Aufgabe 3 – Textinterpretation
Thema
Interpretation literarischer Texte
Marieluise Fleißer (*1901 – 1974): Der Tiefseefisch. Schauspiel in vier Akten. (1929/1930)
Aufgabenstellung
Interpretiere den Text unter besonderer Berücksichtigung des Gesprächsverhaltens und der Figurencharakteristik.
Der Tiefseefisch [Auszug]
Marieluise Fleißer
Erster Akt
Quelle: Fleißer, Marieluise: Der Tiefseefisch. Schauspiel in vier Aufzügen. In: Fleißer, Marieluise: Gesammelte Werke. Erster Band. Dramen. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2017, S. 291 – 296.
Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Textquelle.
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Marieluise Fleißer veröffentlichte 1929/1930 ihr Theaterstück Der Tiefseefisch. Schauspiel in vier Akten.
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Das Stück thematisiert die zerstörerische Macht von Beziehungen. Ein Schriftsteller-Paar in ärmlichen Verhältnissen ist geprägt von der Exzentrik und Sturheit des Mannes, der seine produktive Frau finanziell ausbeutet.
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Die folgende Analyse wird speziell das Gesprächsverhalten und die Figurencharakteristik in den Blick nehmen.
Hauptteil
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Formuliere das Thema, etwa:
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Einblick in eine problematische partnerschaftliche Beziehung
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Analysiere die Rahmenbedingungen, etwa:
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Auslöser der Handlung: Geldknappheit in sozial schwierigen Zeiten, da das für die Miete vorgesehene Geld, ein Vorschuss von Gesines Verlag, für Laurenzʼ persönlichen Bedarf ausgegeben worden ist
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Handlungsort: eine helle Stube in Laurenz’ Wohnung
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Figuren: Laurenz (Publizist), Gesine (Schriftstellerin)
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Gesprächsform: dialogisches Sprechen, Streitgespräch
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Aufbau und Inhalt des Dramenauszugs:
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1. Teil (Z. 1–47)
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Information Gesines, dass das Gas abgestellt wurde
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Auseinandersetzung über den Verbleib des Geldes zwischen den Figuren:
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Verweis Gesines, Laurenz lebe über seine finanziellen Verhältnisse und belaste sie mit der Begleichung seiner Bedürfnisse, indem er über ihre Einnahmen verfüge und ihre Zahlungsverpflichtungen dabei nicht berücksichtige
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Beharren Laurenzʼ auf seinem kostspieligen Lebenswandel und auf der Verwendung des Geldes von Gesine
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2. Teil (Z. 48–88)
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Infragestellung der Notwendigkeit einer so umfänglichen Unterstützung von Laurenzʼ Familie durch Gesine, begründet durch Einschränkung der eigenen Lebensumstände, Gefährdung der gemeinsamen Lebensplanung und Verweis auf fehlende Blutsverwandtschaft
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Beharren Laurenzʼ auf seiner Position durch Verweis auf seine Ehre und die damit verbundene Verpflichtung gegenüber seiner Mutter und Hinweis auf deren Anspruch auf Wohlstand
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3. Teil (Z. 89–138)
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Formulierung eines Besitzanspruchs an Gesine durch Laurenz
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Entwickeln ihres Bildes von Laurenz und Ablehnung seines Verhaltens durch Gesine; Andeutung eines möglichen Beziehungsendes
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Gesprächsverhalten sowie Figurencharakteristik unter funktionaler Berücksichtigung der sprachlich-stilistischen Gestaltung:
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Darstellung der Figurenkonstellation, etwa:
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beide Gesprächspartner ökonomisch gleichberechtigt, da in Arbeitsverhältnissen stehend und über eigenen Wohnraum verfügend
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Gesprächspartner verlobt
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Teil 1: nahezu ausgeglichene Redeanteile, Gesprächsauftakt durch Gesine zur Klärung der Finanzierung der Miet- und Lebenshaltungskosten, z. B.:
