Aufgabe A – Erörterung pragmatischer Texte
Thema
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Entwicklung und Entwicklungstendenzen der deutschen Sprache
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Literarische und pragmatische Texte unterschiedlicher medialer Präsentationsformen
Text: Hendrik Munsberg: Heute schon „gepitcht“? (2021)
Aufgabenstellung
Stelle den Gedankengang des Textes von Hendrik Munsberg dar und erläutere die Intention.
Erörtere unter Berücksichtigung deiner unterrichtlichen Kenntnisse zum politisch-gesellschaftlichen Sprachgebrauch, ob bzw. inwiefern Verantwortlichen in Firmen die Verwendung verständlicher Standardsprache empfohlen werden sollte.
Material
Heute schon „gepitcht“? (2021)
Hendrik Munsberg
Erläuterungen: Hendrik Munsberg (*1961) ist Wirtschaftsredakteur der Süddeutschen Zeitung.
Quelle: Munsberg, Hendrik (02.02.2021): Heute schon „gepitcht“? (Zugriff: 29.03.2022)
Die Textwiedergabe folgt der Quelle.
Verstöße gegen die sprachliche Richtigkeit wurden in den Fällen korrigiert, in denen dies zur Sicherung der Verständlichkeit notwendig erschien.
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Einleitung
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Der Artikel Heute schon „gepitcht“? von Hendrik Munsberg, erschienen 2021 in der Süddeutschen Zeitung, setzt sich kritisch mit dem Sprachgebrauch in der deutschen Wirtschaft auseinander.
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Munsberg beleuchtet, wie sich in Managementkreisen eine immer stärker von Anglizismen, Modewörtern und Phrasen geprägte Sprache etabliert, die häufig auf Kosten der Verständlichkeit geht.
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Ziel des Textes ist es, auf die manipulativen, ausgrenzenden und manchmal auch absurden Aspekte dieser Sprachentwicklung aufmerksam zu machen.
Hauptteil
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Der Text beginnt mit einem prägnanten Beispiel: VW-Chef Herbert Diess nennt Autos nun „Mobile Devices“ (Z. 1), um Innovation zu signalisieren. Dabei gehe es aber nicht nur um Technik, sondern auch um „eine ‚Challenge‘“ (Z. 3), also eine Herausforderung, womit der Gebrauch von englischen Begriffen die Problemlage verschleiert.
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Ähnliche Tendenzen erkennt Munsberg bei weiteren Konzernlenkern: Allianz-Vorstand Bäte nennt Prozesse nicht nur „‚digital‘“ (Z. 7), sondern auch „‚skalierbar‘“ (Z. 8); Deutsche-Bank-Chef Sewing erklärt pandemiebedingte Filialschließungen mit der Phrase: „‚Wir reagieren agil‘“ (Z. 13 f.).
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In diesen Beispielen zeigt sich laut Munsberg ein genereller Trend: Führungskräfte bedienen sich gezielt eines „verbale[n] Blendwerk[s]“ (Z. 17), um Modernität zu simulieren und Deutungshoheit zu gewinnen. Der Wirtschaftspsychologe Dieter Frey ordnet diesen Sprachgebrauch als ein Mittel zur Selbstprofilierung ein – wer „‚agil‘“ (Z. 14) oder „‚skalierbar‘“ (Z. 8) sagt, wolle vor allem als fortschrittlich gelten (Vgl. Z. 20). Dadurch etabliert sich ein Sprachverhalten, das andere zur Nachahmung zwingt (Vgl. Z. 22).
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Munsberg analysiert diesen Prozess weitergehend als eine Art „Sedimentschichtung“ (Vgl. Z. 23) von Modewörtern, die sich über die Jahre verfestigt haben. Begriffe wie „‚supported‘“, „‚committed‘“ oder „‚gepitcht‘“ (Z. 25) ersetzen deutsche Entsprechungen, weil diese altmodisch erscheinen. In der zunehmend ritualisierten Managementrhetorik darf auch ein „‚Purpose‘“ (Z. 28) nicht fehlen – ein überhöhter Sinn, der oft nur vordergründig ist.
