HT 2
Schreibauftrag
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Erarbeite das Thema, das Anliegen sowie den Gedankengang des Hörfunkbeitrags Oldings zum Karfreitag. (26 Punkte)
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Entfalte anhand einer neutestamentlichen Textstelle die Aussage Oldings: „Im Spiegel dieser Liebe [Gottes] kann ich mir ins Gesicht sehen, weil ich weiß: Gott will mich nicht hinrichten mit seinem Blick, sondern aufrichten. Gott sieht den Menschen in seiner Würde und Schönheit trotz und in all den Taten, mit denen er sich selbst entstellt. So kann ich mich anschauen, wie ich bin – ohne Illusionen, aber auch ohne Selbsthass. Ich kann mich mit mir anfreunden und den Mut finden, neu zu beginnen.“ (M 1, Z. 68 ff.). (10 Punkte)
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Erläutere anhand einer theologischen Deutung des Todes Jesu, inwiefern „in der geschundenen Leiche am Kreuz“ (Z. 4) die Heilsbedeutung des Todes Jesu sichtbar wird. (12 Punkte)
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a) Analysiere das Spiegelkreuz (M 2) und setze dieses in Beziehung zu den Aussagen Oldings (M 1). (14 Punkte)
b) Der Q2-Kurs deiner Schule ist traditionell verantwortlich für den letzten Schulgottesdienst vor den Osterferien. In deinem Kurs wird diskutiert, ob es sinnvoll ist, den Hörfunkbeitrag Oldings (M 1) in Kombination mit dem Bild des Spiegelkreuzes (M 2) für die Gestaltung dieses Gottesdienstes zu verwenden. Setze dich vor dem Hintergrund Ihrer bisherigen Arbeitsergebnisse mit der Eignung beider Materialien für diesen Schulgottesdienst auseinander; formuliere eine abschließende eigene Stellungnahme zur Frage, ob die Materialien verwendet
werden sollen. (18 Punkte)
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Christian Olding: Karfreitag: Vom Umgang mit der Schuld
Olding, Christan: Karfreitag: Vom Umgang mit der Schuld. Manuskript „Zum Karfreitag“ für den Deutschlandfunk vom 29.08.2024 (Zugriff am 04.10.2024)
(Einige Absätze des verschriftlichten Hörfunkbeitrages wurden zugunsten der Lesbarkeit entfernt.)
Christian Olding (* 1983) ist katholischer Pfarrer und Publizist; er wird u. a. aufgrund des Erfolges seines Gottesdienst-YouTube-Kanals „Vision von Hoffnung“ von den Medien auch als „Pop-Kaplan“ bezeichnet.
M 2
Konfirmanden der Petrikirche
Spiegelkreuz
Das Spiegelkreuz wurde von jungen Menschen im Rahmen ihres Konfirmandenunterrichts
erstellt. Es ist einem Spiegelkreuz des Künstlers Wolfgang Seehaus aus dem Jahr 2000 nach-
empfunden, welches dieser ursprünglich aus lauter zusammengesetzten Spiegelscherben her-
gestellt und diese so aneinandergefügt hat, dass sie eine neue, jedoch zersplitterte Fläche
ergeben.

Konfirmanden der Petrikirche: Spiegelkreuz (Zugriff am 04.10.2024).
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?1) Thema, Anliegen und Gedankengang des Hörfunkbeitrags (M1)
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Der Hörfunkbeitrag von Olding entfaltet den Karfreitag als Deutungshorizont für menschliches Leid und für die Frage nach Schuld und Verantwortung. Thematisch geht es um die (Be-)Deutung des Kreuzestodes Jesu für das Heil des Einzelnen und der Gesellschaft: Karfreitag ist nicht nur Erinnerung an ein historisches Geschehen, sondern eine Gegenwartsdeutung, die heutige Lebens- und Leidenswirklichkeit mit dem Kreuz in Beziehung setzt. Als zentrales Anliegen arbeitet Olding dabei einen Impuls zur Menschwerdung heraus: Echtes Menschsein gelingt nicht durch lebensfeindliche Schönrederei, sondern durch das Eingestehen und Anerkennen eigener Schuld. Erst diese Ehrlichkeit eröffnet die Möglichkeit, das eigene Verhalten positiv zu verändern und die eigene Freiheit verantwortlich zu nutzen.