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Feststellen der unbezahlten Gasrechnung durch Gesine (Vgl. Z. 5) als Auslöser eines zu Beginn verhörartigen Gesprächs mit wechselnden parataktischen Redeanteilen zwischen den Gesprächspartnern (Vgl. Z. 5–15) zur Darstellung ihrer Position
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Überraschung Laurenzʼ während seiner Bewegungsübungen, wiederholt ausgedrückt mittels Fragen (Vgl. Z. 6, 10); Unterstellung des Vorhandenseins von Geld („Es muß doch Geld da sein. Du hast deinen Vorschuß vom Verlag.“, Z. 8)
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Klärung des Geldverbleibs als Ausgabe für Laurenzʼ Schneiderrechnung durch Gesine (Vgl. Z. 11)
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Laurenzʼ Verteidigung seines Anspruchs auf diese Ausgabe unter Verweis auf die Loyalität des Schneiders und geplante weitere Bestellungen von Anzügen (Vgl. Z. 14–16)
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Kritik Gesines an Laurenz, über seine Verhältnisse zu leben
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in imperativer Form („Laß“, Z. 17), mit mahnendem („Da war deine Miete für anderthalb Monate.“, Z. 20) und anklagendem Sprachgestus unter Verwendung eines parataktischen, zum Teil elliptischen Satzbaus („Meine Miete ist nicht bezahlt. Von meinem Geld.“, Z. 22)
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Drängen auf Begleichung auch ihrer Mietschuld als Zeichen ihres Anstands und zuverlässigen Verhaltens gegenüber dem Vermieter (Vgl. Z. 26 f., 29), verbunden mit dem Vorwurf an Laurenz, ihre Sparversuche zu stören (Vgl. Z. 42–45)
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Beharren Laurenzʼ auf seinem Lebenswandel als selbstverständlichem Lebensprinzip
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Gegenüberstellung ihrer beider Wohnverhältnisse mittels paralleler Satzkonstruktionen (Vgl. Z. 23–25)
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autoritäres Agieren, indem er über Gesines Einkommen verfügt, unterstrichen durch Zurückweisung ihrer Bedürfnisse als Starrsinn (Vgl. Z. 28), Aussagen, die keinen Widerspruch dulden und bis zur Generalisierung gesteigerte Vorwürfe an sie (Vgl. Z. 31–33, Z. 41), z. T. in imperativer Form („Wirf mir nicht vor, daß ich dein Geld verbrauche.“, Z. 36)
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Verteidigung Gesines mittels Schilderung der anhaltenden sozialen Notlage und Schuldenlast und ihr Bemühen, diese abzubauen, als Beweis ihrer anhaltenden Opferbereitschaft (Vgl. Z. 34 f., 38 – 40); Hervorhebung ihres eigenen Verzichts (Vgl. Z. 42–45)
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anklagende, in Teilen verzweifelnd-klagende Redeweise („Meine ganzen Ersparnisse sind für dich darauf gegangen. Alles schwimmt mir weg. Ich stünde anders da ohne dich.“, Z. 34 f.)
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parataktische Satzgestaltung, die Laurenzʼ Redeweise aufgreift (Vgl. Z. 38 f.)
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Ausgleich fehlender Sachargumente Laurenzʼ durch Aufgreifen des tradierten Rollenverständnisses der Unterordnung der Frau unter die Bedürfnisse des Mannes (Vgl. Z. 36 f., 41)
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Teil 2: ausgeglichene Redeanteile, sich steigernder Streit; Gesprächslenkung durch Gesine zur Klärung der Bestreitung des Lebensunterhalts und Regulierung anfallender Kosten, z. B.:
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Verlagerung des Gesprächsinhalts durch Gesine zum wahren Grund für Laurenz‘ Geldknappheit (Vgl. Z. 48–50) und Forderung der Einstellung der Unterstützung der Verwandten, um Laurenz in die finanzielle Verantwortung für seinen Lebensunterhalt einzubeziehen (Vgl. Z. 52), durch
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fordernde Gesprächsführung Gesines mit wiederholter direkter Anrede und gehäufte Nutzung des Modalverbs „müssen“ zur Erhöhung der Dringlichkeit des Anliegens („Das mußt du […]“, Z. 50; „Du mußt […]“, Z. 52; „Du mußt […] einsehn […]“, Z. 57), die Laurenz zu Erklärungen zwingt (Vgl. Z. 53–56)
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Versuch, Laurenz die Folgen für sie und damit ihre gemeinsame Zukunft aufzuzeigen, mittels Frage (Vgl. Z. 57); wiederholte Verwendung des Personalpronomens „wir“ (Z. 61, 65 f.) in parataktischen, teils elliptischen Satzkonstruktionen zur Betonung der kargen gemeinsamen sozialen Situation in Abgrenzung zur Lebenssituation seiner Verwandten (Vgl. Z. 61–63, 65–67)
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Übertragung der Schuld und Verantwortung an der finanziellen Situation auf Laurenz („Du tust unrecht an dir und an mir.“, Z. 66 f.)
