HT 2
Aufgabenstellung
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Erarbeite das Thema und den Anlass des Interviews sowie die Gedanken Tücks. (24 Punkte)
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Entfalte anhand einer ersten neutestamentlichen Textstelle, dass es Jesus in seinem Leben und Wirken darum geht, „das Leid der anderen nicht zu verdrängen“ (Z. 13 f.) und
„sich mit den Armen zu solidarisieren und Unrecht praktisch zu bekämpfen“ (Z. 15) sowie anhand einer zweiten Textstelle, dass es ihm darum geht, „einen Raum der Umkehr
und des Neubeginns offen zu halten“ (Z. 24 f.) statt „andere auf ihre Fehler zu fixieren“ (Z. 23 f.). (16 Punkte)
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a) Entfalte eine theologische Deutung des Kreuzestodes Jesu als stellvertretendes Leiden; setzen Sie diese Deutung in Beziehung zu der vorliegenden Deutung Tücks. (22 Punkte)
b) Setze dich mit der These Tücks auseinander, dass ohne das „Kreuz als Zeichen der Caritas“ (Z. 75 f.) die „soziale Temperatur in der Gesellschaft kälter werden“ (Z. 76) könnte.
Konkretisiere deine Ausführungen jeweils anhand von Beispielen. (18 Punkte)
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Jan-Heiner Tück im Interview mit Elias Haslwanter und Sonja Planitzer: Jesu Kreuz – Ernstfall der Liebe.
Der Theologe Jan-Heiner Tück veröffentlichte 2023 sein neues Buch mit dem Titel „Crux.
Über die Anstößigkeit des Kreuzes“; der folgende Text ist ein Auszug aus einem Interview,
welches Elias Haslwanter und Sonja Planitzer mit Jan-Heiner Tück über die Inhalte seiner
Publikation führten.
Jan-Heiner Tück im Interview mit Elias Haslwanter und Sonja Planitzer: Jesu Kreuz – Ernstfall der Liebe. In: Kirche bunt. Kirchenzeitung der Diözese St. Pölten vom 30.03.2023 (Zugriff am 20.12.2024)
Jan-Heiner Tück (*1967) ist ein deutscher katholischer Theologe und Hochschullehrer in Wien.
Elias Haslwanter (* 1994) ist ein österreichischer katholischer Theologe und als Hochschulassistent in Wien tätig.
Sonja Planitzer (* 1965) ist eine katholische österreichische Journalistin und arbeitet u. a. als Herausgeberin im Niederösterreichischen Pressehaus.
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Aufgabe 1: Thema und Anlass des Interviews
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Thema: Das Thema des Interviews mit Tück bezieht sich auf die theologische Bedeutung des Kreuzes-Todes Jesu für den Einzelnen und die Gesellschaft. Tück betont dabei, dass das Kreuz weit mehr ist als nur ein Symbol des Leidens, sondern ein Mittel der göttlichen Solidarität, das tief in der sozialen und ethischen Verantwortung verankert ist. Jesus stirbt nicht nur für den Einzelnen, sondern stellt sich gegen das gesellschaftliche Unrecht und fordert von den Menschen, dass sie sich aktiv für die Solidarität mit den Armen und für die Gerechtigkeit in der Welt einsetzen.
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Anlass: Das Interview wurde im Kontext der Veröffentlichung des von Tück publizierten Buches „Crux“ geführt. Das Buch beschäftigt sich intensiv mit der theologischen und gesellschaftlichen Bedeutung des Kreuzes als Symbol der Erlösung. Tück hebt hervor, dass der Tod Jesu am Kreuz ein Zeichen der Solidarität ist, das die Menschen nicht nur zur eigenen Umkehr aufruft, sondern sie auch in die Verantwortung nimmt, sich für die Gesellschaft und ihre Randgruppen zu engagieren. Der Anlass des Interviews war zudem die bevorstehende Karwoche, in der der Tod Jesu im christlichen Glauben besonders im Mittelpunkt steht und in vielen kirchlichen Traditionen eine zentrale Rolle spielt.