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Im Gedankengang legt Olding zunächst seine persönliche Sicht auf den Karfreitag in einer klaren, leitenden These dar: Jedes menschliche Leid heute vergegenwärtigt das Karfreitagsgeschehen – das Leiden Jesu am Kreuz. In Leid und Tod Jesu wird Gott als mitleidender Gott sichtbar. Diese Sicht gibt Hoffnung, stellt aber zugleich die unbequeme Frage nach menschlicher Schuld und Verantwortung für Leid in der Welt.
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Daran anschließend entfaltet Olding den Zusammenhang von Schuld und Verantwortung für Leid: Der Mensch ist frei und kann deshalb Gutes wie Schlechtes bewirken; er ist dabei nie nur eindeutig Opfer oder Täter, sondern trägt unterschiedliche Anteile – und ist damit immer auch „schuldiger“ bzw. mitverantwortlich. Gleichzeitig gesteht der Mensch sein Schuldigsein sich selbst und anderen häufig nur ungern ein. Stattdessen wird Schuld verdrängt, etwa indem man sich selbst zum Opfer stilisiert. Als Ursache dieses „Schuldabwehrreflexes“ wird eine Angst beschrieben, gesellschaftlichen Ansprüchen (Perfektion; vgl. M1, Z. 35) nicht zu genügen. Aus dieser Angst entsteht Selbstbetrug als scheinbar probates Mittel; im Ergebnis kann sogar aus schlechtem Verhalten eine Tugend gemacht oder ein „Sündenbock“ gesucht werden (Vgl. M1, Z. 47). Die Konsequenzen dieses Umgangs mit Schuld sind nicht Befreiung, sondern Unglück und Vereinsamung.
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Die christliche Antwort entwickelt Olding im Anschluss an die Deutung des Leidens Jesu als „Ernsten Spiegel Christi“ (M1, Z. 51): Im Kreuz spiegelt sich, damals wie heute, einerseits das, was Menschen gern verdrängen – Eigeninteresse, „Gleichgültigkeit“, Selbstbezogenheit und Machtverführbarkeit (M1, Z. 60 f.) sowie Lieblosigkeit im Umgang miteinander. Andererseits begegnet dem Menschen im Kreuz nicht nur Anklage, sondern der geschundene und zugleich vergebungsbereite Blick Jesu, der als Spiegel der „Liebe Gottes zu den Menschen“ (M1, Z. 68) aufrichtet. Dieser Blick ermöglicht Selbsterkenntnis und eröffnet einen Neuanfang.
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Am Ende steht ein abschließendes Plädoyer: Olding wirbt für das Bewusstsein der eigenen Fehleranfälligkeit und für die Möglichkeit von Schuldannahme, Umkehr und Wiedergutmachung – und für die daraus folgende verantwortliche Nutzung der menschlichen Freiheit.
2) Entfaltung der Aussage Oldings anhand einer neutestamentlichen Textstelle (z. B. Mt 9,9–13)
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Oldings Satz „Im Spiegel dieser Liebe [Gottes] kann ich mir ins Gesicht sehen… Gott will mich nicht hinrichten mit seinem Blick, sondern aufrichten“ (M1, Z. 68 ff.) lässt sich an Mt 9,9–13 präzise entfalten: Die Perikope beginnt damit, dass Jesus Matthäus am Zoll sitzen sieht und ihn in die Nachfolge ruft. Schon dieser Blick ist entscheidend: Matthäus wird nicht zuerst auf seine Funktion und sein gesellschaftliches Stigma reduziert, sondern als Mensch wahrgenommen; genau darin wird anschaulich, was es bedeutet, dass Gott „den Menschen sieht“ (M1, Z. 70).
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Im Haus des Matthäus setzt sich diese Blickrichtung fort: Jesus isst mit Zöllnern und „Sündern“, also mit Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen und wegen ihrer Rolle verachtet werden – Menschen, die mit ihren Taten „selbst entstellt“ erscheinen (Vgl. M1, Z. 71). Die Mahlgemeinschaft macht deutlich: Gott begegnet ihnen nicht mit einem Blick, der „hinrichtet“, sondern mit einem Blick, der „aufrichtet“ (M1, Z. 69). Gott sieht den Menschen „in seiner Würde und Schönheit“ (M1, Z. 70), obwohl er gebrochen und schuldig sein kann.