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Dynamisierung des Gesprächs durch Rückkehr zu kurzen Redeanteilen, fast durchgängig parataktisch, teilweise elliptisch, zur Hervorhebung der eigenen Position (Vgl. Z. 68–89), dabei
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Rückkehr Laurenzʼ zu einer entschlossenen, Widerspruch ausschließenden Redeweise („Ich tue unrecht an meinen Verwandten, wenn ich dich heiraten will. Ich bin der Ernährer.“, Z. 68 f.); entschiedene Zurückweisung von Gesines Einwand, als Adoptivsohn keinerlei Verantwortung zu besitzen (Vgl. Z. 78 f.), und ihres Vorschlags, die Eltern anderswo unterzubringen (Vgl. Z. 81 f., 84)
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Unterbrechung der Schilderung seiner Situation und Pflichten mittels Repliken durch Gesine, häufig mit Stichwortverzahnung (Vgl. Z. 66–70, 76 f., 84 f.), um Laurenz von seiner Pflicht zu entlasten (Vgl. Z. 70, 72, 74 f., 77), ausgedrückt durch eine imperative, ihre Entschlossenheit unterstreichende Redeweise („Bringe sie einfacher unter.“, Z. 80) und Nutzung eines Vergleichs zur Anklage seines Verhaltens (Vgl. Z. 85)
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Emotionalisierung des Gesprächs durch Laurenz mittels Verweises auf die eigene Befindlichkeit und Position („Ich leide […]“, Z. 86; „Innerlich bin ich so zart.“, Z. 87; „Es geht um meine Ehre.“, Z. 87 f.) mit dem Ziel, dass Gesine aus Mitleid von ihrer Haltung abrückt
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Teil 3: ungleiche Redeanteile, Übernahme der Gesprächsführung durch Laurenz und Lenkung des Gesprächs von den wirtschaftlich-sozialen Sorgen zu seinen Vorstellungen von einer Beziehung und seiner Partnerin; eskalierender Streit und Dominanz Laurenzʼ, z. B.:
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Darlegung der Ansprüche Laurenzʼ an eine Partnerschaft (Unterordnung der Ansprüche der Partnerin, Vgl. Z. 90, 94 f., 107; Untrennbarkeit der Beziehung bzw. Reduzierung der Gemeinschaft auf Körperlichkeit, Vgl. Z. 90 f., 97; Erwartung der Anerkennung der mit der Verlobung übernommenen Verantwortlichkeit für die Partnerschaft durch Gesine, Vgl. Z. 111 f.), gipfelnd in einem Besitzanspruch und Ablehnung der Trennungsabsichten (Vgl. Z. 99–105, 115 f.), verdeutlicht durch
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wiederholte Ausrufe als Ausdruck seiner Empörung angesichts Gesines Beharren auf ihren Bedürfnissen (Vgl. Z. 93 f.)
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wiederholte Verwendung des Modalverbs „müssen“ durch Laurenz zur Verstärkung seines Besitzanspruchs und Forderung nach Aufgabe jeder Selbstständigkeit Gesines (Vgl. Z. 97, 135 f.)
