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Redekunst als Waffe

Verhandeln hieße Verlieren

Im Frühjahr des Jahres 43 v. Chr. belagert Antonius die Stadt Mutina in der Provinz Gallia Cisalpina. In dieser Stadt hatte sich D. Brutus, der bisherige Statthalter der Provinz, verschanzt.

Eine Gesandtschaft des Senats, die bereits zu Beginn des Jahres zu Verhandlungen mit Antonius aufgebrochen war, hatte nichts erreichen können. Darauf fordern Cicero zum wiederholten Mal gemeinsam mit weiteren Senatoren, dass gegen Antonius mit Waffengewalt vorgegangen werden müsse. Andere Senatoren setzen dagegen weiterhin auf Verhandlungen und wollen eine zweite Gesandtschaft des Senats zu Antonius senden.

In einer Rede vor dem Senat macht Cicero deutlich, dass er einen solchen Versuch für aussichtslos und gefährlich hält, da mit Antonius kein Frieden möglich sei:

1
Quid, si ne1 potest quidem1 ulla esse pax? Quae enim est condicio
2
pacis, in qua ei, cum quo pacem facias, nihil concedi2 potest?
3
Multis rebus a nobis invitatus est ad pacem Antonius - bellum
4
tamen maluit. Missi3 legati repugnante me, sed tamen missi3.
5
Delata4 mandata5 - non paruit. Denuntiatum est6 , ne Brutum
6
obsideret, a Mutina discederet. Oppugnavit etiam vehementius.
7
Et ad eum legatos de pace mittemus, qui pacis nuntios
8
repudiavit? Verecundioremne7 coram8 putamus in postulando
9
fore9, quam fuerit tum, cum misit mandata5 ad senatum? Atqui
10
tum ea petebat, quae videbantur improba omnino, sed aliquo10
11
modo posse concedi.
12
Nondum erat vestris tam gravibus tamque multis iudiciis
13
ignominiisque concisus11. Nunc ea petit, quae dare nullo modo
14
possumus. […]
15
Huic12 igitur importuno atque impuro parricidae quid habemus -
16
per deos immortales -, quod remittamus13? An Galliam ultimam14
17
et exercitum? Quid15 est aliud non pacem facere, sed differre
18
bellum, nec solum propagare bellum, sed concedere2 etiam
19
victoriam? An ille non vicerit16, si quacumque17 condicione in
20
hanc urbem cum suis18 venerit?
21
Armis nunc omnia tenemus19. Auctoritate valemus plurimum.
22
Absunt tot perditi cives20 nefarium secuti21 ducem.

Es dürfe keinesfalls zugelassen werden, diese günstigen Voraussetzungen

aufzugeben. Antonius und seine Leute dürfe man nicht in die Stadt

hineinlassen. Diese wollten keinen Frieden, sondern hätten es nur darauf

abgesehen, die Macht in Rom an sich zu reißen.

Deshalb kommt Cicero zu folgendem Schluss:


Cum eis facta pax non erit pax, sed pactio servitutis.

Umfang des lateinischen Textes: 188 Wörter

1 ne … quidem ulla überhaupt kein

2 concedere zugestehen

3 Ergänze: missi sunt

4 Ergänze: delata sunt | deferre vorlegen

5 mandatum hier: Forderung

6 Ergänze: Denuntiatum est, ne Brutum obsideret, denuntiatum est, ut a Mutina discederet. | denuntiare anordnen

7 Ordne und ergänze: Putamusne eum coram8 in postulando verecundiorem fore9

8 coram (Adv.) bei einem persönlichen Treffen (mit den Mitgliedern der geplanten zweiten Gesandtschaft)

9 fore = futurum esse

10 aliquo modo posse concedi noch auf irgendeine Weise akzeptabel

11 concisus beschämt

12 Ordne: Quid igitur habemus - per deos immortales -, quod huic importuno atque impuro parricidae remittamus13

13 remittere überlassen

14 Gallia ultima das jenseits der Alpen gelegene Gallien (römische Provinz, in der auch ein Heer stationiert war)

15 Quid est aliud mit Infinitiv Was würde das anderes bedeuten als

16 vicerit er hätte gesiegt

17 quicumque, quaecumque, quodcumque welcher, welche, welches auch immer

18 sui seine Anhänger

19 tenere hier: unter Kontrolle haben

20 Ordne: cives ducem nefarium secuti21

21 sequi mit Akkusativ jemandem folgen

Aufgabenstellung

I. Übersetze den Text in angemessenes Deutsch.

II. Löse die folgenden Aufgaben.

1.
a.

Bestimme die Form: postulando (Z. 8).

b.

Bestimme die Form und benenne die Funktion des Kasus von: quacumque condicione (Z. 19).

c.

Benenne und erkläre die Konstruktion: repugnante me (Z. 4).

15 %

2.

Arbeite aus dem vorliegenden Übersetzungstext heraus, welche Argumente Cicero gegen eine weitere Gesandtschaft zu Antonius anführt.

20 %

3.

