Redekunst als Waffe
Verhandeln hieße Verlieren
Im Frühjahr des Jahres 43 v. Chr. belagert Antonius die Stadt Mutina in der Provinz Gallia Cisalpina. In dieser Stadt hatte sich D. Brutus, der bisherige Statthalter der Provinz, verschanzt.
Eine Gesandtschaft des Senats, die bereits zu Beginn des Jahres zu Verhandlungen mit Antonius aufgebrochen war, hatte nichts erreichen können. Darauf fordern Cicero zum wiederholten Mal gemeinsam mit weiteren Senatoren, dass gegen Antonius mit Waffengewalt vorgegangen werden müsse. Andere Senatoren setzen dagegen weiterhin auf Verhandlungen und wollen eine zweite Gesandtschaft des Senats zu Antonius senden.
In einer Rede vor dem Senat macht Cicero deutlich, dass er einen solchen Versuch für aussichtslos und gefährlich hält, da mit Antonius kein Frieden möglich sei:
Umfang des lateinischen Textes: 188 Wörter
1 ne … quidem ulla überhaupt kein
2 concedere zugestehen
3 Ergänze: missi sunt
4 Ergänze: delata sunt | deferre vorlegen
5 mandatum hier: Forderung
6 Ergänze: Denuntiatum est, ne Brutum obsideret, denuntiatum est, ut a Mutina discederet. | denuntiare anordnen
7 Ordne und ergänze: Putamusne eum coram8 in postulando verecundiorem fore9
8 coram (Adv.) bei einem persönlichen Treffen (mit den Mitgliedern der geplanten zweiten Gesandtschaft)
9 fore = futurum esse
10 aliquo modo posse concedi noch auf irgendeine Weise akzeptabel
11 concisus beschämt
12 Ordne: Quid igitur habemus - per deos immortales -, quod huic importuno atque impuro parricidae remittamus13
13 remittere überlassen
14 Gallia ultima das jenseits der Alpen gelegene Gallien (römische Provinz, in der auch ein Heer stationiert war)
15 Quid est aliud mit Infinitiv Was würde das anderes bedeuten als
16 vicerit er hätte gesiegt
17 quicumque, quaecumque, quodcumque welcher, welche, welches auch immer
18 sui seine Anhänger
19 tenere hier: unter Kontrolle haben
20 Ordne: cives ducem nefarium secuti21
21 sequi mit Akkusativ jemandem folgen
Aufgabenstellung
I. Übersetze den Text in angemessenes Deutsch.
II. Löse die folgenden Aufgaben.
Bestimme die Form: postulando (Z. 8).
Bestimme die Form und benenne die Funktion des Kasus von: quacumque condicione (Z. 19).
Benenne und erkläre die Konstruktion: repugnante me (Z. 4).
Arbeite aus dem vorliegenden Übersetzungstext heraus, welche Argumente Cicero gegen eine weitere Gesandtschaft zu Antonius anführt.
Wähle aus dem Text zwei verschiedene Stilmittel aus. Benenne sie und erkläre ihre Wirkung an der jeweiligen Textstelle.
Nach dem 2. Weltkrieg war Deutschland von den Siegermächten in Besatzungszonen aufgeteilt worden. Es fanden zahlreiche Verhandlungen über das weitere Schicksal dieser Besatzungszonen statt. Seit Juni 1948 hatte die sowjetische Besatzungsmacht die Stadt West-Berlin von der Versorgung mit Strom und anderen lebenswichtigen Gütern abgeschnitten (Berlin-Blockade). Die westlichen Alliierten versorgten die Bevölkerung der Stadt in dieser Zeit über die so genannte Luftbrücke mit Hilfe von Flugzeugen.
In dieser Situation hält Ernst Reuter, der zuvor zum Oberbürgermeister der Stadt gewählt, aber von der sowjetischen Besatzungsmacht nicht anerkannt worden war, am 9. September 1948 vor mehr als 300.000 Bürgern der Stadt folgende Rede:
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1Heute ist der Tag, wo das Volk von Berlin seine Stimme erhebt.2Dieses Volk von Berlin ruft heute die ganze Welt […]. Bei all3diesen Verhandlungen wird über unser Schicksal hier gewürfelt.4Als vor Wochen diese Verhandlungen anfingen, da war der5Appetit des russischen Bären größer als nur [auf] Berlin. Er6wollte, dass verhandelt werden sollte auch über ganz7Deutschland, und mit der lügenhaften Parole, man müsse die8Spaltung Deutschlands verhindern, verschleierte er […] seinen9Appetit auf den anderen Teil Deutschlands, den er auch noch in10seine Hände bekommen will. […] Morgen, übermorgen wird man11verhandeln über die italienischen Kolonien1. Ich weiß nicht,12worüber man dann noch verhandeln will. Wir wollen nur eines13klar sagen: In all diesem Handeln und Verhandeln wollen wir14Berliner kein Tauschobjekt sein! Uns kann man nicht15eintauschen, uns kann man nicht verhandeln und uns kann man16auch nicht verkaufen. […] Wenn heute dieses Volk von Berlin zu17Hunderttausenden hier aufsteht, dann wissen wir, die ganze18Welt sieht dieses Berlin. […] [Dahinter] steht der Wille freier19Völker, die erkannt haben, dass hier in dieser Stadt ein Bollwerk,20ein Vorposten der Freiheit aufgerichtet ist, den niemand21ungestraft preisgeben kann. Wer diese Stadt, wer dieses Volk22von Berlin preisgeben würde, der würde eine Welt preisgeben23[…], er würde sich selber preisgeben […]. Ihr Völker der Welt,24ihr Völker in Amerika, in England, in Frankreich, in Italien!25Schaut auf diese Stadt und erkennt, dass ihr diese Stadt […]26nicht preisgeben dürft und nicht preisgeben könnt! Es gibt nur27eine Möglichkeit für uns alle: gemeinsam so lange28zusammenzustehen, bis dieser Kampf gewonnen, bis dieser29Kampf endlich durch den Sieg über die Feinde, durch den Sieg30über die Macht der Finsternis besiegelt ist. Das Volk von Berlin31hat gesprochen. Wir haben unsere Pflicht getan und wir werden32unsere Pflicht weiter tun. Völker der Welt! Tut auch ihr eure33Pflicht und helft uns […], nicht nur mit dem Dröhnen eurer34Flugzeuge […], sondern mit dem standhaften und35unzerstörbaren Einstehen für die gemeinsamen Ideale, die36allein unsere Zukunft und die auch allein eure Zukunft sichern37können.
