimmte,
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die zeitgenössischen Denker lassen den Menschen zugrunde gehen. Einerseits gestehen sie
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ihm das Verdienst der Intelligenz zu und schmeicheln ihm damit, gleichzeitig aber verdam-
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men sie ihn damit zu radikaler Einsamkeit. Der Mensch wird zum Einzelfall, zur Ausnahme:
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In einer nicht denkenden Umwelt ist er der Einzige, der denkt, in einer apathischen Umge-
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bung ist er der Einzige, der empfindet, inmitten eines Chaos ohne Moral fragt er nach richtig
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oder falsch. Er steht für immer außerhalb! Es gibt für ihn keinen Fluchtweg! Der Mensch, der
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nichts als Sternenstaub sein soll, stellt sich als ein schmerzhafter Irrtum heraus.
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Laut summend und brummend flog die Fliege unermüdlich die nackten Stellen meines
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Körpers an, Arme, Beine, Hals, Gesicht, hungrig, den salzigen Schweiß meiner Haut aufzu-
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nehmen. Sie ging mir auf die Nerven.
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Ségolène ließ nicht locker:
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„Sind die Ordnung und die Intelligenz des Kosmos nicht ein Beweis für Gott?“
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„Das ist eine klassische Beweisführung in der Philosophie. Voltaire2 hat gesagt: ,Die Welt
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beschämt mich und ich kann nicht glauben, dass diese Uhr existiert und keinen Uhrmacher
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hat.‘ Das leuchtet ein, denn wenn ich auf diesem Weg eine Uhr finden würde, so würde ich
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natürlich davon ausgehen, dass ein Handwerker für ihr Vorhandensein verantwortlich ist; ich
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würde nicht behaupten, der Zufall hätte sie hervorgebracht. Analog dazu müsste ich dazu ten-
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dieren, hinter dem Leben, seinen Gesetzen, seiner zunehmenden Komplexität einen großen
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Handwerker am Werk zu vermuten. Und da der Mensch sich als denkendes, moralisches, spi-
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rituelles Wesen erweist, müsste ich folgerichtig einen denkenden, moralischen, spirituellen
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Gott als seinen Ursprung annehmen, und nicht einen wilden Hauten Moleküle oder einen
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zufällig zusammengewürfelten Zellklumpen.“
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„Aha, dann bist du also meiner Meinung ...“
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„Nein, ganz und gar nicht. Erstens stellt eine Analogie keinen Beweis dar. Und außerdem
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kann es sehr wohl Ordnung ohne eine Intention dahinter geben: Darwins natürliche Auslese
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lehrt uns, dass die angepassten Arten überleben, die schlecht angepassten sterben, kurz, dass
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die Natur sich selbst organisiert. Und zuletzt finde ich es zweifelhaft, überhaupt von einem
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Zweck auszugehen, weil diese Annahme einer rein subjektiven Projektion entspringt: Woher
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will ich denn wissen, dass die Welt den Menschen zum Ziel hat? Hat die Welt überhaupt ein
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Ziel?“
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„Wie? Keine Zweckbestimmtheit? Nimm zum Beispiel ein Auge, diese vollendete Struk-
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tur. Willst du etwa behaupten, dass es nicht gemacht wurde, um zu sehen?“
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Mir fiel wieder ein, dass Ségolène ja Augenärztin war.
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„Ganz genau! Ich stelle fest, dass es sieht; dennoch kann ich nicht mit Gewissheit davon
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ausgehen, dass es gemacht wurde, um zu sehen.“
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„Ah ja? Dann ist es ein Zufall, dass die Netzhaut fünf Millionen Zapfen und hundertzwan-
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zig Millionen Stäbchen enthält, welche die Lichtsignale aufnehmen und in elektrochemische
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Signale umwandeln? Es ist Zufall, dass die beiden Linsen, die Hornhaut und die eigentliche
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Linse, sich genau in die richtige Entfernung von der Netzhaut begeben, um die Lichtstrahlen
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dort zu bündeln? Es ist Zufall, dass es im Augapfel eine wässrige Substanz gibt, die diese
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Systeme hält und schützt? Es ist Zufall, dass unzählige kleine Muskeln für die Beweglichkeit
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des Ganzen sorgen? Dass zwei identische Organe Seite an Seite entstanden sind und uns so
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das räumliche Sehen ermöglichen? Zufall, dass beide Sehnerven in einem Bereich des Gehirns
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zusammenlaufen? Zufall, dass unser Schädel über Neuronen verfügt, die in der Lage sind,
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die nervlichen Impulse zu verarbeiten? Zufall! Ich finde es viel schwieriger, an den Zutall zu
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glauben als an Gott. Ein höheres Wesen durch das Schicksal, die bloßen Umstände, Zufällig-
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keiten und Wahrscheinlichkeiten zu ersetzen, das kommt doch einem blinden Glauben gleich!
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Im Grunde genommen hast du dich von einem Aberglauben anstecken lassen, nämlich dem
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Aberglauben an den Zufall.“
