Aufgabe C – Textinterpretation
Thema
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Literatur im 19. Jahrhundert
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Literarische und pragmatische Texte
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Vom Frührealismus bis zum Naturalismus
Lektüre: Georg Büchner:Woyzeck (1836/37)
Aufgabenstellung
Interpretiere die vorliegenden Szenen aus BüchnersWoyzeck. Berücksichtige dabei insbesondere die Konzeption der Figur Marie.
Material
Woyzeck (1836/37)
Georg Büchner
Quelle: Büchner, Georg: Woyzeck. In: Mayer, Hans: Georg Büchner, Woyzeck. Dichtung und Wirklichkeit. Frankfurt am Main 1963, S. 12, 14, 21 f.
Die hier vorliegenden Szenen folgen im Werk nicht direkt aufeinander.
Der im Unterricht verwendeten Werkausgabe des Dramenfragments liegen unterschiedliche Textfassungen des Autors zugrunde. Ggf. weichen die vorliegenden Textauszüge deshalb von der im Unterricht verwendeten Werkausgabe ab.
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Der Klarheit wegen sind die zu interpretierenden Szenen im EWH durchnummeriert, was weder der angegebenen noch einer der zahlreichen anderen Ausgaben entspricht, für die Orientierung der Lehrkräfte aber sinnvoll erscheint.
Einstieg
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Auszug aus dem DramaWoyzeck (1836/37) von Georg Büchner
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Begegnungen der Figur Marie mit Nachbarin, Tambourmajor, Partner Woyzeck, ihr Verhalten zwischen Begehren und Treue, Verrat und Reue, Lebenslust und Verantwortung
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Maries Bewusstsein ihrer nicht änderbaren, prekären Lebenssituation, Ansätze ihres Aufbegehrens, ihrer fatalistischen Grundhaltung
Hauptteil
Aufbau und Inhalt der Dramenauszüge, etwa:
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Reihenfolge der Szenen: ungeachtet des fragmentarischen Dramas Abbildung der schrittweisen Abkehr Maries von Woyzeck/sich einlassen auf den/Hinwendung zum Tambourmajor
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1. Szene Stadt: Maries sukzessiv aufgeführte Begegnung mit Margret (Z. 1–14), Hinwendung zum Kind (Z. 15–22), Begegnung mit Woyzeck (Z. 23–38), ihr Sozialverhalten zwischen Keckheit gegenüber der neugierigen Nachbarin und Sorge um Mann und Kind
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2. Szene Mariens Kammer: Maries Monolog vor Spiegelsplitter (Z. 40–53), abgebrochen durch Begegnung mit Woyzeck (Z. 54–66), Spannung zwischen Freude über/Stolz auf ihre Attraktivität und erotische Ausstrahlung bei Bewusstsein ihrer niedrigen sozialen Stellung im Monolog, Lüge über die Herkunft des Schmucks, damit sich anbahnende Untreue, abschließend Reue in der Auseinandersetzung mit Woyzeck
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3. Szene Mariens Kammer: Maries Begehren und Verführbarkeit, Spiel zwischen Dominanz und Unterwerfung in Begegnung mit Tambourmajor (Z. 69–83)
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4. Szene Mariens Kammer: Maries Monolog bei Bibellektüre mit kurzer Unterbrechung durch Hinwendung zum Narren, Wechsel zwischen Bibelzitaten und Reflexion des eigenen schuldhaften Verhaltens, Bitte um Vergebung (Z. 84–98)
Sprachliche und formale Gestaltung der Dramenauszüge funktional, z. B.:
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Maries Beziehung zu Gesprächspartnern unterstrichen durch jeweils spezifischen Stil und besondere Lexik:
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Abwehr der Vorwürfe Margrets durch elliptisch höhnende Floskel („Und Wenn!“, Z. 11), geschickte Weiterführung der Augenmetapher als Beleidigung der Nachbarin (vgl. Z. 11 f.), offene Beschimpfung („Luder!“, Z. 15) zur Abwertung
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freundliche Einladung durch vertrauliche Anrede Woyzecks (vgl. Z. 24), Dankbarkeit für seine Unterstützung („Gott vergeltʼs, Franz“, Z. 65), sensibles, aber auch distanziertes Eingehen auf Woyzecks Visionen durch Fragen nach seinem Befinden (vgl. Z. 28), wiederholtes elliptisches Zurechtweisen durch eindringlicher werdende Ansprache, um ihn in die Realität zurückzuholen, auch als Vorwurf gegen seine Visionen (vgl. Z. 36 f.), schnippische Abwehr („Nix“, Z. 56) und Beharren auf offensichtlicher Lüge durch Ablenkung und rhetorische Grundsatzfrage („Bin ich ein Mensch?“, Z. 60), auch um Macht über den Partner zu demonstrieren