1 Die Sowjetunion hatte starkes Interesse angemeldet an den Kolonien Italiens, die nach dem 2. Weltkrieg ebenfalls Gegenstand der Verhandlungen unter den Siegermächten waren.
Vergleiche den Auszug aus der Rede Reuters mit dem vorliegenden Cicero-Text in Bezug auf Sprechsituation, rhetorische Strategien und Inhalte.
Die folgende Abbildung zeigt das Titelbild eines englischsprachigen Sammelbands über die Philippischen Reden mit dem Titel Cicero’s Philippics: History, Rhetoric and Ideology (2008).

Nimm Stellung, ob Titel und Titelbild dir auch für eine Lektüreausgabe der Philippischen Reden für die Schule passend erscheinen.
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Übersetzung:
(Die hier abgedruckte Übersetzung dient lediglich zur Orientierung. Sie stellt keine verbindliche Maßgabe für die Korrektur dar. Die Zahlen in den eckigen Klammern beziehen sich auf die Verszahlen im Übersetzungstext.)
Wie, wenn gar kein Friede zustande kommen kann? Denn was sind das für Friedensverhandlungen, in denen man der Partei, mit der man Frieden schließen möchte, keine Zugeständnisse machen darf? [3] Auf vielerlei Weise haben wir Antonius nahegelegt, Frieden zu schließen – er wollte trotzdem lieber Krieg. Unterhändler gingen an ihn ab, trotz meines Widerstrebens – sie gingen gleichwohl an ihn ab und überbrachten unsere Anordnungen, doch er fügte sich nicht. Ihm wurde befohlen, die Belagerung des Brutus aufzuheben, sich von Mutina zu entfernen: er begann, die Stadt umso heftiger zu bestürmen. [7] Und an den Mann wollen wir Friedensunterhändler schicken, der die Friedensboten abgewiesen hat? Sollen wir glauben, was er uns gegenüber fordere, werde bescheidener ausfallen als die Bedingungen, die er damals dem Senat mitgeteilt hat? Dabei sah es damals so aus, als seien seine Forderungen zwar rundherum unverschämt, aber trotzdem irgendwie annehmbar: [12] er hatte noch nicht die Prügel so schwerer und so zahlreicher beschämender Urteile von eurer Seite erhalten. Jetzt aber fordert er, was wir auf keine Weise gutheißen können. [...]
[15] Diesem abgefeimten Schuft und Mordgesellen: was, ihr unsterblichen Götter, können wir dem überlassen? Etwa das jenseitige Gallien mitsamt einem Heer? Das hieße doch wohl nicht Frieden schließen, sondern den Krieg aufschieben, und nicht nur den Krieg verlängern, sondern auch den Sieg abtreten? Oder hätte er nicht gesiegt, wenn er unter welchen Bedingungen auch immer mit seinen Leuten unsere Stadt betreten dürfte? [21] Unsere Waffen gebieten jetzt überall, unser Ansehen vermag sehr viel; zahlreiche verworfene Bürger sind fort, ihrem abscheulichen Führer nach. [...]
[23] Ein mit denen geschlossener Friede kann kein Friede sein, sondern nur die Besiegelung unserer Knechtschaft.
II. Aufgabenteil
postulando: Gerundium von postulare / Abl. (Sg. n.)
quacumque condicione: Abl. Sg. f. von quaecumque condicio / Ablativus modi
repugnante me: Ablativus absolutus /repugnante: PPA von repugnare im Abl. Sg. m. / Zeitverhältnis: gleichzeitig / Bezugswort in KNG-Kongruenz: me
Einleitung:
Cicero legt im vorliegenden Übersetzungstext mit verschiedenen Argumenten dar, warum erneute Verhandlungen über einen Frieden mit Antonius aussichtslos und gefährlich seien und somit eine zweite Gesandtschaft abzulehnen sei.
Ergebnisse:
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Cicero zeigt auf, dass kein Friede möglich sei (Z. 1: si ne potest quidem ulla esse pax), wenn man es mit jemandem zu tun habe, dem man in einer Verhandlungssituation nichts zugestehen könne (Z. 2: in qua ei, cum quo pacem facias, nihil concedi potest). In einer solchen Situation erschienen Cicero Friedensverhandlungen demnach sinnlos und nicht zu befürworten.
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Antonius wolle lieber den Krieg, obwohl man ihm auf vielerlei Weise für einen Frieden Entgegenkommen gezeigt habe (Z. 3 f.: Multis rebus a nobis invitatus est ad pacem Antonius – bellum tamen maluit). Ein solcher Wille zum Krieg könne nicht zu erfolgreichen Friedensverhandlungen führen und mache sie obsolet.
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Antonius habe sich bereits in der Vergangenheit nicht auf Zugeständnisse eingelassen (Z. 5: Delata mandata – non paruit.) und so seine sture Ablehnung gegenüber Kompromissen gezeigt. Eine solche unverrückbare Haltung ist für Cicero keine Basis für Verhandlungen.
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Darüber hinaus müsse mit der Gefahr einer noch größeren Gegenwehr gerechnet werden, wenn man von Antonius erneut Zugeständnisse fordere, denn er sei schon nach der ersten Anordnung zum Rückzug noch heftiger bei der Belagerung Mutinas gegen Brutus vorgegangen (Z. 5 f.: Denuntiatum est, ne Brutum obsideret, a Mutina discederet. Oppugnavit etiam vehementius).
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Es erscheine geradezu widersinnig und somit überflüssig, weitere Gesandte zu entsenden, wenn Antonius doch bereits die letzten Friedensboten zurückgewiesen habe (Z. 7 f.: Et ad eum legatos de pace mittemus, qui pacis nuntios repudiavit? ) und so zeige, dass er keine Verhandlungen wolle.
