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Aufgabe 3 – Textinterpretation

Thema

Interpretation literarischer Texte

Marieluise Fleißer (*1901 – 1974): Der Tiefseefisch. Schauspiel in vier Akten. (1929/1930)

Aufgabenstellung

Interpretiere den Text unter besonderer Berücksichtigung des Gesprächsverhaltens und der Figurencharakteristik.

Der Tiefseefisch [Auszug]

Marieluise Fleißer

Erster Akt

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Eine helle Stube. Auffallend ist die pedantische Ordnung. Mehrere Uhren. Laurenz, langer,
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schlanker, energischer Mensch, hoffärtiges Gesicht mit rotem Mund, etwas bösartig
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aussehend, macht, die Hände in den Hosentaschen, Laufübungen mit leisen winzigen
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Schritten, Gleichgewichtsübungen.
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GESINE tritt auf: Das Gas ist gesperrt.
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LAURENZ Warum ist das Gas nicht bezahlt?
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GESINE Ich habe deine Untergrundkarte damit bezahlt.
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LAURENZ Es muß doch Geld da sein. Du hast deinen Vorschuß vom Verlag.
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GESINE Davon ist nichts mehr da.
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LAURENZ Wo ist das Geld denn geblieben?
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GESINE Da waren die 198 Mark bei deinem Schneider in Königsberg.
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LAURENZ Das reut dich, wenn es aus deiner Kasse geht.
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GESINE Was geht nicht aus meiner Kasse?
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LAURENZ Der Mann war in Zahlungsschwierigkeiten. Das Geld stand seit einem Jahr. Der
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Mann war sehr anständig gegen mich. Außerdem muß das Geld bezahlt sein, wenn ich
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mir im Winter dort zwei Anzüge machen lasse.
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GESINE Laß dir einen machen, wenn du es nicht dazu hast.
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LAURENZ Du willst mich schon wieder umbiegen. Jeder Anzug, der mir kaputt geht, wird
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durch zwei neue ersetzt. Das ist bei mir Prinzip.
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GESINE Da war deine Miete für anderthalb Monate.
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LAURENZ Warum erwähnst du die? Dies Geld weiß ich.
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GESINE Meine Miete ist nicht bezahlt. Von meinem Geld.
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LAURENZ Du hetzt schon wieder. Meine Miete wird eben bezahlt, weil ich länger bei der
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Frau wohnen will, und deine wird nicht bezahlt, weil du nur vorübergehend bei den
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Leuten wohnst.
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GESINE Ich kann das eben nicht, wenn ich weiß, daß sie darauf angewiesen sind. Ich
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hungere dann lieber.
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LAURENZ Du willst schon wieder mit dem Kopf durch die Wand.
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GESINE Diese vierzig Mark werde ich anzahlen, damit sie den Willen sehn.
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LAURENZ Den Willen werden sie nicht sehn. Er nimmt ihr das Geld, läßt ihr einen Schein
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davon ab. Davon wird das Gas bezahlt. Das andere verwahre ich. Du hast immer Angst,
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du könntest den Fremden zu nahe treten. Lieber trittst du mir zu nahe. Du tust eben
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nichts für mich.
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GESINE Meine ganzen Ersparnisse sind für dich darauf gegangen. Alles schwimmt mir
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weg. Ich stünde anders da ohne dich.
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LAURENZ Wirf mir nicht vor, daß ich dein Geld verbrauche. In solchen Dingen höre ich
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furchtbar fein.
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GESINE Weil es nicht wahr ist, daß ich nichts tue. Aber nichts erkennst du an. Alles
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versteht sich von selbst. Das geht nun so Monate und Monate. Wir hängen immer. Immer
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neue Schulden von dir tauchen auf, die abgetragen werden müssen. Dafür bin ich da.
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LAURENZ Eine Frau, wenn sie verliebt ist, bringt alles fertig. Du mußt es dir einteilen.
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GESINE Je mehr ich einteile, desto leichter gibst du es weg. Es gelingt mir doch nicht
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mehr, ein System in meinen Haushalt zu bringen. Alles wird von dir umgestoßen. Du
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rechnest schon wieder, wieviel du mir am nächsten Monat wegnehmen kannst. Für
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meine Bedürfnisse bleibt nichts.
