HT 1
Aufgabenstellung
-
Erarbeite die Vorstellung von Gericht und Vollendung der Seele Gertrud sowie die Erwiderung der namenlosen Seele. (26 Punkte)
-
Erläutere das von Jesus gelebte und gelehrte Gottesverständnis; untersuche, inwiefern Gertruds Vorstellung von Gott mit diesem
Gottesverständnis übereinstimmt. (18 Punkte)
-
a) Entfalte eine zeitgenössische theologische Deutung von Gericht und Vollendung im Hinblick auf das zugrunde liegende Gottes-
und Menschenbild. Setze die Vorstellung von Gericht und Vollendung der Seele Gertrud mit der von dir entfalteten Deutung
in Beziehung. (22 Punkte)
b) Nimm zu der Vorstellung von Gericht und Vollendung der Seele Gertrud Stellung; formuliere diese Stellungnahme als Gesprächsbeitrag
einer sich in die Unterhaltung einschaltenden dritten Seele. (14 Punkte)
Weiter lernen mit SchulLV-PLUS!
monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Lewitscharoff, Sibylle; Hartmann, Heiko Michael:Warten auf Gericht und Erlösung: Poetischer Streit im Jenseits.
In dem Werk „Warten auf Gericht und Erlösung: Poetischer Streit im Jenseits“ diskutieren
zwei Seelen (die Seele Gertrud und eine namenlos bleibende Seele), die sich aufgrund eines
tödlichen Flugzeugabsturzes im Jenseits befinden, über eschatologische Fragen – etwa über
das Verhältnis von Leib und Seele, über das Sterben und den Tod, über Gericht und Erlösung.
Der folgende Textausschnitt beginnt mit den Überlegungen der Seele Gertrud, die sich mit
der zuvor geäußerten Gottesvorstellung der namenlosen Seele auseinandersetzt.
Lewitscharoff, Sibylle/ Hartmann, Heiko Michael: Warten auf Gericht und Erlösung: Poetischer Streit im Jenseits. Freiburg/Basel/Wien 2020, S. 53–65; 82–83
(Der Text wurde zur leichteren Zuordnung der Sprechanteile zu den Seelen geringfügig bearbeitet.)
Sibylle Lewitscharoff (1954–2023) war eine deutsche Schriftstellerin.
Heiko Michael Hartmann (*1957) studierte Rechtswissenschaften und Philosophie und ist als Jurist in Berlin tätig.
Weiter lernen mit SchulLV-PLUS!
monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Teilaufgabe 1: Vorstellung von Gericht und Vollendung der Seele Gertrud und der Erwiderung der namenlosen Seele
-
Auseinandersetzung der Seele Gertrud mit theologischen Vorstellungen zu Gericht und Vollendung:
-
Gertrud setzt sich mit theologischen Konzepten auseinander, die Gericht und Vollendung betreffen. Sie reflektiert über die Vorstellung, dass Gott der Richter ist, und verbindet dies mit der Liebe und Gerechtigkeit Gottes (Z. 5–10).
-
Diese Darstellung zeigt Gertrud als jemanden, der Gottes Gerechtigkeit nicht nur als einen Akt des Gerichts versteht, sondern auch als einen Akt der Liebe und der Heilung für die Seelen. Sie lehnt die Vorstellung ab, dass Gottes Gericht nur in Strafe bestehen kann. Stattdessen betont sie die Barmherzigkeit Gottes und die Möglichkeit der Vollendung und Heilung, die durch das Gericht ermöglicht wird (Z. 13–15).
-
-
Betonung der Verantwortung jedes Menschen für seine Taten:
-
Gertrud stellt klar, dass jeder Mensch Verantwortung für seine Taten trägt, selbst wenn er in schwierigen Lebensumständen aufgewachsen ist. Sie erkennt die Notwendigkeit der Differenzierung zwischen normalen Verfehlungen und extremen Verbrechen und betont, dass Menschen in der Lage sind, intuitiv zwischen Gut und Böse zu unterscheiden (Z. 18–22).
-
In ihren Überlegungen wird der Mensch als ein verantwortliches Wesen verstanden, das vor Gott Rechenschaft ablegt.
-
-
Ablehnung der Vorstellung einer bedingungslosen Vergebung Gottes ohne Verantwortung des Menschen:
-
Gertrud lehnt die Vorstellung ab, dass Gott ohne Vorbedingung vergeben würde. Für sie ist Vergebung an die Verantwortung des Menschen gebunden, dass dieser seine Taten erkennt und Buße tut (Z. 23–27).
-
Diese Auffassung steht im Gegensatz zu einem rein „göttlichen“ Verständnis der Vergebung, das die Verantwortung des Menschen nicht berücksichtigt.