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Cicero hält die Hoffnung auf ein bescheideneres Auftreten von Antonius in neuen Verhandlungen für naiv (Z. 8 f.: Verecundioremne coram putamus in postulando fore), da dieser sich inzwischen, angestachelt durch die schweren Vorwürfe und Schmähungen des Senats (Z. 12 f.: tam gravibus tamque multis iudiciis ignominiisque concisus), zu unerfüllbaren Forderungen versteige (vgl. Z. 9 ff.; Z. 13 f.: Nunc ea petit, quae dare nullo modo possumus). Solche ausufernden Forderungen böten keine vernünftige Basis für Verhandlungen.
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Mit der Anfrage an die Götter um Beistand für das Ersinnen möglicher Zugeständnisse gegenüber dem frechen und verdorbenen Verbrecher (Z. 15 f.: importuno atque impuro parricidae quid habemus - per deos immortales -, quod remittamus? ) verdeutlicht Cicero, dass es nach menschlichem Ermessen unrealistisch sei, überhaupt irgendwelche Zugeständnisse, die eingeräumt werden dürften, zu finden. Daher hätten die Friedensunterhändler keinerlei Gegenstand für Verhandlungen und eine Entsendung würde jeglicher Grundlage entbehren.
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Cicero zeigt seinen Zuhörern durch die Charakterisierung von Antonius als Verbrecher (Z. 15: importuno atque impuro parricidae), dass es gar keinen Verhandlungspartner auf Augenhöhe gebe, sondern dass man es mit einem Schuft zu tun habe, dem man mit Gewalt statt mit Verhandlungsbereitschaft gegenübertreten müsse.
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Eine weitere Gefahr, die von Verhandlungen ausgehen könne, zeigt Cicero auf, indem er denkbare Forderungen von Antonius benennt: die Provinz Gallia ultima und ein Heer (Z. 16 f.: An Galliam ultimam et exercitum? ). Den Zuhörern zeichnet er so ein bedrohliches Bild von Antonius, der im Besitz dieser Provinz und von Militärgewalt zu einer weitaus größeren Gefahr als bisher werden könne.
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Durch Zugeständnisse an Antonius gebe es eben keinen Frieden, sondern eine Verlängerung des Krieges. So würde Antonius siegen (Z. 17 ff.: Quid est aliud non pacem facere, sed differre bellum, nec solum propagare bellum, sed concedere etiam victoriam?). Eine bevorstehende Niederlage und die Gefährdung des Staates, die durch Verhandlungen ausgelöst würden, zeigt Cicero so deutlich auf.
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Unabhängig von den Bedingungen, zu denen man Antonius und seine Anhänger nach Rom kommen ließe, würde jegliche Art des Entgegenkommens den Sieg für Antonius bedeuten (Z. 19 f.: An ille non vicerit, si quacumque condicione in hanc urbem cum suis venerit?). Auf diese Weise führt Cicero seiner Zuhörerschaft den feindlichen Einzug von Antonius und seinen Anhängern in Rom bildlich und bedrohlich vor Augen. Das Publikum erkennt die akute Gefahr, die durch Zugeständnisse jeglicher Art an Antonius ausgelöst würde.
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Cicero betont, dass die Voraussetzungen zur nötigen Gegenwehr gegeben seien: Im Moment hätte der Senat alles unter Kontrolle und könne auf sein großes Ansehen zählen (Z. 21: Armis nunc omnia tenemus. Auctoritate valemus plurimum). Dadurch stellt er klar, dass die eigene Lage so beschaffen sei, dass Verhandlungen mit Antonius nicht nötig seien, um Schlimmeres zu verhindern. Man sei sehr wohl wehrfähig und müsse sich nicht aus einer unterlegenen Position heraus auf Antonius zubewegen.
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Eine klare Skizzierung des bedrohlichen Feindbildes erschafft Cicero am Ende des Redeauszugs noch einmal dadurch, dass er berichtet, dass viele verdorbene Bürger dem schändlichen gegnerischen Anführer Antonius gefolgt seien (Z. 22: Absunt tot perditi cives nefarium secuti ducem). So beschreibt er eine Konzentration der Kräfte des Bösen um Antonius und plädiert damit unterschwellig für das entschiedene Handeln gegen ihn, seine Anhänger und weitere Verhandlungen.
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Cicero fordert die Zuhörer auf, sich ihrer Verantwortung für das zukünftige Geschehen bewusst zu werden und die Folgen einer signalisierten Verhandlungsbereitschaft zu bedenken: Das Versäumnis, zu den Waffen zu greifen und stattdessen einen Frieden anzustreben, führe nicht zum Frieden, sondern in die Sklaverei (Z. 23: Cum eis facta pax non erit pax, sed pactio servitutis). Cicero möchte seine Zuhörerschaft an dieser Stelle dazu bewegen, einen Krieg zu befürworten, statt über Verhandlungen nachzudenken.
Fazit:
Cicero verdeutlicht in seiner Rede, dass er einen Beschluss für eine weitere Gesandtschaft, die mit Antonius über Frieden verhandeln solle, ablehnt und sogar davor warnt. Er behauptet, dass es mit Antonius überhaupt keinen Frieden geben könne, da dieser sich gegenüber Kompromissen verschließe und den Krieg wolle. Da es daher keinerlei Zugeständnisse gegenüber Antonius geben dürfe, müsse ein Krieg in Kauf genommen werden. Friedensverhandlungen dagegen würden Antonius zum Sieg verhelfen und die libera res publica in die Sklaverei führen.
Cicero appelliert an die Einsicht und Verantwortung der Senatoren und fordert dazu auf, von nun an nicht mehr zu verhandeln, sondern kompromisslos mit Waffengewalt gegen Antonius vorzugehen.
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Hyperbaton: (ne …) ulla esse pax (Z. 1)
Die Zuhörerschaft wird auf diese Textstelle aufmerksam, weil die beiden zusammengehörigen Wörter, das Pronominaladjektiv ulla und das Nomen pax, nicht wie sonst üblich beieinanderstehen, sondern durch den dazwischen stehenden Infinitiv esse getrennt sind.
