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Inhaltsverzeichnis

Aufgabe C – Textinterpretation

Thema

  • Literatur im 19. Jahrhundert

  • Literarische und pragmatische Texte

  • Vom Frührealismus bis zum Naturalismus

Lektüre: Georg Büchner:Woyzeck (1836/37)

Aufgabenstellung

Interpretiere die vorliegenden Szenen aus BüchnersWoyzeck. Berücksichtige dabei insbesondere die Konzeption der Figur Marie.

Material

Woyzeck (1836/37)

Georg Büchner

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DIE STADT
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Marie mit ihrem Kind am Fenster. Margret.
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Der Zapfenstreich geht vorbei, der Tambourmajor voran.
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Marie. das Kind wippend auf dem Arm. He, Bub! Sa ra ra ra! Hörst? Da kommen sie!
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Margret. Was ein Mann, wie ein Baum!
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Marie. Er steht auf seinen Füßen wie ein Löw.
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Tambourmajor grüßt.
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Margret. Ei, was freundliche Auge, Frau Nachbarin! So was is man an ihr nit gewöhnt.
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Marie singt. Soldaten, das sind schöne Bursch
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Margret. Ihre Auge glänze ja noch –
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Marie. Und wenn! Trag sie Ihre Auge zum Jud, und laß Sie sie putze; vielleicht glänze sie
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noch, daß man sie für zwei Knöpf verkaufe könnt.
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Margret. Was, Sie? Sie? Frau Jungfer! Ich bin eine honette Person, aber Sie, es weiß jeder,
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Sie guckt sieben Paar lederne Hose durch!
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Marie. Luder! Schlägt das Fenster durch. Komm, mei Bub! Was die Leut wolle. Bist doch
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nur ein arm Hurenkind und machst deiner Mutter Freud mit deim unehrliche Gesicht! Sa! sa!
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Singt: Mädel, was fangst du jetzt an?
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Hast ein klein Kind und kein' Mann!
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Ei, was frag ich danach?
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Sing ich die ganze Nacht
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Heio, popeio, mei Bu, juchhe!
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Gibt mir kein Mensch nix dazu.
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Es klopft am Fenster.
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Marie. Wer da? Bist du's, Franz? Komm herein!
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Woyzeck. Kann nit. Muß zum Verles'.
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Marie. Hast du Stecken geschnitten für den Hauptmann?
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Woyzeck. Ja, Marie.
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Marie. Was hast du, Franz? Du siehst so verstört.
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Woyzeck geheimnisvoll. Marie, es war wieder was, viel – steht nicht geschrieben: Und sieh,
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da ging ein Rauch vom Land, wie der Rauch vom Ofen?
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Marie. Mann!
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Woyzeck. Es ist hinter mir hergangen bis vor die Stadt. Etwas, was wir nicht fassen,
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begreifen, was uns von Sinnen bringt. Was soll das werden?
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Marie. Franz!
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Woyzeck. Ich muß fort. - Heut abend auf die Meß! Ich hab wieder was gespart. Er geht.
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Marie. Der Mann! So vergeistert. Er hat sein Kind nicht angesehn! Er schnappt noch über mit
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den Gedanken! - Was bist so still, Bub? Furchtst Dich? Es wird so dunkel; man meint, man
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wär blind. Sonst scheint als die Latern herein. Ich halt's nit aus; es schauert mich! Geht ab.
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MARIENS KAMMER
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Marie sitzt, ihr Kind auf dem Schoß, ein Stückchen Spiegel in der Hand. Der andre hat ihm
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befohlen, und er hat gehen müssen! – Bespiegelt sich: Was die Steine glänzen! Was
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sind's für? was hat er gesagt? – – Schlaf, Bub! Drück die Augen zu, fest! Das Kind
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versteckt die Augen hinter den Händen. Noch fester! Bleib so – still, oder er holt dich!
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Singt: Mädel, mach's Ladel zu,
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's kommt e Zigeunerbu,
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Führt dich an deiner Hand
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Fort ins Zigeunerland.
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Spiegelt sich wieder. 's ist gewiß Gold! Wie wird mir's beim Tanz stehen? Unsereins hat nur
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ein Eckchen in der Welt und ein Stückchen Spiegel, und doch hab ich ein' so roten Mund als
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die großen Madamen mit ihren Spiegeln von oben bis unten und ihren schönen Herrn, die
