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Thema 2

Joseph Goebbels zu den Ereignissen um den 9. November 1938 (Quelleninterpretation)

Übergreifende Aufgabenstellung:

Interpretiere in einem inhaltlich kohärenten und sinnvoll strukturierten Fachaufsatz die Quelle unter besonderer Berücksichtigung der Position Goebbels' zu den von ihm geschilderten Vorgängen.

Bearbeite dabei auch folgende Teilaufgaben:

  • Fasse die Aufzeichnungen des Autors zusammen.

  • Erläutere seine Aussagen zu den Ereignissen um den 9. November 1938 vor dem historischen Hintergrund.

  • Beurteile den Erkenntniswert der Quelle für die Rekonstruktion der thematisierten Geschehnisse.

Quelle: Tagebucheinträge von Joseph Goebbels (10. und 11. November 1938)

Joseph Goebbels (1897-1945) gehörte als Propagandaminister zum engsten Kreis der NS-

Führung. Der vorliegende Textauszug entstammt den Tagebüchern, die er über zwei Jahr-

zehnte (1923-1945) hinweg führte. Die Rechte an seinen Schriften verkaufte er im Jahr 1936

an einen NSDAP-Verlag, der sie zwanzig Jahre nach Goebbels' Tod veröffentlichen sollte.

Rechtschreibung, Zeichensetzung und Ergänzungen folgen der Vorlage.