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Zugleich bleibt die Szene nicht bei bloßer Bestätigung stehen. Wenn Jesus sagt, nicht die Gesunden, sondern die Kranken bräuchten den Arzt, wird klar: Der aufrichtende Blick Gottes ist kein Wegsehen von Schuld. Vielmehr ruft er dazu auf, sich selbst anzuschauen, wie man ist – „ohne Illusionen“ (M1, Z. 71). Aber genau das ist der entscheidende Punkt: Dieses Wahrnehmen der Wahrheit geschieht „ohne Selbsthass“ (M1, Z. 71). Weil Jesus sich gerade den „Sündern“ zuwendet („nicht gekommen…, um Gerechte zu rufen, sondern Sünder“, Mt 9,13), können Menschen sich annehmen und sich mit sich selbst „anfreunden“ (M1, Z. 71 f.). Daraus wächst Mut, neu zu beginnen (M1, Z. 72).
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Schließlich wird die Perspektive durch die Auseinandersetzung mit den Pharisäern geschärft: Mit dem Wort „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer“ (Mt 9,13) wird ihnen die Möglichkeit eröffnet, nicht in entstellender Selbstgerechtigkeit zu verharren, sondern ebenfalls „neu zu beginnen“ (M1, Z. 72). So wird Oldings Aussage konkret: Gottes Blick ist wahrhaftig und zugleich heilsam – er richtet auf, weil er den Menschen nicht endgültig festlegt, sondern Wege der Umkehr und des Neuanfangs eröffnet.
3) Theologische Deutung des Todes Jesu: Wie wird in der „geschundenen Leiche am Kreuz“ (Z. 4) Heil sichtbar?
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In einer theologischen Deutung (z. B. nach Karl-Heinz Menke) wird die Heilsbedeutung des Kreuzestodes Jesu gerade in der „geschundenen Leiche am Kreuz“ (Z. 4) sichtbar, weil sich darin die Gabe Gottes an den Menschen verdichtet: Gott gibt seinen Sohn – aus Liebe – um Sünde (als Trennung von Gott) und Tod zu überwinden. Jesu Sterben ist dabei stellvertretend zu verstehen: Es eröffnet Erlösung und versöhnte Gemeinschaft aller Menschen mit Gott.
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Der Kreuzestod offenbart damit nicht nur Vergebungsbereitschaft oder Solidarität, sondern den trinitarischen Gott selbst: Gottes unbedingte, sich hingebende Liebe und sein universaler Heilswille für alle Menschen aller Zeiten werden erkennbar.
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Aus dieser Gabe Gottes folgt zugleich eine Aufgabe des Menschen. Die stellvertretende Hingabe Christi ersetzt nicht das freie Handeln des Menschen; vielmehr ruft sie zur freiheitlichen Annahme dieser Gabe auf: Umkehr und Versöhnung werden möglich, sind aber nicht automatisch.
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Gottes Liebe eröffnet Tätern die Möglichkeit zur „Umkehrung der Sünde“ in Sohnschaft und Opfern die Bereitschaft zur Vergebung. Gleichzeitig bleibt die Freiheit des Menschen real: Es gibt auch die Möglichkeit, die versöhnende Liebe Gottes zu verweigern – was, wenn endgültig, zur unwiderruflichen Trennung von Gott führt.
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Für Christinnen und Christen ergibt sich daraus eine Schlussfolgerung: Die Gabe der „gekreuzigten Liebe“, sichtbar in der geschundenen Leiche am Kreuz (Z. 4), ist nicht nur etwas, das man „für sich“ empfängt. Aus ihr resultiert der Auftrag, den versöhnenden Heilswillen Gottes im eigenen Handeln Wirklichkeit werden zu lassen und als „Mitgestalter“ in der Erlösungsgeschichte zu wirken. Gott handelt dabei in und durch Menschen – und bedarf ihrer.
4a) Analyse des Spiegelkreuzes (M2) und Beziehung zu Oldings Aussagen (M1)
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Das Spiegelkreuz (M2) lässt sich zunächst über seine Gestaltung systematisch erschließen: Es besteht aus Spiegelscherben unterschiedlicher Größe; die Form wirkt asymmetrisch. Zwischen den einzelnen Scherben bleiben offene Fugen; auffällig ist außerdem das Fehlen eines Korpus. In den Spiegelflächen zeigen sich gebrochene Spiegelungen von Alltagsgegenständen (z. B. Heizkörper, Grünpflanze).