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„Es mag sein, dass ich unrecht habe, aber das heißt nicht unbedingt, dass du recht hast.“
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„Gott ist und bleibt die beste und plausibelste Erklärung für das Universum.“
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„Achte mal darauf, welche Worte du benutzt: ,die beste und plausibelste Erklärung‘. Du
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gibst also zu, dass es noch andere gibt. Wenn es mehrere Möglichkeiten gibt, dann besteht
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kein Zwang. Man muss sich nicht für eine entscheiden.“
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Wir gingen eine Zeitlang schweigend nebeneinanderher und dachten nach. Die Sonne war
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so hart wie Feuerstein.
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„Außerdem“, fuhr ich fort, „wenn ich an die Fehler der Schöpfung denke, die Tsunamis,
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Unwetter, Erdbeben, ausgestorbenen Arten, die diversen Behinderungen, die den Leuten das
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Leben schwermachen, tödliche Viren oder mörderische Bakterien, dann denke ich, dass Gott
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als Handwerker kein Meister, sondern ein Lehrling ist. Lauter fehlgeschlagene Entwürfe!
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Wie viele Naturkatastrophen? Sieh dir diese Landschaft an: Der Sand, auf den die Sonne
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brennt, war einmal der Grund eines Ozeans, die Wadis sind ehemalige Flusstäler, die Fels-
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wände aus vulkanischer Aktivität hervorgegangen, die Erdspalten rühren vom Aneinander-
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stoßen der Kontinentalplatten her ... So viele Versuche und dann solch ein jämmerliches
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Ergebnis! – Die Wüste kann man ja wohl bei weitem nicht als Meisterwerk bezeichnen, denn
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man kann sich nicht dauerhaft darin aufhalten.“
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Die Fliege ließ von mir ab und nahm Ségolène ins Visier. Diese wunderte sich über mein
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Geschimpfe.
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„Ich habe aber mal gehört, dass Philosophen trotzdem Gottesbeweise gebracht haben.“
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„Außer dem, den ich soeben widerlegt habe – dem Beweis durch die Finalität, also durch
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die Zweckbestimmtheit –, gibt es noch drei weitere.“
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„Na, immerhin!“
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„Ségolène, ob es vier sind, vierzig oder viertausend, das spielt keine Rolle! Ihre Zahl ver-
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weist nur darauf, dass keiner davon ausreicht.“ [...]
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Ségolène blickte auf, sah mir fest in die Augen und sagte entschieden:
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„Die Abwesenheit von Beweisen ist nicht gleichbedeutend mit dem Beweis der Abwesen-
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heit.“ [...]
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Ich wandte mich erneut an Ségolène:
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„Du hast recht. Null zu null unentschieden. Gott ist allein in Form der Frage nach ihm
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gegenwärtig. Jeder Mensch fragt sich oder hat sich gefragt, ob Gott existiert; und jeder beant-
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wortet sich die Frage nach seinem Geschmack. Der Zweifel an Gott: Das ist der kleinste ge-
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meinsame Nenner der göttlichen Realität!“
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Sie lächelte und holte ihre Trinkflasche hervor, trank ausgiebig und langsam das Wasser,
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das sie aus der Quelle geschöpft hatte. Ich setzte mich hin und tat es ihr gleich.
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Nachdem sie ihre Lippen abgetrocknet hatte, kehrte die Farbe in ihr Gesicht zurück und
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sie wirkte wieder heiter.
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„Diese Frage nach Gott, die in jedem von uns wohnt“, sagte sie, „ist mehr als eine Frage:
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Es ist eine Aufforderung, ein Aufruf. Man kann nur nach etwas suchen, wenn man weiß, dass
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man danach suchen muss. ‚Du würdest nicht nach mir suchen, wenn du mich nicht bereits
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gefunden hättest.‘“
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Sie stand auf, winkte mir zum Abschied freundlich zu und ging zufrieden davon, um sich
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einen Platz im Sand zu suchen.
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Das Abendlicht färbte den Boden ockerfarben.
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,Du würdest nicht nach mir suchen, wenn du mich nicht bereits gefunden hättest.‘
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Ich verzichtete, ihr darauf etwas zu erwidern, denn ich wollte sie nicht betrüben.
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Wo war er, dieser Gott? [...]
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Im Gegensatz zu dem, was Ségolène unterstellte, war ich nicht auf der Suche nach Gott.
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Ich stand auf, blickte mich um und spürte die unermessliche Leere der mich umgebenden
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Landschaft.

1 Louis Pasteur (1822 - 1895): französischer Naturwissenschaftlicher

2 Voltaire (1694 - 1778): französischer Philosoph

Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus.

Eric-Emmanuel Schmitt ist ein französischer Philosoph und Schriftsteller.

Aus: Eric-Emmanuel Schmitt:Nachtfeuer. Was ich in der Wüste erlebte.Frankfurt a. M.: S. Fischer 2020, S. 105–116

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