Aufgabe D – Erörterung literarischer Texte
Thema
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Literatur im 20./21. Jahrhundert
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Literarische und pragmatische Texte
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Gegenwartsliteratur
Lektüre: Juli Zeh:Corpus Delicti
These
Der Literaturwissenschaftler Immanuel Nover vertritt in seinem Text Der disziplinierte Körper (2013) sinngemäß die Position, dass es unmöglich sei, das System der METHODE zu stürzen, auch weil es sich in seinem ideologisch motivierten Handeln anpassungsfähig zeige.
Erläuterungen: Immanuel Nover ist Literaturwissenschaftler und lehrt an der Universität Koblenz.
Quelle: Nover, Immanuel: Der disziplinierte Körper – Ethik, Prävention und Terror in Juli ZehsCorpus Delicti. Ein Prozess. In:Kritische Ausgabe24 (2013), S. 79–84.
Die Textwiedergabe folgt der Quelle.
Aufgabenstellung
Erörtere auf der Basis deiner Textkenntnis von Juli Zehs RomanCorpus Delicti. Ein Prozess, ob bzw. inwiefern der These des Autors zugestimmt werden kann.
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Literaturwissenschaftler Immanuel Nover beschäftigt sich in seinem Text Der disziplinierte Körper (2013) mit Juli Zehs dystopischem Roman Corpus Delicti.
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Seine These: Bekämpfung der Gesundheitsdiktatur der METHODE als prinzipiell unmögliches Unterfangen
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Erfolgreicher Machterhalt durch Flexibilität ideologischer Positionen und staatlichen Handelns der METHODE
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Im Folgenden soll erörtert werden, inwieweit man dieser These zustimmen kann.
Hauptteil
Eher zustimmend, z. B.:
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Im Hinblick auf eine prinzipielle Unmöglichkeit des Stürzens des Systems der METHODE
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Ideologische Verankerung mit grundsätzlich nachvollziehbarer Zielsetzung des körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens (Vgl. Kap. Das Vorwort)
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Unbesiegbarkeit des Systems der METHODE durch lückenlose Überwachung der Hygienevorschriften sämtlicher Bürgerinnen und Bürger des Staates; massive Eingriffe in deren Lebensweise bis hin zur Prüfung der immunologischen Übereinstimmung bei der Partnersuche
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Unüberwindbarkeit des totalitären Systems durch dessen unmittelbare Reaktion auf Ungehorsam mit strengen Strafmaßnahmen zur Disziplinierung, mit Zwang zur Befolgung geltender Regeln und Gesetze, z. B. Mias Verhandlung und Prozess wegen Vernachlässigung ihrer Pflichten zur Erhaltung ihrer körperlichen Gesundheit
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Unangreifbarkeit wegen breiter gesellschaftlicher Zustimmung zur Gesundheitsdiktatur und deren Kontrollsystem, z. B. Wächterhaus als Exempel; auch Mia selbst über längere Zeit überzeugte Anhängerin des repressiven Staates
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Unbezwingbarkeit durch unmittelbare, rigorose und erfolgreiche Bekämpfung individueller Revolten, z. B. Reaktion auf Mia Holl in ihrem Kampf gegen Beschränkungen der persönlichen Freiheit (Aufenthalt im Sperrgebiet, Verstöße gegen Rauchverbot sowie Vernachlässigung des Sportprogramms) und Ungerechtigkeit staatlichen Handelns (Moritz’ Verhaftung und Anklage als Vergewaltiger und Mörder ohne Möglichkeit einer ernsthaften Verteidigung des Angeklagten); Schauprozess und Verurteilung Mias als abschreckendes Beispiel für realen und sich entwickelnden Widerstand
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Im Hinblick auf die Anpassungsfähigkeit ideologisch motivierten Handelns
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Haltung und Verhalten Kramers als Vertreter der Ideologie des Systems der METHODE:
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Kennzeichnung Kramers durch Mia als „Etikett“, das man auf „die unterschiedlichsten Ansichten kleben“ könne (Vgl. Kap. Eine hübsche Geste); Mias Unterstellung, dass für ihn „ein System so gut wie das andere“ sei (Vgl. Kap. Die zweite Kategorie), indirekte Bestätigung durch Kramer (Vgl. Kap. Geruchlos und klar)
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Situationsspezifische Übertretung von Hygieneregeln (Vgl. Kap. Eine hübsche Geste: Händedruck als Ausdruck von Stil; Kennzeichnung strenger Regelbefolgung als „Hysterie“)
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Trotz postulierter Unfehlbarkeit Eingeständnis in Bezug auf die Lückenhaftigkeit des Systems (Vgl. Kap. Keine verstiegenen Ideologien); Geständnis des Erzeugens unschuldiger Opfer, aber in geringerer Anzahl als in anderen Systemen (Vgl. Kap. Die zweite Kategorie)
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Kennzeichnung von Wahrheit als „subjektive Angelegenheit“ (Vgl. Kap. Schnecken) im Widerspruch zu radikalem Rationalismus der METHODE
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Wissen Kramers um politische Notwendigkeiten und Opportunitäten, um gesellschaftliche Widerstände kleinzuhalten (Vgl. Kap. Die zweite Kategorie, Mittelalter)
