Lerninhalte
Inhaltsverzeichnis

HT 3

Aufgabenstellung:

1.

Analysiere den Text.

26 BE

2.

Erläutere zentrale historische Bezüge des Textes (16 BE) und charakterisiere die Darstellung der historischen Akteure und ihrer Strategien zur Etablierung und Sicherung des Deutschen Kaiserreichs (12 BE).

28 BE

3.

Beurteile Hoyers Ausführungen.

26 BE

Materialgrundlage:

  • Katja Hoyer: Im Kaiserreich. Eine kurze Geschichte 1871-1918, Hamburg 2024, S. 7-13.

    (Rechtschreibung und Hervorhebungen wie im Original)

    Hinweise zur Autorin/zum Material:

    Katja Hoyer (*1985) ist Historikerin, Autorin und Journalistin. Sie ist am King’s College in London als Gastwissenschaftlerin tätig und Mitglied der Royal Historical Society. Ihr Buch erschien 2021 in Großbritannien unter dem Titel „Blood and Iron. The Rise and Fall of The German Empire 1871–1918“.

Zugelassene Hilfsmittel:

  • Wörterbuch zur deutschen Rechtschreibung

[…]

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Wilhelm war es gelungen, sich zusammenzureißen. Er nahm steif den Titel an, der ihm
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im Laufe der Zeremonie förmlich von den deutschen Fürsten angeboten wurde. Und doch
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hatte man bereits den Eindruck, dass die neu gegründete Nation es auf der bevorstehenden
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Reise nicht leicht haben würde. An ihrem Ruder stand künftig ein Monarch, der den Titel
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»Deutscher Kaiser« abgelehnt hatte und sich nur widerwillig mit dem neutraleren »Kaiser
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Wilhelm« anreden ließ. Er würde für immer an erster, zweiter und dritter Stelle preußischer
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König bleiben. Auch Otto von Bismarck, der Architekt des frischgebackenen Staates und
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sein erster Kanzler, war kein deutscher Nationalist. Für ihn war Deutschland eine Ausdeh-
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nung der preußischen Macht und seines Einflusses. Er hatte sogar den Tag der Ausrufung
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des Deutschen Kaiserreichs so gewählt, dass er mit dem preußischen Nationalfeiertag zu-
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sammenfiel. Gemeinsam versuchten König und Kanzler fortan, mit Hilfe eines politischen
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Konstrukts zu regieren, dem die widerspenstigen südlichen Mitgliedsstaaten lediglich beige-
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treten waren, um ihre Bevölkerung vor der wahrgenommenen Gefahr einer französischen
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Invasion zu schützen, die Bismarck so raffiniert inszeniert hatte. So entstand ein zerbrech-
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liches und potenziell kurzlebiges Band, um dessen Erhalt der »Eiserne Kanzler«, wie er
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genannt wurde, hart kämpfen musste. Er hatte es nicht einmal gewagt, die Zeremonie zur
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Ausrufung des Kaiserreiches in einem der deutschen Staaten zu veranstalten. Stattdessen
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fand sie im Königspalast von Versailles statt, dem Herzen der besiegten Nation Frankreich
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– ein passendes Symbol für die zentrale Bedeutung der Vorstellungen von Kampf und Krieg
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im neuen Kaiserreich.
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[...] Bismarck erkannte, dass die Nation nicht über Jahrhunderte hinweg zu einem einheit-
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lichen Ganzen herangewachsen war, sondern eher einem Mosaik glich, das man eilends mit
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dem Blut seiner Gegner zusammengefügt hatte. Bismarck hatte es sich deshalb zum Ziel ge-
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setzt, den Kampf fortzusetzen, um sein neues Deutschland zu erhalten.
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Das war eine riskante Strategie. Der Kanzler war ein gewiefter Politiker, vielleicht einer
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der geschicktesten Staatsmänner aller Zeiten, und er begriff sehr wohl, wie fragil das soge-
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nannte Konzert Europas im Jahr 1871 war. Eine neue Großmacht in seiner Mitte einzuführen,
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war vergleichbar damit, ein Kind mit einer Trompete mitten in ein erstklassiges Symphonie-
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orchester zu setzen. Er wusste, dass die neue Musikerin eine Zeit lang stillhalten musste, bis
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sie ihr Handwerk gelernt und sich den Respekt der bewährten Musikerinnen verdient hatte.
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Deshalb konnte Bismarck in absehbarer Zeit keinen äußeren Konflikt anstreben. Stattdessen
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konzentrierte er sich auf die inneren Feinde, gegen die er die Mehrheit der deutschen Bevöl-