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Aus dieser Gestaltung ergibt sich eine Deutung: Die Asymmetrie und die Bruchstücke verweisen darauf, dass sich der Kreuzestod Jesu einfachen, „glatten“ Bedeutungszuweisungen entzieht; der Tod Jesu bleibt vieldeutig und durchbricht gängige gesellschaftliche Vorstellungen, etwa die Annahme eines vermeintlich festen Zusammenhangs von Schuld und Leid. Zugleich ermöglichen die Spiegelscherben dem Betrachtenden, sich selbst im Kreuz wahrzunehmen – nicht in idealisierter Form, sondern in Unzulänglichkeit und Verletzlichkeit. Gerade die offenen Fugen und Brüche zumuten, das eigene „Antlitz mit Rissen“ zu ertragen:
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Eine mögliche heile Fassade wird im Blick auf das Kreuz selbst „rissig“. Durch den Verzicht auf einen Korpus und die Wahl des Spiegelmaterials können Kreuz und betrachtende Person gleichsam ineinander übergehen; der Mensch kann sich – mit seinem Leid – vom Kreuz Christi „getragen“ wissen. Dass sich im Kreuz Alltagsgegenstände spiegeln, signalisiert außerdem: Das Kreuz hat seinen Ort im Alltag und soll nicht in einen abgetrennten Raum des „Heiligen“ verlagert werden; es erscheint als Heiliges im Profanen.
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In Beziehung zu Olding (M1) lässt sich das Kreuz so als erfahrbarer „Spiegel“ deuten: Wer sich selbst im Kreuz sieht (M2), kann daran nachvollziehen, was Olding beschreibt, wenn er sagt, dass Gott „mit den Leidenden und in den Leidenden“ leidet (Vgl. M1, Z. 14 f.). Der Mensch bleibt auch in Leid und Prüfung Ebenbild Gottes (Vgl. M1, Z. 5); gerade in Leid wird er als „Ebenbild des angenagelten und durchbohrten Gottes am Kreuz“ (Vgl. M1, Z. 6) sichtbar.
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Die Risse zwischen den Scherben lassen sich außerdem mit Oldings Hinweis verbinden, dass Menschen anderen den „Himmel auf Erden“ bereiten oder ihnen das Leben „zur Hölle“ machen können (M1, Z. 23 f.): Wer im Spiegelkreuz die eigenen Brüche sieht, wird mit den Folgen des eigenen Handelns konfrontiert – besonders dort, wo man Perfektion vorspielt und dabei die Risse des eigenen Seins verdrängt.
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Schließlich lässt sich das Spiegelkreuz direkt auf Oldings Kreuzdeutung als „Ernsten Spiegel Christi“ beziehen (M1, Z. 51): Im Blick in das Kreuz (M2) wird dem Menschen zugemutet, nach eigener (Mit-)Schuld für Leid und Ungerechtigkeit zu fragen und die „zerstörerischen und lieblosen Züge unseres Wesens“ (M1, Z. 61) zu erkennen.
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Entscheidend ist dabei Oldings Pointe: Der Mensch blickt nicht in einen Spiegel, der ihn allein mit seiner Schuld lässt, sondern in das Kreuz dessen, der „Vater vergib ihnen…“ ruft (M1, Z. 66) und der „nicht hinrichten [will] mit seinem Blick, sondern aufrichten“ (M1, Z. 69). So verbindet M2 die schonungslose Selbstsicht mit der Perspektive von Vergebung und Aufrichtung.
4b) Eignung von M1 und M2 für einen Schulgottesdienst: kritisch und würdigend
Kritische Perspektive auf M1 (Olding)
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Oldings Ausführungen setzen stark anthropologisch an: Im Zentrum steht die Erkenntnis menschlicher „dunkler Züge“ (M1, Z. 63) sowie des „schuldigen [Werdens] an anderen“ (M1, Z. 26). Die damit verbundene Störung zwischenmenschlicher Beziehungen wird deutlich herausgestellt. Eine Störung des Verhältnisses zwischen Gott und Mensch, die nur von Gott selbst behoben werden kann (vgl. z. B. Menke), bleibt dabei unerwähnt.