Aufgabe 2: Die Gedanken Tücks
2. Entfalte anhand einer ersten neutestamentlichen Textstelle, dass es Jesus in seinem Leben und Wirken darum geht, „das Leid der anderen nicht zu verdrängen“ (Z. 13 f.) und „sich mit den Armen zu solidarisieren und Unrecht praktisch zu bekämpfen“ (Z. 15) sowie anhand einer zweiten Textstelle, dass es ihm darum geht, „einen Raum der Umkehr und des Neubeginns offen zu halten“ (Z. 23 f.), statt „andere auf ihre Fehler zu fixieren“ (Z. 23 f.).
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Erklärung anhand der ersten Textstelle: In der ersten Textstelle, in der es heißt „das Leid der anderen nicht zu verdrängen“ (Z. 13 f.), wird die Grundhaltung Jesu zu den gesellschaftlichen Missständen seiner Zeit deutlich. Jesus begegnet dem Leid der Menschen nicht mit der gängigen Praxis der damaligen Gesellschaft, das Leid zu verdrängen oder zu ignorieren. Er stellt sich solidarisch zu den Leidtragenden, heilt sie und gibt ihnen einen Raum, ihre Not anzusprechen. Ein Beispiel hierfür ist die Heilung der Blinden oder der Aussätzigen, bei denen Jesus das gesellschaftliche Tabu bricht, indem er sich mit ihnen zusammentut und nicht nur ihre körperlichen, sondern auch ihre sozialen Wunden heilt. Jesus bezieht sich hier auf das gelebte Evangelium der Nächstenliebe und bietet den Marginalisierten eine Stimme und eine Möglichkeit zur Heilung.
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Erklärung anhand der zweiten Textstelle: Die zweite Textstelle, in der es heißt „einen Raum der Umkehr und des Neubeginns offen zu halten“ (Z. 23 f.), bezieht sich auf das zentrale Thema der Vergebung und der zweiten Chance, das in Jesu Botschaft immer wieder auftaucht. Während die Gesellschaft in ihrer damaligen Form häufig Menschen aufgrund ihrer Fehler verurteilte und ausschloss, setzt Jesus mit seiner Praxis der Vergebung ein deutliches Zeichen der Hoffnung und des Neubeginns. Er spricht den Menschen die Vergebung zu und ruft sie zu einem Leben in Umkehr und Transformation auf. Diese Haltung zeigt sich besonders deutlich in der Begegnung mit den Zöllnern, die als gesellschaftliche Außenseiter galten. Durch seine Einladung zur Umkehr und der Möglichkeit zur Neuorientierung macht er deutlich, dass keine Verfehlung zu groß ist, um nicht vergeben zu werden.
Aufgabe 3: Deutung des Kreuzestodes
a)
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Feststellung: Der Ursprung der Deutung des Todes Jesu als Sterben für die Menschen liegt im alttestamentlichen Gedanken des stellvertretenden Leidens. Die Vorstellung, dass Jesus stellvertretend für die Menschheit stirbt, hat ihre Wurzeln in der alttestamentlichen Opfer- und Sühne-Theologie. Der Tod als Opfer für das Wohl der Gemeinschaft war ein verbreitetes Motiv im jüdischen Glauben. Jesus übernimmt dieses Konzept und erweitert es, indem er sich freiwillig opfert. Diese Stellvertretung ist jedoch keine bloße Ersatzhandlung. Jesus übernimmt das Leid der Menschheit, weil nur er in der Lage ist, den vollen Preis für die Erlösung zu zahlen.
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Bedeutung des Lebens Jesu (Proexistenz): Mit seinem Leben setzt Jesus einen neuen Anfang in der Beziehung zu Gott. Er lebt die Liebe und setzt durch sein Handeln einen Standard, wie die Menschen in Beziehung zu Gott und zueinander leben sollen. Seine Proexistenz als göttliches Wesen wird durch die Menschwerdung Jesu sichtbar. Der Tod Jesu als Proexistenz drückt sich in seiner Lebensweise aus, die den Menschen die Möglichkeit gibt, sich zu Gott zu bekennen und in einem neuen Leben zu wandeln.
