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Inhaltsverzeichnis

HT 1

Aufgabenstellung:

Interpretiere die vorliegende Quelle, indem du

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sie analysierst,

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die im Text genannten Ursachen für die Ablehnung der Weimarer Republik durch die „Nationalistische Jugend“ (Titel) erläuterst (14 BE) und die vom Verfasser dargestellte Hinwendung der Jugend zum „Rechtsradikalismus“ (Z. 47 f.) untersuchst (14 BE),

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zu den Ausführungen des Autors Stellung nimmst.

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Materialgrundlage:

  • Friedrich Franz von Unruh: Nationalistische Jugend. In: Die neue Rundschau, 1932, H. 5, S. 577–592, hier: 577–579.

    Hinweise zum Autor/Material:

    Friedrich Franz von Unruh (1893–1986) war ein deutscher Schriftsteller, der während der Weimarer Republik von 1924 bis 1932 auch als Journalist arbeitete.

    Die neue Rundschau ist eine der ältesten Kulturzeitschriften Europas, die seit 1890 kontinuierlich erscheint. Ab 1944 erschien sie vorübergehend im Ausland. Sie richtet sich an ein bildungsbürgerliches Publikum.

Zugelassene Hilfsmittel:

  • Wörterbuch zur deutschen Rechtschreibung

Nationalistische Jugend

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Die deutsche Jugend geriet 1919 in eine verzweifelte Lage. Durch den Friedensvertrag
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gelähmt, vom Sieger bewacht, ehe sie wehrfähig wurde entwaffnet, sollte sie bis ins Alter hin
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unermeßliche Lasten tragen. Kein Wunder, daß sie sich sträubte; daß sie denen zulief, die
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ihr versprachen, sie durch einen Umsturz zu retten. Sie fand am Wege ein Arsenal, wenn
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nicht greifbaren, so doch psychischen Rüstzeugs; Ideale der Ehre, der Würde und Männlich-
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keit, des Opfersinnes und Heroismus. Sie wappnete sich vor der Wirklichkeit: nichts schien
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ihr schimpflicher als der „Boden der Tatsachen"; so steigerte sie ein gesundes nationales
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Empfinden in blinden, fanatischen Nationalismus. Sie sah nicht und sieht nicht die Hinder-
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nisse, die ihren Wünschen entgegenstehen, erkennt nicht, daß sie diese Widerstände vermehrt,
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daß sie selber das Hemmnis wird, das die Zukunft verbaut. In dieser Gefahr, dievon [sic!]
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Jahr zu Jahr drohender wurde und jetzt in die Krise tritt, hilft es nicht, nur zu warnen und zu
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argumentieren. Die Jugend bleibt den Einwänden taub. Man muß an die Quellen gehen, aus
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denen ihr Wollen strömt; nur dort ist sie, wenn überhaupt noch, zu stellen.
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Die Niederlage, der politische Druck und die Wirtschaftsnot hätten, so sollte man meinen,
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genügt, um eine Bewegung der nationalen und sozialen Einigung auszulösen. Es ist das Be-
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zeichnende für den Nationalismus, daß er die Gegebenheiten noch übertrumpfte; daß er die
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an sich schon furchtbare Lage durch eine Verfälschung der geschichtlichen Wahrheit vergiftete
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und so die Bewegung mit Ressentiments belud, die für ihre Zukunft bestimmend wurden. Das
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begann mit der Tarnung der Kriegsursachen. So nötig es war, die Alleinschuld Deutschlands
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mit Entschiedenheit abzuwehren, so verfänglich war es, jede Mitschuld zu leugnen. Wenn
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wirklich, wie die Jugend vernahm, keinerlei faktische und moralische Schuld bestand, so
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mußte das erpreßte Bekenntnis, das als Hauptgrund der erzwungenen Tribute galt, eine Stim-
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mung bewirken, die nur explosiv und besinnungslos, in Ruhrkampf und ähnlichen Abenteu-
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ern, nicht wirksam mit der Kraft von Beweisen hervorbrechen konnte; die also nur schaden,
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nicht nutzen konnte. Wenn die Jugend erfuhr, daß der Krieg militärisch ein Sieg, nur politisch
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ein Mißerfolg war – aus dem Mund eines Mannes, der den Nationalismus begründen half:
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Moeller van den Brucks –, so mußte sie ganz mit Recht ihren Zorn, ihre tiefe Verachtung
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denjenigen widmen, die solch ein Versagen verursacht hatten. Das waren, wie es hieß, die
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Marxisten und Liberalisten; die einen aus bewußtem Verrat, die andern aus Naivität, aus ins-
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tinktlosem Westlertum, aus dem Glauben an internationale Gemeinschaft, der sie wehrlos dem
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Feind in die Fänge trieb. Kam hinzu, daß der Dolchstoß der Heimat, eben jener Marxisten und
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Novemberverbrecher, den Staat, in dem man jetzt lebte, erst schuf, dies „korrupte System",
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dem man jegliche Schuld an der Nachkriegsnot zuschob, so war hier die Jugend in eine Ent-
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rüstung, eine Feindschaft gedrängt, die nicht mehr auf der Ebene von Darlegungen, von Ver-
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stand und Vernunft diskutierbar war. Aber abgesehen von den Folgerungen, die sich für das
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Weltbild der Nationalisten, ihre Einstellung gegen Marxismus, Liberalismus und republika-
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nisches Reich ergaben, war hier als Beginn der Bewegung der Haß gesetzt. [...]
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[Dies] besagt schon, wo das Gros der Gesinnungsgenossen zu finden sein mußte. Dort, wo
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der Umsturz die stärkste Erbitterung weckte, bei denen, die durch den Zusammenbruch, die
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Revolution und die neue Verfassung am schwersten getroffen waren: im Adel und Bürgertum.
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Beide wurden aus bevorzugter Stellung, gesicherter Wirtschaftslage, aus alten Rechten ver-
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trieben und büßten zugleich mit den alten Begriffen ihre Machttitel ein. [...]
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So ist es denn die „gebildete" Jugend, voran die Studentenschaft, die diesen Gang der Ent-
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wicklung bekämpft. Sie bildet den Vortrupp derer, die durch Verarmung der Eltern infolge
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von Krieg und Inflation materiell verelendet sind; eines bürgerlichen, auch ländlichen Proleta-
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riats, das entwurzelt und hoffnungslos vor der Gegenwart steht; das zwar seinen sozialen Be-
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griffen nach den kommunistischen Radikalismus ablehnt, dagegen im Rechtsradikalismus
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seine eigene Sache geführt sieht. Dieser rein materielle Faktor will nicht unterschätzt sein;
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ausschlaggebend ist er zweifellos nicht. Der Elan der Bewegung stammt aus anderer Richtung.
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Die Jugend sucht Güter, Werte zu schützen, die sie unbestimmt fühlt und im Nationalismus
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gewahrt glaubt. Es liegt ihr, sich frisch dafür einzusetzen, das äußerste, selbst das Leben zu
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wagen; sie prüft aber nicht, ob ihr Ziel auch erreichbar, ob sein Wert unantastbar ist. Es locken
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sie, nicht zu vergessen, Musik, Uniform und Fahnen, der Nachhall von Putschen, von Kriegen
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auf eigene Faust, von Morden um des Vaterlandes willen, von Femeromantik. Es lockt sie,
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in nationalistischen Kreisen Einordnung und Führung zu finden; so braucht sie ihre Kraft nicht
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zu stauen in mühsamer Selbstorientierung; sie empfängt für ein vages Gefühl die schon fer-
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tige Deutung: hier Freund und dort Feind. Es lockt sie, inmitten Verwirrung und Unsicherheit
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in Verbänden zu stehen, wo einer für den anderen eintritt, wo in wachsendem Maß der mora-
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lische Rückhalt materielle Gewalt erhält; oder aber, es zieht sie zu kleinen und kleinsten Grup-
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pen, deren Haltung ein Air von Besonderheit gibt. Denn vor allem sucht ihr Geltungs-
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drang Bahn. [...]

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