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Zudem entfaltet Olding den soteriologisch zentralen Gedanken des exklusiv stellvertretenden Leidens Christi (Vgl. z. B. Menke) nicht; dadurch wird eine Gelegenheit verpasst, die in einer zum Perfektionismus neigenden Gesellschaft naheliegende Tendenz zur Selbsterlösung zu hinterfragen und dem ein befreiendes Verständnis des erlösungsbedürftigen Menschen entgegenzusetzen. Schließlich birgt die Aussage, alle Leidenden und Opfer seien „Orte der Gotteserkenntnis“ (M1, Z. 8), die Gefahr einer Idealisierung des Leidens.
Würdigende Perspektive auf M1 (Olding)
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Gleichzeitig gelingt Olding ein entscheidender Brückenschlag zwischen dem historischen Ereignis der Kreuzigung Jesu und dem Leben der Menschen heute. Er zeigt, wie Menschen auch heute für andere „zum Kreuz“ werden können (Vgl. M1, Z. 54 ff.), und eröffnet zugleich eine Hoffnungsperspektive: Gott ist im Leid anwesend, mitleidend (Vgl. M1, Z. 12 ff.), sodass Menschen Kraft finden können, „mit ihren Begrenzungen und Leiden zu leben“ (M1, Z. 16).
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Olding moralisiert dabei nicht, sondern verweist auf die befreiende Kraft des christlichen Glaubens an die unendlich vergebende Liebe Gottes. Diese Liebe ermöglicht, eigenes Fehlverhalten einzugestehen, um Verzeihung zu bitten und Wiedergutmachung zu leisten – was sich in der neutestamentlichen Matthäus-Erzählung exemplarisch veranschaulichen lässt.
Kritische Perspektive auf M2 (Spiegelkreuz)
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Beim Spiegelkreuz erschwert der fehlende Korpus die Identifikation mit dem leidenden Christus; damit kann auch der Blick auf die sich kreuzigen lassende Liebe des trinitarischen Gottes, die das Heil „für alle“ will (Vgl. z. B. Menke), in den Hintergrund treten. Es besteht die Gefahr, dass der Mensch, der im Kreuz vor allem sich selbst sieht, letztlich bei sich stehen bleibt.
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Wenn sich im Kreuz ein Heizkörper und eine Palme spiegeln, kann zudem der soteriologisch relevante Gedanke – Gott gibt seinen Sohn aus Liebe hin, um von der Sünde zu befreien und den Tod zu überwinden (Vgl. z. B. Menke) – verdunkelt werden: Die erlösende Botschaft vom stellvertretenden Tod Jesu und der versöhnten Gemeinschaft aller Menschen mit Gott tritt dann weniger klar hervor; die Betrachtung wird stärker auf das eigene Spiegelbild zurückgeworfen.
Würdigende Perspektive auf M2 (Spiegelkreuz)
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Zugleich kann M2 als schonungslos und gnadenvoll zugleich verstanden werden: Wer den Blick in das Kreuz wagt, erkennt die eigenen Risse, Unzulänglichkeit und Lückenhaftigkeit; gnadenvoll ist dies, weil es nicht „einfach“ ein zersprungener Spiegel ist, sondern ein Kreuz, das den Tod Jesu und die daraus hervorgehende Heilstat – Vergebung und Erlösung – vergegenwärtigt (Vgl. z. B. Menke).
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Gerade die Unperfektheit der Form (schiefe Ecken, Kanten) erinnert daran, dass Schuld, Brüche und Verletzungen im Tod Jesu aufgehoben sind.
Abschließende Stellungnahme
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Für einen Schulgottesdienst erscheint die Kombination aus M1 und M2 grundsätzlich geeignet, wenn sie so eingesetzt wird, dass beide Perspektiven zusammenkommen: die schonungslose Selbsterkenntnis (Schuld, Mitverantwortung, Brüche) und der aufrichtende Blick der Vergebung. M1 bietet dafür eine starke Brücke in die Lebenswelt und betont Umkehr, Freiheit und Wiedergutmachung; M2 kann diese Bewegung anschaulich machen, indem es den Gottesdienstteilnehmenden die eigene Gebrochenheit „im Kreuz“ vor Augen führt.
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Gleichzeitig müsste im Gottesdienst deutlich werden, dass die zentrale Heilsdimension des Kreuzes nicht in Selbstbespiegelung stecken bleibt, sondern in der Gabe der gekreuzigten Liebe Gottes und der dadurch eröffneten Versöhnung. Unter dieser theologisch klaren Rahmung können beide Materialien zusammen eine dichte, lebensnahe und zugleich ernsthafte Karfreitagsdeutung ermöglichen.