Die Trennung der zusammengehörigen Wörter bewirkt, dass die Zuhörerschaft gespannt auf das Bezugswort zu ne … ulla wartet. Der Nachtrag pax löst die Spannung auf und lenkt den Fokus auf dieses Wort.
Dadurch erreicht Cicero eine markante Absage an alle diejenigen, die durch eine neue Gesandtschaft noch Hoffnung auf einen Teil- oder Kompromissfrieden mit Antonius haben. Das Hyperbaton hebt die Unmöglichkeit des von vielen Senatoren angestrebten Ziels eines Friedens deutlich hervor. -
Antithese: pacem … bellum (Z. 3)
Die Zuhörerschaft wird auf diese Textstelle aufmerksam, weil in fast unmittelbarer Abfolge ein Gegensatz durch die Substantive pacem und bellum augenscheinlich wird.
Das Aufeinandertreffen der gegensätzlichen Substantive bewirkt, dass die Zuhörerschaft die konträren Zustände Frieden und Krieg abgegrenzt wahrnimmt: Sie erscheinen klar und konturiert gegenübergestellt. An dieser Stelle positioniert Cicero Antonius zwischen die Gegensätze, so dass auch ein Zusammenhang zwischen diesem Antagonismus und Antonius hergestellt wird.
In der Antithese lässt Cicero in diesem Zusammenhang deutlich erkennen, dass es Antonius ist, der den Krieg einem Friedensangebot vorzieht. Cicero schließt durch den plakativen Gegensatz aus, dass es eine Alternative zu einem Krieg gegen Antonius gebe: Selbst wenn sich der Senat mit einer weiteren Gesandtschaft um Frieden bemühen würde, könnte er nichts erreichen, da Antonius ohnehin einen Friedensschluss ablehne und den Krieg wolle. Auf diese Weise warnt Cicero vor weiteren Verhandlungen und fordert zur Gegenwehr auf.
Einleitung:
Die vorliegenden Reden stammen aus unterschiedlichen Zeiten und Kontexten. Beide Politiker thematisieren in einer akuten Krisensituation den Umgang mit dem Feind. Während Cicero in seiner Rede aus dem Frühjahr 43 v. Chr. vor weiteren Verhandlungen mit Antonius warnt, geht es Reuter in seiner Rede vom 9. September 1948 darum, den westlichen Alliierten deutlich zu machen, dass ihr Eingreifen und ihre Unterstützung der Stadt Berlin unverzichtbar sind.
Im Folgenden werden beide Reden in Bezug auf ihre Sprechsituation, verwendete rhetorische Strategien und Inhalte miteinander verglichen.
Ergebnisse:
Sprechsituation:
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Status des Redners: In beiden Situationen sprechen bedeutende Politiker, die jedoch nicht direkt an den Hebeln der Macht sitzen. Im Gegensatz zu Reuter ist Cicero zumindest als einflussreicher Senator und als Verteidiger der res publica bekannt. Er kann auf sein lange währendes Ansehen und seine schon oft erfolgreiche Rhetorik zurückgreifen. Reuter dagegen wird zwar nach dem 2. Weltkrieg kurz vor der Berlin-Blockade zum Oberbürgermeister der Stadt Berlin gewählt, jedoch von der sowjetischen Besatzungsmacht nicht anerkannt (vgl. den Einleitungstext), so dass seine Möglichkeiten der Einflussnahme vermutlich eher geringer sind.
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Adressaten: Cicero spricht vor dem römischen Senat, dem höchsten Gremium des Staates. Reuter hält seine Ansprache dagegen vor den Bewohnern Berlins (vgl. den Einleitungstext), wendet sich aber eigentlich an die Völker der Welt, insbesondere an die westlichen Alliierten (Z. 23 f.: Ihr Völker der Welt, ihr Völker in Amerika, in England, in Frankreich), somit indirekt auch an diejenigen, denen die Macht obliegt, Entscheidungen zu treffen.
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Zeitpunkt der Rede: Eine Gesandtschaft, die der Senat für Verhandlungen zu Antonius geschickt hatte, war bereits erfolglos zurückgekehrt (vgl. den Einleitungstext). Cicero versucht in dem vorliegenden Redeausschnitt eine Wende herbeizuführen, die Zeit des Verhandelns mit Antonius, dem Feind der Republik, endgültig zu beenden und für einen neuen härteren Umgang mit ihm zu werben. Reuter hält seine Rede während der Berlin-Blockade, sieht ebenfalls keine Zeit mehr für Verhandlungen und möchte auch eine neue Stufe der Auseinandersetzung mit der sowjetischen Besatzungsmacht erzielen.
Rhetorische Strategien:
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Effektvoller Beginn: Cicero beginnt diesen Redeabschnitt mit einer rhetorischen Frage (Z. 1: Quid, si ne potest quidem ulla esse pax? ), durch die er unmittelbar Neugier und Sorge um die Zukunft auslöst, indem er scheinbar nach Alternativen zu Friedensverhandlungen fragt, eigentlich jedoch den Krieg mit Antonius als unausweichlich darstellt. Reuters Redebeginn hat ebenfalls eine besondere Wirkung: Zum einen weckt er die Neugier seiner Zuhörer, indem er ankündigt, dass das Volk von Berlin an dem aktuellen Tag seine Stimme erheben werde (Z. 1: Heute ist der Tag, wo das Volk von Berlin seine Stimme erhebt). Zum anderen vereinnahmt er die Bevölkerung Berlins für eine beispiellose Anrufung der Welt (Z. 2: Dieses Volk von Berlin ruft heute die ganze Welt) und stellt so klar, dass das Thema seiner Rede von weltweitem Interesse sei.
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Direkte Ansprache: Ciceros Rede ist von Beginn an geprägt durch rhetorische Fragen (Z. 1: Quid, si ne potest quidem ulla esse pax? ), mit denen er seine Zuhörerschaft anregt, vorgeblich eigene Gedanken zu entwickeln, jedoch eigentlich nur zur Zustimmung zu seinen Gedanken bewegen möchte. Eine direkte Ansprache erfolgt nicht. Reuter dagegen spricht seine Adressaten gegen Ende seiner Rede direkt mit einer Aufforderung an (Z. 32 f.: Völker der Welt! Tut auch ihr eure Pflicht und helft uns). Dadurch, dass diese direkte Ansprache erst am Ende nach der ausführlichen Schilderung der Bedrohungslage erfolgt, muss der nachdrückliche Auftrag Reuters, in seinem Sinne zu handeln, seiner Zuhörerschaft als zwingend logischer Schluss erscheinen.