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10. November 1938. (Do.)
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Gestern: [...]
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Das Befinden des von dem Juden angeschossenen Diplomaten Raths in Paris ist weiterhin
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sehr ernst. Die deutsche Presse geht mächtig ins Zeug.
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Die Rede des Führers im Bürgerbräu findet im In- und Auslande ein sehr starkes Echo. [...]
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In Kassel und Dessau große Demonstrationen gegen die Juden, Synagogen in Brand gesteckt
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und Geschäfte demoliert. Nachmittags wird der Tod des deutschen Diplomaten vom Rath
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gemeldet. Nun aber ist es g[ar].
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Ich gehe zum Parteiempfang im alten Rathaus. Riesenbetrieb. Ich trage dem Führer die An-
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gelegenheit vor. Er bestimmt: Demonstrationen weiterlaufen lassen. Polizei zurückziehen. Die
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Juden sollen einmal den Volkszorn zu verspüren bekommen. Das ist richtig. Ich gebe gleich
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entsprechende Anweisungen an Polizei und Partei. Dann rede ich kurz dementsprechend vor
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der Parteiführerschaft. Stürmischer Beifall. Alles saust gleich an die Telephone. Nun wird das
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Volk handeln.
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Einige Laumänner machen schlapp. Aber ich reiße immer wieder alles hoch. Diesen feigen
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Mord dürfen wir nicht unbeantwortet lassen. Mal den Dingen ihren Lauf lassen. Der Stoßtrupp
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Hitler geht gleich los, um in München aufzuräumen. Das geschieht denn auch gleich. Eine
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Synagoge wird in Klump geschlagen. Ich versuche sie vor dem Brand zu retten. Aber das
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mißlingt.
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[...] Ich gebe noch ein präzises Rundschreiben heraus, in dem dargelegt wird, was getan
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werden darf und was nicht. Wagner bekommt kalte Füße und zittert für seine jüdischen
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Geschäfte. Aber ich lasse mich nicht beirren. Unterdeß verrichtet der Stoßtrupp sein Werk.
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Und zwar macht er ganze Arbeit. Ich weise Wächter in Berlin an, die Synagoge in der
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Fasanenstraße zerschlagen zu lassen. Er sagt nur dauernd: „Ehrenvoller Auftrag".
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S.S. Vereidigung vor der Feldherrnhalle. Um Mitternacht. Sehr feierlich und stimmungsvoll.
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Der Führer spricht zu den Männern. Zu Herzen gehend.
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Ich will ins Hotel, da sehe ich den Himmel blutrot. Die Synagoge brennt. Gleich zum Gau.
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Dort weiß noch niemand etwas. Wir lassen nur soweit löschen, als das für die umliegenden
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Gebäude notwendig ist. Sonst abbrennen lassen. Der Stoßtrupp verrichtet fürchterliche Arbeit.
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Aus dem ganzen Reich laufen nun die Meldungen ein: 50, dann 75 Synagogen brennen. Der
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Führer hat angeordnet, daß 25-30 000 Juden sofort zu verhaften sind. Das wird ziehen. Sie
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sollen sehen, daß nun das Maß unserer Geduld erschöpft ist.
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[...] In Berlin brennen 5, dann 15 Synagogen ab. Jetzt rast der Volkszorn. Man kann für die
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Nacht nichts mehr dagegen machen. Und ich will auch nichts machen. Laufen lassen.
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[...] Als ich ins Hotel fahre, klirren die Fensterscheiben. Bravo! Bravo! In allen großen Städten
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brennen die Synagogen. Deutsches Eigentum ist nicht gefährdet.
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Im Augenblick ist nichts Besonderes mehr zu machen. Ich versuche, ein paar Stunden zu
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schlafen.
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Morgens früh kommen die ersten Berichte. Es hat furchtbar getobt. So wie das zu erwarten
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war. Das ganze Volk ist in Aufruhr. Dieser Tote kommt dem Judentum teuer zu stehen. Die
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lieben Juden werden es sich in Zukunft überlegen, deutsche Diplomaten so einfach niederzu-
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knallen.
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Und das war der Sinn der Übung. [...]
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Führerrede im Bürgerbräu findet ein sehr agressives Echo in London und Paris. Das war ja
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auch zu erwarten. Wenn man den Kriegshetzern auf die Finger klopft, dann schreien sie auf.
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Den ganzen Morgen regnet es neue Meldungen.
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Ich überlege mit dem Führer unsere nunmehrigen Maßnahmen.
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Weiterschlagen lassen oder abstoppen?
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Das ist nun die Frage.
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11. November 1938. (Fr.)
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Gestern: Müller erstattet Bericht über die Vorgänge in Berlin. Dort ist es ganz toll herge-
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gangen. Brand über Brand. Aber das ist gut so.
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Ich setze eine Verordnung auf Abschluß der Aktionen auf. Es ist nun gerade genug. Lassen
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wir das weitergehen, dann besteht die Gefahr, daß der Mob in die Erscheinung tritt. Im ganzen
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Lande sind die Synagogen abgebrannt. Diesen Toten muß das Judentum teuer bezahlen.
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In der Osteria erstatte ich dem Führer Bericht. Er ist mit allem einverstanden. Seine An-
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sichten sind ganz radikal und aggressiv. Die Aktion selbst ist tadellos verlaufen. 17 Tote. Aber
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kein deutsches Eigentum beschädigt.
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Mit kleinen Änderungen billigt der Führer meinen Erlaß betr. Abbruch der Aktionen. Ich gebe
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ihn gleich durch Presse und Rundfunk heraus. Der Führer will zu sehr scharfen Maßnahmen
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gegen die Juden schreiten. Sie müssen ihre Geschäfte selbst wieder in Ordnung bringen. Die
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Versicherungen zahlen ihnen nichts. Dann will der Führer die jüdischen Geschäfte allmählich
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enteignen und den Inhabern dafür Papiere geben, die wir jederzeit entwerten können. Im
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Übrigen hilft sich das Land da schon durch eigene Aktionen. Ich gebe entsprechende
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Geheimerlasse heraus. Wir warten nun die Auswirkungen im Ausland ab. Vorläufig schweigt
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man dort noch. Aber der Lärm wird ja kommen. [...]
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Im Hotel weitere Arbeit. Ich gebe noch ein paar Rundrufe heraus. Damit glaube ich ist die
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Judenaktion vorläufig erledigt. Wenn nicht noch ein paar Nachspiele kommen.
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Die Juden sind am Ende doch sehr dumm. Und sie müssen ihre eigenen Fehler teuer
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bezahlen.
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Ich telephoniere mit Heyderich. Auch der Polizeibericht aus dem ganzen Reich entspricht
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meinen Informationen. Es ist somit alles in Ordnung. Nur in Bremen ist es zu einigen unlieb-
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samen Exzessen gekommen. Aber die tauchen gänzlich unter in der Großaktion. Ich mache
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mit Heyderich die Zusammenarbeit zwischen Partei und Polizei in dieser Frage aus.
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Bis zum Abend noch weitergearbeitet. Es kommen Meldungen aus Berlin über ganz schwere
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antisemitische Ausschreitungen. Jetzt geht das Volk vor. Aber nun muß Schluß gemacht wer-
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den. Ich lasse an Polizei und Partei dementsprechende Anweisungen ergehen. Dann wird
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auch alles ruhig. [...]
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Um Mitternacht muß ich nach Berlin zurück.
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Die ausländischen Sender berichten sachlich über die antisemitischen Aktionen in Deutsch-
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land.
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Ich übernehme jetzt für Berlin selbst die ganze Gewalt. In solchen Krisenzeiten muß einer der
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Herr sein.

Goebbels, J.: Tagebucheinträge vom 10. und vom 11. November 1938. In: Fröhlich, E. (Hg.) (1998): Die Tagebücher von Joseph Goebbels. Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte und mit Unterstützung des Staatlichen Archivdienstes Rußlands, Teil I, Aufzeichnungen 1923–1941, Band 6, August 1938–Juni 1939. Bearbeitet von Jana Richter. München, S. 179–183.

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