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LAURENZ Das sind eben die Folgen, wenn man einen Mann nimmt wie mich. Irgendwo
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muß es herkommen.
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GESINE Warum nimmst du nicht dein Fixum von der Zeitung her?
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LAURENZ Dies Geld wird nicht angegriffen.
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GESINE Nein. Das mußt du jeden Monat an deine Verwandten schicken.
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LAURENZ Dies Geld ist keine Versuchung für mich. Darin bin ich starr.
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GESINE Du mußt ihnen schreiben, daß es nicht länger geht.
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LAURENZ Aber was sollen sie machen, wenn das Geld ausbleibt? Sie reichen nicht einmal
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damit aus. Zu allen Zeiten kommen die Briefe. Immer wird gepreßt. Immer wollen sie
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mehr. Wenn man ihnen den kleinen Finger gibt, verlangen sie die ganze Hand. Ich kann
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nicht atmen.
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GESINE An wem geht es hinaus? An mir. Du mußt schließlich einsehn, daß ich nicht
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dich ernähren kann, damit du deine Verwandten ernährst. Ich finde mich in meinem
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Dasein nicht mehr zurecht.
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LAURENZ Du wirst störrisch.
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GESINE Wir haben nicht einmal eigene Möbel. Wir haben nicht einmal eine Wohnung.
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Mir hängt das möblierte Elend zum Hals heraus. Deine Verwandten haben ihre
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Wohnung. Vier Zimmer für zwei Personen.
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LAURENZ Sie sind es nicht anders gewöhnt.
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GESINE Deswegen sollen wir im möblierten Zimmer schlafen und arbeiten. Wir kommen
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nie zum Heiraten. Wir kommen nie aus diesem Zustand heraus. Du tust unrecht an dir
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und an mir.
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LAURENZ Ich tue unrecht an meinen Verwandten, wenn ich dich heiraten will. Ich bin der
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Ernährer.
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GESINE Der Ernährer ist dein Stiefvater.
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LAURENZ Wenn er in Scheidung von ihnen lebt und nichts zahlt.
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GESINE Man muß ihn doch einmal fassen können.
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LAURENZ Er entzieht sich den Terminen.
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GESINE Siehst du nicht, daß dein Stiefvater es darauf ankommen läßt, daß du das Geld
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herbringst?
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LAURENZ Soll meine Mutter es ausbaden?
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GESINE Es ist nicht deine Mutter. Sie haben dich adoptiert.
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LAURENZ Eben darum. Du hast nie deine Füße unter einen fremden Tisch strecken
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müssen. Ich bin nicht das eigene Kind. Das brennt.
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GESINE Bringe sie einfacher unter.
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LAURENZ Wenn sie nicht geht! Sie sagt, so kann sie nicht leben. Sie muß durch vier
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Zimmer gehen können. Bitte sehr, sie soll ihren Willen haben.
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GESINE Ich halte das für übertrieben.
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LAURENZ Ich bin eben anständig.
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GESINE Damit du dort anständig bist, mußt du bei mir wie ein Teufel pressen.
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LAURENZ Ich leide darunter, daß dies die einzigen Methoden sind, mit denen man was
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durchsetzt. Innerlich bin ich so zart. Aber ich kann es doch nicht ändern. Es geht um
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meine Ehre.
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GESINE Bei mir kennst du diese Ehre nicht.
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LAURENZ Das ist was anderes. Meine Leiden sind deine Leiden. Wir sind ein Leib und ein
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Fleisch.
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GESINE Bin ich kein Mensch, der was spürt? Haben immer die Fremden recht?
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LAURENZ Daß du nicht vergißt, daß es dein Geld ist! Daß ich es nicht weghauchen kann
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aus diesen Zügen! Beschwörend. Du sollst keinen Willen haben. Du sollst nicht mehr du
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sein. Aufsaugen will ich dich.
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GESINE Deine Augen sind wie vom gefallenen Engel.