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kerung vereinen konnte. Dem neuen Staat gehörten viele Minderheiten wie polnische, däni-
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sche und französische Gemeinschaften an, gegen die Bismarck die deutsche Staatszugehörig-
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keit als Unterscheidungsmerkmal einführen konnte. Verglichen mit einem Franzosen würden
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sich die Deutschen eher als Deutsche und nicht als Bayern oder Preußen betrachten. Darüber
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hinaus schien die Religion ein weiteres nützliches Schlachtfeld. Zwei Drittel der Bevölkerung
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im Kaiserreich waren Protestanten und ein Drittel Katholiken. Mit Hilfe der Säkularisierung
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der deutschen Gesellschaft versuchte Bismarck, Religion durch Nationalbewusstsein zu er-
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setzen. Auf diese Weise wollte er neue Bezugspunkte schaffen und die Unterschiede zwischen
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den Deutschen verringern. Zu guter Letzt erschien ihm der Internationalismus der sozialisti-
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schen Bewegung als eine gefährliche Gegenströmung zur nationalen Identität. Bismarck er-
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klärte Sozialisten und Sozialdemokraten zu Staatsfeinden und konnte so auch diesen Faktor
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dazu nutzen, den Kampf der Mehrheit gegen gemeinsame Feinde zu schüren.
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Als Wilhelm II. im Jahr 1888, dem turbulenten Dreikaiserjahr, den Thron bestieg, geriet
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er schon bald mit Bismarck über die Frage der deutschen Einheit aneinander. Er erkannte das-
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selbe Problem – dass eine gemeinsame wirtschaftliche und kulturelle Basis nicht ausreichen
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würde, um das Kaiserreich zusammenzuhalten –, schreckte aber vor Bismarcks Lösung zu-
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rück, Deutsche gegeneinander aufzuhetzen. Wilhelm wollte der Kaiser alle Deutschen sein,
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von seinen Untertanen geliebt. Wenn sein Großvater Wilhelm I. sich weigerte, Friedrich
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Barbarossa wiederaufleben zu lassen, so war es an ihm, sein Volk zu einstiger Größe zurück-
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zuführen. Statt nach Feinden innerhalb des Reiches zu suchen, argumentierte er, müsse
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Deutschland nach außen um seinen Platz unter den großen Nationen kämpfen. Auf diese
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Weise werde ein so starkes Band aus Blut und Eisen geschmiedet, dass niemand es jemals
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wieder zerschlagen könne. Die Vorstellung, dass Deutschlands äußerer Kampf um »einen
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Platz an der Sonne«, nach einem Imperium auf Augenhöhe mit dem Großbritanniens und
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Frankreichs, eine innere Einheit herbeiführen werde, war natürlich ein Irrglaube und wurde
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dem Kaiserreich letztlich zum Verhängnis. [...]
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Das Deutsche Kaiserreich wurde unablässig von den Konflikten heimgesucht, die dem
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Gründungsprozess innegewohnt hatten. Einerseits erkannte Bismarck liberale Traditionen
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an, indem er ein allgemeines Männerwahlrecht einführte, welches die Entwicklung eines
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wirklich pluralistischen Mehrparteiensystems ermöglichte, andererseits stand dieses System
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unablässig durch die autoritäre Vorgehensweise Preußens unter massivem Druck. Das uner-
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müdliche Ringen entgegengesetzter Identitäten, die der nationalen Identität Konkurrenz mach-
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ten und sie bisweilen überschatteten, veranlasste sowohl Bismarck als auch Wilhelm II., be-
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wusst Konflikte zu schüren, um eine Plattform zu bekommen, mit deren Hilfe eine nationale
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Einheit geschaffen werden konnte. Keiner der beiden gründete zu ihren Lebzeiten einen
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blühenden und vereinten Staat, aber sie trugen beide (wissentlich oder nicht) dazu bei, die
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Saat für das wirtschaftliche und demokratische Schwergewicht zu legen, das Deutschland
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später werden sollte.

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