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Deutung des Todes Jesu: Der Tod Jesu wird als absolutes Opfer verstanden, das für alle Menschen eine Chance auf Versöhnung mit Gott bietet. Der Tod Jesu ist nicht einfach nur der Tod eines unschuldigen Menschen, sondern der Tod des Gottessohnes, der die Strafe für die Sünden der Menschheit auf sich nimmt. Durch seinen Tod wird die Vergebung aller Menschen möglich gemacht, da der Mensch die Vergebung durch Jesus in Anspruch nehmen kann.
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Konsequenzen des Todes Jesu für Menschen heute: Der Tod Jesu hat auch in der Gegenwart eine tiefgreifende Bedeutung. Heute ruft er die Menschen dazu auf, in die Fußstapfen Jesu zu treten, Vergebung zu leben und sich selbst zu opfern, um der Gesellschaft zu helfen. Das Kreuz als Zeichen des Todes fordert die Menschen zur aktiven Solidarität mit den Armen und Ausgegrenzten auf. Es verlangt von den Menschen, dass sie den Weg der Nächstenliebe und der sozialen Verantwortung gehen.
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Orientierung für eine 6 Gewichtungspunkten entsprechende Lösung: Die Ausführungen sind in wesentlichen Punkten inhaltlich richtig, aber teilweise etwas oberflächlich. Der Ursprung der Deutung des Kreuzes als stellvertretendes Leiden wird gut erklärt, aber die theologischen Konsequenzen für die heutige Gesellschaft werden nur allgemein angesprochen.
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Orientierung für eine 12 Gewichtungspunkten entsprechende Lösung: Die Ausführungen sind inhaltlich richtig, theologisch differenziert und gehen auf alle relevanten Aspekte der Deutung des Kreuzestodes als stellvertretendes Leiden ein. Sie beziehen sich auf die historische und theologische Dimension des Kreuzes und zeigen die Relevanz des Kreuzes für die heutige Zeit.
b)
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Das Symbol des Kreuzes, das nach Tück das Böse aufdeckt und die eigene Schuld spiegelt und so Verdrängung beendet, wird zu viel Wirksamkeit zugeschrieben; angesichts etwa der Vorwürfe gegen katholische wie evangelische Geistliche, die seelsorgerisches Amt zu sexuellen Übergriffen gegenüber Kindern und Jugendlichen missbraucht haben, und der zahlreichen Fälle von Verdrängung zugunsten des Schutzes der eigenen Institution und gegen die Interessen der Opfer, erschließt die These Tücks aus Opferperspektive als geradezu zynisch – sie ist im schlechtesten Sinne „ein provozierender Gedanke“ (Z. 10). Hier wird durch und im Namen des Kreuzes die „soziale Temperatur in der Gesellschaft [sowie in der Kirche] kälter“ (Z. 76) gemacht. Das Kreuz als Zeichen der Caritas ist ein Symbol, das für die zentrale christliche Botschaft der Nächstenliebe steht. Wenn jedoch dieses Symbol von Institutionen missbraucht wird, um das Leid der Opfer zu verdrängen und zu unterdrücken, wird das Symbol entweiht. Hier zeigt sich die dunkle Seite des Kreuzes: Es kann nicht nur ein Instrument der Heilung, sondern auch eines der Verdrängung werden. Das Vertrauen in religiöse Institutionen wird erschüttert, und die Gesellschaft wird in ihrer sozialen Verantwortung gegenüber den Leidtragenden kälter.
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Setze dich mit dieser These auseinander, dass das „Kreuz als Zeichen der Caritas“ (Z. 75 f.) die „soziale Temperatur in der Gesellschaft kälter werden“ (Z. 76) könnte. Die „soziale Temperatur“ kann nur dann steigen, wenn das Kreuz als ein aktives Symbol der Heilung und des Widerstandes gegen Unrecht verstanden wird. Das Kreuz fordert die Gesellschaft zu einer Umkehr heraus, zu einer Umkehr von der Indifferenz gegenüber dem Leid anderer hin zu einer aktiven Teilnahme am Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit. Wenn das Kreuz jedoch nur als Symbol für das Leid von Einzelnen verstanden wird, ohne die Verantwortung der Gesellschaft oder der Institutionen zur Veränderung der Zustände zu betonen, sinkt die soziale Temperatur.