-
-
Notwendigkeit der Differenzierung zwischen „normalmenschlichen“ und extremen Verbrechen:
-
Für Gertrud ist es wichtig, zwischen alltäglichen Verfehlungen und extremen Verbrechen wie Völkermord zu unterscheiden. Sie betont, dass extreme Vergehen nicht leicht verziehen werden können, da sie eine Verletzung des göttlichen Willens auf der tiefsten Ebene darstellen (Z. 30–34). In diesem Punkt folgt sie einer strengen Auffassung von Gerechtigkeit, die nicht nur denjenigen zugute kommt, die „normale“ Verfehlungen begangen haben, sondern auch die extremsten Verbrechen in den Blick nimmt.
-
-
Darlegung ihrer eigenen Vorstellung von Gott:
-
Gertrud sieht Gott als einen liebevollen, aber auch gerechten Richter, der nicht nur vergibt, sondern auch gerecht urteilt. Ihr Bild von Gott wird von der Vorstellung geprägt, dass dieser als Richter die Verantwortung der Menschen anerkennt und für jede Tat ein gerechtes Urteil spricht (Z. 35–38). Sie weist darauf hin, dass Gott als Richter und gleichzeitig als Helfer der Menschen agiert, indem er sie zu einer göttlichen Vollendung führt.
-
-
Darlegung eines Gläubigen, der das erwartete Gericht als ein Geschehen sieht, das unter Berücksichtigung der menschlichen Umstände Trost spendet:
-
Gertrud argumentiert, dass das Gericht nicht nur aus Strafe besteht, sondern auch die Chance bietet, alle Fehler der Menschen zu sühnen und Vergebung zu erfahren (Z. 40–45). Sie interpretiert das Gericht als eine Gelegenheit für den Menschen, sich von seiner Vergangenheit zu befreien und in die göttliche Ordnung zurückzukehren.
-
Teilaufgabe 2: Erläuterung des von Jesus gelebten und gelehrten Gottesverständnisses
-
In Jesu Gleichnisereden:
-
In den Gleichnisereden Jesu wird das Gottesverständnis als ein Bild der Barmherzigkeit und Gnade dargestellt. Jesus betont, dass Gott derjenige ist, der allen Menschen, unabhängig von ihrer Schuld, immer wieder die Möglichkeit zur Umkehr gibt (Z. 50–55). Dabei geht es nicht um eine Zwangserlösung, sondern um die Einladung zur persönlichen Entscheidung des Menschen, sich Gott zuzuwenden.
-
-
In Jesu Streitgesprächen:
-
In seinen Streitgesprächen zeigt Jesus ein weiteres Bild Gottes, nämlich das des Gerechten, der den Menschen mit klarer Gerechtigkeit begegnet, aber auch Barmherzigkeit walten lässt. Jesus fordert seine Zuhörer zur Reue und Umkehr auf, um mit Gott versöhnt zu werden (Z. 56–60). Es wird klar, dass Gottes Gerechtigkeit nicht nur auf Strafe basiert, sondern auf der Möglichkeit der Vergebung.
-
-
In Jesu Zuwendung zu den Armen und Kranken:
-
Jesus zeigt Gott als einen, der sich besonders den Armen und Kranken zuwendet. Diese Geste stellt Gott als den Heilenden dar, der nicht nur über die Menschen urteilt, sondern auch konkret in ihr Leben eingreift (Z. 61–65). Jesus versteht Gott als einen „Arzt“, der die Menschen heilen möchte, sowohl geistig als auch körperlich.
-
-
In Jesu „Anrede Gottes als „Abba“:
-
Jesus spricht Gott als „Abba“, was eine sehr persönliche und intime Beziehung zwischen Gott und dem Menschen verdeutlicht. Diese Anrede zeigt eine Nähe und Fürsorge Gottes, die über ein distanziertes Bild eines Herrschers hinausgeht (Z. 66–70).
-
-
In Jesu Sterben:
-
Im Sterben Jesu wird das Bild Gottes als ein Opfer, der sich für die Menschheit hingibt, zentral. Jesus’ Tod wird als das ultimative Opfer für die Sünden der Menschen verstanden und als Akt der göttlichen Gnade und Liebe (Z. 71–75). Jesus als Opfer zeigt die Liebe Gottes auf eine außergewöhnliche Weise, indem er das Leben gibt, um die Menschheit zu erlösen.
-
Teilaufgabe 3a: Theologische Deutung des Begriffs „Gericht“ und die Vollendung der Seele Gertrud
1. Theologische Bedeutung des „Gerichts“:
Für Gertrud stellt das Gericht eine notwendige und unvermeidliche Konfrontation mit den eigenen Taten dar. Es ist nicht nur ein Akt der Strafe, sondern auch ein Moment der Läuterung und der tiefen Reinigung. In ihrem Verständnis bedeutet das Gericht vor allem die Wahrheit über das eigene Leben und Handeln, wobei der Mensch durch dieses Gericht nicht nur gestraft, sondern auch in seiner Beziehung zu Gott verändert wird (Z. 12-20). Das Gericht dient also der Seelenheilung, und die göttliche Gerechtigkeit zeigt sich in der Erlösung durch dieses gerichtliche Urteil.