Wähle aus dem Text zwei verschiedene Stilmittel aus. Benenne sie und erkläre ihre Wirkung an der jeweiligen Textstelle.

15 %

4.

Nach dem 2. Weltkrieg war Deutschland von den Siegermächten in Besatzungszonen aufgeteilt worden. Es fanden zahlreiche Verhandlungen über das weitere Schicksal dieser Besatzungszonen statt. Seit Juni 1948 hatte die sowjetische Besatzungsmacht die Stadt West-Berlin von der Versorgung mit Strom und anderen lebenswichtigen Gütern abgeschnitten (Berlin-Blockade). Die westlichen Alliierten versorgten die Bevölkerung der Stadt in dieser Zeit über die so genannte Luftbrücke mit Hilfe von Flugzeugen.

In dieser Situation hält Ernst Reuter, der zuvor zum Oberbürgermeister der Stadt gewählt, aber von der sowjetischen Besatzungsmacht nicht anerkannt worden war, am 9. September 1948 vor mehr als 300.000 Bürgern der Stadt folgende Rede:

  • 1
    Heute ist der Tag, wo das Volk von Berlin seine Stimme erhebt.
    2
    Dieses Volk von Berlin ruft heute die ganze Welt […]. Bei all
    3
    diesen Verhandlungen wird über unser Schicksal hier gewürfelt.
    4
    Als vor Wochen diese Verhandlungen anfingen, da war der
    5
    Appetit des russischen Bären größer als nur [auf] Berlin. Er
    6
    wollte, dass verhandelt werden sollte auch über ganz
    7
    Deutschland, und mit der lügenhaften Parole, man müsse die
    8
    Spaltung Deutschlands verhindern, verschleierte er […] seinen
    9
    Appetit auf den anderen Teil Deutschlands, den er auch noch in
    10
    seine Hände bekommen will. […] Morgen, übermorgen wird man
    11
    verhandeln über die italienischen Kolonien1. Ich weiß nicht,
    12
    worüber man dann noch verhandeln will. Wir wollen nur eines
    13
    klar sagen: In all diesem Handeln und Verhandeln wollen wir
    14
    Berliner kein Tauschobjekt sein! Uns kann man nicht
    15
    eintauschen, uns kann man nicht verhandeln und uns kann man
    16
    auch nicht verkaufen. […] Wenn heute dieses Volk von Berlin zu
    17
    Hunderttausenden hier aufsteht, dann wissen wir, die ganze
    18
    Welt sieht dieses Berlin. […] [Dahinter] steht der Wille freier
    19
    Völker, die erkannt haben, dass hier in dieser Stadt ein Bollwerk,
    20
    ein Vorposten der Freiheit aufgerichtet ist, den niemand
    21
    ungestraft preisgeben kann. Wer diese Stadt, wer dieses Volk
    22
    von Berlin preisgeben würde, der würde eine Welt preisgeben
    23
    […], er würde sich selber preisgeben […]. Ihr Völker der Welt,
    24
    ihr Völker in Amerika, in England, in Frankreich, in Italien!
    25
    Schaut auf diese Stadt und erkennt, dass ihr diese Stadt […]
    26
    nicht preisgeben dürft und nicht preisgeben könnt! Es gibt nur
    27
    eine Möglichkeit für uns alle: gemeinsam so lange
    28
    zusammenzustehen, bis dieser Kampf gewonnen, bis dieser
    29
    Kampf endlich durch den Sieg über die Feinde, durch den Sieg
    30
    über die Macht der Finsternis besiegelt ist. Das Volk von Berlin
    31
    hat gesprochen. Wir haben unsere Pflicht getan und wir werden
    32
    unsere Pflicht weiter tun. Völker der Welt! Tut auch ihr eure
    33
    Pflicht und helft uns […], nicht nur mit dem Dröhnen eurer
    34
    Flugzeuge […], sondern mit dem standhaften und
    35
    unzerstörbaren Einstehen für die gemeinsamen Ideale, die
    36
    allein unsere Zukunft und die auch allein eure Zukunft sichern
    37
    können.

    1 Die Sowjetunion hatte starkes Interesse angemeldet an den Kolonien Italiens, die nach dem 2. Weltkrieg ebenfalls Gegenstand der Verhandlungen unter den Siegermächten waren.

    Vergleiche den Auszug aus der Rede Reuters mit dem vorliegenden Cicero-Text in Bezug auf Sprechsituation, rhetorische Strategien und Inhalte.

25 %

5.

Die folgende Abbildung zeigt das Titelbild eines englischsprachigen Sammelbands über die Philippischen Reden mit dem Titel Cicero’s Philippics: History, Rhetoric and Ideology (2008).

Buchcover „Cicero’s Philippics“ mit einer zeigenden Hand und dem Text History, Rhetoric, Ideology.Buchcover „Cicero’s Philippics“ mit einer zeigenden Hand und dem Text History, Rhetoric, Ideology.

Nimm Stellung, ob Titel und Titelbild dir auch für eine Lektüreausgabe der Philippischen Reden für die Schule passend erscheinen.

25 %

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