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Erzeugung eines Wir-Gefühls: Cicero erzeugt ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, wenn er z. B. in die Vergangenheit blickt und die vielen gemeinsamen Versuche, mit Antonius Frieden zu schließen, in Erinnerung ruft (Z. 3: Multis rebus a nobis invitatus est ad pacem Antonius) oder wenn er seine Zuhörerschaft zur Vorsicht und zum Misstrauen Antonius gegenüber aufruft (Z. 8 f.: Verecundioremne coram putamus in postulando fore). Reuter betont das Zusammengehörigkeitsgefühl noch stärker und häufiger als Cicero, indem er die Bewohner Berlins als eine Schicksalsgemeinschaft definiert (Z. 3:wird über unser Schicksal hier gewürfelt) oder seiner Zuhörerschaft vor Augen führt, dass man für gemeinsame Interessen einstehen werde (Z. 14 ff.: Uns kann man nicht eintauschen, uns kann man nicht verhandeln und uns kann man auch nicht verkaufen).
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Betonung eines gemeinsamen Anliegens: Cicero stellt als gemeinsames Anliegen heraus, dass man Antonius keinesfalls den Sieg zugestehen dürfe und daher seinen Forderungen nicht nachgeben könne (Z. 13 f.: ea petit, quae dare nullo modo possumus). Gemeinsame Interessen hebt Cicero ebenfalls hervor, wenn er die aktuelle Lage, in der man sich befinde, durchaus als eine machtvolle Position der Senatsgemeinschaft beschreibt (Z. 21: Armis nunc omnia tenemus. Auctoritate valemus plurimum). Ebenso macht Reuter klar, dass die gesamte Welt die Interessen der Berliner Bevölkerung teilen solle, da allen gemeinsam andernfalls die Unterwerfung drohe (Z. 21 ff.: Wer diese Stadt, wer dieses Volk von Berlin preisgeben würde, der würde eine Welt preisgeben […], er würde sich selber preisgeben). Daher müssten sich alle zusammen zu einer energischeren Haltung gegenüber der sowjetischen Besatzungsmacht entschließen und sich der Bedrohung im Kampf stellen (Z. 27 f.: gemeinsam so lange zusammenzustehen, bis dieser Kampf gewonnen).
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Frage-Antwort-Struktur: Cicero fragt gleich zu Beginn seiner Rede, was zu tun sei, wenn gar kein Frieden möglich sei (Z. 1: Quid, si ne potest quidem ulla esse pax? ), um im Folgenden darzulegen, warum weitere Verhandlungen mit Antonius aussichtslos seien und ein Kampf gegen ihn nötig sei. Die Zuhörerschaft wird zunächst zum Nachdenken über eine eigene Antwort aufgefordert und lässt sich auf das Thema ein. Cicero gibt dann jedoch eine klare Antwort vor. In Reuters Rede finden sich keine Fragen. Es überwiegen kurze Aussage- und Aufforderungssätze. Reuter formuliert prägnant seine Erkenntnisse (Z. 2 f.: Bei all diesen Verhandlungen wird über unser Schicksal hier gewürfelt.), seinen Willen (Z. 13 f.: In all diesem Handeln und Verhandeln wollen wir Berliner kein Tauschobjekt sein!) und die daraus abzuleitende Forderung an seine Zuhörerschaft (Z. 32 f.: Völker der Welt! Tut auch ihr eure Pflicht). Statt zum Nachdenken anzuregen, peitscht Reuter dem Publikum seine Vorstellungen und Absichten ein.
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Darlegung der unabdingbaren Logik der erforderlichen Vorgehensweise: Beide Redner legen ihren Adressaten vorliegende Fakten und Zusammenhänge dar und ziehen scheinbar alternativlose Schlussfolgerungen. Cicero konstatiert, dass Antonius bereits in der Vergangenheit ein Friedensangebot abgelehnt und lieber Krieg gewollt habe (Z. 3 f.: Multis rebus a nobis invitatus est ad pacem Antonius - bellum tamen maluit) und dass folglich in der nun durch die Schmähungen des Senats sogar angespannteren Situation (Z. 12 f.: Nondum erat vestris tam gravibus tamque multis iudiciis ignominiisque concisus) eine noch unzugänglichere Haltung von Antonius zu erwarten sei (Z. 8 f.: Verecundioremne coram putamus in postulando fore). Daraus wiederum lasse sich klar ableiten, dass ein Friedensschluss mit Antonius einer Versklavung der res publica gleichkäme (Z. 23: Cum eis facta pax non erit pax, sed pactio servitutis). Reuter formuliert eine Erkenntnis, die eigentlich zunächst nur eine Behauptung ist: da war der Appetit des russischen Bären größer als nur [auf] Berlin …, verschleierte er […] seinen Appetit auf den anderen Teil Deutschlands, den er auch noch in seine Hände bekommen will (Z. 4-10). Aus diesem Grund könne man nun nicht mehr in Verhandlungen treten (Z. 11 f.: Ich weiß nicht, worüber man dann noch verhandeln will). Man müsse stattdessen erkennen, dass die Stadt Berlin ein Vorposten der Freiheit sei (Z. 20). Aus dieser Erkenntnis leitet Reuter dann als logische Folge seine Forderung ab: Schaut auf diese Stadt und erkennt, dass ihr diese Stadt […] nicht preisgeben dürft und nicht preisgeben könnt! (Z. 25 f.).