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ihnen die Händ küssen. Ich bin nur ein arm Weibsbild! – Das Kind richtet sich auf: Still, Bub,
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die Augen zu! Das Schlafengelchen! wie's an der Wand läuft sie blinkt mit dem Glas: Die
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Auge zu, oder es sieht dir hinein, daß du blind wirst!
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Woyzeck tritt herein, hinter sie. Sie fährt auf, mit den Händen nach den Ohren.
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Woyzeck. Was hast du?
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Marie. Nix.
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Woyzeck. Unter deinen Fingern glänzt's ja.
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Marie. Ein Ohrringlein; hab's gefunden.
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Woyzeck. Ich hab' so noch nix gefunden, zwei auf einmal!
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Marie. Bin ich ein Mensch?
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Woyzeck. 's is gut, Marie. – Was der Bub schläft! Greif ihm unters Ärmchen, der Stuhl drückt
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ihn. Die hellen Tropfen stehn ihm auf der Stirn; alles Arbeit unter der Sonn, sogar
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Schweiß im Schlaf. Wir arme Leut! – Da ist wieder Geld, Marie; die Löhnung und was
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von meim Hauptmann.
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Marie. Gott vergelts, Franz.
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Woyzeck. Ich muß fort. Heut abend, Marie! Adies!
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Marie allein, nach einer Pause. Ich bin doch ein schlecht Mensch! Ich könnt mich erstechen.
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– Ach! was Welt! Geht doch alles zum Teufel, Mann und Weib!
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MARIENS KAMMER
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Marie. Tambourmajor.
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Tambourmajor. Marie!
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Marie ihn ansehend, mit Ausdruck. Geh einmal vor dich hin! – Über die Brust wie ein Rind
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und ein Bart wie ein Löw. So ist keiner! – Ich bin stolz vor allen Weibern!
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Tambourmajor. Wenn ich am Sonntag erst den großen Federbusch hab und die weiße
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Handschuh, Donnerwetter! Der Prinz sagt immer: Mensch, Er ist ein Kerl!
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Marie spöttisch. Ach was! – Tritt vor ihn hin: Mann!
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Tambourmajor. Und du bist auch ein Weibsbild! Sapperment, wir wollen eine Zucht von
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Tambourmajors anlegen. He? Er umfaßt sie.
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Marie verstimmt. Laß mich!
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Tambourmajor. Wild Tier!
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Marie heftig. Rühr mich an!
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Tambourmajor. Sieht dir der Teufel aus den Augen?
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Marie. Meinetwegen! Es ist alles eins!
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MARIENS KAMMER
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Narr liegt und erzählt sich Märchen an den Fingern. Der hat die goldne Kron, der Herr König
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... Morgen hol ich der Frau Königin ihr Kind ... Blutwurst sagt: komm, Leberwurst...
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Marie blättert in der Bibel. „Und ist kein Betrug in seinem Munde erfunden"... Herrgott,
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Herrgott! Sieh mich nicht an! Blättert weiter: „Aber die Pharisäer brachten ein Weib zu
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ihm, im Ehebruch begriffen, und stelleten sie ins Mittel dar ... Jesus aber sprach: So
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verdamme ich dich auch nicht. Geh hin und sündige hinfort nicht mehr!“ Schlägt die
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Hände zusammen: Herrgott! Herrgott! Ich kann nicht! – Herrgott, gib mir nur so viel, daß
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ich beten kann. Das Kind drängt sich an sie. Das Kind gibt mir einen Stich ins Herz.–
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Zum Narr: Karl! Das brüst‘ sich in der Sonne! Narr nimmt das Kind und wird still. Der
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Franz ist nit gekommen, gestern nit, heut nit. Es wird heiß hier! Sie macht das Fenster
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auf und liest wieder: „Und trat hinten zu seinen Füßen und weinete, und fing an, seine
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Füße zu netzen mit Tränen und mit den Haaren ihres Hauptes zu trocknen, und küssete
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seine Füße und salbete sie mit Salbe...“ Schlägt sich auf die Brust: Alles tot! Heiland!
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Heiland! ich möchte dir die Füße salben! –

Quelle: Büchner, Georg: Woyzeck. In: Mayer, Hans: Georg Büchner, Woyzeck. Dichtung und Wirklichkeit. Frankfurt am Main 1963, S. 12, 14, 21 f.

Die hier vorliegenden Szenen folgen im Werk nicht direkt aufeinander.

Der im Unterricht verwendeten Werkausgabe des Dramenfragments liegen unterschiedliche Textfassungen des Autors zugrunde. Ggf. weichen die vorliegenden Textauszüge deshalb von der im Unterricht verwendeten Werkausgabe ab.

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