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selbstbewusstes Auftreten gegenüber dem Tambourmajor, z. B. durch häufige Imperative (vgl. Z. 72 f., Z. 79, Z. 81), dadurch Steuerung seines Verhaltens und Zeichen ihrer aktiven Rolle im Annäherungsprozess, Nachgiebigkeit und Eingeständnis moralischer Schwäche durch verkürztes, andeutendes Sprechen in Ellipse und Redensart („Meinetwegen! Es ist alles eins!“, Z. 83)
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Umgangssprache (z. B. „Was die Leut wolle“, Z. 15), häufige Verknappung durch Ellipsen (z. B. „Wer da?“, Z. 24) und dialektale Wortverkürzungen (z. B. „mit deim unehrliche Gesicht“, Z. 16), lautmalerische Kindersprache (vgl. Z. 16, Z. 21) zur Dokumentation realitätsabbildender, häufig emotionaler Mündlichkeit, auch Bildungsferne der Sprechenden
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Augenmetapher (Z. 8, Z. 10 ff.) und Redensarten („Sie guckt sieben paar Paar lederne Hosen durch“, Z. 14, auch Z. 76, Z. 83) als deutlicher, aber durch die Bildlichkeit diskursfähiger Hinweis auf sexuelle Begierde in Kontrast zur Blicklosigkeit („Er hat sein Kind nicht angesehn“, Z. 36) und Finsternis („Es wird so dunkel, man meint, man wär blind. Sonst scheint doch als die Latern herein“, Z. 37 f.) nach Maries Begegnung mit Woyzeck als Indikator der Hoffnungslosigkeit ihrer Beziehung zu ihm
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Spiegelmotiv als Anspruch an weibliche/erotische Gleichberechtigung trotz Ständegesellschaft („Unsereins hat nur ein Eckchen in der Welt und ein Stück Spiegel, und doch hab ich einʼ so roten Mund als die großen Madamen mit ihren Spiegeln von oben bis unten“, Z. 48 ff.), Spiegelscherbe als Zeichen für Armut in Kontrast zu großen Spiegeln der Adligen (s. o.), Spiegelscherbe als Bedrohung fürs Kind, damit Anknüpfung an Augenmetapher durch Gefahr („Die Auge zu, oder es sieht dir hinein, daß du blind wirst!“, Z. 52 f.)
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Metaphern (vgl. Z. 11 f., „Wild Tier!“, Z. 80, „Zucht Tambourmajors“, Z. 77 f., auch Z. 93) und Vergleiche (vgl. Z. 5, Z. 6, Z. 37 f.) zur Veranschaulichung/Verstärkung emotionaler Betroffenheit, in Bezug auf den Tambourmajor auch zur Auffassung/Empfindung von Sexualität als gewaltsam und vulgär
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unzusammenhängende, augenscheinlich sinnlose Zitierung von Märchenelementen des Narren als Parallele und Vorankündigung zu Maries fruchtloser, da trostloser Bibellektüre (vgl. Z. 87 f.) und als Zeichen kulturellen Außenseitertums beider Figuren
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Maries Gebet in inständiger Ansprache („Herrgott! Herrgott!“, Z. 91), bittenden Imperativen und Wunschäußerungen (vgl. Z. 88, Z. 91 f., Z. 99) sowie Selbstbeschreibungen („Ich kann nicht!“, Z. 91, „Das Kind gibt mir einen Stich ins Herz“, Z. 92) als herkömmliche Gebetselemente sowie Ausdruck ihrer Schwäche und ihres Bedürfnisses nach Schutz
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sprachliche Indizes gesellschaftlicher Ausgrenzung von Juden und Sinti/Roma (vgl. Z. 11, Z. 45, Z. 47) als Zeichen unreflektierten Antisemitismus‘ und Antiziganismus‘ im 19. Jahrhundert sowie Hinweis auf Maries unreflektierte Übernahme eines tief im damaligen Denken/in der damaligen Sprache verwurzelten ausgrenzenden Denkens, etwa zur spöttischen Abwehr von Margrets skandalheischenden Blicken (vgl. Z. 11 f.)
Handlungsmotive und Gesprächsverhalten der Figuren, insbesondere Maries:
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Maries selbstbewusste Haltung in schlagfertiger Reaktion (vgl. Z. 11 f.) auf die Vorwürfe unmoralischen Verhaltens seitens der Nachbarin (vgl. Z. 8, Z. 10)
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in Maries Monolog Schwanken zwischen Reflexion („Ich bin nur ein arm Weibsbild!“, Z. 51, auch Z. 67 f.) und untergründig drohender, erzieherischer Ansprache des Kindes (z. B. „Schlaf, Bub! Drück die Augen zu, fest! […] still, oder er holt dich“, Z. 42 f.)
