Aufgabe B – Verfassen argumentierender Texte
Thema
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Literatur um 1800
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Literarische und pragmatische Texte
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Menschenbilder in der Literatur im Zeitalter der Klassik
Aufgabenstellung
Die Kommission zur Erstellung und Bearbeitung von Rahmenlehrplänen im Fach Deutsch muss in regelmäßigen Abständen die Themen und Inhalte für den Unterricht festlegen. Dazu befragt sie dieses Mal auch Schülerinnen und Schüler der Oberstufe. Dein Deutsch-Grundkurs wurde dazu aufgefordert, Beiträge zu erstellen.
Verfasse einen argumentierenden Beitrag zu der Frage, ob bzw. inwiefern es heute noch sinnvoll ist, Menschenbilder der literarischen Epoche der Klassik im Unterricht zu thematisieren.
Nutze dafür die folgenden Materialien (1–6) und beziehe im Unterricht erworbenes Wissen sowie eigene Erfahrungen ein.
Wähle eine geeignete Überschrift.
Verweise auf Materialien erfolgen unter Angabe des Namens des Autors bzw. der Autorin und ggf. des Titels.
Der Beitrag sollte etwa 800 Wörter umfassen.
Material 1
Goethe und Co: Toleranz und die Klassiker (2015)
Stefan Lüddemann
Stefan Lüddemann (geb. 1960) ist Kulturjournalist, Kulturwissenschaftler und Buchautor.
Quelle: Lüddemann, Stefan:Goethe und Co: Toleranz und die Klassiker (2015) (Zugriff: 12.12.2023)
Material 2
Italienische Reise. G.s „Flucht“ nach Italien 1786: Motive und Absichten (1997)
Reiner Wild
Reiner Wild (geb. 1944) ist emeritierter Professor für Neuere deutsche Literaturgeschichte an der Universität Mannheim.
Quelle: Wild, Reiner:Italienische Reise. G.s „Flucht“ nach Italien 1786: Motive und Absichten. In: Witte, Bernd u. a. (Hrsg.):Goethe Handbuch. Bd. 3, Ulm 1997, S. 363.
Material 3
Goethe und Chiller (2016)
Tim Oliver Feicke

Tim Oliver Feicke (geb. 1970) ist Cartoonist.
Quelle: Feicke, Tim Oliver:Goethe und Chiller (2016) (Zugriff: 13.02.2024)
Material 4
Das Göttliche (1783)
Johann Wolfgang von Goethe
Quelle: Goethe, Johann Wolfgang von:Das Göttliche. In: Fingerhut, Margret; Schurf, Bernd (Hrsg.):Texte, Themen und Strukturen. Berlin 2009, S. 259.
Material 5
Lenz (1839)
Georg Büchner
Quelle: Büchner, Georg:Lenz. Stuttgart 2009, S. 13–16.
Material 6
Die Klassik: Literatur der Stille und Harmonie (o. J.)
literaturtipps.de
Literaturtipps.de ist ein Buchempfehlungsportal.
Quelle: literaturtipps.de: Die Klassik: Literatur der Stille und Harmonie(o. J.) (Zugriff: 12.12.2023)
Die Textwiedergabe folgt den Quellen.
Verstöße gegen die sprachliche Richtigkeit wurden in Fällen korrigiert, in denen dies zur Sicherung der Verständlichkeit notwendig erschien.
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Dem Text und seiner Intention entsprechende Überschrift, z. B. Humanität im Klassenzimmer? Zur Bedeutung klassischer Menschenbilder im heutigen Unterricht oder Stille Ideale in lauten Zeiten – Was die Klassik heute lehren kann
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Textsortenspezifischer, die Leserschaft gewinnender Einstieg, etwa:
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Die Literatur der Klassik um 1800 gilt für viele Schülerinnen und Schüler als harmonisch, idealisierend und weit entfernt von modernen Lebensrealitäten.
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Dennoch stellt sich die Frage, ob gerade die Menschenbilder dieser Epoche wichtige Orientierungsangebote für die Gegenwart bereithalten.
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Die Klassik formuliert ein Ideal des Menschen, das auf Humanität, Vernunft und moralischer Verantwortung beruht, wie es etwa bei Johann Wolfgang von Goethe sichtbar wird.
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Vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher Spannungen ist zu prüfen, ob diese Vorstellungen heute noch sinnvoll im Unterricht thematisiert werden können – oder ob sie eher kritisch gebrochen werden müssen.