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Diffamierung des Feindes: Cicero stellt Antonius in plakativer Überzeichnung als Schuft und Mordgesellen (Z. 15: importuno atque impuro parricidae) dar. Ohne eine Differenzierung hinsichtlich einzelner Schwerpunkte, an denen die bisherigen Verhandlungen möglicherweise gescheitert sind, behauptet Cicero, dass Antonius lieber Krieg wolle (Z. 3 f.: bellum tamen maluit), bereits unverschämt (Z. 10: ea petebat, quae videbantur improba omnino) und immer aggressiver aufgetreten sei (Z. 6: Oppugnavit etiam vehementius). Auf ähnliche Weise diffamiert Reuter die sowjetische Besatzungsmacht plakativ und beinahe karikierend als russischen Bären (Z. 5), der seinen Appetit verschleiere (Z. 8 f.). Er versteigt sich sogar dazu, den vermeintlichen Feind als Macht der Finsternis (Z. 30) zu bezeichnen.
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Appellcharakter der Rede: Cicero fordert zu einer einheitlichen Erkenntnis auf, nämlich dass Antonius zu misstrauen sei (Z. 8 f.: Verecundioremne coram putamus in postulando fore). Er appelliert an das Vertrauen in die eigene Waffenstärke (Z. 21: Armis nunc omnia tenemus). Hieraus resultiert sein eigentlicher Appell im Hintergrund: Der Senat solle sich zum Krieg gegen Antonius entschließen. Reuter ruft dagegen direkt zum Handeln auf. Die westlichen Alliierten sollten gemeinsam mit den West-Berlinern die Stadt Berlin gegen den vermeintlichen Feind verteidigen (Z. 26-30: Es gibt nur eine Möglichkeit für uns alle: gemeinsam so lange zusammenzustehen …, bis dieser Kampf endlich durch den Sieg über die Feinde … besiegelt ist).
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Untermauerung des Anliegens durch Pathos: Cicero vertritt seine Position mit weniger Pathos als Reuter: Um sein Anliegen, auf weitere Verhandlungen mit Antonius zu verzichten, durchzubringen, setzt er im vorliegenden Redeabschnitt mehr auf die Darlegung der Unzugänglichkeit und Sturheit des Feindes (z. B. Z. 5: Delata mandata - non paruit). Lediglich die Anrufung der Götter (Z. 16: per deos immortales) enthält pathetische Züge. Reuters Rede dagegen ist getragen von pathetischen Formulierungen. Zum einen legt er dieses Pathos in seinen Appell an die westlichen Alliierten (Z. 2: Dieses Volk von Berlin ruft heute die ganze Welt). Zum anderen vertritt er seine entschiedene Zielsetzung, nicht weiter über das Schicksal der Stadt Berlin verhandeln zu lassen, mit großer Leidenschaft (Z. 13 f.: In all diesem Handeln und Verhandeln wollen wir Berliner kein Tauschobjekt sein!).
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Eigenes Wirken im Dienst der Zuhörerschaft: Cicero erwähnt sich selbst ein einziges Mal und stellt klar, dass er sich bereits vor der ersten Entsendung von Unterhändlern zu Antonius gegen eine solche Maßnahme ausgesprochen habe (Z. 4: repugnante me). Im Zusammenhang mit der Gefahr, die aus seiner Sicht von Antonius ausgehe, hat Cicero seiner Zuhörerschaft folglich bereits damals einen Dienst erwiesen, indem er vor Verhandlungen mit Antonius gewarnt habe. Darüber hinaus erweist er sich mit dieser kurzen pointierten Erinnerung als der Mahner, der die entscheidende und einzig richtige Sicht auf die Dinge hat und sich mit seiner Umsicht in den Dienst der gesamten res publica stellt. Reuter lässt sein Wirken im Dienst seiner Zuhörerschaft entsprechend seiner zwei Adressatengruppen, der Bevölkerung Berlins und den westlichen Alliierten, in doppeltem Sinne erkennen: Zum einen habe er gesehen, dass weitere Verhandlungen mit der sowjetischen Besatzungsmacht sinnlos seien (Z. 11 f.: Ich weiß nicht, worüber man dann noch verhandeln will), und zieht im Sinne der Bevölkerung Berlins entsprechende Schlüsse (Z. 13 f.: In all diesem Handeln und Verhandeln wollen wir Berliner kein Tauschobjekt sein!). Zur Durchsetzung der Interessen der Stadtbewohner erweist er sich in dem vorliegenden Redeauszug als Sprecher aller Berliner (Z. 30 f.: Das Volk von Berlin hat gesprochen). Zum anderen macht er deutlich, dass er sich gemeinsam mit der Stadtbevölkerung bereits in den Dienst der westlichen Alliierten gestellt habe und dies auch fortsetzen werde (Z. 31 f.: Wir haben unsere Pflicht getan und wir werden unsere Pflicht weiter tun), indem er mit der Bevölkerung in dem Vorposten der Freiheit (Z. 20) ausharre.
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Anrufung einer höheren Autorität: Cicero ruft als höhere Autorität die Götter an (Z. 16: per deos immortales). So macht er deutlich, dass keine weiteren Verhandlungsgegenstände mit Antonius erdacht werden könnten, es diese also auch nicht geben könne, es sei denn, der unwahrscheinliche Fall trete ein, dass die Götter eine Idee herabsendeten. Mit einer deutlich konkreteren Erwartungshaltung wendet sich Reuter mehrfach an eine höhere Autorität, nämlich die Welt (Z. 2: Dieses Volk von Berlin ruft heute die ganze Welt). Die Autoritäten, von denen er sich Hilfe erhofft, sind die Völker der Welt bzw. die westlichen Alliierten (Z. 23 f.: Ihr Völker der Welt, ihr Völker in Amerika, in England, in Frankreich). Die Art der Hilfe, die er sogar fordert (Z. 32 f.: Tut auch ihr eure Pflicht), gibt er vor (Z. 33 ff.: nicht nur mit dem Dröhnen eurer Flugzeuge […], sondern mit dem standhaften und unzerstörbaren Einstehen für die gemeinsamen Ideale). So müssen sich die Angesprochenen nicht nur in der Verantwortung, sondern zum Handeln genötigt sehen.