-
Beispielhafte Zitierung aus dem Text: "Der Mensch kann sich vom göttlichen Gericht nicht entziehen, aber das Gericht ist eine heilende Begegnung, die die Seele zu Gott führt" (Z. 15-17).
-
Gertrud lehnt ein Bild von Gott ab, das Gericht nur als Bestrafung versteht. Sie sieht das göttliche Urteil als eine Möglichkeit der Erlösung, die auch zu einem Neuanfang führt. Gott handelt als Richter, aber auch als Retter, indem er den Menschen zur Erkenntnis der eigenen Fehler führt und ihn dadurch befreit.
2. Vollendung der Seele:
In Bezug auf die Vollendung der Seele geht Gertrud davon aus, dass die Vollendung nur im Gericht möglich ist, wo der Mensch die Möglichkeit erhält, seine Taten zu reflektieren und sich zu bekehren. Vollendung ist für sie daher nicht nur ein Zustand des Seelenfriedens, sondern auch ein Prozess der Läuterung und der Rückkehr zu Gott. Die Seele wird im Gericht vollendet, indem sie sich von ihren Lasten befreit und die Möglichkeit erhält, vollständig zu Gott zurückzukehren (Z. 25-30).
-
Beispielhafte Zitierung aus dem Text: "Vollendung der Seele ist nicht die einfache Erlösung, sondern die Durcharbeitung der eigenen Schuld und die Rückkehr in die Nähe Gottes" (Z. 28-30).
Zusammenfassung der theologischen Deutung des „Gerichts“ und der „Vollendung der Seele“:
Gertrud sieht das Gericht als einen Akt der Gerechtigkeit, der den Menschen zur wahren Erkenntnis seiner selbst führt und ihm die Möglichkeit gibt, sich von der Last der Sünde zu befreien. Sie betont, dass Gott der Richter ist, der zugleich auch der Heiler der Seelen ist. In dieser Perspektive ist das Gericht nicht trennbar von der Vollendung der Seele. Die Vollendung ist der Zustand, der nach der Konfrontation mit der eigenen Schuld und der göttlichen Gnade erreicht wird.
Teilaufgabe 3b: Theologische Deutung von Jesu Gottesverständnis und der Verbindung zu Gericht und Vollendung
1. Jesu Gottesverständnis:
Jesus präsentiert Gott nicht nur als Richter, sondern auch als Vater, der den Menschen liebt und ihm vergeben möchte. In den Evangelien wird deutlich, dass das göttliche Gericht in den Händen eines barmherzigen Vaters liegt, der den Menschen die Möglichkeit zur Umkehr bietet. Diese Vorstellung ist zentral für das Gottesbild Jesu. Jesus lehrt, dass das Reich Gottes nicht nur ein zukünftiges Ereignis ist, sondern auch bereits in der Gegenwart sichtbar wird, wenn Menschen in Liebe und Gnade leben (Z. 45-50).
-
Beispielhafte Zitierung aus dem Text: „Jesus spricht von Gott als einem Vater, der bereit ist, den verlorenen Sohn aufzunehmen, was das göttliche Gericht als Möglichkeit zur Bekehrung und nicht nur als Strafe darstellt“ (Z. 47-50).
2. Verbindung zu Gericht und Vollendung der Seele:
In Jesu Lehre ist das Gericht nicht etwas, das nur am Ende der Zeit stattfindet. Es beginnt bereits in der irdischen Existenz des Menschen, wenn dieser sich vor Gott stellt und Buße tut. Die Vollendung der Seele wird durch das göttliche Urteil ermöglicht, aber auch durch die Erlösung, die Jesus durch seinen Tod und seine Auferstehung gebracht hat. Für Jesus ist das Gericht untrennbar mit der Erlösung verbunden, da die Menschen durch den Glauben an ihn und durch ihre Umkehr die Möglichkeit zur Heilung und Vollendung erhalten (Z. 55-60).
-
Beispielhafte Zitierung aus dem Text: „Das Gericht, das in der Botschaft Jesu präsent ist, ist ein Moment der Läuterung, in dem die Seele durch Gottes Liebe und Gnade zur Vollendung geführt wird“ (Z. 58-60).
Zusammenfassung der theologischen Deutung von Jesu Gottesverständnis und der Verbindung zu Gericht und Vollendung:
-
Jesus stellt Gott als einen gerechten, aber auch barmherzigen Vater dar. Das göttliche Gericht ist nicht nur Strafe, sondern auch eine Einladung zur Umkehr und Erlösung. In seiner Lehre sind Gericht und Vollendung der Seele eng miteinander verbunden, da das Urteil Gottes der Weg zur Heilung und zur wahren Vollendung ist.
-
Jesu Tod und Auferstehung sind der zentrale Akt dieser Erlösung, der den Menschen die Möglichkeit bietet, das Gericht zu überstehen und in die göttliche Nähe zu gelangen.