Lerninhalte
Inhaltsverzeichnis

Aufgabe B – Verfassen argumentierender Texte

Thema

  • Literatur um 1800

  • Literarische und pragmatische Texte

  • Menschenbilder in der Literatur im Zeitalter der Klassik

Aufgabenstellung

Die Kommission zur Erstellung und Bearbeitung von Rahmenlehrplänen im Fach Deutsch muss in regelmäßigen Abständen die Themen und Inhalte für den Unterricht festlegen. Dazu befragt sie dieses Mal auch Schülerinnen und Schüler der Oberstufe. Dein Deutsch-Grundkurs wurde dazu aufgefordert, Beiträge zu erstellen.

Verfasse einen argumentierenden Beitrag zu der Frage, ob bzw. inwiefern es heute noch sinnvoll ist, Menschenbilder der literarischen Epoche der Klassik im Unterricht zu thematisieren.

Nutze dafür die folgenden Materialien (1–6) und beziehe im Unterricht erworbenes Wissen sowie eigene Erfahrungen ein.

Wähle eine geeignete Überschrift.

Verweise auf Materialien erfolgen unter Angabe des Namens des Autors bzw. der Autorin und ggf. des Titels.

Der Beitrag sollte etwa 800 Wörter umfassen.

Material 1

Goethe und Co: Toleranz und die Klassiker (2015)

Stefan Lüddemann

1
Was können uns die Klassiker heute noch zum Thema Toleranz sagen? Eine Menge. Sie
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stellten sich mit Toleranz gegen gesellschaftliche Konflikte.
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Mozart, Lessing, Goethe: Das klingt auf den ersten Blick nach der Versammlung der
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Denkmäler der Klassik. Alle drei haben die Frage nach der Toleranz gestellt und auf ihre Weise
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beantwortet. Weitere Künstler der Aufklärung und Klassik wären hinzuzufügen. Toleranz ist
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ein Thema dieser Epoche, vielleicht sogar mehr als jemals danach.
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Dieser Befund relativiert das Klischee von der Klassik als einem einzigen Marmorstandbild in
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der Abstellkammer der Kulturgeschichte. Mozart, Lessing, Goethe, übrigens auch Knigge,
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haben mitten in einer Zeit der Revolutionen, der Religionsdispute und herausfordernd neuer
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Kulturkontakte mit ihren Konzepten der Toleranz den Weg zu Umgangsformen gewiesen, die
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helfen, Konflikte auszubalancieren, ohne Grundsatzfragen entscheiden zu müssen. Toleranz
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ermöglicht die Koexistenz unterschiedlicher Lebensstile und Wertesysteme – und das auf der
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Grundlage des Respekts. Mit diesem Thema sind uns die Klassiker wieder nah. Denn das ist
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heute auch unser Thema.

Stefan Lüddemann (geb. 1960) ist Kulturjournalist, Kulturwissenschaftler und Buchautor.

Quelle: Lüddemann, Stefan:Goethe und Co: Toleranz und die Klassiker (2015) (Zugriff: 12.12.2023)

Material 2

Italienische Reise. G.s „Flucht“ nach Italien 1786: Motive und Absichten (1997)

Reiner Wild

1
Das klassische Programm meint […] nicht die Nachahmung der Antike oder gar deren Kopie,
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sondern zielt vielmehr auf die Wiedergewinnung der Möglichkeit einer humanen Kunst, die in
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der Beachtung der „natürlichen“ Gesetzmäßigkeiten, wie sie musterhaft in der Kunst der Antike
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wirksam sind, erreichbar scheint. Aus heutiger Perspektive allerdings, die von fortgeschrittener
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Naturbewältigung und ihren Folgen ebenso bestimmt ist wie von den sozialen und politischen
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Erfahrungen des 19. und vor allem des 20. Jhs., wird darin neben der Größe des klassischen
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Programms und seiner humanen Qualität auch die Vergeblichkeit dieser Anstrengung sichtbar.
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[…]

Reiner Wild (geb. 1944) ist emeritierter Professor für Neuere deutsche Literaturgeschichte an der Universität Mannheim.

Quelle: Wild, Reiner:Italienische Reise. G.s „Flucht“ nach Italien 1786: Motive und Absichten. In: Witte, Bernd u. a. (Hrsg.):Goethe Handbuch. Bd. 3, Ulm 1997, S. 363.

Material 3

Goethe und Chiller (2016)

Tim Oliver Feicke

Karikatur: Denkmal mit zwei historischen Statuen, davor zwei Jugendliche in Streetwear mit Handy und Getränk, Überschrift 'Deutschland im Wandel'Karikatur: Denkmal mit zwei historischen Statuen, davor zwei Jugendliche in Streetwear mit Handy und Getränk, Überschrift 'Deutschland im Wandel'

Tim Oliver Feicke (geb. 1970) ist Cartoonist.