Inhalt:
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Dringlicher Handlungsbedarf: Cicero löst mit seiner rhetorischen Frage gleich zu Beginn des Redeauszugs (Z. 1: Quid, si ne potest quidem ulla esse pax? ) bei seiner Zuhörerschaft die gedankliche Schlussfolgerung aus, dass eine Entscheidung angesichts der Unmöglichkeit eines Friedens dringlich gefordert sei und dass diese Entscheidung in einem offiziellen Kriegsbeschluss gegen Antonius bestehen müsse. Ebenso führt Reuter die Entscheidungsnot vor Augen, indem er von der Bedeutsamkeit des aktuellen Tages spricht (Z. 1: Heute ist der Tag). Als Begründung für ein konkretes Eingreifen führt er an, dass das Schicksal Berlins auf dem Spiel stehe (Z. 2 f.: Bei all diesen Verhandlungen wird über unser Schicksal hier gewürfelt).
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Alternativlosigkeit: Cicero zeigt im vorliegenden Redeauszug durchgehend auf, dass die Alternative nicht Frieden oder Krieg, sondern Knechtschaft oder Krieg laute, denn weitere Verhandlungen mit Antonius bedeuteten die Niederlage (Z. 18 f.: sed concedere etiam victoriam) und ein Friedensschluss die Knechtschaft derres publica(Z. 23: Cum eis facta pax non erit pax, sed pactio servitutis). Durch das Aufzeigen dieser Folgen wird klar: Es muss eine offizielle Entscheidung zum Krieg getroffen werden. Reuter befördert die Einsicht der westlichen Alliierten in die Notwendigkeit, die Entscheidung zur deutlicheren Verteidigung Berlins durch Kampf als alternativlos zu sehen, indem er das Schicksal Berlins unlösbar mit dem Schicksal der Welt und dem der westlichen Alliierten verbindet (Z. 21 ff.: Wer diese Stadt, wer dieses Volk von Berlin preisgeben würde, der würde eine Welt preisgeben […], er würde sich selber preisgeben). Ein Handlungsbedarf im Sinne Reuters drängt sich den westlichen Alliierten unvermeidlich auf.
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Prophezeiung einer Katastrophe: Beide Redner führen ihrer Zuhörerschaft eine unmittelbare Bedrohung vor Augen. Cicero prophezeit als Folge eines Friedensschlusses mit Antonius den unabwendbaren Gang in die Sklaverei (Z. 23: Cum eis facta pax non erit pax, sed pactio servitutis). Reuter verweist auf den Appetit des russischen Bären (Z. 5) auf den anderen Teil Deutschlands, den er auch noch in seine Hände bekommen will (Z. 9 f.), und warnt so vor der Ausweitung des durch die Sowjetunion besetzten Gebietes auf die Gebiete der westlichen Alliierten.
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Mangelnde Verhandlungsbereitschaft des Feindes: Cicero beklagt die fehlende Verhandlungsbereitschaft von Antonius unter anderem, wenn er daran erinnert, dass dieser die Friedensunterhändler, die der Senat zu ihm gesandt hatte, abgewiesen habe (Z. 7 f.: ad eum legatos de pace mittemus, qui pacis nuntios repudiavit). Reuter dagegen erwähnt, dass sogar viele Verhandlungen mit der sowjetischen Besatzungsmacht stattgefunden hätten, dass möglicherweise weitere geplant würden, die Ansprüche des Feindes jedoch unersättlich seien (Z. 10 ff.: Morgen, übermorgen wird man verhandeln über die italienischen Kolonien. Ich weiß nicht, worüber man dann noch verhandeln will). Zudem verweist er auf die Unaufrichtigkeit des Feindes (Z. 7 ff.: mit der lügenhaften Parole … verschleierte er […] seinen Appetit) und stellt so die Verlässlichkeit möglicher Abmachungen in Frage.
Fazit:
Der Vergleich zeigt, dass beide Redner aus einer Situation der vermeintlichen Bedrohung durch einen Feind sprechen. Beide lehnen weitere Verhandlungen mit dem Feind ab. Während Cicero den römischen Senat dazu bringen will, zum Krieg mit Antonius zu rüsten und damit die res publica zu retten, fordert Reuter die westlichen Alliierten zur deutlicheren Unterstützung Berlins gegen die sowjetische Besatzungsmacht auf, um die Freiheit Berlins, letztlich um die Welt vor dem Verlust der Freiheit zu retten. Beide nutzen etliche gleiche oder ähnliche Argumente und Strategien. So stellen sowohl Cicero als auch Reuter drastisch die Gefahrensituation dar, in der sich der Staat bzw. Berlin befinde. Während Cicero aus einer scheinbar klaren, mit einer Frage eingeleiteten Faktenargumentation ableitet, dass ein konsequentes Vorgehen gegen den Feind unverzichtbar sei, appelliert Reuter leidenschaftlich an die Verantwortung und die Einsicht der westlichen Alliierten in die Bedrohung, die sich auch auf sie selbst ausweiten könne, um sie zu einem härteren Vorgehen gegen die sowjetische Besatzungsmacht zu bewegen.
Ein Hauptunterschied besteht darin, dass Cicero an seine Zuhörerschaft appelliert, alles zu tun, um eine innerstaatliche Krise zu bewältigen, während Reuter in seiner Rede auf eine bereits eingetretene Katastrophe, nämlich die Berlin-Blockade reagiert und die Absicht verfolgt, die westlichen Aliierten zum Handeln in seinem Sinne zu bewegen.
Einleitung:
Im Folgenden wird dazu Stellung genommen, inwiefern das abgebildete Buchcover passend für eine Schulausgabe zu den Philippischen Reden Ciceros erscheint.
Ergebnisse:
Argumente dafür:
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Redner in Aktion: Die emporgehaltene, mit dem Zeigefinger auf etwas Imaginäres oder Tatsächliches weisende Hand symbolisiert einen Redner in Aktion. Dies passt ausgezeichnet zu Ciceros Leben im Allgemeinen und besonders zu seinem letzten großen Auftritt als Redner in den Philippicae.
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Autorität und Führungsanspruch: Der ausgestreckte Zeigefinger steht für einen Redner, der in gebieterischer Weise Autorität und Durchsetzungsstärke verkörpern möchte. Das passt gut zu Ciceros staatstragendem Agieren in den Philippischen Reden, in denen er für eine Zeitlang erneut zur maßgeblichen Stimme der res publica wird.