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Inszenierung von Mias Fall als „Vertrauensfrage“ zur Selbstvergewisserung des Systems (Vgl. Kap. Vertrauensfrage)
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Steigerung staatlicher Willkür-Maßnahmen zum Zweck des Machterhalts, z. B. Radikalisierung von Machtdemonstrationen des Staates (Eindringen in Wohnung, Prozedere der Verhaftung); Inszenierung einer angeblichen Widerstandsgruppe „Schnecken“; Erpressung Würmers durch Kramer zur Falschaussage gegen Mia im Schauprozess
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Erzeugung einer Bedrohungslage mit fingierten Beweisen und Darstellung Mias als Attentäterin und Terroristin, um Legitimität und vermeintliche Fürsorge des Staates bzw. Abwehr möglicher Gefahren zu demonstrieren
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Verschärfung staatlicher Maßnahmen zur Eindämmung von Widerspruch in der Bevölkerung und unter den Prozesszuschauern
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Reaktivierung der Folter gegen eigenen Anspruch auf Progressivität und objektive Beweisführung
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Verhinderung eines potenziellen Märtyrertums Mias durch Resozialisierung statt Einfrieren; zwangsweise Reintegration in das System
Eher kritisch ablehnend oder relativierend, z. B.:
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Im Hinblick auf eine prinzipielle Möglichkeit des Stürzens des Systems der METHODE
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Angreifbarkeit des politischen Systems wegen zeitweiliger echter Gefährdung durch Widerstandsgruppen (R.A.K.), starke Anhängerschaft und Bekenntnis zu Mias Manifest, heftige Proteste während Mias letztem Prozess, Widerstand durch zunehmende Missachtung der Hygienevorschriften
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Eingeständnis der Anfälligkeit einer Gesellschaft, deren Menschen kein intaktes Immunsystem mehr haben; METHODE als Opfer ihrer eigenen hygienischen Absolutheit (Vgl. Kap. Mittelalter)
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zunehmende Entfremdung von den Leistungen der METHODE durch zeitliche Distanz und damit zunehmender Verlust der Erinnerung an Krankheit und damit verbundenes Leiden (Vgl. Kap. Recht auf Krankheit)
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Kramers Eingeständnis der grundsätzlichen Anfälligkeit des Staatskörpers (Vgl. Kap. Keine verstiegenen Ideologien)
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Aufdeckung des Justizskandals durch Anwalt Rosentreter: Verlust der Glaubwürdigkeit und des Vertrauens in staatliche Maßnahmen wegen unrechtmäßiger Verurteilung Moritz Holls, dadurch Beweis der prinzipiellen Fehlerhaftigkeit des staatlichen Systems
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Existenz von in Teilen kritischer Berichterstattung; erkennbar, sobald METHODE Nimbus der Unfehlbarkeit verliert
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Verzicht auf Einfrieren als Höchststrafe als Zeichen der Angst vor Mias Märtyrerschaft, vor Eskalationen der Proteste gegen Mias Anklage und Verurteilung bis hin zur Möglichkeit des politischen Umsturzes seitens einer möglicherweise wachsenden Anzahl von Gegnern der METHODE (Vgl. Kap. Mittelalter: „Jeder Widerstand wird sich in Zukunft auf Ihren Bruder berufen. Die Geschichte lehrt uns, wie einzelne Ereignisse zu blutigen Katastrophen führen.“)
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im Hinblick auf fehlende Anpassungsfähigkeit in ideologisch grundiertem Handeln
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gewaltsame Negation der von Würmer aufgeworfenen Idee eines sich verändernden Verhältnissen anpassenden Staates (Vgl. Kap. Die zweite Kategorie); Zerstörung Würmers und Missbrauch im Schauprozess; Reaktion Kramers mit Forderung nach unnachgiebigem Krieg statt Anpassung
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Machtmissbrauch, Instrumentalisierung von Justiz und Medien sowie Gewalt gegen Andersdenkende als Ausdruck eines rigorosen Festhaltens an totalitärem Charakter des Staates
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Stufung staatlicher Willkür- und Gewaltmaßnahmen nicht als Merkmal für Flexibilität, sondern Eigenlogik eines repressiven Systems
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Schluss / Fazit
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Novers These erweist sich insgesamt als überzeugend, da die METHODE ihre Macht gerade durch ideologische Flexibilität, Anpassung staatlicher Praxis und konsequente Disziplinierung von Widerstand sichert.
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Zugleich macht Corpus Delicti deutlich, dass dieses System nicht vollkommen unangreifbar ist, da gesellschaftliche Zweifel, Proteste und innere Widersprüche seine Stabilität gefährden können.
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Die Gesundheitsdiktatur erscheint daher weniger als unbesiegbar, sondern vielmehr als ein repressives System im permanenten Kampf um Legitimität, das Stabilität nur um den Preis wachsender Willkür bewahrt.