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Hauptteil
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Position durch Bezugnahme auf die Materialien und domänenspezifische Wissensbestände – auch anhand von Beispielen – begründet darstellen, etwa:
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Gründe für das Thematisieren von Menschenbildern der literarischen Epoche der Klassik im Unterricht:
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Klassik als beispielgebende Epoche für wichtige Werte und Normen: Toleranz als aus der Klassik stammende zentrale Grundhaltung und Richtlinie im zwischenmenschlichen Umgang; Toleranz als Katalysator für ein friedliches und respektvolles Miteinander in modernen, heterogenen Gesellschaftssystemen mit unterschiedlichen Werten und Normen (M1)
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literarische Epoche der Klassik und damit auch ihre Menschenbilder als zeitloser Ankerpunkt deutscher Kultur und Identität sowie Kritik an zunehmendem und gesellschaftsstörendem egozentrischem Individualismus (M6)
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Auseinandersetzung mit historischen Texten der klassischen Literaturepoche als Chance, gesellschaftlich relevante Werte und Herausforderungen in ihrem Entstehungszusammenhang kennenzulernen und in heutiger Zeit zu prüfen (M1, M2, M6)
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überzeitliche Exemplarität der Bemühungen in der Klassik um Natürlichkeit, d.h. das rechte Maß und eine dem Menschen angemessene Proportion in seinem (Konsum-)Verhalten (M2, M6)
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Entwicklung von Maßstäben humanen Handelns und moralischer Grundsätze in der Klassik, die bis heute nicht an Bedeutsamkeit verloren haben und deren Grundlagen am wirksamsten an Originaltexten zu studieren sind: Altruismus und Empathie als in der Klassik mustergültig in der Literatur formulierte, nach wie vor aktuelle Verhaltensmaßstäbe (M4)
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Anerkennung der Zeitlosigkeit von humanen Werken aus der literarischen Epoche der Klassik als Rückzugsort mit kathartischer Wirkung (M2, M6)
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Betonung der Authentizität von Werken aus der literarischen Epoche der Klassik im Vergleich zu vielen aktuellen literarischen Werken mit starkem Selbstbezug ihrer Autoren und Autorinnen, seichten Inhalten und häufig kommerziellem Zweck (M6)
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Gründe gegen das Thematisieren von Menschenbildern der literarischen Epoche der Klassik im Unterricht:
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vergebliche Bemühungen um Aspekte der humanen Kunst aus der Klassik aufgrund moderner politischer und ökologischer Herausforderungen (M2)
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erschwerte Zugänglichkeit komplexer klassischer Texte (M4) im Vergleich zur Populär- und Trivialliteratur (M3)
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klassisches Menschenbild als nicht an Realität gemessener, damit vermessener, nicht einlösbarer Anspruch an Verhaltensideale (M5), keine Berücksichtigung von sozioökonomischen Abhängigkeiten der Individuen
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Realismus vs. Idealismus: Klassik als Entfremdung/Verfälschung heutiger Lebenswirklichkeit und brennender gesellschaftlicher Probleme (M3, M5)
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mangelnde Vergleichbarkeit der Komplexität der Konflikte in heutigen globaleren, diverseren und gleichberechtigten Gesellschaftsformen und der einer damaligen patriarchalischen, elitären bzw. autoritären Gesellschaftsform (M2, M3)
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Domänenspezifisches Wissen für die Argumentation, z. B.:
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(literatur-)historische Kenntnisse zu epochenspezifischem Kontext der Aufklärung und vor allem der Klassik sowie ihren Menschenbildern
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Aufklärung und Klassik gehen von einem grundsätzlich vernunftbegabten und moralisch entwicklungsfähigen Menschen aus. Während die Aufklärung vor allem die Befreiung aus Unmündigkeit durch rationales Denken betont, formuliert die Klassik ein Ideal der harmonischen Persönlichkeitsbildung, in der Vernunft, Gefühl und sittliche Verantwortung zusammenwirken.