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Sprachlich wird dies laut Munsberg durch „pseudophilosophische Zutaten“ (Z. 30) ergänzt. Besonders häufig sei das sinnentleerte „‚am Ende des Tages‘“ (Z. 32) oder das „‚Sinn machen‘“ (Z. 33) zu hören – Anglizismen, die im Deutschen semantisch fragwürdig oder schlicht falsch sind.
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Der Autor dekonstruiert dieses „Geschwätz“ (Z. 36) als strategisches Mittel der Selbstaufwertung. Wer solche Floskeln benutzt, demonstriere vermeintliche Wichtigkeit und signalisiere Überlegenheit. Die Folge: Eine firmeninterne Sprachhierarchie etabliert sich, die sich bis ins Private fortsetzt (Vgl. Z. 38). Das Sprachverhalten werde so zum Ausdruck von Machtanspruch und sozialem Status (Vgl. Z. 40).
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Auch Sportmetaphern wie „‚gut aufgestellt‘“ (Z. 41 f.) prägen diese Kommunikationskultur. Munsberg zeigt: Selbst die Politik übernimmt diese Wirtschaftssprache (Vgl. Z. 43).
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Allerdings verortet der IDS-Forscher Marc Kupietz (VGl. Z. 45–50) auch positive Aspekte: Manche Neologismen wie „‚skalierbar‘“ (Z. 48) könnten ökonomische Phänomene treffender beschreiben. Jedoch bleibe oft unklar, was konkret gemeint sei.
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Der Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider ergänzt kritisch, dass die Wortneuschöpfungen meist aus der Beratungsbranche stammen (Vgl. Z. 52 f.). Sobald sich ein Begriff abnutze, werde der nächste „‚durchs Dorf getrieben‘“ (Z. 55) – der Inhalt bleibe gleich, die Verpackung ändere sich.
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Im weiteren Verlauf wird gezeigt, wie Sprachumdeutungen auch der Verschleierung dienen (Vgl. Z. 57–60): Statt von „‚Probleme[n]‘“ (Z. 58) ist lieber von „‚Them[en]‘“ (Z. 60) die Rede – so wird Unsicherheit rhetorisch geglättet.
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Ein Gegenbeispiel bietet Telekom-Chef Tim Höttges (Vgl. Z. 61–69), der sich bewusst gegen diesen Trend stellt. Er setzt auf einfache, klare Sprache ohne Anglizismen („‚Cashflow‘“ als „‚frei verfügbare Mittel‘“, Z. 66). Dafür wird er seit Jahren ausgezeichnet (Vgl. Z. 69).
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Die abschließenden Zeilen (Vgl. Z. 70–75) zeigen jedoch auch: Ganz immun ist selbst er nicht – auch Höttges’ Kommunikationschef verwendet regelmäßig unreflektierte Phrasen.
Fazit
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Munsberg entwickelt in seinem Text eine fundierte, kritische Analyse der sprachlichen Entwicklungen im Wirtschaftssektor. Der Gedankengang folgt einer Kombination aus konkreten Beispielen, fachlichen Einordnungen und ironischer Zuspitzung.
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Ziel ist es, die Leserschaft für die Macht von Sprache in Unternehmen zu sensibilisieren. Die Intention liegt in der Aufklärung über die soziale und strategische Funktion von Managerjargon – insbesondere darüber, wie Sprache zur Statussicherung, zur Verschleierung oder zur Distinktion instrumentalisiert wird.
Teilaufgabe 2
Überleitung
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Die in Munsbergs Text aufgeworfene Problematik der zunehmenden Verwendung von Anglizismen und Managerphrasen lässt sich vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Kommunikationserwartungen diskutieren.
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Im Zentrum steht die Frage, ob es sinnvoll ist, Führungskräften eine verständliche, standardsprachliche Ausdrucksweise zu empfehlen. Dabei ist sowohl die Zustimmung als auch eine differenzierte Kritik möglich.