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wiederholte Verwendung des Personalpronomens „ich“ (Z. 99–102, 104 f.) und des Possessivpronomens „mein“ (Z. 101) als Zeichen einer übersteigerten Ichbezogenheit und Forderung einer völligen Selbstaufgabe von Gesine
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parataktische, stakkatoähnliche, nahezu beschwörende Ausdrucksweise („Du sollst keinen Willen haben. Du sollst nicht mehr sein. Aufsaugen will ich dich.“, Z. 94 f.; Vgl. Regieanweisung Z. 94), mehrfach durch dreimalige Wiederholung verstärkt („Immer immer immer.“, Z. 121, 123, 126)
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Drohungen („[…] es ist zu spät […] du [bist] mir verfallen […] ich habe dich gegriffen. Ich verteidige meine Beute. […] Du kennst mich nicht.“, Z. 118–121)
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Nutzung animalischer bildhafter Vergleiche zur Einschüchterung und Entmenschlichung sowie zur Selbstdarstellung („Ich verteidige meine Beute. Ich werde dich so scharf einkreisen, daß es dich an meine Seite bannt.“, Z. 120 f.; „Tiefseefisch“, Z. 131)
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wiederholte direkte, auffordernde Ansprache seiner Partnerin mittels des Personalpronomens „du“ (Z. 135–137), auch in rhetorischer Frage (Vgl. Z. 134) und wiederholte Aufforderung mittels zweimaliger Imperativform („Denke nicht […], lerne mir […]“, Z. 134 f.) zur Hervorhebung seiner Erwartung einer an Selbstaufgabe grenzenden Unterordnung Gesines
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Verwendung eines anklagenden Bildes von der Gesellschaft, die ihm seine Individualität verweigere und ihn nach ihren Prämissen verändern wolle (Vgl. Z. 128 f.), sowie Verwendung von Begriffen aus dem Kontext Fürsorge zur Evokation von emotionaler Zustimmung durch Gesine („Ich bin starr“, „Knabe[ ]“, „pflegen“, „wund“, Z. 137 f.) und Appell an charakterliche Stärke Gesines (Vgl. Z. 137) als Zeichen eines Strategiewechsels bzw. Verweis auf fehlendes Urvertrauen Laurenzʼ infolge des Verlusts seiner biologischen Familie
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Formulierung des Bildes von Laurenz als unsensibler und kalter (Vgl. Z. 92, 132 f.), sich seiner emotionalen Macht (Vgl. Z. 125, 127) über sie bewusster (Vgl. Z. 117) Partner durch Gesine, verdeutlicht durch
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rhetorische Fragen zum Zweck der Auslösung einer bekenntnishaften Erklärung im Sinne von Gesine („Bin ich kein Mensch, der was spürt? Haben immer die Fremden recht?“, Z. 92)
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Verwendung des Symbols vom gefallenen Engel (Vgl. Z. 96, 122) und verurteilender bildhafter, teils animalischer Vergleiche („Du hast einen stechenden Blick.“, Z. 122; „Deine Ohren sind spitz und stehen ab wie bei einem Luchs.“, Z. 124; „Du hast die Ohren eines Verbrechers.“, Z. 124 f.), um Laurenzʼ Wirkung auf sie zu verdeutlichen
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Betonung der menschlichen Ebene der Partnerschaft in Form des Zitats einer Außensicht auf Laurenz und Andeutung einer möglichen Trennung (Vgl. Z. 108 f.)
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kurze, direkt beurteilende Aussagen über Laurenz, z. T. parataktisch („Du bist furchtbar.“, Z. 106; „Du bist starr bis zur Grausamkeit.“, Z. 132) und anaphorisch („Nichts kann dich verändern, nichts kann dich berühren.“, Z. 132 f.)
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Resümee der Analyse des Gesprächsverhaltens, z. B.:
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manipulative Gesprächsführung Laurenzʼ, verdeutlicht durch Verwendung von Gesines moralischer Einstellung für Begründung eigener Ansprüche (Vgl. z. B. Z. 14–16)
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wechselseitige Handlungsanweisungen (Vgl. Z. 41, 107; Z. 52, 57 f.) und Schuldzuschreibungen (Vgl. z. B. Z. 23, 28; Z. 43, 85)
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wechselseitiges Aufgreifen von Themen und Gesprächsstrategie (Vgl. z. B. Z. 85, 94 f. und 96), Begriffen (Vgl. z. B. Z. 54 und 85) und Begriffsfeldern (Vgl. Z. 120, 124 und 131), was sie als gleichberechtigte Gesprächspartner ausweist
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am Ende des Textauszuges ungeklärte Streitsituation
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Fazit
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Veranschaulichung persönlicher Charaktere und Verhaltensweisen in einer Partnerschaft in konflikthaften Situationen
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Darstellung einer von Konflikten geprägten Partnerschaft in Zeiten wirtschaftlich-sozialer Krisen
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Unvereinbarkeit von Egoismus und Streben nach persönlichem Vorteil sowie Gleichberechtigung in einer Partnerschaft
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Verdeutlichung von Bindungsunfähigkeit und Verlustangst infolge fehlender frühkindlicher Bindung
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Darstellung einer Kritik am Rollenverhalten von Männern und Frauen mittels Verfremdung
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Verdeutlichung des Konflikts zwischen tradierten (partnerschaftlichen) Rollenbildern und deren Erneuerung zu Beginn des 20. Jahrhunderts