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LAURENZ Du mußt ganz hörig werden von mir und ich muß ganz hörig werden von dir.
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GESINE Du wirst nicht hörig. Du nicht.
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LAURENZ Ich bin es auf meine Weise. Ich führe alles auf dich zurück. Wenn es draußen
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regnet, bist du daran schuld. Wenn ich was vergesse, hättest du verhindern müssen,
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daß ich es vergesse. Das ist meine Art von Zusammenhang. Wenn ich zornig bin, mußt
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du den Zorn ausbaden, sonst komme ich davon nicht los. Ich bin so von dir hörig, daß
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du die Ursache bist von allem, was mir ein Hindernis wird. Mit deinen Augen sieht es
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mich an, so daß ich es in dir fortquälen kann. Wenn Herr Ypsilon mich nicht in der Zeitung
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bringt, Herrn Ypsilon kann ich nichts machen, aber dir kann ich was machen.
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GESINE Du bist furchtbar.
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LAURENZ Es soll nicht leicht sein. Du bist zu meiner Befreiung da.
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GESINE Als du gestern in der Untergrund böse warst, hörte ich einen Menschen sagen,
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warum bleibt die Frau neben dem Mann?
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LAURENZ Nein, meine Liebe, das gibt es nicht. So wirst du dich nicht darum drücken. Du
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hast dich mir anverlobt. Du mußt die Folgen, die sich daraus ergeben, schon auf dich
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nehmen. Auf Feigheiten reagiere ich nicht. Ich habe dich vor mir gewarnt.
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GESINE Weil du mich gewarnt hast, fühlst du dich der Verantwortung ledig und läßt dich
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hemmungslos laufen. Du bist unfair.
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LAURENZ Jetzt möchtest du weg. Aber so einfach geht das nicht. Ich lasse dich nämlich
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nicht aus.
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GESINE Noch kann ich nicht weg.
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LAURENZ Ich höre deine leisesten Gedanken. Aber es ist zu spät. Schon im ersten
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Augenblick war es zu spät. Schon im ersten Augenblick bist du mir verfallen und ich habe
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dich gegriffen. Ich verteidige meine Beute. Ich werde dich so scharf einkreisen, daß es
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dich an meine Seite bannt. Immer immer immer. Wie eine Uhr tickt. Du kennst mich nicht.
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GESINE Deine Augen sind wie vom gefallenen Engel. Du hast einen stechenden Blick.
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LAURENZ Ich bin mehr wie du. Immer immer immer. Wie eine Uhr tickt.
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GESINE Deine Ohren sind spitz und stehen ab wie bei einem Luchs. Du hast die Ohren
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eines Verbrechers. Alles sehe ich und kann nicht dagegen an, ich weiß nicht warum.
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LAURENZ Ich will dir Bitternis in die Liebe träufeln. Immer immer immer.
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GESINE Du könntest die Menschen nicht schinden, wenn du nicht schön wärest.
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LAURENZ Als ich unter Menschen kam, bin ich unter die Räuber gefallen. Ihr wollt mich
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alle verändern, ihr wollt mich mir selber rauben. Meine Augen sehen in eine Tiefe, für
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die ihr blind seid. Meine Poren stehen unter einem Druck, den ihr nicht fühlt. In meine
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Gesetze könnt ihr nicht eindringen. Ich bin ein Tiefseefisch.
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GESINE Du bist starr bis zur Grausamkeit. Nichts kann dich verändern, nichts kann dich
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berühren.
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LAURENZ Warum denkst du nach über mich? Denke nicht über mich nach, lerne mit mir
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leben. Du mußt schon fliegen, wenn ich den Finger hebe. Ich weiß, irgendwo bin ich
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verrückt. Du mußt das ausgleichen können. Einer von beiden muß ausgleichen. Ich kann
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nicht. Ich bin starr. Du kannst alles. Ich weiß, du kannst alles. Man muß eben den Knaben
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pflegen. Der Knabe ist inwendig ganz wund.
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[…]

Quelle: Fleißer, Marieluise: Der Tiefseefisch. Schauspiel in vier Aufzügen. In: Fleißer, Marieluise: Gesammelte Werke. Erster Band. Dramen. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2017, S. 291 – 296.

Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Textquelle.

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