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Maries Schwanken je nach Gesprächssituation zwischen Fatalismus („Ach, was Welt! Geht doch alles zum Teufel, Mann und Weib!“, Z. 68), Selbstgerechtigkeit, Anklage und Eitelkeit sowie Mitleid, schlechtem Gewissen und Reue („Ich bin doch ein schlechter Mensch! Ich könntʼ mich erstechen“, Z. 67) als Ausdruck eines rechtlosen Menschen zwischen Lebenslust und Pflichten, deren Einhaltung nicht zu größerer Lebensqualität führt
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Maries unvermittelter Gesang, um eigene Sprachlosigkeit zu überbrücken, z. B. in der Liedzeile als Antwort auf Margret, um deren Anschuldigung mit selbstbewusstem Beharren auf unkonventionellen Wünschen abzuwehren (vgl. Z. 9), als Ausdruck ihres Wissens um ihre prekäre Situation („Mädel […] / Hast ein klein Kind und keinʼ Mann / […] Gibt mir kein Mensch nix dazu“, Z. 17 ff.) und Selbstbeschreibung ihrer Situation willigen Verführtwerdens außerhalb des kulturell Gebilligten, eventuell ihrer Gefährdung („Führt dich an deiner Hand / Fort ins Zigeunerland“, Z. 46 f.)
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Maries Einsatz magischen Denkens zur Kindererziehung (vgl. Z. 43, Z. 52 f.), insgesamt wenig reflektierte, uneindeutige Reaktion
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Maries Selbstgespräch und Gebet als dialogische Reaktion auf laut rezitierte Kernstellen der im Neuen Testament verhandelten Vergebung der Verfehlungen einer Ehebrecherin
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als Hinweis auf ihre gesellschaftliche Isolation, ihr Schuldbewusstsein („ich möchte dir die Füße salben!“, Z. 98), auf die Fähigkeit, ihren Regelbruch zu sehen, ohne ihn korrigieren zu können („Herrgott! Herrgott! Ich kann nicht!“, Z. 91), auf ihre Ehrlichkeit angesichts ihrer eigenen Unzulänglichkeit im Gebet, dabei ihre Ahnung eines Unglücks („Alles tot!“, Z. 97)
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als Wunsch nach Schutz vor gesellschaftlicher Ächtung im erbetenen Verständnis der moralischen Instanz Religion für ihr Verhalten durch Parallelstellung ihrer Situation mit der der Figur im Neuen Testament („Jesus aber sprach: So verdamme ich dich auch nicht“, Z. 89 f.) und insgesamt als Möglichkeit, ohne Gesprächspartner oder Gesprächspartnerin eine angemessene Sprache/ein angemessenes Verhalten in ihrer Not zu finden (vgl. Z. 87 ff.)
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Maries ambivalente Haltung im Flirt mit dem Tambourmajor zwischen einerseits aktiv werbendem („Über die Brust wie ein Rind und ein Bart wie ein Löw. So ist keiner! – Ich bin stolz vor allen Weibern!“, Z. 72 f.) und begehrendem („Rühr mich an!“, Z. 81), andererseits zweifelndem („Laß mich!“, Z. 79) und nur zögernd nachgebendem Part (vgl. Z. 83)
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Maries ambivalente Haltung ihrem Partner Woyzeck gegenüber, ihn belügend (vgl. Z. 58) und hintergehend (vgl. Z. 81 ff.), dann Lüge und Treuebruch bitter bereuend (vgl. Z. 88 ff.), allerdings auch die Reue relativierend (vgl. Z. 68)
Schluss
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Ambivalenz der Figur zwischen vitaler Lebenslust einerseits und andererseits Trauer über nicht einlös- und lebbare Ideale der Treue, der Kontinuität und der Verlässlichkeit
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Ambivalenz der Figur in ihrer nachgiebigen, aber auch zögernden Reaktion auf das Werben des Tambourmajors durch ihr Verhalten zwischen aktiver und passiver Rolle, zwischen Herausforderung und Unterwerfung
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soziale Isolierung der Figur durch Abkehr vom weiblichen, in christlicher Moral gründenden Wohlverhalten
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mögliche Bewertung der Figur als schwach: eitel, lüstern, lässt sich schmeicheln, wird dem Partner untreu, obwohl er sie durch zusätzliche Arbeit unterhält, psychisch krank erscheint und sie ein gemeinsames Kind haben, gleichzeitig selbst empfundene Schwäche durch letztendliches Nachgeben gegenüber dem Werben des Tambourmajors, Wissen um ihr unmoralisches Handeln ohne Kraft zu Konsequenz für eigene Entscheidungen
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mögliche Bewertung der Figur als stark: analytische Klarheit über eigene Lebenssituation, eingestandener Wunsch/klar artikuliertes Bedürfnis nach Erotik, Bekenntnis zu eigener Leidenschaftlichkeit, gelungene Abwehr von gesellschaftlicher Kontrolle/Fremdwahrnehmung durch Nachbarin, gleichzeitig traditionelle Sorge um Mann und Kind; Stärke in Trotz und Aufbegehren, in Erfahrung ihrer Attraktivität
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Einbezug von domänenspezifischem Wissen aus dem Unterricht (historisch, literaturhistorisch, biografisch)