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Thema 1

Interpretation eines literarischen Textes

Thema

Dörte Hansen (* 1964): Zur See (2022)

Aufgabenstellung

  • Interpretiere den Textauszug und berücksichtige dabei auch ausgewählte

    Elemente der erzählerischen sowie der sprachlich-stilistischen Gestaltung in ihrer Wirkung.

Hinweis:

Es handelt sich um den Anfang eines Romans. Die Kenntnis des Romans sowie Wissen zur

Autorin werden für die Bearbeitung der Aufgabe nicht vorausgesetzt.

Dörte Hansen: Zur See [Auszug]

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Auf einer Inselfähre, irgendwo in Jütland, Friesland oder Zeeland, gibt es einen, der die
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Leinen los- und festmacht, und immer ist er zu dünn angezogen für die Salz- und Eisenkälte
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eines Nordseehafens. Falls er an Herbst- und Wintertagen eine Mütze trägt, bedeckt sie
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keinesfalls die Ohren. Handschuhe trägt er nie. Zwischen seinen steifen Fingern klemmt,
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sobald das Schiff an- oder abgelegt hat, eine Kippe. Sein Haar ist lange nicht geschnitten
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worden, seine Haut von Meerwasser und Alkohol gebeizt, und immer hustet er in seinen
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ungekämmten Bart und spuckt das, was da hochgehustet wird, ins Hafenbecken. Und
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immer sieht die Jacke, die er trägt, so aus, als hätte sie den Ahnen schon gehört.

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Der Mann, der Leinen los- und festmacht, ist nie freundlich zu den Fremden, die vom
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Festland auf die Insel fahren. Mit schroffen Gesten weist er beim Verladen ihre Wagen in die
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Spuren, treibt mit knappen Kopfbewegungen die Fahrradfahrer und die Fußgänger aufs
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Schiff, die sich wie Schafe von ihm scheuchen lassen.

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Der Decksmann friert aus einem Grund, den er wohl selbst nicht kennt. Er tut nur das, was
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schon die Vorbesitzer seiner Jacke taten: das kleine Frieren üben, weil irgendwann das
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große Frieren kommen wird. Der große Sturm, die große Flut oder die eine große Welle.
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Wer dann nicht frieren kann, ist schon verloren.

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Und, ja, auch schwimmen kann der Mann an Deck, auch wenn es von den Seeleuten von
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jeher heißt, sie wollten es nicht lernen. Er hat es früh gelernt, von seiner Mutter.

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Dass Festlandfrauen sich in ihn vergucken, kennt er schon. Dass sie ein bisschen in den
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wilden Bart verliebt sind, in seine alte Seemannsjacke und in den kleinen Ring aus Gold in
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seinem Ohr, das will er doch stark hoffen.

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Für die Dauer einer Überfahrt, für eine Stunde oder zwei, ist er das Standbild eines
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Inselmannes. Steht an Deck, macht Leinen fest und los und lässt die Messingknöpfe mit
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dem Ankermuster glänzen. Übt das Frieren, pfeift ein altes Lied. Und Winde wehn.

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Sein Vater, seine Brüder, seine Onkel frieren jetzt vielleicht auf einem Krabbenkutter, einem
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Frachter, einem Seenotrettungskreuzer, einem Ausflugsdampfer, einer Bohrinsel, und alle
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halten klaglos eine kleine Unterkühlung aus, als müssten sie den Vorfahren Respekt
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bezeugen.

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Sie alle sind die Nachkommen von Männern, die das große Frieren noch beherrschten:
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Grönlandfahrern, die auf Walfangschiffen in die Arktis segelten.

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Und etwas hat sich eingedrückt und auf sie abgefärbt, ist in sie eingesickert von diesen
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Schiffsjungen und Harpunierern, Steuermännern, Kapitänen, die jedes Jahr vom Frühjahr
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bis zum Herbst ins Nordpolarmeer fuhren, ihre Kleider niemals trocken, ihre Körper niemals
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warm.

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Irgendetwas in dem Mann, der zu dünn angezogen ist, erinnert sich an diese Zeit, auch
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wenn sie schon dreihundert Jahre her ist.

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Vielleicht steckt es in den Knochen seiner rot gefrorenen Hand, in seinen Rückenwirbeln, in
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der Haut auf seiner Stirn, in seinen Blutgefäßen, in den Wurzeln seiner Zähne, seines
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Bartes.

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Und vielleicht glauben das auch alles nur die Fremden, die vom Festland kommen und ihn
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auf der Fähre stehen sehen, das Original, den waschechten Insulaner, der sie kaum eines
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Blickes würdigt. [...]

Hansen, Dörte: Zur See. München: Penguin 2022, S. 7 ff.

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