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Anklage und Diffamierung: Die abgebildete Geste des ausgestreckten Zeigefingers lässt sich insbesondere als bloßstellende Kritik an einem Gegner interpretieren. In den Philippischen Reden trifft dies in markanter Weise auf Antonius zu, den Cicero permanent hart und schonungslos attackiert sowie als Feind und Monster brandmarkt.
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(Welt)geschichtliche Relevanz: Der Begriff history im Untertitel könnte darauf anspielen, dass es in den Philippischen Reden um Ereignisse historischen Ausmaßes geht. Die Geschehnisse nach Caesars Ermordung und der Aufstieg Octavians prägen den Verlauf der Geschichte; Ciceros Reden geben noch heute einen unmittelbaren Einblick in diese für den römischen Staat entscheidende Epoche.
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Ciceros historische Einflussnahme: Der Begriff history verweist auf die zentrale Rolle Ciceros: Ohne sein Eingreifen und Agitieren wären etwa der rasche Aufstieg Octavians in ein offizielles Amt oder der breite Widerstand gegen den legitimen Konsul Antonius undenkbar gewesen.
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Rhetorik als zentraler Analyseaspekt: Dass im Titel explizit auf rhetoric verwiesen wird, erscheint folgerichtig – wer die Texte verstehen und analysieren will, braucht Hintergrundwissen über die rednerische Theorie und Praxis im alten Rom. Dies zeigt sich schon am signifikanten, bewusst historisierenden Titel der Philippicae (Verweis auf Demosthenes).
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Ciceros Ruhm: Der Fokus auf rhetoric deutet darauf hin, dass Cicero noch heute als der größte und berühmteste Redner Roms gilt. Am Ende seines Lebens stellt er mit den staatstragenden Ansprachen vor dem Senat und der Volksversammlung noch einmal seine ganzen Fähigkeiten unter Beweis.
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Moralisierendes Agieren: Die Hervorhebung von ideology unterstreicht, dass es Cicero im ganzen Korpus der Philippischen Reden um eine scharf abgegrenzte Wertekonstruktion geht: Während alle aufrichtigen, guten Kräfte des Staates für Freiheit und Selbstbestimmung einträten, arbeite der zum unheilvollen Staatsfeind stilisierte Antonius an der Unterwerfung aller Römer und wolle sich zum Alleinherrscher aufschwingen.
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Optimaten vs. Popularen: Ideologisch geprägt ist insbesondere der Kampf um Einfluss und Deutungshoheit in der ausgehenden römischen Republik. Ganz grundsätzlich geht es Cicero als Vertreter der Optimaten um die Vorherrschaft des Senats, während Caesar und Antonius als Popularen für die vermeintliche Vorherrschaft der Volksversammlung standen.
Argumente dagegen:
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Unspezifische Geste: Die abgebildete Hand könnte jeden beliebigen Redner darstellen. Sie eröffnet gerade keinen spezifischen Bezug zu Cicero und zur antiken Welt und wirkt insofern beliebig.
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Fehlende Aggressivität: Im Unterschied zum ausgestreckten Zeigefinger scheinen die übrigen Finger ohne Anspannung herabzuhängen, statt sich zu einer Faust zu ballen. Das passt nicht zum aggressiven Grundton der Philippischen Reden.
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Eindimensionale Zuspitzung: Die bloße Hand reduziert Ciceros komplexe Rolle zur Zeit der Philippischen Reden auf ausladende, polemische Gesten. Das wirkt recht eindimensional und klischeehaft und wird Ciceros Einsatz im Kampf für die libera res publica nicht gerecht.
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Komplexer politischer Hintergrund: Das Titelbild suggeriert eine vollständige Zentrierung bzw. Fokussierung auf die Person des Redners. Dabei wird ausgeblendet, dass sich die Reden in ein großes und voraussetzungsreiches historisch-politisches Gefüge einbetten. Nur die Rolle Ciceros in den Blick zu nehmen, reicht nicht aus.
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Eindruck objektiver Quellen: Der Untertitel history könnte nahelegen, dass es sich bei Ciceros Reden um objektive historische Quellen handelt, aus denen man die geschichtlichen Ereignisse ablesen und genau erklären kann. Allerdings handelt es sich primär um rhetorische Kunstwerke und propagandistisch verzerrte Darstellungen, nicht um Geschichtsschreibung.
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Anachronismus: Der Begriff ideology ist eine moderne Prägung und passt schon deshalb nicht gut zur Beschreibung der politischen Geschehnisse im ersten Jahrhundert vor Christus. Er legt eine breite und systematische Geschlossenheit einer bestimmten politischen Überzeugung nahe; diese aber gab es gerade nicht in der späten Republik.
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Ausblendung von Lebensweltbezügen: Die Trias der drei Begriffe im Untertitel könnte auf den ersten Blick unattraktiv wirken, weil ausschließlich theoretische Untersuchungsaspekte ohne offensichtlichen Lebensweltbezug aufgeführt sind.
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Übertriebene Generalisierung: Die plakative Titelgestaltung mit den Schlagwörtern History, Rhetoric, Ideology vernachlässigt, dass die Philippischen Reden in Wirklichkeit hochgradig situative und zeitgebundene Texte sind. Im Verlauf der Reden geht Cicero notwendigerweise auf die jeweils aktuellen Entwicklungen und Hintergrundsituationen ein; man läuft Gefahr, diese Situationsgebundenheit in oberflächlicher Weise aus den Augen zu verlieren, wenn man alle Texte unter vermeintlich griffigen Oberkategorien zu fassen versucht.
Fazit:
Es zeigt sich, dass die abgebildete Geste sowie die drei Schlagwörter durchaus passend sind: Sie verschaffen den Schülerinnen und Schülern einen unmittelbaren Zugang zu Ciceros Reden und legen vielfältige Bezüge zu den Texten offen.
Bei näherem Hinsehen wird aber auch deutlich, dass sie aufgrund ihrer Allgemeinheit und Offenheit so auch für viele andere Werke verwendet werden könnten. Der Bezug zu den Philippicae ist also eher oberflächlich gegeben.