Quelle: Feicke, Tim Oliver:Goethe und Chiller (2016) (Zugriff: 13.02.2024)

Material 4

Das Göttliche (1783)

Johann Wolfgang von Goethe

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Edel sei der Mensch,
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Hilfreich und gut!
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Denn das allein
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Unterscheidet ihn
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Von allen Wesen,
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Die wir kennen.
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Heil den unbekannten
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Höhern Wesen,
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Die wir ahnen!
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Ihnen gleiche der Mensch!
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Sein Beispiel lehr’ uns
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Jene glauben.
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Denn unfühlend
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Ist die Natur:
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Es leuchtet die Sonne
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Über Bös’ und Gute,
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Und dem Verbrecher
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Glänzen, wie dem Besten
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Der Mond und die Sterne.
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Wind und Ströme,
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Donner und Hagel
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Rauschen ihren Weg
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Und ergreifen
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Vorüber eilend
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Einen um den andern.
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Auch so das Glück
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Tappt unter die Menge,
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Faßt bald des Knaben
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Lockige Unschuld,
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Bald auch den kahlen
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Schuldigen Scheitel.
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Nach ewigen, ehrnen,
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Großen Gesetzen
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Müssen wir alle
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Unseres Daseins
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Kreise vollenden.
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Nur allein der Mensch
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Vermag das Unmögliche:
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Er unterscheidet,
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Wählet und richtet;
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Er kann dem Augenblick
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Dauer verleihen.
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Er allein darf
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Den Guten lohnen,
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Den Bösen strafen,
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Heilen und retten,
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Alles Irrende, Schweifende
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Nützlich verbinden.
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Und wir verehren
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Die Unsterblichen,
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Als wären sie Menschen,
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Täten im Großen,
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Was der Beste im Kleinen
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Tut oder möchte.
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Der edle Mensch
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Sei hilfreich und gut!
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Unermüdet schaff’ er
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Das Nützliche, Rechte,
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Sei uns ein Vorbild
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Jener geahneten Wesen!

Quelle: Goethe, Johann Wolfgang von:Das Göttliche. In: Fingerhut, Margret; Schurf, Bernd (Hrsg.):Texte, Themen und Strukturen. Berlin 2009, S. 259.

Material 5

Lenz (1839)

Georg Büchner

1
[…] Über Tisch war Lenz wieder in guter Stimmung, man sprach von Literatur, er war auf
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seinem Gebiete; die idealistische Periode fing damals an, Kaufmann war ein Anhänger davon,
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Lenz widersprach heftig. Er sagte: Die Dichter, von denen man sage, sie geben die
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Wirklichkeit, hätten auch keine Ahnung davon, doch seien sie immer noch erträglicher, als die,
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welche die Wirklichkeit verklären wollten. Er sagte: Der liebe Gott hat die Welt wohl gemacht
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wie sie sein soll, und wir können wohl nicht was Besseres klecksen, unser einziges Bestreben
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soll sein, ihm ein wenig nachzuschaffen. Ich verlange in allem Leben, Möglichkeit des Daseins,
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und dann ist`s gut; wir haben dann nicht zu fragen, ob es schön, ob es häßlich ist, das Gefühl,
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daß was geschaffen sei, Leben habe, stehe über diesen beiden, und sei das einzige Kriterium
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in Kunstsachen. Übrigens begegne es uns nur selten, in Shakespeare finden wir es und in den
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Volksliedern tönt es einem ganz, in Göthe manchmal entgegen. Alles übrige kann man ins
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Feuer werfen. Die Leute können auch keinen Hundsstall zeichnen. Da wolle man idealistische
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Gestalten, aber alles, was ich davon gesehen, sind Holzpuppen. Dieser Idealismus ist die
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schmählichste Verachtung der menschlichen Natur. Man versuche es einmal und senke sich
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in das Leben des Geringsten und gebe es wieder, in den Zuckungen, den Andeutungen, dem
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ganzen feinen, kaum bemerkten Mienenspiel […].

Quelle: Büchner, Georg:Lenz. Stuttgart 2009, S. 13–16.

Material 6

Die Klassik: Literatur der Stille und Harmonie (o. J.)

literaturtipps.de

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[…] Davon ist in unserer Zeit der Individualisierung kaum noch etwas übrig geblieben. Jeder
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ist sich selbst der Nächste. Kunst erfüllt immer einen Zweck: Sie soll ihrem Schöpfer dazu
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dienen, sich zu profilieren, seine subjektive Weltsicht hinaus tragen, provozieren, Geld
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einbringen, für Ärger und Diskussion sorgen. Man denke nur an die zahllosen
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Offenbarungsbücher, Autobiografien und Selbstreflektionen, die jedes Jahr auf den Buchmarkt
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strömen. Das Ich steht immer im Vordergrund: Ich bin anders als ihr; das ist meine Sicht und
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ich trage sie in die Welt. Dadurch entsteht ein unheimlicher Lärm, ein unendliches
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Grundrauschen, in dem einem die Werke der Klassik in der Literatur vorkommen wie stille
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Oasen der Ruhe. Ihre zeitlose Schönheit, ihre Ruhe, ihre Ordnung, ihre innere Harmonie
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wirken wie Balsam in einer Gesellschaft, in der jeder versucht, lauter zu schreien als sein
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Nachbar. Viele Menschen, die zu Klassikern der Weltliteratur greifen, suchen nach genau
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dieser Ruhe, wollen etwas Wahres hören, etwas, das Bestand hat über Jahre, Jahrzehnte und
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Jahrhunderte – und nicht mit der nächsten Werbepause vergessen ist. Wir besinnen uns heute
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so auf sie, wie sich die Vertreter der Weimarer Klassik auf die Antike besannen – weil wir uns
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nach der Reinigung, der edlen Ergötzung und Erholung sehnen, die sie versprechen, und die
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heute so selten geworden ist.

Literaturtipps.de ist ein Buchempfehlungsportal.

Quelle: literaturtipps.de: Die Klassik: Literatur der Stille und Harmonie(o. J.) (Zugriff: 12.12.2023)

Die Textwiedergabe folgt den Quellen.

Verstöße gegen die sprachliche Richtigkeit wurden in Fällen korrigiert, in denen dies zur Sicherung der Verständlichkeit notwendig erschien.

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