Zustimmende Position
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Ein zentrales Argument für die Empfehlung verständlicher Sprache liegt in der Verbesserung der Kommunikation zwischen Führungskräften und Mitarbeitenden. Wer „frei verfügbare Mittel“ (Z. 66) sagt statt „Cashflow“ (Z. 66), vermeidet unnötige Barrieren. Dies fördert nicht nur das Verständnis in der Belegschaft, sondern auch Vertrauen und Transparenz.
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Zudem lässt sich durch klare Sprache die Manipulationsgefahr verringern. Munsberg zeigt, wie Manager Sprache zur Verschleierung nutzen – z. B. wenn Probleme zu „Themen“ umgedeutet werden (Vgl. Z. 59). Eine Rückbesinnung auf Standardsprache könnte solchen Euphemismen entgegenwirken und somit zu einer authentischeren Unternehmenskultur beitragen.
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Ein weiteres Argument: Verständlichkeit ist eine Grundvoraussetzung demokratischer Teilhabe – auch in wirtschaftlichen Entscheidungsprozessen. Mitarbeitende, Kunden und sogar politische Entscheidungsträger sollten nachvollziehen können, was ein Unternehmen tut. Die Telekom zeigt mit Höttges (Vgl. Z. 61–69), dass dies möglich ist – und sogar zur Auszeichnung führen kann.
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Nicht zuletzt hat verständliche Sprache eine inkludierende Wirkung: Menschen mit geringeren Bildungsvoraussetzungen oder Fachfremde fühlen sich nicht ausgeschlossen. Der Gebrauch von Neologismen und Anglizismen (Vgl. Z. 25–29) hingegen verstärkt soziale Hierarchien und erschwert Teilhabe.
Ablehnende Position
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Gleichwohl ist auch Kritik an einer standardsprachlichen Normierung berechtigt. Sprache ist ein flexibles Mittel, das sich ständig wandelt – insbesondere in einem innovativen Wirtschaftsumfeld. Begriffe wie „‚skalierbar‘“ (Z. 48) erfassen komplexe Sachverhalte oft präziser als herkömmliche Wörter. Eine zu strikte Standardisierung könnte die Ausdrucksvielfalt beschneiden.
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Zudem dient Fachsprache in vielen Bereichen – z. B. Medizin, Technik oder IT – der Effizienz und Spezialisierung. Eine Empfehlung zur Vereinfachung darf nicht zu einer pauschalen Vereinheitlichung führen, bei der notwendige Fachtermini verlorengehen.
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Auch das Recht auf individuelle sprachliche Gestaltung von Führungspersönlichkeiten sollte berücksichtigt werden. Eine Empfehlung darf nicht zu einem Dogma werden, das jegliche Kreativität oder ironische Sprachspiele verbietet. Kommunikation ist auch ein Instrument der Identitätsstiftung – nicht jeder muss wie Höttges sprechen.
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Schließlich ist auch die Wirkungskraft einer solchen Empfehlung fraglich. Die Dynamik von Sprachmoden ist kaum zu kontrollieren, da sie meist aus internen Prozessen, Medienkultur oder Marketingstrategien gespeist wird (Vgl. Z. 52–56). Eine Empfehlung könnte verpuffen, wenn sie den praktischen Realitäten nicht standhält.
Schluss
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Die Empfehlung zur Verwendung verständlicher Standardsprache erscheint aus Perspektive einer inklusiven, demokratischen und transparenten Kommunikationskultur grundsätzlich sinnvoll. Insbesondere dort, wo Sprache Machtverhältnisse verschleiert, soziale Barrieren schafft oder Verständlichkeit opfert, ist eine Rückbesinnung auf Klarheit geboten.
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Zugleich muss jedoch beachtet werden, dass Sprache immer auch Ausdruck von Dynamik, Fachlichkeit und Individualität ist. Eine Empfehlung sollte daher nicht als starre Regel verstanden werden, sondern als Impuls für mehr Bewusstsein im sprachlichen Handeln.