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In der Weimarer Klassik wird der Mensch nicht nur als individuelles Wesen verstanden, sondern als Teil eines allgemeingültigen Humanitätsideals, das Maß, Ausgleich und Selbstbeherrschung fordert; exemplarisch in Goethes Gedicht Das Göttliche, in dem der Mensch als einziges Wesen dargestellt wird, das moralisch urteilen und verantwortlich handeln kann
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Der historische Kontext – politische Umbrüche, Französische Revolution, gesellschaftliche Verunsicherung – erklärt, warum die Klassik bewusst Ordnung, Maß und Humanität als Gegenentwurf zu Extremismus und Gewalt entwirft; ähnliche Krisenerfahrungen, wie sie auch die Gegenwart prägen
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ggf. (semesterübergreifend) im Vergleich Problemsicht auf die Epochen Frührealismus bis Naturalismus
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Während die Klassik den Menschen idealtypisch denkt, rücken Frührealismus und Realismus den alltäglichen, sozial eingebundenen Menschen in den Mittelpunkt. Literatur soll nun Wirklichkeit abbilden, nicht erziehen oder idealisieren, sondern verständlich machen.
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Radikalisierung im Naturalismus: Der Mensch erscheint zunehmend als Produkt von Milieu, Vererbung und sozialen Zwängen, wodurch individuelle Freiheit und moralische Autonomie stark relativiert werden.
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Georg Büchners Text Lenz als Wendepunkt: Büchner kritisiert ausdrücklich den idealisierenden Klassizismus und fordert eine Darstellung des Menschen „in seiner Wirklichkeit“, auch in Leid, Krankheit und sozialer Abhängigkeit. Der Kontrast zur Klassik kann im Unterricht produktiv genutzt werden, um unterschiedliche Menschenbilder kritisch zu vergleichen.
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Kenntnisse über Autoren und ihre Werke aus der literarischen Epoche der Klassik
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Johann Wolfgang von Goethe verkörpert das klassische Menschenbild besonders deutlich: In Gedichten wie Das Göttliche oder in Dramen wie Iphigenie auf Tauris wird der Mensch als sittlich verantwortliches Wesen dargestellt, das durch Selbstdisziplin und Humanität zur moralischen Reife gelangt.
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Friedrich Schiller ergänzt dieses Ideal um eine philosophische Dimension, etwa in seinen Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen, in denen Kunst als Mittel zur Versöhnung von Trieb und Vernunft erscheint.
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Auch Autoren wie Gotthold Ephraim Lessing bereiten dieses Menschenbild vor, indem sie Toleranz, religiöse Offenheit und Vernunft als Grundwerte formulieren, etwa in Nathan der Weise. Diese Werke bieten bis heute Anknüpfungspunkte für ethische Fragestellungen.
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Verweis auf heutige moderne Adaptionen klassischer Werke in den Bereichen Musik, Film, Literatur und Kunst
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Klassische Stoffe werden bis heute neu interpretiert, etwa in Filmadaptionen von Goethes Faust, die moderne Themen wie Macht, Wissenschaftsgläubigkeit oder moralische Grenzüberschreitung aufgreifen und damit klassische Menschenbilder aktualisieren.
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In der Popkultur und Musik finden sich bewusste Brechungen klassischer Figuren, etwa ironische oder kritische Bezüge auf Goethe und Schiller, wie auch die Karikatur Goethe und Chiller von Tim Oliver Feicke.
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Auch in der zeitgenössischen Literatur dienen klassische Ideale häufig als Kontrastfolie, an der moderne Identitätskrisen, Individualismus oder gesellschaftliche Zerrissenheit sichtbar gemacht werden. Dadurch wird deutlich, dass klassische Menschenbilder nicht museal sind, sondern produktiv hinterfragt und weitergedacht werden können.
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Fazit
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eher zustimmend: klassische Verhaltensmaßstäbe wie Toleranz und Altruismus als zeitlose und dauerhafte Parameter für die Identitätsbildung sowie die Bewältigung aktueller Problemlagen, damit gerechtfertigte Behandlung der Menschenbilder im Unterricht inkl. ihrer Vermittlung durch zeitgenössische, an die Klassik anknüpfende Literatur
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eher ablehnend: kein/kaum vitaler Bezug zu heutigen Menschenbildern und gesellschaftlichen Herausforderungen
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abwägend: einerseits Rechtfertigung einer Thematisierung als allgemeingültig erachteter Menschenbilder aus der literarischen Epoche der Klassik durch mögliche unterrichtliche Einblicke in historische Zusammenhänge und Herleitungen heutiger Ideale und Werte, andererseits Zurückweisung einer Thematisierung durch einen zu komplizierten und wenig relevanten Einstieg in eine zu aufwändige Auseinandersetzung mit klassischer Literatur angesichts wichtigerer Fragestellungen
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ggf. ausweitend: klassische Literatur mit ihren (scheinbar überholten) Inhalten und Formen als wohltuender Kontrast zu heutigen Literaturempfehlungen und Lesegewohnheiten